In der Elendsfalle

Dubai Wie Arbeitsmigranten in der Metropole am Golf von ihren Arbeitgebern im Stich gelassen werden
In der Elendsfalle
Bunt und distanzlos ist die Ausbeutung: Erst kam Corona, dann der Ölpreiseinbruch, schließlich die Arbeitslosigkeit

Foto: Karim Sahib/AFP/Getty Images

Hassan weiß nicht, ob er an diesem Tag noch etwas essen wird. Der 30-jährige Pakistani war zehn Jahre lang Bauarbeiter in Dubai, doch nun hat er durch die Corona-Krise seinen Job verloren. Ohne Lohn kann er es sich kaum leisten, in einer Metropole wie dieser zu leben. Und an einen Rückflug nach Pakistan ist nicht zu denken. „Wie soll ich das Ticket bezahlen?“, fragt er verzweifelt.

In einem staubigen Wohnheim am Stadtrand hat der frühere Arbeitgeber Hassan und etwa hundert Gefährten sich selbst überlassen. Das lokale Bauunternehmen lässt nichts mehr von sich hören. In dem dreistöckigen Gebäude nisten Dutzende von schäbigen Schlafräumen, darinnen Doppelstockbetten eng an eng. In derartigen Unterkünften ist soziale Distanz schlicht ausgeschlossen. Der Komplex ist eingezäunt und wird von Sicherheitspersonal bewacht. Eine große Gemeinschaftsküche liegt verlassen da, es gibt nichts, was man kochen könnte.

Abhängig von Spenden

Durch einen Doppelschlag ins Kontor, durch die Pandemie und einen einbrechenden Ölpreis gingen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu denen Dubai gehört, Hunderttausende von Arbeitsplätzen verloren, was zu 90 Prozent Arbeitsmigranten betraf. Sie strandeten in einem Staat, der sich kein soziales Sicherheitsnetz für Ausländer leisten will.

Zu Beginn der Pandemie ordnete die Regierung an, dass Unternehmen nach einer Entlassung weiter für Essen und Unterkunft ihrer Gastarbeiter zu sorgen hätten, solange die noch im Land seien. Freilich hielt sich so gut wie niemand daran, sodass auf die Straße gesetztes Personal von Lebensmittelspenden abhängig wurde. Die Stadtregierung von Dubai sieht dem ungerührt und tatenlos zu. „Zuweilen kommen Besucher und bringen ein paar Lebensmittel mit“, erzählt Hassan. „Wenn keiner kommt, dann hungern wir eben.“ Es sind vorzugsweise ehrenamtliche Helfer, die an manchen Tagen Hunderte von Mahlzeiten verteilen. „Die Lage dieser Männer ist wirklich verzweifelt“, meint Claudia Pinto, Mitglied der Meditationsgemeinde „The House of Om“ in Dubai, die sich als Wohlfahrtsorganisation registrieren ließ, um während der Pandemie notleidenden Migranten helfen zu dürfen. „Wir liefern bereits zubereitete Mahlzeiten statt Säcken mit Reis und anderen Lebensmitteln. Das soll garantieren, dass die Männer essen, was wir ihnen bringen, und nicht versuchen, diese Spenden zu verkaufen. Schließlich stehen sie weiter unter Druck, Geld an ihre Familien in Pakistan oder auf den Philippinen zu schicken.“

Viele Bewohner des Heims berichten von drückenden finanziellen Pflichten. Hassans Lohn betrug zweitausend Dirham (441 Euro), doch musste er vor zwei Jahren am Herz operiert werden. Da seine Krankenversicherung nicht alle Kosten der Behandlung abdecken wollte, behielt der Arbeitgeber jeden Monat drei Viertel des Lohnes ein. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes ist Hassans Gesundheit erneut in Gefahr. „Seit der Operation muss ich Medikamente nehmen, die ich bisher über die Krankenversicherung bekam, aber die weigert sich, nach meiner Entlassung dafür weiter aufzukommen. Meine Tabletten kosten 950 Dirham (210 Euro) im Monat, das kann ich nicht bezahlen.“

Arbeiten zum Nulltarif

Die ausländischen Arbeiter, die sich in Dubai verdingen, überweisen zumeist den Großteil ihres Einkommens an die Familie in der Heimat. Läuft ein Arbeitsverhältnis aus, steht dem Betroffenen eine gesetzlich vorgeschriebene Gratifikationszahlung in Höhe von jeweils einem Monatsgehalt pro Beschäftigungsjahr zu. Das Geld kann man ausgeben oder mit nach Hause nehmen. Zwar organisieren inzwischen einige Heimatländer in beschränktem Umfang Rückflüge für ihre im Ausland gestrandeten Bürger, nur wollen viele Dubai erst verlassen, wenn sie das Geld erhalten haben, das man ihnen schuldet.

„In den vergangenen zwei Monaten hat sich die Zahl der arbeitsrechtlichen Streitfälle bei uns verdreifacht“, sagt der Anwalt Barney Almazar von der Kanzlei Gulf Law, die einmal im Monat eine kostenlose Beratung für Arbeitsmigranten in den Räumen der philippinischen Botschaft in Dubai anbietet. „Es ist wirklich ein großes Problem, dass viele Unternehmen ihre Miete und allgemeine Kosten nicht mehr schultern können, sodass einige von ihnen schließen und ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen.“

Dem 39-jährigen Ansar Abbas aus dem pakistanischen Teil des Punjab schuldet der Arbeitgeber noch zehn Monate Lohn aus dem Jahr 2019. Eine Katastrophe für jemanden, der verheiratet ist und Kinder im Alter von zehn und vier Jahren hat. „Ich kann schon lange kein Geld mehr nach Hause schicken“, so Ansar Abbas. „Wie soll das gehen, wenn ich fast am Verhungern bin? Wir sind diesen Ort so unendlich leid und wären so gern weg. Aber kann ich mit leeren Händen nach Hause zurückkehren?“

Einige Männer im Wohnasyl haben formal gesehen noch Jobs und gehen jeden Tag zur Arbeit, aber ohne dafür bezahlt zu werden. Der 28-jährige Pakistani Shahadat hat bereits seit Januar keinen Lohn mehr erhalten. Er unterstützt seine Eltern, würde gern heiraten und eine eigene Familie gründen. Aber das ist ohne Einkommen unmöglich. „Ich arbeite gern, ich würde sogar in Dubai bleiben“, beteuert er. „Aber wen interessiert das? Wen beschäftigt, was ich durchmache, ohne das Recht auf ein eigenes Leben zu haben?“

Katie McQue ist Guardian-Kolumnistin für Menschenrechte und Gesundheitspolitik

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 14.10.2020
Geschrieben von

Katie McQue | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 43/2020

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