Jesus, liebe mich!

Ausstellung Es ging ihr nie um Geld, immer nur um Sex. Zum ersten Mal seit vier Jahren stellt die britische Künstlerin Tracey Emin wieder in London aus

Inmitten ihrer neuen Ausstellung, deren faszinierendstes Exponat in einer aus 150 Zeichnungen bestehenden Animation einer masturbierenden Frau besteht, erklärt Tracey Emin, dass Sex heute, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, immer weniger Macht über sie habe. „Es ging immer nur um Sex, nicht um Geld,“ erinnert die britische Künstlerin sich. „Sex hielt mich im Bett und brachte mich morgens dazu aufzustehen. Das lässt jetzt aber rapide nach. Ich bin nicht mehr so verrückt nach Sex – Ideen interessieren mich mehr.“

Während sie diese Worte spricht, fällt das Licht einer Neon-Installation auf sie, die sich im Raum nebenan befindet. In grell leuchtenden Buchstaben prankt dort der Satz: „Oh Christ I just wanted you to fuck me and then I became greedy and wanted you to love me.“ („Oh mein Gott, zuerst wollte ich nur, dass du mit mir schläfst, aber dann konnte ich nicht genug kriegen und wollte, dass du mich liebst.“)

Ihre neueste Ausstellung in der White Cube Gallery im Londoner Stadtteil Mayfair ist seit vier Jahren ihre erste in der britischen Hauptstadt. Die Preise der einzelnen Exponate reichen von 5.000 Pfund für eine schlichte Zeichnung bis hin zu den für jede der fünf Kopien der Masturbations-Animation veranschlagten 22.500 Pfund.

Emins Markenzeichen: Bestickte Decken

Der Ausstellungsleiter der Galerie Tim Marlow meint: „Ich bin kein Ökonom, ich weiß nicht, ob wir uns nun in einer V- oder W-förmigen Rezession befinden, aber ich bin erstaunt darüber, wie widerstandsfähig die Galerieverkäufe sich erwiesen haben. Diese Stücke werden sich alle verkaufen. Die Leute kommen vielleicht auf der Suche nach einem Schnäppchen hierher – das werden sie aber nicht kriegen.“

Zu den zuvor niemals ausgestellten Werken zählen die Seiten eines 18 Jahre alten Tagebuches der Künstlerin, sowie die neuen Neon-Arbeiten und die mit Stickereien und Applikationen versehenen Decken, die Emins Markenzeichen sind. Viele der Werke sind autobiographisch, die Frau mit den eifrigen Händen und den beneidenswerten Beinen aus der Animation ist es allerdings nicht. „Ich wünschte, das wäre ich“, meint Emin dazu. Die Figur ist von einer Sammlung alter Pornohefte inspiriert, die Emin beim Kauf „ein paar komische Blicke einbrachten.“

Eines der berühmtesten Werke Emins, ein besticktes Zelt mit dem Titel Everyone I Have Ever Slept With 1963 – 1995 wurde vor fünf Jahren bei einem Brand in einem Kunstlager zerstört. Beim diesjährigen Hay-Festival, einem Festival für Literatur und Kunst, das jährlich in der walisischen Stadt Hay-on-Wye stattfindet, gaben ihre Künstler-Kollegen Jake und Dinos Chapman bekannt, eine Rekonstruktion des Zeltes angefertigt zu haben. Wirklich erfreut darüber ist die Erschafferin des Originals nicht: „Es wird nicht mein Zelt sein, sondern ganz und gar ihre Vision davon. Sie ärgern mich immer. Je öfter ich sage, dass ich damit nicht glücklich bin, desto mehr machen die Mistkerle es.“

Die britische Künstlerin hat in jüngster Zeit im vorübergehenden Exil gearbeitet, da sie ihr Studio an den Künstler Stephen Cornell verliehen hatte. „Als die Zeit gekommen war, an dem es an mich zurückgehen sollte, war er gerade in voller Fahrt und überall war Farbe. Also sagte ich: ‚Mach dir keine Gedanken, ich arbeite sowieso an einer Animation.’ Eigentlich war das nur eine Ausrede, aber dann entschloss ich mich es wirklich zu machen. Ich wusste nicht, ob das mit der Animation funktionieren würde. Als dann aber alles zusammenkam, als wir die Zeichnungen in den Computer einscannten, war das wie Zauberei. Es hat mich total gepackt.“

Die Ausstellung Tracey Emin: Those Who Suffer Love läuft vom 29. Mai bis zum 04. Juli 2009

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Übersetzung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Maev Kennedy, The Guardian | The Guardian

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