Unterwegs mit vier US-Amerikanern, die in der Ukraine kämpfen

Reportage Die US-Amerikaner Rick, Tay, Scott und Alex riskieren in der Ukraine ihr Leben. Wer sind diese Männer und was treibt sie an?
Ein bewaffneter Zivilist in den Straßen von Kiew
Ein bewaffneter Zivilist in den Straßen von Kiew

Foto: Daniel Leal/AFP/Getty Images

Das Auto, das mit 160 Sachen Richtung Ukraine fährt, ist unglaublich vollgepackt. Neben fünf männlichen Insassen ist jedes bisschen Platz vollgestopft mit Gepäck, das man mitbringt, wenn man sich freiwillig für einen letzten verzweifelten Kampf in einem Atomzeitalter-Kreuzzug gemeldet hat: Schutzwesten, Jod-Tabletten, Kampfkleidung, Satelliten-Telefone. Alles außer Waffen. Die werden bereitgestellt.

Meine Mitfahrer sind vier US-Amerikaner, von denen drei früher bei der Armee waren. Sie erklären mir, warum jemand alles stehen und liegen lässt und um die halbe Welt fährt, um sein Leben für die Verteidigung eines Landes zu riskieren, das nicht das eigene ist. „Wir alle haben dieselbe Geschichte“, sagt Afghanistan-Veteran Tay. Das stimmt zwar nicht ganz, aber seine Geschichte ist ein guter Ausgangspunkt.

Vor einem Monat schaute er sich zuhause in Dallas, Texas, Videos über die russische Invasion an. Da sah er, wie der ukrainische Präsident sich an die Welt wandte: „An alle Freunde der Ukraine, die uns bei der Verteidigung beistehen wollen“, sagte Wolodymyr Selenskyj, „kommt! Wir werden euch Waffen geben.“

Tay hat in der 82. US-Luftlandedivision in der afghanischen Provinz Ghazni gedient. Er marschierte vor Panzerfahrzeugen, suchte nach Minen und stand gegen feindliche Motorräder Wache. Ständig war seine Einheit in Gefahr, von improvisierten Explosionen getroffen zu werden. Als er Krampfanfälle bekam, wurde er in Ehren entlassen und erhielt einen Behindertenstatus, den er aus wirtschaftlicher Notwendigkeit akzeptiert, aber eigentlich ablehnt.
Nach längerer Behandlung verloren sich die Krämpfe fast ganz, aber erst nachdem er eine sehr schwierige Phase durchgemacht hatte. Seine Ehe ging kaputt. Er geriet in Schlägereien und in Konflikt mit dem Gesetz. Erst nach Jahren konnte er sich wieder aus dem Tief herausziehen. Nach einer langen Zeit, die er fett und deprimiert verbracht hatte, gelang es ihm schließlich „das Dickerchen abzuspecken“. Er fand Arbeit als Privatdetektiv und baute später Bootsanlegestellen für reiche Leute. Das Projekt seines eigenen Wiederaufbaus war zum Teil gelungen, als er die ersten Bilder von ukrainische Zivilisten sah, die Molotow-Cocktails bauten, ausgebombte Geburtskliniken und Selenskyj in seiner olivfarbenen Reißverschlussjacke.

Tay kauft einen Hinflug nach Europa

Das war der Zeitpunkt, an dem er das Büro seines Kongressabgeordneten kontaktierte, um einen Eil-Reisepass zu bekommen. Nachdem er eine ukrainische NGO gefunden hatte, die für ihn bürgte, bekam er den Pass. Er begann zu packen und kaufte einen Hinflug nach Europa.
Als er Freunden und seiner Familie von seiner Entscheidung erzählte, „war die Reaktion schrecklich“. Sie waren bestürzt, dass er sein Leben als Zivilist und seine schöne Etagenwohnung aufgeben wollte, um in der Ukraine zu kämpfen und möglicherweise zu sterben. Sie verstanden nicht, sagt er, dass er sich so auf die beste Weise nützlich machen konnte, mit etwas, bei dem er sich auskannte – dass es eine Chance für ihn war, wieder etwas aus sich zu machen.

Nachdem 2014 mit Russland verbündete Truppen in die Krim und die östliche Ukraine eimarschiert waren, zog es ausländische Kämpfer in die Ukraine. Manche von ihnen kämpften auf russischer Seite. Damals war der Krieg auf ein kleines Gebiet beschränkt und erhielt weniger internationale Aufmerksamkeit. Die freiwilligen Kämpfer waren daher ein kleine und selbst auswählende Gruppe, die zumeist von ideologischem Eifer und post-sowjetischen Beschwerden angetrieben waren.

Unter den Freiwilligen waren auch einige Extremisten – Neonazis und Leute, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden. Eine der effektivsten Kampfeinheiten der Ukraine, das Asow-Bataillon, war anfangs eine rechtsextreme Miliz und es sollen noch immer einige Extremisten in ihm kämpfen. Die Existenz dieser Einheit, die 2014 in die ukrainische Armee eingegliedert wurde, spielte eine große Rolle bei Putins ansonsten grundloser Behauptung, sein Ziel sei es, die Ukraine zu „entnazifizieren“.

Die meisten dieser frühen ausländischen Kämpfer kamen aus Ländern der früheren Sowjetunion. Für sie war der Kampf um die östliche Ukraine die neueste Version eines längeren Krieges zwischen Russland und seinen Nachbarn. Von dieser ersten Gruppe von Freiwilligen „waren weniger als tausend aus dem Westen“, sagte der Experte für ausländische Kämpfer Kacper Rekawek dem Online-Magazine Slate.

