Lee Zion verlässt US-Zeitung Lafayette Nicolette Ledger um in Ukraine zu helfen

Ukraine-Krieg Lee Zion war bis vor Kurzem Kleinstadt-Zeitungsmacher im Alleingang. Jetzt gibt er seinen „Lafayette Nicolette Ledger“ auf. Er will in die Ukraine und im Krieg helfen – egal wo und wie
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Lee Zion (nicht im Bild) möchte in Ukraine helfen – ob militärisch oder auf andere Weise
Lee Zion (nicht im Bild) möchte in Ukraine helfen – ob militärisch oder auf andere Weise

Foto: Aris Messinis/AFP/Getty Images

Lee Zion bereitet alles vor, um im Sommer in die Ukraine aufzubrechen. „Ich habe schon alle Impfungen. Ein Teil meiner persönlichen Sachen ist eingelagert, Anderes habe ich weggeben. Für meine zwei Katzen habe ich auch Adoptiv-Plätze gefunden“, erzählte er. „Und dann kleinere Dinge: Ich versuche, die Sprache zu lernen. Zumindest ein paar einfache Bedürfnisse kann ich kommunizieren“, sagt er. „So wie: ,Ich will Keks‘“.

In den vergangenen vier Jahren hat Zion für eine Kleinstadtzeitung im US-Bundesstaat Minnesota gearbeitet – sieben Tage die Woche. Aber jetzt ist er so angewidert von der russischen Invasion in der Ukraine, dass er vorhat, nach Europa zu fliegen und den Ukrainern auf jede ihm mögliche Weise zu helfen.

Aber zuerst musste er einen neuen Chef für die Zeitung Lafayette Nicollet Ledger finden. Wer auch immer es macht, eine leichte Aufgabe übernimmt er nicht: Mehr als 80 Stunden die Woche habe er gearbeitet, erzählte Zion dem Guardian, „als Besitzer, Redakteur, Reporter, Layouter und die Person, die den Müll ins Recycling-Zentrum bringt.“

„Wochenzeitung zu verschenken“

Zunächst wollte Zion die Zeitung verkaufen – aber ohne Erfolg. Daher versuchte er es auf andere Weise: Er bot sie „zu verschenken“ an.

„Sie können eine Wochenzeitung besitzen – KOSTENLOS“, schrieb er in einer Anzeige. Allerdings wolle er die Zeitung „in gute Hände“ geben, hieß es weiter. Die Zeitung sei „finanziell solvent“, dennoch „muss der nächste Besitzer zeigen, dass er oder sie das Wissen, die Erfahrung und den Antrieb hat, diese Herausforderung anzunehmen”.

Auf die Anzeige meldete sich der 37-jährige Robert Lawson, der in der Gegend wohnt und früher Redakteur bei einer anderen Lokalzeitung war. „Es hat irgendwie perfekt gepasst“, erklärte er zu der Chance, die sich ihm eröffnete.

Einige der Editorials im Lafayette Nicolette Ledger sind kontrovers

Lawson will die Zeitung auf dem derzeitigen Gleis weiterführen, mit einem Fokus auf lokalen Nachrichten – Schlagzeilen der letzten Zeit decken Memorial Day-Ereignisse und Abiturfeierlichkeiten ab, dazu Kalender des Kirchen-Programms und ein weiterer mit lokalen Veranstaltungen und Ereignissen. Gleichzeitig will der neue Zeitungschef die Online-Präsenz ausbauen: „Meine großen Pläne sind hauptsächlich: Schauen, was wir zur Verbesserung des Inhalts tun können“, erzählte er dem Guardian, „und, wie man die Gemeinschaft stärker einbinden könnte.“

Der 54-jährige Zion arbeitet seit Jahrzehnten im Zeitungsgeschäft. Zunächst war er Reporter, arbeitete sich dann hoch, wurde Redakteur, schließlich Besitzer. Ursprünglich aus Brooklyn kam er über eine Anzeige zum Ledger: Gesucht wurde ein neuer Besitzer für die Minnesota-Ausgabe der Zeitung. „Ich war auf der Suche nach einem neuen Job, weil ich bei der Zeitung, bei der ich davor arbeitete, wirklich schlecht behandelt wurde“, erinnerte sich Zion. „Ich ergriff die Gelegenheit sofort.“ 2018 kaufte er die Zeitung für 32.800 Euro; jetzt bereitet er die Übergabe von der anderen Seite her vor.

