Kehrtwende in Indien: Regierung verbietet Weizenausfuhren wegen Ernteausfällen

Gluthitze Durch eine Hitzewelle sind die indischen Weizenerträge eingebrochen – zulasten der globalen Ernährungssicherheit
Bauern in Indien verzeichnen herbe Verluste durch Ernteausfälle aufgrund einer bisher nie dagewesenen Hitzewelle
Bauern in Indien verzeichnen herbe Verluste durch Ernteausfälle aufgrund einer bisher nie dagewesenen Hitzewelle

Foto: Channi Anand/picture alliance/AP

Es waren seine Büffel, um die er sich zuerst Sorgen machte. Als die Temperaturen in dem kleinen Dorf Baras tief im Bundesstaat Punjab im April auf für die Jahreszeit ungewöhnliche Werte stiegen, bemerkte der Bauer Hardeep Singh Uppal, dass seine beiden Tiere, die für den Lebensunterhalt der Familie unerlässlich sind, Fieber bekamen und geschwächt wirkten. Wochen später scheint es den Büffeln wieder gut zu gehen, sie wedeln gemächlich mit dem Schwanz, während eine fast eisige Brise von einer Klimaanlage weht. Ein Luxus, der aus Uppals Elternhaus stammt, jetzt aber in einem heruntergekommenen Stall installiert wurde und den ganzen Tag läuft. „Der Arzt hat mir gesagt, ich muss die Tiere bei dieser Hitzewelle kühl halten, sonst sterben sie, also ist dies der einzige Weg“, sagt Uppal.

Seine Lage, der Hitzewelle geschuldet, wie sie Indien seit März, dem heißesten Monat seit Beginn von Aufzeichnungen, erfasst hat, wurde immer bedrängender. Als die Bauern in Uppals Umgebung Mitte April bei Temperaturen von permanent über 40 Grad mit der Weizenernte begannen, war beschädigt und vertrocknet, was sie einfuhren. Ungewöhnlicher Winterregen und danach eine sengende Sommerhitze, die zwei Monate zu früh eintrat – beides Anzeichen des Klimawandels – hatten das Pflanzenwachstum gehemmt, dem Getreide zugesetzt und bäuerliche Existenzen bedroht. „Mein Weizenertrag fällt bisher um die Hälfte niedriger aus als erwartet. Die Ernte ist durch die Gluthitze buchstäblich geschrumpft“, beschreibt Uppal, was seinen anderthalb Hektar Fläche widerfahren ist. Im Dorf Baras hat es seit Januar nicht geregnet. Die üblichen Schauer, mit denen traditionell im Mai zu rechnen war – nach der Weizenernte und bevor der Reis angepflanzt wird – kamen einfach nicht.

Indische Bauern in der Schuldenfalle

Von akuten Einbußen auf den Weizenschlägen ist ganz Indien heimgesucht, sodass viele Landwirte umso mehr in der Schuldenfalle sitzen. Sie haben sich von Mittelsmännern Geld geliehen, um Saatgut und Dünger zu bezahlen. Nun aber bringt die Ernte höchstens die Hälfte des erwarteten Ertrags, häufig weniger. Daher reichen die Einnahmen aus dem Verkauf bei weitem nicht aus, um das geschuldete Geld zurückzuzahlen. Zu allem Überfluss steigen derzeit noch die Zinsen für die Kredite. „Alle Bauern sind in Mitleidenschaft gezogen, fast jeder ist mehr oder weniger stark verschuldet“, klagt Uppal. „Wenn das heiße Wetter um diese Zeit zur Regel wird, könnten immer mehr Bauern gezwungen sein, ihr Land zu verkaufen.“

Sie alle zählen zu den Opfern der Klimakrise und sagen unumwunden, sie hätten kaum Optionen, ihre Arbeits- und Lebensweise anzupassen. Das sei ihnen selbst dann verwehrt, wenn sich der Hitzeeinbruch im nächsten Jahr nochmals verschlimmern sollte. Sie verbrennen weiter die Weizenstoppeln auf ihren Feldern und tragen zu Indiens schrecklicher Luftverschmutzung bei. Leider können sie sich keine andere Methode leisten, um ihre Schläge von den Resten der alten Ernte zu befreien. Sie bauen weiter Reis und damit sehr wasserabhängige Kulturen an – trotz der Warnungen vor einem rasch sinkenden Wasserspiegel im Punjab. Nur ist Reis das einzige Getreide, bei dem sie sicher sein können, dass es sich für einen guten Preis verkaufen lässt.

In all den Jahrzehnten als Farmer habe er noch nie derartige Temperaturen erlebt, klagt der 65-jährige Surjeet Singh, der auf seinen 16 Hektar in diesem Jahr ebenfalls nur die Hälfte der üblichen Weizenmenge geerntet hat. „Ich habe 700.000 Rupien (etwa 8.400 Euro) verloren. Sollte das in der nächsten Erntesaison wieder passieren, dann weiß ich nicht, was ich tun soll“, klingt er alarmiert. Überall in Indien wird es heißer, Grundwasser geht verloren und kann sich kaum mehr erholen. „Vermutlich wird dieser Landstrich bald so unfruchtbar sein wie die Wüste von Rajasthan“, fürchtet Surjeet Singh. Gemeint ist der Bundesstaat im Nordwesten, den die Thar-Wüste durchzieht, und der noch trockener ist als die Region Punjab.