„Facebook-“ und „Call of Duty-Krieger“

Kaum eine Woche nach der Invasion hatte die ukrainische Botschaft in Washington DC laut eigenen Angaben 3.000 Anträge von Leuten erhalten, die in der Ukraine kämpfen wollten. Schnell entstanden Gruppen auf Facebook und Reddit, über die man sich organisieren wollte. Dabei waren einige der US-amerikanischen Freiwilligen hoffnungslos naiv. Viele schienen mehr daran interessiert zu sein, darüber zu sprechen, in die Ukraine zu gehen, als es wirklich zu tun. Umgekehrt hatten einige von denjenigen, die besonders erpicht darauf waren, keine militärische Erfahrung oder andere nützliche Fähigkeiten wie eine medizinische Ausbildung. Die erste Gruppe wurde geringschätzig als „Facebook-Krieger“ bezeichnet und die zweite als „Call of Duty-Krieger“.

Die ernsthafteren Anwärter teilten sich in kleinere Gruppen auf, nutzten die verschlüsselte Nachrichten-App Signal, um zu kommunizieren und versuchten, sich gegenseitig zu überprüfen. Bald war ich mit mehr als einem Dutzend Amerikanern in Kontakt, die entweder sagten, sie seien bereits in der Ukraine oder innerhalb der nächsten Woche auf den Weg dorthin. Viele hatten gerade Flüge gekauft und waren in den letzten Zügen dabei, „ihre Angelegenheiten zu ordnen“, wie einer es formulierte.

Die überwältigende Mehrheit war männlich. Ich sprach aber auch mit einer Rettungssanitäterin bei der Feuerwehr, die erzählte, dass sie auf der Suche nach einem Sponsor war, der ihr die Reise in die Ukraine finanzieren würde. Wie einige der Anderen, mit denen ich sprach, schien sie bereit zu sein, für die Reise nach Europa ein deutliches finanzielles Risiko auf sich zu nehmen.

Auf dem Weg in den Krieg

Die meisten erzählten, dass Freunde und Familie zunächst nicht glücklich mit ihrer Entscheidung waren, sie aber unterstützten, als klar wurde, dass sie nicht abzubringen waren. Einige planten für zwei oder drei Wochen zu bleiben und dann zu ihren Frauen, Kindern, Jobs und Hunden in den USA zurückzukehren. Andere wollten solange bleiben wie nötig. Viele der Männer baten darum, nur mit ihrem Vornamen genannt zu werden, entweder aus Sicherheitsgründen oder weil ihre Freunde und Familien nichts von ihrer Entscheidung wussten.

„Es ist einfach, einen Krieg zu romantisieren“ oder ihn als „ein großes Abenteuer zu betrachten, so verrückt das klingt“, gibt Alex zu, der ebenfalls in die Ukraine will. Als dort der Krieg begann, scherzten und diskutierten seine alten Armee-Freunde – von denen viele nicht unbedingt kampferfahren sind – darüber, hinzufahren und zu unterstützen. Aber als es Ernst wurde, machten alle außer ihm einen Rückzieher.

Massengräber in Irpin circa 30 Kilometer nordwestlich von Kiew

Foto: John Moore/Getty Images

Einige der Freiwilligen sagten, dass sie lieber Aufgaben außerhalb der Kampfhandlungen übernehmen wollten, und hofften, als Ärzte, Feuerwehrleute oder Fahrer nützlich zu sein. Viele betonten, dass sie tun wollten, was der Ukraine am meisten nützt, sei es an der Front oder im Hintergrund Versorgungskonvois zu beladen.

Nachdem ich von einem Mann kontaktiert worden war, der aus New York abflog, machten wir aus, dass ich ihm nach Warschau folgen würde, wo er einige andere treffen wollte, um gemeinsam zur ukrainischen Grenze zu fahren. Danach würden sie mir Updates schicken, während sie sich auf den Weg in den Krieg machten.

Scott erinnert sich an sein erstes Treffen mit den Anonymen Alkoholikern

Als er am Gate des New Yorker Flughafens neben mir sitzt, ist Scott wie leibhaftiges Koffein. Er hat gerade stundenlang und letztlich erfolgreich mit Zollbeamten diskutiert. „Ohne meine Schutzweste gehe nirgendwohin,“ erklärt mir Scott. „Ich bin vielleicht verrückt, aber nicht dumm.“

Scott ist überall mit Tattoos bedeckt. Er trägt eine Brille und ist mit seinen 49 Jahren älter als ich erwartet hatte, als ich anfing, mich mit ihm über Signal zu unterhalten. Er ist gesprächig, ein Menschentyp, der immer gewinnen muss, und leicht angespannt. Er spricht wie aus der Pistole geschossen mit einer Sprache, die von Gen-X Manierismen wie „Mann“ und „Dude“ unterbrochen wird.