Einen Teil der Arbeit seines Vorgängers, den Lawson vielleicht nicht fortführen wird, sind Zions Editorials, die ihn gelegentlich in Teufels Küche brachten. 2019 schrieb er einen Text über zurückgehende Fruchtbarkeitsraten, in dem er als Abhilfe vorschlug: Frauen könnten „mit mir Sex haben“. Weiter schlug er vor, verstärkt Einwanderer ins Land zu holen. Dabei wies er darauf hin, dass das einige Leute stören könnte, weil es „Amerika weniger weiß machen“ könnte, bezugnehmend auf Donald Trumps Slogan „Make America great again“.

Gekündigte Abos und zurückgezogene Anzeigen

„Ich habe genau gemacht, was der irische Satiriker und Schriftsteller Jonathan Swift gemacht hat. Ich nahm ein Thema, das rassistische Untertöne hat und mit Geburt verknüpft ist. Ich meine ‚A modest proposal’“, erklärte er. In dem satirischen Essay „Ein bescheidener Vorschlag“ hatte Swift im 18. Jahrhundert vorgeschlagen, verarmte irische Eltern sollten doch ihre Kinder als Nahrungsmittel an reiche Leute verkaufen. „Und dann präsentierte ich eine vernünftige praktische Lösung, genau wie es Jonathan Swift tat.”

Viele der lokalen Leserinnen und Leser waren allerdings wenig begeistert. „Es gab einen riesigen Aufschrei. Manche Leute fanden den Artikel richtig, richtig toll. Andere hassten ihn leidenschaftlich“, erzählte Zion. Abonnements wurden gekündigt und Anzeigen zurückgezogen. „Wir fordern Herrn Zion auf, Lafayette und die umliegenden Gemeinden zu einem weniger gruseligen Ort zu machen, indem er seine Sachen packt und sein Geschäft an einem anderen Ort betreibt“, schrieb laut Southern Minnesota News ein Leser auf Facebook. „Einer drohte, er werde nie mehr in der Zeitung inserieren, solange Lee Zion das Sagen hat“, erinnert sich Zion. „Wenn ich jetzt weg bin, kann der neue Zeitungschef den vielleicht zurückgewinnen.”

Zu einem weiteren Eklat kam es, als Beamte eine Stadtratssitzung in Courtland nutzten, um eine Flut von Beschwerden aus der Öffentlichkeit über die Instandhaltung zu kritisieren, erzählte Zion. Die Schlagzeile nach der Sitzung lautete: „Einwohner von Cortland, Sie beschweren sich zu viel. Und nebenbei bemerkt: Ihre Wassergebühren werden erhöht“. Der Bürgermeister „sagte mir, er werde nie wieder in der Zeitung eine Anzeige schalten“, erzählte Zion. „Aber am Ende hat er mir verziehen.”

Lee Zion will helfen – egal wie

Während Lawson sich darauf vorbereitet, die Zeitung zu übernehmen, sucht Zion nach Organisationen, die ihm dabei helfen können, einen Weg zu finden, sich in der Ukraine nützlich zu machen, sei es militärisch oder auf andere Weise. „Wie könnte ich bequem an meinem Schreibtisch sitzen bleiben, während ukrainische Kinder sterben?“, fragte er. „Wenn sie mich als Lehrer wollen, arbeite ich als Lehrer. Wenn sie einen LKW-Fahrer für Lieferungen brauchen, dann mache ich das eben. Und wenn sie Hilfe beim Aufräumen der Trümmer in Butscha oder anderen Städten brauchen, werde ich dabei helfen“, erklärte er.

Bleiben will er „so lange, wie sie mich haben wollen. Und wer weiß? Es gibt eine jüdische Gemeinschaft in der Ukraine. Vielleicht finde ich in der jüdischen Gemeinschaft eine Heimat.”

Zudem hofft er, dass seine Pläne, Andere zu ähnlichem Einsatz inspirieren: „Auch wenn das eine wichtige Geschichte ist, bin ich nicht ihr wichtigster Teil“, erklärte Zion. Seine Pläne macht er in der Hoffnung publik, „dass andere Leute diesen Artikel lesen und es sie berührt. Dass sie dann vielleicht sagen: Hey, wenn dieser Mann in die Ukraine gehen kann, warum dann ich nicht?”

Was ihn selbst betrifft: „Mit etwas Glück werde ich am 15 Juli in einem Flugzeug sitzen.“

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Geschrieben von

Matthew Cantor | The Guardian

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