Im Irrlicht

Venezuela Die bolívarische Revolution wollte die Armut für immer verbannen. Jetzt ist sie wegen der Versorgungsnot an einen toten Punkt gelangt
Jonathan Watts | Ausgabe 42/2016 9
Im Irrlicht
Caracas: Schlange stehen für Lebensmittel
Foto: Ronaldo Schmeidt/AFP/Getty Images (links)

Von einem Haufen Banknoten starrt das stolze Gesicht des Revolutionshelden Simón Bolívar. Sie liegen in einem schmuddeligen Karton auf dem Fußboden eines Supermarkts, der zugleich als Wechselstube dient. Anders als in solcher Verpackung lässt sich all das Bargeld kaum unterbringen: Ein 100-Bolívar-Schein – Venezuelas größte Banknote, einst Sinnbild der mächtigsten Petro-Wirtschaft Lateinamerikas – ist heute kaum mehr wert als ein Papiertaschentuch.

Venezuela verfügt über größere Ölreserven als Saudi-Arabien. Und doch hat es die am schnellsten schrumpfende Wirtschaft der Welt. Es leidet unter einer fast tausend-prozentigen Inflation und für die Ärmeren seiner 30 Millionen Einwohner werden Nahrungs- und Arzneimangel immer mehr zur existenziellen Bedrohung. Hier einige Momentaufnahmen von einem tragisch-surrealen Abstieg, eingefangen auf einer Reise von der brasilianischen Grenze bis in die Hauptstadt Caracas.

Lange Zeit galt die Grenzstadt Santa Elena als abgelegen und rückständig. Heute ist sie ein Schutzraum vor dem Chaos und der Kriminalität, die sonst im Land wüten. Das brasilianische Pacaraima liegt nur fünf Minuten Autofahrt entfernt. Seit die Regierung in Caracas vor einigen Monaten die Einfuhrzölle auf Lebensmittel aus Brasilien aufgehoben hat, schiebt sich ein steter Strom von Händlern über die Grenze. Sie kaufen säckeweise Reis, Zucker, Weizen und Spaghetti, um sie in Venezuela wieder zu verkaufen. Alles wird bar bezahlt, denn die Verbindungsnetze für Bank- und Kreditkarten funktionieren selten in Santa Elena. Die Menschen verbringen hier mehr Zeit mit Geldzählen als an jedem anderen Ort der Welt.

Natürlich wäre es eine Erleichterung, wenn es größere Scheine gäbe als die 100-Bolívar-Note, die keine zehn Cent mehr wert ist. Doch die Zentralbank weigert sich; sonst müsste sie eingestehen, dass in Venezuela eine Hyperinflation grassiert, wie man sie in Lateinamerika seit den Wirtschaftskrisen in Argentinien und Brasilien in den 80er und 90er Jahren nicht mehr erlebt hat.

„Wenn ich zum Markt gehe, muss ich so viel Geld mitnehmen, dass mir der Rücken weh tut“, sagt Carmen Ramírez, die in Santa Elena ein Hotel leitet. Und ihre Freundin Wanda Wojtowicz, eine Anwältin, nimmt inzwischen ihre Kulturtasche als Geldbeutel, um die Scheine noch unterzubringen. „Wenn die Leute bei der Bank etwas einzahlen wollen, kommen sie mit Koffern an“, sagt sie.

Die Zentralbank verrät nicht, wie viel der Druck jeder Banknote kostet, doch der Wirtschaftsprofessor José Manuel Puente schätzt, dass die Herstellung eines Hunderterscheins 20 Prozent teurer ist als sein Nennwert. „Ein Witz“, sagt Puente. „Aber so geht es hier zu.“

Dass die chavistische Regierung viele Produkte bezuschusst, bis ihr Verkaufspreis unter den Herstellungskosten liegt, ist ein Hauptgrund für den wirtschaftlichen Niedergang. Geprägt hat diese Angewohnheit das Öl: Es verzerrt Preiswahrnehmungen wie eine Psychodroge. Billigen Sprit halten Venezolaner schon lange für selbstverständlich. Aus politischen Gründen – der Inflation, den leeren Staatskassen, den Weltmärkten und dem Klimawandel zum Trotz – kostet der Liter Benzin sechs Bolívar, also weniger als einen Cent. Ein Liter Mineralwasser ist über hundert Mal so teuer. Als Hugo Chávez 1998 Präsident wurde, ging er noch weiter und nutzte die Petrodollars, um Grundversorgungsmittel wie Reis, Zucker, Toilettenpapier, Binden und Medikamente ebenfalls zu subventionieren. So hatten endlich auch die Armen teil am Reichtum Venezuelas.