Noch nie dagewesenen Hitzewelle in Indien

Die Höchsttemperaturen bei der so noch nie dagewesenen Hitzewelle verzeichnete man freilich nicht in Rajasthan, sondern Mitte Mai in einigen Bezirken der Hauptstadt Delhi, in denen Rekordwerte von 49 Grad gemessen wurden. Damit konfrontiert, verkündete die Regierung von Premier Narendra Modi das Verbot aller Weizenausfuhren, „um die Lebensmittelsicherheit im Land zu garantieren“. Die Entscheidung schlug überall auf dem Globus hohe Wellen. Ein Schlag für die internationale Gemeinschaft, die damit gerechnet hatte, dass indische Weizenexporte helfen würden, die durch den Krieg in der Ukraine entstandene Angebotslücke zu schließen. Vor dem Krieg kam fast ein Drittel der weltweiten Ausfuhren von Weizen aus Russland und der Ukraine. Indien wurde für das Erntejahr 2022 unter den „Top Ten“ der Exporteure erwartet mit einem Verkauf von etwa zehn Millionen Tonnen im Ausland. Noch Anfang April versicherte Piyush Goyal, Minister für Nahrungsmittel und Verbraucherangelegenheiten: „Unsere Bauern haben sichergestellt, dass nicht allein Indien, sondern die ganze Welt versorgt sein wird.“

Und die indische Regierung selbst hatte noch einen Tag, bevor sie das Exportverbot verkündete, erklärt, sie werde mit neun Staaten Verhandlungen aufnehmen, „um Möglichkeiten zu erörtern, Weizenexporte zu erhöhen“. Dann allerdings wurde offenbar, dass durch die Ernteverluste die staatlichen Vorräte so stark schrumpfen würden wie seit 13 Jahren nicht. Das sich abzeichnende Defizit wurde mit dem Horten von Getreide durch private Händler noch verschärft und ließ den Preis für Mehl seit Anfang April um 40 Prozent steigen. Besorgt, dass es zu Nahrungsmittelengpässen kommen könnte, vollzog die Regierung eine Kehrtwende um 180 Grad. Und das nicht ohne Folgen, denn mit dem Ausfuhrstopp stieg der Weizenpreis auf dem Weltmarkt um sechs Prozent. Der deutsche Agrarminister Cem Özdemir fühlte sich zu der Ansage genötig: „Wenn alle anfangen, Exportbeschränkungen einzuführen oder Märkte zu schließen, wird das die Krise noch verschlimmern“. Die USA äußerten die Erwartung, „dass Indien seine Entscheidung überdenken wird, die den augenblicklichen globalen Nahrungsmittelmangel noch verschärft“. Beim anstehenden G7-Gipfel Ende Juni in Deutschland wird erwartet, dass die beteiligten Regierungschefs Druck auf Indien ausüben, das Verbot zurückzuziehen.

Erneut ist allen die Instabilität globaler Nahrungsmittelvorräte angesichts eines sich schnell erwärmenden Planeten vor Augen geführt. Studien lassen keinen Zweifel, dass extreme Wetterereignisse wie in Nordindien viel wahrscheinlicher geworden sind und sich in drei oder vier Jahren wiederholen könnten – nicht in drei Jahrhunderten. „In einer wärmer werdenden Welt gehe ich davon aus, dass solche Vorkommnisse für ein Land wie Indien eher die Norm als ein Extrem sein werden“, sagt der Klimaforscher Luke Parsons von der Nicholas School of the Environment an der Duke University in Durham (US-Staat North Carolina).

Schreckliche Tage

Wie das Beispiel der Bauern im nordindischen Baras deutlich macht, setzt nicht nur übermäßige Hitze dem Getreide zu. Auch die Arbeit in der Landwirtschaft wird immer schwerer, weil die Tageszeiten, in denen sie draußen möglich ist, rapide abnehmen. „In Nordindien führt jedes Grad globaler Erwärmung dazu, dass Menschen eineinhalb Grad mehr Hitze ausgesetzt sind“, so Luke Parsons. „Wenn sich die Erde weiter erwärmt, steigen nicht nur die Mittagstemperaturen, es nimmt auch die Hitze zu, der man in den frühen Morgenstunden und gegen Abend ausgesetzt ist. Das sind die Zeiten, in denen Menschen weltweit traditionell arbeitsintensive Tätigkeiten verrichten. Künftig wird die Zahl derer steigen, die extremeren und zusehends unsicheren Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind.“

Der 48-jährige Jaspal Singh, ebenfalls aus dem Dorf Baras und Eigentümer von 14 Hektar Land, konnte die Arbeit während der Getreideernte in der brennenden Sonne gesundheitlich kaum mehr ertragen. „Es waren schreckliche fünfzehn Tage hintereinander, in denen man bei der Hitze aufs Feld musste. Aber wir Bauern haben während der Ernte keine Wahl.“ Er hofft auf Regen, damit wenigstens die Reisernte für die nächste Zeit ausreicht. Bleibe der aus, sei Armut unumgänglich. „Es liegt jetzt alles in Gottes Hand“, sagte Jaspal Singh.

Hannah Ellis-Petersen ist Südasien-Korrespondentin des Guardian

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Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Hannah Ellis-Petersen | The Guardian

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