Jetzt haben sie Namen

Inklusion Wie integriert man psychisch Kranke in die Gesellschaft? In Osijek in Kroatien versucht man es mit Selbstbestimmung

Hohe Mauern umgeben die älteste psychiatrische Einrichtung auf dem Balkan, ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, an dem noch immer die Narben des jugoslawischen Bürgerkriegs der 90er Jahre zu sehen sind. Doch die Tore sind nicht mehr verschlossen. An den Türen im Inneren wurden die Klinken ausgetauscht und die Gitter von den Fenstern entfernt. „Das Gefängnis“, sagt Darko Kovaoic, ein hier lebender, 53 Jahre alter Dichter mit Schizophrenie, „ist aufgebrochen.“

Die Einrichtung im ostkroatischen Osijek wird von Ladislav Lamza geleitet, einem früheren Sozialarbeiter, der sich bei der Regierung, dem Gesundheitsminister und seinen eigenen Angestellten dafür einsetzt, das Leben der „Leistungsempfänger“ zu verändern. Denn bis vor ein paar Jahren handelte es sich bei der Einrichtung noch um eine Nervenheilanstalt alter Schule. Im Mai 2015 nahm Lamza das Schild mit der Aufschrift „Heim für Geisteskranke“ ab, ersetzte es durch „Zentrum für Menschen wie wir“ – und begann damit, die Insassen nach draußen zu lassen. „In diesem kurzen Satz bringen wir vieles zum Ausdruck“, sagt Lamza. „Denn in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben wir genau das Gegenteil gemacht und gesagt: ‚Ihr seid nicht wie wir, ihr seid hässlich und verrückt, und ich bin nicht wie ihr.‘ Auf diese Art werden Menschen für den Rest ihres Lebens ausgeschlossen, stigmatisiert und eingeschränkt.“

Weniger Pillen, mehr Kuchen

Die von Lamza angestoßene Umgestaltung sorgte erst mal für Entsetzen und Verärgerung: Ein Mitarbeiter äußerte sogar die Ansicht, es handle sich hier um Leute, die man besser „ausmerzen“ sollte. In vier Jahren sind 172 der 200 Insassen erfolgreich in Wohngemeinschaften übersiedelt, kreuz und quer über die Kleinstadt verteilt. Betreuerinnen des Zentrums besuchen sie je nach Bedarf.

Als seine Einrichtung sich nach und nach zu leeren begann, schmiss Lamza die Bettgestelle aus Metall und die fleckigen Matratzen weg. Auch wenn an den Wänden noch immer die Farbe abblättert und das Mobiliar zerkratzt und abgenutzt ist, ist es ihm doch gelungen, die kargen, seelenlosen Stationen in Räume für Tagesklassen, eine Bibliothek und ein Café umzuwandeln, wo ehemalige Patientinnen zeigen, wie man Palatschinken zubereitet. Viele kommen täglich vorbei, um im Garten nach dem Kohl zu sehen oder sich mit dem Personal zu unterhalten. Die Mitarbeiter sind keine Hausmeister, Schwestern, Köche oder Reinigungskräfte mehr, sondern heißen nun „Betreuungsassistentinnen“ und „Betreuungsassistenten“. „Die Umgestaltung ist großartig“, sagt Butkovic Jadranka, der hier früher als Friseur gearbeitet hat, heute Nähkurse gibt und Einkaufs- und Theaterfahrten organisiert.

Slavica Hip ist vor drei Jahren aus dem Heim ausgezogen und lebt jetzt mit ihrem Freund zusammen in Osijek. „In der Einrichtung habe ich mehr Pillen geschluckt. Draußen konnte meine Medikation heruntergefahren werden. Ich fühle mich besser“, berichtet sie. „Als wir zum ersten Mal von den Plänen des Direktors hörten, machte ich mir Sorgen. Wir alle machten uns Sorgen. War er vielleicht ein wenig übergeschnappt? Heute aber ist alles völlig anders. Früher waren die Insassen wie Objekte, nichts weiter als Nummern. Wie auf einem Fließband. Ich habe nie jemanden nach seinem Namen gefragt. Jetzt sind sie meine Freunde. Das sind keine gefährlichen Verrückten, sie sind zu Mitbürgerinnen und Nachbarn geworden.“

Vor zehn Jahren hat Kroatien die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet, aber Osijek ist die einzige der 24 Nervenheilanstalten des Landes, die den Geist dieses Dokumentes auch umsetzt. „Wir haben mit überkreuzten Fingern unterzeichnet. Die Regierung will die Leute noch immer lieber wegsperren, Menschen mit Behinderungen, egal, ob physisch oder psychisch, haben keine Rechte. Es gibt vier Gründe, warum Inklusion besser ist als Exklusion“, sagt Lamza. „Sie ist besser für den Einzelnen, besser für die Gesellschaft, sie ist legal und sie ist billiger.“ In der Einrichtung kostete ein Patient im Monat 1.062 Euro, außerhalb sind es nur 860 Euro. „In der ersten Nacht, nachdem ich die Leute hatte gehen lassen, habe ich kein Auge zugemacht: Wird sie jemanden verletzen? Wird er zurechtkommen? Aber es gab keine Probleme. Die Menschen haben sich vielmehr bei uns bedankt, dass wir ihnen die besten Nachbarn gegeben haben, die sie jemals hatten!“