Seine Corona-Maske setze er nicht ab, erklärt er nebenbei, weil er an Blutkrebs im vierten Stadium leidet. Als ich ihn frage, ob seine Entscheidung, sich dem Krieg gegen den russischen Imperialismus anzuschließen etwas mit seiner Erkrankung zu tun hat, scheint meine Annahme ihn zu verblüffen.
Das ist, wie ich später merken sollte, typisch Scott. Später wird er nebenbei erwähnen, dass er nur zweimal im Monat duscht und zusätzliches Baden unnötig findet; als ich ihm nicht glaube, ruft er seine Partnerin an und stellt sie laut, damit sie es bestätigen kann. „Aus irgendeinem Grund riecht er nicht“, sagt sie.

Scott ist ein ehemaliger Alkoholiker, der seit vielen Jahren trocken ist. Als er Selenskyjs Aufruf gehört habe, hätte er das gleiche Gefühl gehabt, wie bei einem der ersten Treffen der Anonymen Alkoholiker, als er gebeten wurde aufzustehen und zu sagen: Ich will das nicht tun, aber ich muss.

„Kein Erbarmen mit ausländischen Kämpfern“

Im Gegensatz zu den anderen in der Gruppe ist Scott kein Kriegsveteran. Aber er ist jemand, der viel in der Natur unterwegs ist und Such- und Rettungserfahrung hat. Er hofft, dass er helfen kann, indem er logistische Aufgaben übernimmt. Scott und seine Partnerin leben in New England. Sie haben keine Kinder und er arbeitet derzeit nicht.

Seine Partnerin, eine leitende Marketing-Angestellte, unterstützte seinen Aufbruch in die Ukraine, erzählt er. Sie tat das auch, weil sie weiß, dass es keinen Sinn hat, ihn aufhalten zu wollen, wenn er eine Entscheidung getroffen hat. Als wir ins Flugzeug steigen, stelle ich fest, dass er Business Class fliegt. „Das mache ich normalerweise nicht“, erklärt er, „aber sie sagte, da es mein letzter Flug sein könnte …“

Nur wenige Tage vor unserem Flug bombardierte Russland einen ukrainischen Militärstützpunkt, an dem ausländische Kämpfer trainierten; nach ukrainischen Angaben starben 35 Menschen. Russland behauptet, 180 „ausländische Söldner“ getötet zu haben, und drohte in einem Statement, es werde „kein Erbarmen mit ausländischen Kämpfern haben, egal wo in der Ukraine sie sich aufhalten”.

Scott erzählt, dass in den letzten 48 Stunden eine der Freiwilligengruppen, die die Anreise von Freiwilligen organisieren, komplett zusammengebrochen ist. Es entstand großes Chaos, mit Streitereien und Abspaltungen. Er wolle vermeiden, sich mit möglichen „Cowboys“ zusammenzutun, jetzt, da viele Menschen in Polen auftauchen, die nicht wissen, wohin sie gehen und wem sie vertrauen sollen.

Über Deutschland sind Kampfjets in der Luft

Später, als wir über Deutschland fliegen, winkt mich Scott an sein Fenster. Durch die Wolken hindurch sind Kampfjets im Manöver zu sehen. Er kichert. „Fühlt es sich schon echt an?“

„An welche Zeit in der Geschichte erinnert Sie das?", fragte kürzlich ein CNN-Reporter drei Freiwillige auf dem Weg in die Ukraine. „1936“, antwortete ein junger Brite ohne zu zögern. „An die Zeit, als in Spanien der Faschismus aufkam.“ Er fuhr fort: „Damals sind viele nach Spanien gegangen, aber nicht genug. Hätten wir den Faschismus 1936 zerschlagen, hätten wir 1939 abwenden können. Genau so fühlt sich das hier an. Wenn wir ihn jetzt nicht stoppen, werden unsere Kinder diesen Kampf führen.“

Schätzungsweise 2.800 Freiwillige aus den USA kämpften im spanischen Bürgerkrieg gegen den Faschismus. Genaue Zahlen sind schwer zu erhalten, doch wird angenommen, dass etwa 800 von ihnen getötet wurden. Während des Kalten Krieges zogen Söldner, die aus einer Mischung von Geld und Ideologie motiviert waren, zwischen den schmutzigen Kolonialkriegen umher. Sie bekämpften kommunistische Bewegungen oder stützten in einigen Fällen Regime weißer Minderheiten. In jüngerer Zeit gingen westliche Freiwillige nach Syrien, um mit den Kurden gegen den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Einige schlossen sich auch dem IS an.

Ukraine heißt Freiwillige willkommen

In der Ukraine ginge es nicht um „Ideologie oder Politik, nur um Leute, die einen gerechten Krieg nicht verpassen wollen“, sagte ein Ex-US-Marine der Military Times, der angab, früher freiwillig in kurdischen und jessidischen Einheiten gegen den IS gekämpft zu haben.

Bestrebt, ihre Sache internationaler zu machen, hat die Ukraine Freiwillige willkommen geheißen, aber auch versucht Prioritäten zu setzen. „Wir sollten nur erfahrene Kampfveteranen aufnehmen. Das ist die Lektion, die wir lernen“, sagte ein ukrainischer General dem amerikanischen Militärmagazin Task & Purpose. „Die anderen wissen nicht, worauf sie sich einlassen – und wenn sie es herausfinden, wollen sie wieder nach Hause.“

Einige Experten sehen etwa den praktischen Nutzen von Freiwilligen, die die Landessprache nicht beherrschen, skeptisch. Auch könnten ausländische Kämpfer den Konflikt eskalieren oder den Krieg in die Länge ziehen.

