Kulturkampf um trans* Kids

USA Die Republikaner wollen geschlechtsangleichende Behandlung für Jugendliche verbieten

Das Parlament des US-Bundesstaats Arkansas hat entschieden, die medizinische Behandlung von trans* Jugendlichen zu verbieten. Ihre geschlechtsangleichende Behandlung durch Ärzt:innen wird unter Strafe gestellt. Das Gesetz von Arkansas könnte nur der Anfang sein: In mehr als einem Dutzend US-Bundestaaten wollen die Republikaner weitreichende Verbote für die geschlechtsangleichende Behandlung von trans* Kindern und Jugendlichen gesetzlich verankern. Die Verbotsverfechter argumentieren, Kinder seien zu jung, um Behandlungen mit Hormonen und Pubertätsblockern zuzustimmen. Die Gesetze zielten darauf, „medizinische Experimente“ an Kindern zu verhindern. In einigen Entwürfen wird die Auffassung vertreten, dass trans* Kinder aus einer Identitätsphase wieder „herauswachsen“.

Die Befürworter von „Gender Affirming Care“ – darunter Ärztekammern, Menschenrechtsorganisationen und betroffene Familien – halten dagegen: Die Behandlungsmethoden seien etabliert und Teil eines Prozesses, der die psychische Gesundheit der Betroffenen deutlich verbessert. Die Gesetzesvorhaben stellten das Behandlungsmodell falsch dar und würden Panikmache betreiben. „Ärzt:innen werden dafür kriminalisiert, ihren Patient:innen die beste medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Eltern wird Kindesmissbrauch vorgeworfen, wenn sie die Behandlung ihrer Kinder unterstützen“, sagt Kasey Suffredini, Vorstand von Freedom for All Americans, einer Organisation, die sich für die Rechte von LGBTQ+ einsetzt.

Manche warten Monate

Die Gesetzespläne sind Teil eines eskalierenden Kulturkampfs um trans* Kids. Während Joe Biden versprochen hat, sich für den Schutz von LGBTQ+ einzusetzen und eine Supreme-Court-Entscheidung aus dem Jahr 2020 die Rechte von trans* Personen am Arbeitsplatz schützt, haben konservative Politiker über 80 Anti-Transgender-Gesetzesvorlagen eingebracht, so viele wie in keinem Jahr zuvor. Die meisten zielen darauf, trans* Jugendlichen den Zugang zu geschlechtsangleichenden Therapien und geschlechtergetrennten Sportteams zu versperren.

Der 15-jährige Corey Hyman aus St. Charles im Bundesstaat Missouri wartete Jahre auf die medizinische Behandlung, die ihm aus seiner Sicht das Leben gerettet hat. Er selbst habe schon lange gewusst, dass er ein Junge sei, sagt Corey. Mit zwölf outete er sich gegenüber seiner Mutter. Sie recherchierte Kliniken, die Kinder wie ihn unterstützen, nach zahlreichen Sitzungen mit Therapeut:innen und Ärzt:innen erhielt er die Bewilligung zur Testosteron-Behandlung. „Dadurch fühlte ich mich so viel besser“, erzählt Corey, der zuvor unter psychischen Problemen litt. Er verletzte sich selbst, hatte Suizidgedanken.

Die Zahl der Kinder, die in den USA eine Transgender-Behandlung erhalten, ist gering. Angesichts der wenigen Kliniken, die darauf spezialisiert sind, sei der Zugang sehr beschränkt, berichtet Jules Gill-Peterson, Professorin für Gender Studies an der Universität Pittsburgh. Familien müssten viel Zeit und Geld für die Behandlung aufbringen. In eine Klinik in Pittsburgh kommen Familien, die fünf Stunden Anfahrt haben. „Die Behandlung ist derzeit praktisch nur für Familien aus der oberen Mittelschicht verfügbar.“ Manche warten Monate, bis sie einen Termin bekommen, berichtet auch Jack Turban, Kinderpsychiater der Universität Stanford.

Das in den Gesetzentwürfen attackierte Gender-Affirming-Behandlungsmodell zielt darauf, die psychische Not zu lindern. Viele trans* Kinder leiden, wenn sie gezwungen sind, mit dem Geschlecht zu leben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Die psychischen Probleme resultieren aus Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung. Eine Untersuchung der Centers for Disease Control and Prevention ergab, dass 35 Prozent der trans* Jugendlichen im Highschool-Alter im Jahr 2018 einen Suizidversuch unternommen hatten, bei cis Schüler:innen waren es rund sieben Prozent.

„Die Kinder werden im Ausdruck ihrer Identität unterstützt“, erklärt die Medizinerin Lauren Wilson, Vizepräsidentin des Landesverbands der American Academy of Pediatrics im Bundesstaat Montana, wo ebenfalls ein gesetzliches Verbot im Raum steht. Bei kleineren Kindern „bedeutet das zum Beispiel, andere Kleidung zu wählen, einen anderen Haarschnitt, das Pronomen zu ändern oder sich in der Schule und in der Gesellschaft als ein anderes Geschlecht zu präsentieren“. Wollen Jugendliche ihre Genderidentität „konsequent, nachdrücklich und anhaltend“ ändern, können Familien und Ärzt:innen weitere Behandlungen in Erwägung ziehen. Zu Beginn der Pubertät können „Blocker“ verschrieben werden, um den Jugendlichen mehr Zeit zu geben, bevor ihr Körper sich verändert.