Immer mehr Subventionen

Doch dieser altruistisch-populistische Ansatz ließ die Produktion erlahmen und brachte neben dauerhaften Abhängigkeiten einen ausufernden Schwarzmarkt hervor, der Venezuelas Wirtschaft schon vor Chávez’ Tod im März 2013 schwer zusetzte. Sein Nachfolger Nicolás Maduro dehnte die Politik der Subventionen weiter aus, obwohl der Ölpreis seit 2014 um gut 60 Prozent gefallen ist. Mitten in der Krise bezuschusst die Regierung großzügig Wohnungen, Autos, DVD-Spieler und Mikrowellengeräte.

Der Taxifahrer José López, der mich durch den Nationalpark Gran Sabana fährt, sieht die Subventionen mit gemischten Gefühlen. Zwar profitiert er davon – seinen Chevrolet erhielt er zum Spottpreis. Doch selbst als überzeugter Chavist ist José López ins Zweifeln geraten: „Gegen Ende von Hugo Chávez’ Zeit als Commandante fing es an, schlecht zu laufen, und unter Maduro wird es immer schlimmer.“

Weiter nördlich überquert die Straße den Fluss Orinoco und führt in den Bundesstaat Anzoátegui, wo viele der großen Raffinerien und Aluminiumwerke Venezuelas ansässig sind. Die Region ist vom Verfall gezeichnet. 2014 förderte die staatliche Ölgesellschaft 2,7 Millionen Barrel am Tag. Heute sind es 450.000 weniger, womit sich das Loch, das der Preissturz in die öffentlichen Kassen reißt, noch vergrößert.

Im Vergleich zur Landwirtschaft jedoch ist dieser Niedergang harmlos. Meile für Meile ziehen sich am Straßenrand die Brachfelder hin. Solange die Preise klein gehalten werden, besteht wenig Anreiz für die Bauern, etwas anzubauen. Zwischen 2012 und 2015 sank die Erzeugung von Getreide um 80, die von Fleisch um 40 und von Gemüse um 18 Prozent. Früher wurden Versorgungsengpässe durch Importe ausgeglichen, heute muss der Staat mit den verbleibenden Öldollars seine Schulden bedienen.

Im Unicasa-Supermarkt in der Stadt El Tigre ist die Kundschaft spärlich und die Auswahl gering. Heute fehlen Reis, Zucker, Mehl, Marmelade, Speiseöl, Toilettenpapier, Kondensmilch, Essig und Babyprodukte. Die Regale sind trotzdem voll, aber nur mit immer den gleichen Waren: Papierhandtücher, Bier, Sardinen und Tomatensoße in jedem Gang. Anselm Suárez, einer der wenigen Käufer, freut sich, dass es mehr Gemüse gibt als sonst und endlich wieder Spaghetti. Doch die meisten Preise haben sich in den vergangenen Monaten verdoppelt. „Ich glaube, es wird sehr hart für uns“, meint er. Der Ökonom Alejandro Grisanti bestätigt das. Anders als bei der Inflation in Brasilien und Argentinien Ende des 20. Jahrhunderts seien in Venezuela die Löhne nicht an die Währungsentwicklung gekoppelt. Fast ein Viertel der Bevölkerung verdiene nicht einmal den Mindestlohn von umgerechnet 20 Euro im Monat. Allein im Vorjahr – so schätzt Alejandro Grisanti – sei der Absatz von Bier um 75 und der von Dosenmais um 90 Prozent gesunken. „Dass dies jetzt schon Luxusgüter sind, zeigt, wie tief Venezuela in der Krise steckt.“

