Kuba tolerieren, Venezuela isolieren

Tauwetter Das Eis zwischen Washington und Havanna beginnt zu schmilzen: Normalisieren die USA ihr Verhältnis zu Castro, um sich voll und ganz Hugo Chávez widmen zu können?

Die demokratische Mehrheit im US-Kongress scheint beim Thema Kuba zu radikaleren Schritten entschlossen als Präsident Obama, der vorerst lediglich ein paar Restriktionen im Reiseverkehr kassiert hat. Wer mehr über die künftige Politik des Weißen Hauses gegenüber Havanna erfahren will, muss bis zum 19. April warten, wenn in Trinidad und Tobago der Amerika-Gipfel zu Ende geht, und der US-Präsident gar nicht umhin kommen wird, für Klarheit zu sorgen.

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Ein Kontinent namens Revolution

Es wäre gewiss zu früh, von Perestroika zu reden, aber die Zeichen mehren sich, dass ein Wandel bevorsteht. Eine neue Generation ist am Ruder, und die alte exilkubanische Elite Floridas hat an Macht und Einfluss verloren. Nach mehr als 50 Jahren Eiszeit setzt so etwas wie Tauwetter ein. Auch die kubanische Führung trifft Vorkehrungen, um auf Gesten aus Washington reagieren zu können. Als sich vor einem Monat Vizepräsident Carlos Lage und Außenminister Perez Roque, zwei einflussreiche Politbüro-Mitglieder, in die zweite Reihe verabschieden mussten, wurde das zum Indiz erklärt. Beide haben den Amerikanern nie etwas geschenkt und gelten als Galionsfiguren der Venezuela-Connection.

Verehrung für Castro

Einiges deutet darauf hin, dass die Obama-Regierung die Akte Kuba vom Tisch haben will, weil sie ein drängenderes Thema auf dem Tisch hat: Es heißt Venezuela im besonderen und Lateinamerika im allgemeinen. Kuba ist ein Problem des zurückliegenden Jahrhunderts und die Embargo-Politik der USA ein Ärgernis für viele der linksgerichteten Führer, die in Lateinamerika inzwischen eine Mehrheit verkörpern. Der Castro-Regierung, die den Vereinigten Staaten ein halbes Jahrhundert lang die Stirn geboten hat, begegnet man auf dem gesamten Subkontinent mit Verehrung. Fast jeder Präsident pilgerte in den vergangenen Jahren nach Havanna, um jenen Mann zu treffen, der als größter lateinamerikanischer Führer des 20. Jahrhunderts gilt. In der neuen US-Administration dürfte man begriffen haben, dass es nur noch darauf ankommt, wie ein amerikanischer Präsident dies anerkennt – und nicht ob.

Ohnehin dürfte ein Teil der Differenzen zwischen Havanna und Washington leicht abzuhandeln sein. Kontakte gibt es seit Jahren, über die Eindämmung des Drogenhandels ebenso wie über die Sicherheit in der Karibik. Einst pflegten die USA ihren Konflikt mit Kuba, weil der Karibikstaat von seiner Allianz mit der Sowjetunion nicht lassen wollte – heute stört sie die Liaison mit Venezuela. Hugo Chávez unterstützt Kuba wie einst die Sowjets mit Öl und Devisen. Kuba revanchiert sich durch Tausende von Ärzten und Lehrern, deren Einsatz in venezolanischen Elendsquartieren der Chávez-Regierung viel Popularität verschafft.

Konzentration auf Chávez

Diese Allianz durch mehr Toleranz gegenüber Kuba stören zu können, wäre den Amerikanern nur recht. Und wer kann mit letzter Gewissheit sagen, dass sich Raúl Castro dabei verweigert? Einer, der den Handschlag mit dem ewigen Feind noch erleben will? Warum sonst kam es zum überraschenden Fenstersturz von Lage und Roque, den wichtigsten Fürsprechern Venezuelas in der kubanischen Regierung?

Der Möglichkeit, dass in Havanna Prioritäten anders gesetzt werden als bisher, dürfte sich der venezolanische Staatschef bewusst sein. Im Augenblick verzichtet er noch darauf, mit Washington wieder Botschafter auszutauschen, nachdem im Vorjahr aus Solidarität mit Bolivien die diplomatischen Beziehungen eingefroren worden sind. Seinerzeit hatte sich Präsident Evo Morales ein Eingreifen der USA in die inneren Angelegenheiten seines Landes verbeten und war darin durch Hugo Chávez bestärkt worden.

Wie auch immer, die Anzeichen verdichten sich, dass die USA das Bedürfnis haben, Venezuela zu isolieren und sich ganz auf Comandante Chávez zu konzentrieren, indem sie den alten, mittlerweile vielfach irrelevanten Streit mit Kuba beenden. Einfach wird das auf keinen Fall.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Richard Gott, The Guardian | The Guardian

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