„Wenn ich nur einem Ukrainer helfen kann, ist es das wert“, erklärten mir mehrere amerikanische Freiwillige. Viele sagten, sie wüssten nicht wirklich, was sie erwartet. Ihre Devise: Erst einmal ankommen, die Einzelheiten klären wir später.

„Ich bin seit 4 Uhr morgens auf den Beinen“, sagt Tay, als er Scott und mich in einem Hotel in der Nähe des Warschauer Flughafens trifft, „um auf Leute aufzupassen, die ihren Kram nicht im Griff haben.“ Seine Frustration ist spürbar. Dabei ist sein Auftreten freundlich, wenn auch etwas rastlos.

Tay hat eine Lebenversicherung abgeschlossen

Seit seiner Ankunft vor einigen Tagen hat er die meiste Zeit mit dem Aufsammeln von Verirrten verbracht. Ein Amerikaner schlief in einem Park, nachdem er aus einem Hotel geworfen worden war, weil er sich mit dem Sicherheitspersonal angelegt hatte. Zwei andere, die eindeutig überfordert waren, haben beschlossen, wieder nach Hause zu gehen – eine Entscheidung, die Tay unterstützte.

Dem 30-Jährigen steht „ehemaliger Soldat“ auf den Leib geschrieben, und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn er hat kleine Narben an der Seite seines Gesichts, die von einer Explosion in Afghanistan stammen. Er verfügt über Erste-Hilfe-Kenntnisse, die in einer humanitären Krise oder als medizinischer Versorger bei Kämpfen nützlich sein könnten, erzählt er. Aber Kämpfen sei das, was er wirklich kann, und er ist entschlossen, an die Front zu gehen.

Tay ist ledig, hat aber vor kurzem eine Lebensversicherung abgeschlossen. Er hofft, dass sie für seine Schwestern aufkommt, falls ihm in der Ukraine etwas zustößt. Als wir vor unserer Ankunft über Signal sprachen und ich zu fragen begann, ob er wirklich bereit sei, für die Ukraine zu sterben, unterbrach er mich. „Mit meinem Schutzschild, oder auf ihm“, sagte er.

Wie Tay von anderen Ex-Soldaten erfahren hat, herrscht bei den Freiwilligen immer noch Chaos. Ein Teil des Problems besteht darin, dass nur wenige Amerikaner bereit sind, der offiziellen ukrainischen Legion beizutreten. Dort wird erwartet, dass sie einen Vertrag unterschreiben, was niemand tun will, und sie haben gehört, dass ihnen der Pass abgenommen wird, um sie an einer Abreise zu hindern. Es gibt Gerüchte, dass einige der Milizen Leute, die nur kurz bleiben, noch weniger freundlich behandeln.

Und „die Leute kommen ohne Plan hierher“, sagt er. „Viele kommen mit Red Bull vollgepumpt her. Die Armee hat uns wie Babies versorgt – oder uns zumindest gesagt, wohin wir gehen und was wir tun sollen. Hier müssen wir das selbst tun.“

Rick war früher bei der Luftwaffe

Rick kommt an diesem Nachmittag an und sieht völlig erschöpft aus. Er hat eine ziemliche Tortur hinter sich. Zuerst wurde sein Flug gestrichen, dann durfte auch sein zweiter Flug nicht starten. Beim Umsteigen in Amsterdam aß er dann „gerade ein schönes Thunfischsandwich, als zwei riesige Holländer auf mich zukamen und fragten, ob ich mit ihnen reden könne“.

Die Polizisten, oder wer sie auch waren, befragten ihn 40 Minuten lang zu seiner militärischen Ausrüstung und seine Absichten. Er sagte ihnen ehrlich, dass er auf dem Weg in die Ukraine sei, um zu helfen. Schließlich ließen sie ihn gehen.

Rick war früher bei der Luftwaffe. Der Dreißigjährige hat einen Bart und die obligatorischen Arme voller Tattoos. Zum Militär ging er mit 17 Jahren – „ich war praktisch noch ein Kind“. Drei Einsätze in Afghanistan hat er mitgemacht, einige Zeit an einem winzigen Außenposten in Gardez, wo er nachts um zwei in Unterwäsche Taliban-Angriffe abwehrte. Er spricht offen über seine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und ist skeptisch gegenüber Kriegsveteranen, die behaupten, nicht daran zu leiden.

Rick ist weniger gesprächig als Scott und Tay, hat aber eine Vorliebe für Witzeleien. („Ich mag dich, Oliver“, bemerkt er später. „Ich würde eine Kugel für dich in Kauf nehmen. Nicht so eine großkalibrige Kugel. Vielleicht eine 22er.“) Zuhause ist er Feuerwehrmann und Rettungssanitäter irgendwo auf dem Land in Texas, wo er sich auch als Ausbilder für Schusswaffen qualifiziert hat. Im Gegensatz zu den beiden anderen hat Rick einen Rückflug; er will vielleicht für eine Woche in die Ukraine und hoffentlich als Sanitäter oder bei der Ausbildung anderer helfen. Wenn er von Nutzen ist, will er vielleicht wiederkommen.

Rick erzählt, dass bei ihm Bilder von verwundeten Kindern den Ausschlag gaben. „Ich sah mir meinen Achtjährigen an und dachte: 'Wenn er beschossen wird, hoffe ich, dass jemand versucht, ihm zu helfen'“. In die Nähe der Front will Rick nicht, obwohl er später zugibt, dass er einen versiegelten Brief an seinen Sohn vorbereitete hat – für den Fall, dass er nicht zurückkehren sollte.

