Islamische Aufklärung

Orient Als der Osten vom Westen nur das Beste haben wollte: der Journalist Christopher de Bellaigue über das goldene Zeitalter der Reformer in Istanbul, Kairo oder Teheran

Ein geläufiges Argument, der Islam sei im Mittelalter stecken geblieben, ist allzu grob vereinfachend – das Zusammentreffen islamischer Völker mit der westlichen Moderne war nachhaltiger als oft gedacht, sagt der britische Orientalist Christopher de Bellaigue, der sich als Journalist einen Namen gemacht hat. In seinem neuen Buch will er zeigen, dass die rationale Aufklärung im Nahen und Mittleren Osten aus einem tief verwurzelten Interesse des Islam an den Werken Platons und anderer Philosophen des klassischen Altertums erwuchs. Jedenfalls war das so an ganz bestimmten Orten und zu ganz bestimmten Zeiten.

Das schillernde, kenntnisreiche Buch führt uns durch das napoleonische Ägypten, das Istanbul der Tanzimat-Periode, das Teheran des 19. Jahrhunderts sowie den Strudel aus Nationalismus und Gegen-Aufklärung, der diesen Epochen folgte. Der Autor stellt klar, dass sich nach der Invasion Napoleons in Ägypten im Osten der islamischen Welt in sehr kurzer Zeit sehr viel getan hat – Reformen, Aufklärung und industrielle Revolution. Nur kurz nach dem Buchdruck kam der Telegraf auf; die ersten Züge rollten zur selben Zeit durch die arabischen Lande, erste unabhängige Zeitungen entstanden. Viele der aufklärerischen Konzepte, die sich die islamischen Pioniere vorsichtig zu eigen machten, erhielten zur gleichen Zeit auch im Westen zum allerersten Mal einen Namen – „Menschenrechte“ in den 1830ern, „Feminismus" in den 1890ern.

Gelegentlich, wie im Falle von Muhammad Ali Pascha in Ägypten und dem osmanischen Sultan Mahmud II., waren die Aufklärer „Modernisierer und Zuchtmeister zugleich“ . Oftmals ließen sie für ihre Ideen auch ihr Leben. Die Geschichte der feministischen persischen Märtyrerin, Fatima Zarrin Taj Baraghani, die zu viel las, zu viel schrieb und die soziale Vision der Bahai-Religion propagierte (einer geeinten, antinationalistischen, einsprachigen Welt), wird eindringlich geschildert.

Christopher de Bellaigue zieht aber nicht nur die großen Linien, Islamic Enlightenment berichtet auch von wunderbaren Nebensächlichkeiten. So waren zum Beispiel die Ägypter schockiert, als sie entdeckten, dass Napoleons Soldaten ihre Stiefel nicht auszogen, bevor sie Teppiche betraten, oder sich die Intimbehaarung nicht rasierten – zu einer Zeit, wo man in Ägypten Briefe desinfizierte, bevor man sie abschickte.

Die ökonomischen, politischen und militärischen Interventionen, die auf den Ersten Weltkrieg folgten, werden oft für die heutige Kluft zwischen Ost und West verantwortlich gemacht. De Bellaigue ist allerdings der festen Überzeugung, dass wir die Erklärung bereits früher suchen müssen, in der Zeit, zu der Napoleon 1798 in Ägypten einmarschierte, das westliche Bankensystem das Osmanische Reich dazu ermutigte, sich Geld zu leihen – und diese Schulden schließlich einforderte. Mit der Aufklärung kam auch die Verschuldung in den Osten; Ägyptens Verbindlichkeiten stiegen von drei Millionen Pfund Sterling im Jahr 1865 auf über 91 Millionen nur zehn Jahre später an. Ein wichtiger Transfer spielte sich auch auf dem Gebiet des Militärischen ab: Bereits 1832 besiegte die ägyptische Armee Muhammad Ali Paschas osmanische Truppen im syrischen Homs unter Verwendung einer lehrbuchmäßigen französisch-britischen Militärstrategie.

Verwirrender Aberglaube

Den Beginn der Globalisierung könnte man sogar noch früher ansetzen. Die Existenz großer Mengen byzantinischer Keramik aus dem sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auf der Landzunge Tintagel im südwestlichsten Zipfel von England, chinesische Seide in den Grabstätten rund um Mekka und arabische Zahlen auf den Balken der im 13. Jahrhundert erbauten Kathedrale von Salisbury machen uns deutlich, dass wir nicht erst seit Jahrzehnten miteinander verbunden sind, sondern seit Jahrtausenden.

Während gegenwärtig 13 Prozent der Weltbevölkerung Migranten sind, legen Knochenanalysen nahe, dass diese Zahl nach dem Untergang des Römischen Reiches bei über 30 Prozent lag. Andererseits kann der kosmopolitische, grenzüberschreitende Einfluss nicht die einzige Erklärung für den Aufstieg der Herrschaft des Rechts und repräsentativer Regierungsformen in fast allen islamischen Gesellschaften sein. Menschen suchen nicht nur dann nach Veränderungen, wenn sie bedroht werden oder sie Chancen für sich erblicken, sondern auch dann, wenn sie der herrschenden Verhältnisse überdrüssig geworden sind.