Die Maduro-Diät

Im Hospital Luis Razetti in der Stadt Barcelona an der Karibikküste muss die Belegschaft nicht nur mit dem Mangel an Medikamenten zurechtkommen, sondern auch mit überwunden geglaubten Plagen wie Diphtherie und Unterernährung. „Wir haben Fälle, wie man sie sonst nur aus Afrika kennt“, sagt eine Ärztin. In der Kinderklinik liegt ein drei Monate altes Baby, das nach heftigen Durchfällen noch drei Kilogramm wiegt. „Seine Mutter war zu schwach zum Stillen, Säuglingsnahrung war unbezahlbar, also gaben wir ihm Sojamilch“, sagt Dámela Castellanos, die Großmutter. Die Behandlung sollte einfach sein, Infusionen und regelmäßige Mahlzeiten, doch das Krankenhaus kann beides nicht mehr bieten. Die Familie ist auf Nahrungsspenden angewiesen. Auch die Großmutter wirkt ausgezehrt. „Ich mache die Maduro-Diät“, merkt sie an. Sicher hat die Ernährungskrise bei weitem nicht das Ausmaß wie in Teilen Ostafrikas. Auf den Straßen wirken die Leute nicht ausgehungert, und doch ist die Entwicklung alarmierend. Jedes vierte Kind ist von einer schleichenden Unterernährung gefährdet.

Unter diesen Umständen ist Schlangestehen in Venezuela nicht nur Alltag, sondern geradezu ein Beruf. Die Reichen bezahlen Leute dafür, an ihrer Stelle vor einem Supermarkt auszuharren. Und wo immer subventionierte Waren eintreffen, sind die Schwarzhändler – bachaqueros genannt – als Erste zur Stelle. Sie kaufen weg, was sie können, um es dann zum Zehn- bis Dreißigfachen des Preises weiterzuverkaufen. Das ist zwar illegal, gilt aber als eine der wenigen verbleibenden Wachstumsbranchen des Landes, in denen man ein Auskommen hat. Selbst Ärzte und Lehrer werden zu bachaqueros, denn im öffentlichen Dienst liegt ihr Stundenlohn bei ein paar Cents.

Die jetzigen Zustände lassen soziale Spannungen, besonders in Caracas, weiter wachsen. Schon jetzt soll die Gefahr, hier eines gewaltsamen Todes zu sterben, hundertmal so groß sein wie in einer europäischen Großstadt. Im September erreichte die Zahl der Morde mit 474 Fällen landesweit den höchsten Stand seit sechs Jahren. Auch Plünderungen und Prügeleien um Lebensmittel sind immer öfter an der Tagesordnung. Allein im August zählte die Organisation Observatorio Venezolano de Conflictividad Social 139 Proteste, die sich allein gegen die schlechte Versorgungslage richteten.

Über eine Million Menschen gingen im September in Caracas auf die Straße, um den Rücktritt der Regierung zu fordern, aber die Opposition ist zerstritten. Was nichts daran ändert, dass Präsident Nicolás Maduro in den Seilen hängt. Seine Zustimmungsrate liegt gerade noch bei15 Prozent, die Mehrheit für die chavistische Vereinigte Sozialistische Partei im Parlament ging schon bei den Wahlen im Dezember 2015 verloren. Dafür wächst der Einfluss der Armee. Seit Juli führt General Padrino López als Chef der „Großen Mission souveräne Versorgung“ die Aufsicht über die gesamte nationale Lebensmittelproduktion. Der Regierung zufolge ist das Land Opfer eines „Wirtschaftskriegs“, angezettelt von kolumbianischen Banden, internationalen Großkonzernen und Banken: Diese horteten Güter, manipulierten den Kurs des Bolívar und schmuggelten Öl über die Grenze.

Gewiss hat die Korruption sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor ihren Anteil an der Krise. Doch ob sie so viel Schaden anrichtet wie die derzeit irrlichternde Politik, ist fraglich. Traurige Bilanz von fast 18 Jahren Chavismus: Die Armut im Land wird wieder größer, was die bolívarische Revolution ein für alle Mal verhindern wollte. Für die reichen Venezolaner stehen weiterhin Champagner, belgische Pralinen und Medikamente aus den USA zur Verfügung. Es sind die Armen, die für Reis und Arzneimittel immer länger anstehen müssen. Wie der Taxifahrer José López sagt: „Die Chavisten hatten zwar gute Absichten, aber gute Absichten reichen nicht aus.“

Jonathan Watts ist Lateinamerika- Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 16.11.2016
Geschrieben von

Jonathan Watts | The Guardian

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