Nachdem sie zwölf Jahre in Einrichtungen verbracht hat, wohnt Branka Reljan seit drei Jahren mit ihrem Partner Drazenko Tevlli in einer Wohnung in der Stadt. Die 55-Jährige spricht fließend Deutsch und Englisch, hat aber seit ihrer Studienzeit mehrere Nervenzusammenbrüche erlitten und die Wünsche und Ziele, die sie früher hatte, längst aufgegeben. Heute bereitet es Branka und Drazenko große Freude, Cafés und Geschäfte zu besuchen. „Wir haben uns in der Einrichtung kennen gelernt, aber da dort keine Beziehungen erlaubt sind, haben wir unsere Beziehung elf Jahre lang geheim gehalten. Ich sage, dass ich vorher im Gefängnis war. Heute backe ich für mein Leben gern Apfelkuchen und kaufe Gewürze und Öle zum Kochen ein. Es ist wunderbar, unsere eigenen Schlüssel zu besitzen, frischen Saft zu kaufen und mit dem Bus zu fahren. Wir sind glücklich.“ Sollten andere Heime in Kroatien Lamzas Sozialisierungsmodell folgen wollen, wäre das für sie weitaus schwieriger, da die meisten in großer Entfernung zu größeren Städten errichtet wurden.

Rada Matoš ist die Leiterin des Heims für psychisch kranke Erwachsene in Ljeskovica, tief im Pozega-Wald, eine Autostunde von Osijek entfernt. Lamza beschreibt es als „Depot für verlorene Seelen“. Matoš sagt, sie gebe ihr Bestes für die 284 Bewohner, Kroatien sei aber ein armes Land, die Einrichtungen seien unterfinanziert und psychische Erkrankungen immer noch stigmatisiert. „Wir haben weder Psychologinnen noch Psychiater, kein Hauptberuflicher will hier rauskommen, daher sind wir in der Gegend absurderweise der größte Arbeitgeber für ungelernte Arbeiter. Es ist zu weit für die Verwandten, um ihre Angehörigen zu besuchen. Es gibt hier nur ein winziges Dorf voller ungebildeter Leute, für die das hier das Irrenhaus ist.“ Die Warteliste ist lang, und nur wenige verlassen die Einrichtung wieder. „Wir versuchen den Menschen zu erklären, dass es sich bei psychischen Leiden um Krankheiten handelt, laden Familien und Schülergruppen ein. Wirklich nötig wäre aber eigentlich, dieses Gebäude zu verpflanzen, irgendwohin, wo es so etwas wie gesellschaftliches Leben gibt.“ In den Außenanlagen und auf den Korridoren stehen oder gehen die Menschen in schäbigen Kleidungsstücken, die ihnen entweder zu groß oder zu klein sind. Mirjama Nikoli lebt seit 18 Jahren in Einrichtungen. Die Augen der 38-Jährigen glänzen von der Medikation, die in all den Jahren nie verändert wurde. Jedem, den sie trifft, erzählt sie von ihrer Tochter, die man ihr nahm, als die ein Baby war. „Ich war krank wegen meiner Nerven, aber jetzt leide ich wegen meines Babys“, sagt sie. In Osijek ist man überzeugt, dass das Leben draußen besser ist. Das Schwierigste sei, die Menschen dazu zu bringen, Stühle zu benutzen, erzählt eine Betreuungsassistentin. „In der Einrichtung hockten sie sich einfach in die Gänge und rauchten. Hinhocken, rauchen, ein bisschen herumlaufen, wieder hinhocken. Was hätten sie denn sonst auch groß tun sollen? Nur in Hausschuhen, denn sie sind nie nach draußen gegangen. Dass sie sich auf Stühle setzen, kann zwei Monate dauern. Dann gehen sie in die Geschäfte, kaufen ihre eigenen Lebensmittel, ihre eigenen Kleidungsstücke, bürsten sich die Haare, führen ihr eigenes Leben. Sie sind nicht wiederzuerkennen.“

Natürlich funktioniert das nicht für jeden. Der 64-jährige Zdenko Kovac wurde wegen Mordes verurteilt. Er wird zwar nicht als so gefährlich eingeschätzt, dass er in einer geschlossenen Abteilung untergebracht werden müsste, aber er kam draußen einfach nicht zurecht und ging zurück. Für andere war es nie der richtige Ort – wie etwa Luka Bobanovic. „Als er zu uns kam, war er sehr durcheinander“, erzählt Lamza. Er schlug Türen und Fenster ein. Jetzt lebt er mit drei anderen in einem Bungalow mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Tracy McVeigh ist Chefreporterin des Observer

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 08.01.2018
Geschrieben von

Tracy McVeigh | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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