De Bellaigue kann gute Ideen auf den Punkt bringen („Der Fortschritt ist sich selbst die beste Werbung“). Und er kann schwärmen, etwa von den Neuerungen durch Männer wie Rifa’a at-Tahtawi, der, weil er die islamische Abhängigkeit von der Tradition als lähmend empfand, beweisen wollte, dass Vernunft und Islam kompatibel sind. Gleichzeitig erinnert dieses Buch auch auf elegante Weise daran, dass wir die Geschichten sind, die wir über uns selbst erzählen. Die islamische Welt fühlte sich im Vergleich mit dem Westen nicht als „Opfer“. Muslime sahen den Islam nicht als den Neuankömmling der abrahamitischen Religionen, sondern als deren Höhepunkt. Christliche Doktrinen wie die Trinität (Dreifaltigkeit) oder die Transsubstantiation, also die Wandlung von Brot und Wein, wurden als verwirrender Aberglauben betrachtet. Das Wort „Amerika“ kam in der persischen Sprache wahrscheinlich bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nicht vor – doch damals hatte der Osten mit einer 5.000 Jahre zurückreichenden dokumentierten Vergangenheit einfach auch genügend eigene Reichtümer.

De Bellaigues Geschichte führt leider noch in eine andere Richtung: Türkische Rechts-und Gottesgelehrte sowie weitere konservative Kräfte dämonisierten die Modernisierung und bremsten sie damit oft erfolgreich aus. Während Frauen in Istanbul bereits im 19. Jahrhundert liberale Schriften lesen konnten, die sich für Bildung einsetzten, Polygamie in Frage stellten oder gegen den Missstand mobilmachten, dass die Kojen für Frauen auf den Fähren über den Bosporus schlechter waren als die für Männer, erklärten andere Kommentatoren, dass die unabhängigen Zeitungen der osmanischen Türkei Teil einer europäischen Verschwörung gewesen seien, „den Islam zu zerstören und das Land zu destabilisieren“ – eine Art islamische Version von Fake News.

Ambivalent auch das Wirken von Muhammad Ali Pascha, der Alexandria im frühen 19. Jahrhundert zwar modernisierte, doch in vielerlei Hinsicht kehrte er damit zu dessen kosmopolitischem Glanz des vierten Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung zurück. Ein Regierungsbericht unter Sultan Mahmud II. im Istanbul der 1850er lautete: „Religiöses Wissen dient der Erlösung in der kommenden Welt, die Wissenschaft aber dient der Vervollkommnung des Menschen in dieser Welt.“

Leuchtende Beispiele

Es gibt in Istanbul alte Männer, die immer noch daran glauben, dass die düsteren Ecken der Stadt von Dschinns bevölkert werden. Jüngst haben Untersuchungen die Namen von 4.000 Frauen zutage gefördert, die im Zeitraum von 150 Jahren nach dem Tod des Propheten Mohammed in Moscheen in Kairo, Jerusalem und Medina gepredigt haben – vor 1.300 Jahren scheint es in diesen geheiligten Räumlichkeiten also noch keine Geschlechtertrennung gegeben zu haben. Eine Frage, die das Buch nicht vollständig beantworten kann – und es ist eine äußerst entscheidende –, lautet, warum diese Form von Liberalität in den darauffolgenden Jahrhunderten wieder beschnitten wurde.

Christopher de Bellaigue lebt im Nahen Osten und berichtet von dort. Mit seinem Buch scheint er einer Herzensangelegenheit zu folgen. Seht da, der Islam war nicht immer so düster, wie er uns heute nur zu oft erscheint, er war leuchtend, der Zukunft zugewandt. Das kann man verstehen. Der Umstand, dass einige der von ihm ausgewählten Protagonisten zu ihrer Zeit Berühmtheiten waren, legt allerdings den Verdacht nahe, dass diese Reformer und Reformerinnen vielleicht doch eher Ausnahmegestalten waren als repräsentative Vertreter ihrer Zeit. Dennoch, de Bellaigue hat ein – wunderbar illustriertes – Buch geschrieben, das eine wichtige Debatte auslöst und für unsere Zeit extrem nützlich ist. Das Werk stellt uns nicht nur in Vergessenheit geratene Geschichten und Persönlichkeiten vor, um die wir uns kümmern sollten, das Buch selbst verkörpert das Wesen der Aufklärung.

Info

The Islamic Enlightenment Christopher de Bellaigue Bodley Head 2017, 432 S., 14,99 € Bettany Hughes ist eine englische Historikerin

Übersetzung: Zilla Hoffmann

06:00 17.05.2017
Geschrieben von

Bettany Hughes | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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