Die Wirkung von Blockern ist umkehrbar, aber sie sorgen auch außerhalb der USA für kontroverse politische Debatten. In Großbritannien beschränkte ein Gericht deren Einsatz mit dem Argument, Jugendliche unter 16 Jahren könnten keine informierte Einwilligung geben. Kritiker:innen fordern eine bessere Erforschung der langfristigen Auswirkungen. Mediziner:innen, die mit trans* Kindern arbeiten, bezeichnen die Behandlung dagegen als sicher. Sie verweisen darauf, dass sie seit den 90er-Jahren bei cis Kindern eingesetzt wird, wenn ihre Pubertät zu früh beginnt. Die Forschung zeigt, dass trans* Jugendliche vom Einsatz der Blocker profitieren. Laut einer Studie senkten sie das Suizidrisiko um 70 Prozent.

Wenige bereuen die Transition

Ältere trans* Teenager können Hormone verschrieben bekommen, die eine zu ihrem Geschlecht passende Pubertät einleiten. Solche Behandlungen sind schwerwiegender, einige haben nicht umkehrbare Auswirkungen. Später sind dann geschlechtsangleichende Operationen möglich, wobei die Richtlinien in den USA keine solchen Operationen bei unter 18-Jährigen empfehlen. Laut einer umfassenden niederländischen Studie „bereuen“ nur 0,3 bis 0,6 Prozent der trans* Personen im Nachhinein die geschlechtsangleichende Operation. Ärzt:innen versichern zudem, dass sie sehr eng mit Familien und Jugendlichen zusammenarbeiten, bevor Behandlungen verschrieben werden. „Das sind keine Entscheidungen, die die Patient:innen oder ihre Behandler:innen leichtfertig treffen“, erklärt Patty Pinanong, die als Professorin an der University of Southern California mit trans* Jugendlichen arbeitet. „Es ist ein sehr durchdachter und bewusster Prozess.“

Erst nach 82 Sitzungen mit Therapeuten erhielt Corey die Empfehlung für eine Testosteron-Behandlung, erzählt seine Mutter Christine Hyman. „Wir hatten einen Fallbetreuer, ein ganzes Team von Ärzt:innen – und Corey musste fast zwei Jahre Geduld haben.“ Das Warten sei zwar frustrierend gewesen, aber sein Leben habe sich seither enorm verbessert, sagt Corey: „Es hilft mir, der zu sein, der ich bin, denn ich bin im falschen Körper. Ohne die Hormone und die geschlechtsbestätigende Unterstützung bin ich nicht ich selbst.“ Und nun wird in einigen US-Bundesstaaten versucht, diesen Einsatz von Hormonen per Gesetz zu verhindern. Strafen für Eltern und Ärzt:innen sind ebenfalls vorgesehen, von hohen Geldbußen über den Entzug der ärztlichen Zulassung bis Gefängnis. Die meisten Vorlagen verbieten geschlechtsangleichende Operationen bei Minderjährigen. Dabei legen die ärztlichen Richtlinien ohnehin fest, dass sie erst ab dem Erwachsenenalter angeboten werden dürfen, so Turban von der Universität Stanford. „Die Gesetzentwürfe selbst enthalten Falschinformationen.“ Er forscht selbst zur Behandlung von trans* Jugendlichen und warnt vor Rückschlägen, sollte sie verboten werden. „Ohne Frage werden sich bei all diesen Jugendlichen Ängste und Depressionen verstärken.“ Im Fall eines Verbots fürchtet er zudem, dass Jugendliche versuchen könnten, sich trotzdem Zugang zu Hormonen zu verschaffen – ohne ärztliche Überwachung.

Auch in Missouri, wo Corey lebt, ist ein Verbot geplant. Bei einigen Vorschlägen würden seiner Mutter Jahre im Gefängnis drohen. Dabei ist Corey überzeugt: „Wenn ich meine Behandlung nicht hätte, wäre ich wahrscheinlich schon tot.“ Ohne sie auszukommen, kann er sich nicht vorstellen: „Ich weiß nicht, ob ich das verkraften würde. Ich wünschte, dass die Leute verstehen, dass wir zwar noch nicht erwachsen sind, aber trotzdem für uns selbst sprechen können und wissen, was uns mit unserem eigenen Körper glücklich und zufrieden macht.“

James Thurow aus St. Louis klagt: „Wir wollen unserem Kind eine lebensrettende Behandlung ermöglichen, und sie erklären es für illegal.“ Sein 14-jähriger Stiefsohn Miles hat Pubertätsblocker erhalten. Der eingebrachte Gesetzentwurf würde seine Eltern in eine Zwickmühle bringen. Es gebe schließlich auch Gesetze, nach denen es Kindesmisshandlung ist, wenn man einem Kind die nötige Gesundheitsversorgung vorenthält, bemerkt der Stiefvater. „Was wir dann auch entscheiden, ist falsch.“

Dabei ist Miles’ Mutter Danielle Meert froh über die Entwicklung ihres Sohnes: „In seinen ganzen 14 Jahren war er noch nie so glücklich und selbstbewusst. Wir sind einfach stolz auf ihn.“ Auch Miles fühlte sich schon früh als Junge: „Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Natürlich sind meine Eltern da. Aber Entscheidungen, die meinen Körper und meine Gesundheit angehen, treffe ich in der Regel selbst. Das mag manche Leute beunruhigen, weil ich erst 14 bin. Aber ich habe ein sehr klares Bewusstsein von meiner Geschlechtsidentität.“ Ein Verbot würde seine Familie zwingen, in einen Bundesstaat umzuziehen, in dem die Behandlung möglich ist: „Ich müsste meine Großeltern verlassen, meine Freunde, all die Menschen, die ich liebe – nur weil andere Leute eine bestimmte Meinung über mich haben.“

Sam Levin lebt in Los Angeles und arbeitet als US-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 04.05.2021
Geschrieben von

Sam Levin | The Guardian

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