Lieber als Bieber

Porträt Billie Eilish möchte ein Popstar sein, der die Liebe seiner Fans wirklich verdient hat. Sie vermisst ihre Kindheit
Lieber als Bieber
Billie Eilish singt düstere Songs und hat mehr Follower auf Instagram als Donald Trump. Für ihre Fans möchte sie, soweit möglich, immer da sein

Foto: Kenneth Cappello

Sie spricht lange über Justin Bieber. „Ich kann es nicht einmal so erklären, dass es normal klingt – ich war in ihn verliebt“, sagt Billie Eilish, während sie aus dem Hotelfenster blickt. Ihre schweren Augen – die sonst herausfordernd blicken, als würde sie sagen „Beeindrucke mich“ – glänzen glasig. „Selbstverständlich“ habe jedes Mädchen in ihrem Alter – sie ist 17 – eine Bieber-Phase gehabt, aber bei ihr sei das etwas Besonderes gewesen. „Alles an mir hatte mit ihm zu tun und alles, was ich tat, tat ich für ihn. Es war so furchtbar. Es ist kein schönes Gefühl, in jemanden verliebt zu sein, der nicht einmal weiß, dass man existiert. Ich habe die ganze Zeit geheult, weil ich ihn zu sehr liebte.“

Mittlerweile gibt es Teenager, die ihre Billie-Eilish-Phase haben. Wenn man einen Jugendlichen zwischen 11 und 19 nach ihr fragt, erhält man die Antwort, sie sei seit 2015 berühmt, als sie als 14-Jährige die von ihrem älteren Bruder geschriebene Indie-Ballade Ocean Eyes ins Netz stellte. Ihr Stil sei unverkennbar, die leuchtenden Farben, die Ketten, ihr Look hat ebenso viel von einem SoundCloud-Rapper wie von einer Figur aus der Sesamstraße.

Billie Eilish hat 16,5 Millionen Follower auf Instagram, mehr als Präsident Donald Trump, Stars wie Lana Del Rey und der ehemalige Nirvana-Drummer und Foo-Fighters-Sänger Dave Grohl sind Fans. Vor dem Shepherd’s Bush Empire, einer Musikhalle in London, zelten Anfang März mehrere hundert Mädchen, um sie an allen drei aufeinanderfolgenden Abenden sehen zu können (die alle ausverkauft sind). Sie lachen darüber, dass Erwachsene Billie nicht kennen. „Leute haben schon zu mir gesagt: ‚Billie, ich empfinde genauso für dich wie du für Justin Bieber. So etwas haut mich um, denn wenn das wirklich stimmt?“ Sie schüttelt den Kopf. „Es tut mir leid, Bro. Ich will niemanden in die Lage bringen, in der ich war. Das tut wirklich verdammt weh.“

Von ihrer aktuellen, ziemlich gespenstischen Single Bury a Friend bis hin zu dem drückend-erhabenen You Should See Me in a Crown beschwört Eilish einen dunklen, theatralischen Pop herauf. Es gibt in ihren Stücken sowohl harte Rockelemente als auch leise Töne, unheimliche Balladen: Sie singt mit zarter Stimme, während die Synthesizer dröhnen und harte Schläge produzieren.

Mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums hören viele Eltern vielleicht zum ersten Mal von Billie Eilish, deren Musik für alles an der Popkultur der Generation Z steht, das Erwachsene verblüfft: genrefrei, aber imagebewusst; extrem online, aber privat. Die Songs drehen sich um Angst, Aufrichtigkeit und emotionale Intelligenz, gemischt mit klassischer Teenager-Apathie. Wie ihr Stil lässt sich ihre Musik schwer auf einer Zeitleiste verorten oder auf bestimmte Einflüsse zurückführen. Billie Eilish verkörpert alles auf einmal.

Zu Beginn unseres Gesprächs in einem Hotel in der Nähe des Konzerthauses, zieht sie etwas aus, das aussieht wie eine kugelsichere Weste, wirft ihr Handy auf das Sofa, um es dann während der nächsten Stunde nur einmal in die Hand zu nehmen. Ihr Haar hat denselben graublauen Ton wie ihre Augen, einige Wochen später wird es braun sein. Große Silberringe an ihren Fingern buchstabieren „Billie“ und „Eilish“.