Mit dem Zug nach Lemberg

Die Gruppe sitzt in einem Hotelzimmer und diskutiert über die Surrealität der ganzen Sache. Als Rick seinen Flug buchte, fragte seine Freundin, ob er etwas eingenommen habe. „Sie hat mich tausendmal gebeten, nicht zu fliegen“, erzählt er. „Was?“ sagt Scott. „Meine hat gesagt, ich soll gehen.“

„Ich habe meinem Sohn versprochen, ihm ein Stück russischen Panzer mitzubringen“, erzählt Rick. „Er spielt mit einem Jungen in der Ukraine Xbox. Er wusste fast vor mir von dem Krieg.“

Eine Familie überquert die Gleise am Bahnhof in Lemberg

Foto: Daniel Leal/AFP/Getty Images

Die Männer sprechen ihren Plan durch: Morgen früh geht es zur polnisch-ukrainischen Grenze, um einen Zug nach Lemberg zu nehmen. Dort wollen sie entscheiden, ob sie zusammenbleiben oder eigene Wege gehen. Tay ist draufgängerischer als Scott und Rick, und ich habe das Gefühl, dass ihnen das Unbehagen bereitet.

Manchmal gleicht die Gruppendynamik dem seltsamsten platonischen Gruppendate der Welt. Ab und an nimmt mich während der Fahrt einer der Männer beiseite und versucht, meinen Eindruck von einem der anderen zu erfragen.

Gefangener US-Veteran wäre Propagandacoup für Russland

Alle sind fest entschlossen, sich nicht der ukrainischen Legion oder einer anderen Organisation anzuschließen, bei denen man einen Vertrag unterzeichnen muss. Stattdessen wollen sie sich möglichst mit anderen Amerikanern in spontan gebildeten Gruppen zusammentun. Beide Optionen bergen sowohl individuelle als auch geopolitische Risiken. „Zweifellos wäre ein gefangener Amerikaner, insbesondere ein Veteran, ein Propagandacoup für den Kreml“, räumte Veteran und Romanautor Matt Gallagher, der kürzlich von der Ausbildung ziviler Kämpfer in der Ukraine zurückkehrte, in einem Kommentar in der New York Times ein. „Es müssen tausende Amerikaner im Land sein, die sich militärisch oder im humanitären Bereich einsetzen. Ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, dass einer von ihnen in die Hände der Russen fällt und zur Hauptfigur in einem Schauermärchen wird.“

Ob sie nicht Angst haben, dass die Russen sie bei einer Gefangennahme ohne Militärabzeichen als Söldner oder Spione bezeichnen und auf der Stelle erschießen? Während sich Tay die Fingernägel mit einem Bowiemesser (Kampfmesser) reinigt, bezweifelt er die Prämisse der Frage: „Russland hat praktisch gesagt, dass sie alle ausländischen Kämpfer einfach töten werden“, selbst die, die Teil der offiziellen ukrainischen Armee sind. „Letztlich können sie sagen, was sie wollen, weil wir eigentlich nicht hier sein sollten.“

„So, Leute,“ scherzt Rick, „wollen wir Tschernobyl besuchen?“ Scott antwortet: „Dann bräuchte ich keine Chemo mehr.“

Die Abfahrt Richtung Grenze am frühen Morgen läuft praktisch sofort schief. Tay, der in einem anderen Hotel wohnt, geht nicht ans Telefon. Wir fahren hin, um ihn zu finden. Scott rastet völlig aus. „So möchte ich die Dinge nicht angehen“, sagt er immer wieder. Er meint, wenn sie Tay nicht bald finden können, sollten sie ohne ihn fahren.

„Frohes Jagen“ wünscht ein Neonazi

Aber Rick ist dagegen. Später erzählt er, er habe viele Freunde, vor allem Veteranen, die bei Selbstmorden oder Unfällen ums Leben kamen: „Ich wollte einfach wissen, ob es ihm gut geht.“ Er lässt sich von der Hotelrezeptionistin Tays Zimmernummer geben und klopft dann so lange an das Zimmer, bis Tay, nackt und verkatert, durch den Türspalt lunst. Er gibt zu, dass er in der Nacht zuvor mit einem anderen Ex-Soldaten auf Sauftour war und sein Handy verloren hat.

Als Rick und Tay das Hotel verlassen, kommen zwei Männer mit Tattoos des Eisernen Kreuzes auf sie zu und fragen, ob sie in die Ukraine wollen. Die Männer sind Finnen und – dämmert es Rick und Tay – Neonazis.

Die Finnen wirken auf Tay, der zum Teil Asiate ist, abweisend, obwohl sie Russland verabscheuen und ihn anscheinend akzeptieren, weil er für die gleiche Sache kämpft. Sie sind gerade aus der Ukraine zurückgekehrt und geben praktische Ratschläge für die Reise dorthin; sie bieten sogar eine Fahrt in ihrem Auto an. Tay und Rick lehnen höflich ab. „Frohes Jagen“, sagt einer der Neonazis.

„Gott, ich wünschte, ich wäre weiß, jetzt, wo ich diese Wichser getroffen habe“, meint Tay und lacht nervös, während er und Rick sich in das überfüllte Auto quetschen. „Werde ich der einzige farbige Typ in diesem Land sein?“

Die Gruppe ist durch die Begegnung mit den Neonazis leicht verunsichert. Rick bittet mich zunächst, die Geschichte vertraulich zu behandeln, weil er befürchtet, dass sie der Sache der Freiwilligen schaden könnte. Er scheint es aber für unvermeidlich zu halten, dass der Krieg auch unangenehme Mitstreiter anzieht.

Alex hat Geld von seinem Arbeitgeber für eine Schutzweste erhalten

Scott ist immer noch wütend über den verzögerten Zeitplan. „Es tut mir leid, okay?“, verteidigt sich Tay. „Aber ich habe vier Tage auf euch gewartet. Da könnt ihr ja wohl eine halbe Stunde auf mich warten.“

Wir holen noch das letzte Gruppenmitglied ab, das am Vorabend spät angekommen ist. Der 32-jährige Alex ist ein riesiger, freundlicher Mann, eher Schwarzbär als Grizzly. Er war vier Jahre in der Armee und ein Jahr in der Nationalgarde, aber nie im Einsatz, was ihm ein bisschen peinlich zu sein scheint.

Seine Familie macht sich Sorgen um ihn, ist aber auch stolz, erzählt er, und sein Arbeitgeber hat sogar Geld für seine Schutzweste dazugegeben – „Das ist so ein Tennessee-Ding.“

Das Auto rauscht durch die Außenbezirke von Warschau, dann auf die Autobahn. Der Verkehr wird spärlicher, je weiter wir fahren. Wir schießen an Militärkonvois und Tanklastwagen vorbei, die in der gleichen Richtung unterwegs sind.

Tay futtert sich durch eine Packung polnischer Schokoladenwaffeln. Er will so lange wie nötig im Krieg kämpfen, erzählt er. Danach plant er, in der Ukraine oder in Rumänien, wo er Freunde hat, „einen Neuanfang“ zu machen. In die USA will er nicht zurück. Sein Heimatland bedeutet für ihn Ärger – schlechte Erinnerungen, Geldprobleme, Fremde in Bars, die einen zum Kämpfen herausfordern. Die günstigen Lebenshaltungskosten in Osteuropa bedeuten, dass seine Militär-Rente „tatsächlich das tut, was sie soll“.

Am Ende der stundenlangen Fahrt haben sich die früheren Spannungen in der Gruppe größtenteils gelegt; es hat sich eine Bruderschaft gebildet, zumindest für den Augenblick. Rick sagt später zu mir: „Jeder in diesem Auto hat darüber nachgedacht, ob er sterben wird. Und jeder, der etwas Anderes behauptet, lügt.“

In Przemyśl an der ukrainischen Grenze

Przemyśl – eine kleine, hübsche mittelalterliche Stadt etwas mehr als elf Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt – quillt vor Menschen und Autos über. Der Bahnhof ist voller ukrainischer Flüchtlinge, Helfer, Freiwilliger, Journalisten, Polizisten, Zeugen Jehovas, Evangelikaler aus Florida und auffallend unauffälliger Männer in Zivil, die in der Nähe des Bahnhofs das Kommen und Gehen beobachten.

Der überfüllte Bahnhof ist eine Zwischenstation für unschuldige Menschen, die von der russischen Invasion überrascht wurden. Bei den Frauen, Kindern und älteren Leuten hier handelt es sich nicht um Ukrainer mit Arbeitsplätzen in Polen oder Verwandten in Deutschland, die sie aufnehmen könnten. Es sind Menschen, die den größten Teil ihrer Mittel für den Weg zur Grenze aufgewendet haben und zumeist kein endgültiges Ziel haben.

Ein US-Amerikaner, der seinen Namen nicht verraten will, wartet in der polnischen Grenzstadt Przemyśl auf seine Weiterfahrt in die Ukraine

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Einige Familien warten auch auf Züge in die Ukraine. Manche dieser Ukrainer hatten Probleme, ein Visum zu bekommen. Andere müssen zurückkehren, um Familienangehörige zu holen oder konnten die Lebenshaltungskosten in Polen nicht bezahlen.

„Die Hauptsache war, mein Kind in Sicherheit zu bringen“, erklärte die 46-jährige Natalia Euronews. Ukrainer „kehren zurück, weil sie keine Unterkunft finden konnten, keine Arbeit – es gab keine Möglichkeit hier zu leben“. Zuhause in der Ukraine „können wir wenigstens von unseren eigenen Mitteln leben“.

Drei Männer mit Baseball-Caps und Stiefeln

Am Bahnhof sind Angst und Not zu sehen, aber auch eine beeindruckende Welle der Hilfsbereitschaft. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen verteilen Lebensmittel und Decken. An diesem und anderen Grenzübergängen haben polnische Mütter Kinderwagen, Windeln und Babykleidung für die Ankommenden abgegeben. Religiöse Gruppen vermischen Hilfe auf ausbeuterischere Weise mit Bekehrungseifer.

Als Scott, Tay, Rick und Alex durch den Bahnhof schreiten, nähern sich drei Männer mit Baseball-Caps und Stiefeln und stellen sich vor. Einer ist ein Amerikaner mittleren Alters; die anderen zwei sind Kanadier, die er online kennengelernt hat. Sie nehmen den gleichen Zug.

„Ich hätte mir nicht mehr ins Gesicht schauen können, wenn ich nicht gekommen wäre“, erzählt der Amerikaner. „Ich musste. Ich konnte nicht mehr schlafen.“ Zwischen seiner Entscheidung und seiner Ankunft hätten kaum 24 Stunden gelegen, sag der Vater von sieben Kinder. Er führt ein kleines Unternehmen und hat Geld beiseite gelegt, damit der Lohn der Angestellten für einige Monate gesichert ist.

Politisch wirkt der Mann ziemlich konservativ. Nachdem er mich gefragt hat, ob ich für eine liberale Zeitung schreibe, hört er abrupt auf, mit mir zu sprechen. Aber die Pro-Putin-Neigung in einigen Teilen der rechten amerikanischen Medien hat seine starken Pro-Ukraine-Sympathien offensichtlich nicht beeinflusst. Er sei wütend auf die Russen, sagt er, aber fast genauso ärgere ihn, dass sich so viele kampffähige Menschen in Europa nicht freiwillig zum Kampf melden.

Ankunft um Mitternacht in Lemberg

Rick, ein Libertärer und Verfechter des zweiten US-Verfassungszusatzes (der die Einschränkung von Waffenbesitz untersagt), erklärt später, was er amerikanischen Konservativen wünscht, die Russland verteidigen: „Sie sollen den längsten Tag ihres Lebens haben und wenn sie dann endlich nach Hause zu ihren Familien kommen, heulen Luftangriffssirenen los und sie müssen sich in einer Parkgarage verstecken. Mal sehen, ob sie dann immer noch sagen, dass Putin irgendwie Recht hat oder, dass wir uns da raushalten sollten.“

Weiter als zu diesem Punkt darf ich die Gruppe nicht begleiten. Die vier Männer versprechen, mir von ihrem Weg nach Lemberg und dann weiter an die Front Berichte zu schicken. Ich sage, sie sollen auf sich aufpassen.

„Ehrlich, ich fühle mich ganz normal“, erklärt Alex. Und Tay meint: „Ich habe bereits auf Business umgeschaltet.“

Nachdem sie die Grenze passiert haben, wurden die Lichter im Zug gelöscht, melden sie mir. So fahren sie in der Dunkelheit stundenlang und mit zahlreichen Halts weiter. Es ist fast Mitternacht, als sie Lemberg erreichen. Der Bahnhof wirkt wie eine düstere Vorahnung; die Latrinen übervoll mit Exkrementen. Die Denkmäler und gotischen Skulpturen an den Gebäuden in der Stadt sind mit Schutzmaterial umhüllt. Es gilt eine militärische Ausgangssperre, und die Gruppe beeilt sich, in ihre Hotels zu kommen.

Ukrainer wirken dankbar für Anwesenheit der Amerikaner

Bei Tageslicht fühlt sich Lemberg wieder mehr wie eine normale Stadt an – charmant, dynamisch und – für Amerikaner – preiswert. Alex schreibt mir: „Als New Yorker würdest gut hierher passen.“

Kurze Zeit später bombardiert Russland Lemberg. In der Stadt wird niemand getötet, aber die Einschläge sind so nah, dass Rick den Rauch sehen kann.

Als Rick und die anderen durch die Stadt laufen, kommen sie an Leuten vorbei, die auf dem Bürgersteig ihren Besitz zum Verkauf ausgebreitet haben. Sie versuchen genug zusammen zu bekommen, um die Ukraine zu verlassen. Die Amerikaner geben Geld. Die Ukrainer, denen sie begegnen, wirken dankbar für ihre Anwesenheit. „Kein Einziger war gemein“, erzählt mir Alex, „und das bedeutet uns viel.”

Tay und Alex wollen weiter nach Kiew, näher an die Kampfzonen heran; sie kaufen weitere Schutzausrüstung. Scott und Rick beschließen, erst einmal in Lemberg zu bleiben.

Rick bildet Barkeeper, Grafikdesigner und Software-Ingenieure an der Waffe aus

Scott arbeitet ehrenamtlich in einem Lagerhaus, das als Sammelstelle für humanitäre Hilfe dient. Aus Ländern auf der ganzen Welt sind Unmengen von Medikamenten eingetroffen, die in zahlreichen Sprachen oder gar nicht beschriftet sind.

Rick findet Arbeit als Krankenpfleger in einem Militärkrankenhaus. Er wird auch als Ausbilder an der Waffe und in erster Hilfe eingesetzt. Seine Schüler:innen sind Barkeeper, Grafikdesigner und Software-Ingenieure; in einem unterirdischen Bunker bringt er ihnen bei, wie man automatische Gewehre lädt und säubert. Außerdem üben sie, sich aus Räumen und Treppenhäusern zurückzuziehen, mit der Waffe im Anschlag. Der Übersetzer war früher Laufsteg-Modell in Mailand. Rick zeigt einer 65-Jährigen, wie sie eine Kalaschnikow bedient; sie ist kaum stark genug ist, den Ladegriff zurückzuziehen.

Kriegsveteranen und Freiwillige bilden Anwohner an der Waffe aus

Foto: Genya Savilov/AFP/Getty Images

Er trifft andere Amerikaner, die gekommen und eingesetzt worden sind. Manche ihrer Qualifikationen wirken zweifelhaft. Er hört von einem Ex-Soldaten, der sich als früherer Scharfschütze und Experte für Javelin-Luftabwehrraketen ausgibt – eine Kombination, die Rick für unwahrscheinlich hält. Er bekommt das Gefühl, dass einige Veteranen den Krieg als Chance ausnutzen, Dinge zu tun, die sie beim Militär nicht tun konnten.

Bei einem Luftangriffsalarm suchen Rick und seine Schüler:innen Zuflucht in einem Keller. Um von dem Luftangriff abzulenken, fordert er sie auf, sich in zwei Gruppen aufzuteilen, von denen die eine die Opfer von Schussverletzungen spielt und sich so stark wie möglich winden und schreien soll. „Am Ende“, prahlt er, „konnten sie in 20 Sekunden einen Druckverband anlegen.“

Tay und Alex auf den Weg nach Kiew

Nach ein paar Tagen in Lemberg machen sich Tay und Alex auf den Weg nach Kiew. „Meine Zuversicht wächst“, schreibt mir Alex auf dem Weg. „Ich habe das Gefühl, am richtigen Ort zu sein; dass Gott mich hierher gebracht hat. In den Zug nach Osten zu steigen, ist natürlich ein aufregendes Gefühl, weil ich beim Militär war, aber nie einen Kampf aus erster Hand erlebt habe. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, ein Ziel, einen Zweck zu haben, gesegnet zu sein, dass ich den Menschen auf diese Weise dienen kann.“

In Lemberg sind Ricks Arbeitstage lang. Er unterrichtet und hilft im Krankenhaus. Ab und an hat er auch Gelegenheit, die Stadt als Tourist zu genießen. Eigentlich ist Alkohol verboten, aber eines Abends nehmen ihn drei seiner Dolmetscher mit in eine Art Kneipe. An einem anderen Tag ist er abends unterwegs, als eine Sirene Luftangriffe meldet; irgendeine ukrainische Familie zieht ihn in ihre Wohnung.

Am Ende übernachtet er dort, benutzt den Google-Übersetzer, um zu kommunizieren und schläft auf dem Boden. Die Wohnung der Familie ist nicht einmal groß genug, um ein Haustier zu halten. Daher hat die Tochter eine Plüschkatze, die ihr ein Hilfsorganisationsmitarbeiter geschenkt hat. Die Freundlichkeit der Familie beschämt Rick. „Das ist ein kleines Mädchen, dessen wertvollster Besitz eine falsche Katze ist.“

Tay muss immer wieder beweisen, dass er Amerikaner ist

„In Kiew angekommen“, teilt mir Tay an seinem vierten Tag in der Ukraine per SMS mit. Er und Alex hören gelegentliche Kämpfe in der Ferne und sehen Soldaten, die blutend auf dem Weg ins Krankenhaus sind. Alex findet Arbeit als Erste-Hilfe-Ausbilder.

Tay trifft eine Einheit von Bürger-Soldaten, die an die Front geht. Es ist eine beunruhigende Erfahrung. Sie sind „schwer bewaffnet, aber nur schlecht ausgebildet“, urteilt er. Die Sprachbarriere ist ebenso real wie die Atmosphäre des Misstrauens. Er verbringt viel Zeit damit zu beweisen, dass er der ist, der er behauptet zu sein.

Viele der amerikanischen und ausländischen Freiwilligen in Kiew haben noch keinen Feindkontakt gehabt; von denen, die ihn hatten, sind einige so traumatisiert oder desillusioniert, dass sie beschlossen haben, nach Hause zurückzugehen. Ein amerikanischer Veteran erzählte Vice News, dass er in „den ersten drei Tagen“ in der Ukraine mehr erlebt habe als während seines gesamten Einsatzes in Afghanistan.

„Selbst diejenigen mit militärischer Erfahrung müssen erkennen, dass es seit langem keinen Krieg mehr gegeben hat, der so geführt wurde“, sagte ein anderer Veteran gegenüber Vice. Die Streitkräfte der USA und der Nato seien „verwöhnt. Wenn sie Krieg führen, haben sie Unterstützung aus der Luft, medizinische Versorgung, Logistik, Informationen und Unterstützung. Hier in der Ukraine hatten wir nichts von alledem“.

„Wir werden an der Front ein bisschen aufräumen“

Viele Freiwillige befürchten, dass das ukrainische Militär Ausländer als Kanonenfutter einsetzt. Andere dagegen haben den Eindruck, dass die Ukraine den Propagandawert ausländischer Freiwilliger schätzt, sie aber lieber im Hintergrund hält, in logistischen oder zivilen Schutzfunktionen. Scott glaubt, die Ukraine möchte lieber, dass man Ukrainer kämpfen sieht. Immer noch in Lemberg ist sein Plan, sich einer spontan gebildeten Gruppe im Osten anzuschließen, die bewaffnete Evakuierungen aus den von den Russen gehaltenen Gebieten durchführt.

Unterdessen ist Tay entschlossen, an die Front zu kommen. Nach Tagen des Schweigens schickt er mir ein kurzes Video. Der untere Teil seines Gesichts ist mit einem Schal bedeckt und es ist etwas schwierig den Tonfall seiner Stimme zu interpretieren. „Ich habe mich dieser Einheit angeschlossen. Dies könnte daher eins der letzten Videos sein, das ich schicke“, erklärt er. „Ich bin jetzt der einzige Amerikaner. Alex macht etwas Anderes. Wir fahren bald zur Front und wir werden ein paar der besetzten Städte zurückerobern, ein bisschen aufräumen... Also.“

Er formt mit zwei Fingern ein V-Zeichen. Damit endet das Video.

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Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

J Oliver Conroy | The Guardian

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