Ruhm in Baggy-Shirts

Eine Cousine im Teenageralter hat mich gewarnt: Auf ihren verblichenen Fotos würde sie für gewöhnlich recht einschüchternd wirken. Persönlich ist Billie Eilish absolut liebenswürdig, sie nennt mich und alle anderen auch „Bro“ und „Dude“. Sie will wirklich nicht, dass jemand ihretwegen leidet, und bemüht sich um persönlichen Kontakt. „Ich bin bewusst die Künstlerin, deren Fan ich gern gewesen wäre, als ich aufwuchs“, sagt sie. Wie Justin Bieber haben alle ihre Lieblingsbands – My Chemical Romance, Avril Lavigne, die Beatles, Del Rey – große Fangemeinden, jeder Fan ist eine/r von Millionen. „Ich will nicht völlig unnahbar sein. Ich habe immer versucht, für meine Fans da zu sein, weil ich selbst das nie bekommen habe. Ich weiß nicht …“ Sie verliert den Faden. Sie sorgt sich und gleichzeitig ist es ihr egal.

Billie Eilish weiß recht gut, dass sie schon fast zu berühmt ist, um für ihre Bewunderer noch nahbar zu sein. Doch ihr Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Fans war immer Teil ihres Erfolgs. Ursprünglich weigerte sie sich, diese bei Meet-&-Greet-Veranstaltungen vor oder nach Konzerten zu treffen und ging lieber spontan in die Menge, um stundenlang mit ihren Fans abzuhängen. Sie antwortete auf jede einzelne Direktnachricht auf Twitter und likte jedes getaggte Bild. „Wenn ich das jetzt immer noch versuchen würde?“, sagt sie und lacht gekünstelt manisch.

Als Kind des Internets hat sie ihr Wissen osmotisch angesammelt, lernte aus Negativbeispielen und sah sich Youtube-Videos über „Die dunkelsten Augenblicke von Prominenten“, „Diva-Momente“ oder „Warum dieser Musiker problematisch ist“ an. Einmal ging sie zu einem Meet & Greet, bei dem der Künstler so kalt und unnahbar war, dass sie danach die Musik nicht mehr länger gehört hat. „Ich würde mit niemandem die Karriere tauschen wollen, niemand kann diesen Scheiß wirklich richtig machen“, sagt sie. Rihanna komme dem, was sie sein wolle, noch am nächsten.

Ihre Bemühungen haben gefruchtet. Als ich die Fans, die draußen warten, frage, warum sie Billie Eilish so sehr lieben, sagen sie immer wieder etwas, von dem man glauben könnte, dass es in Zeiten von Influencern und anderen Industriegewächsen fast bedeutungslos geworden ist: Mit ihr könne man sich identifizieren. Die zwölfjährige Sasha sagt, Eilish befinde sich auf derselben Ebene wie sie. „Wenn sie älter wäre, etwa wie Beyoncé, könnten wir keine Beziehung zu ihr herstellen.“ Ihre Freundin Pearl fügt hinzu, dass die Entwicklung, die Eilishs Musik und Mode im Laufe ihrer Teenagerjahre machten, authentisch sei: „Es ist eine schrittweise Veränderung, die jeder normale Mensch vollzieht.“

Es fällt auf, dass die Mädchen alle Baggy-Shirts oder Hoodys mit Röcken und Turnschuhen kombinieren, eine Freiheit, die sie auf Eilishs Einfluss zurückführen. Und, für eine Generation, die sich danach sehnt, hat Eilish ihren eigenen Ruhm geschaffen. „Das gibt uns das Gefühl, dass wir es auch schaffen können“, sagt Pearl.

Billie Eilish ist in Highland Park, am Rande von Los Angeles, aufgewachsen, bevor die Gegend gentrifiziert wurde. Es sei schlimm gewesen, „unglaublich heruntergekommen“, sagt sie. „Nach Einbruch der Dunkelheit konnte ich nicht mehr rausgehen, weil es zu gefährlich und beschissen war; oft waren in der Nachbarschaft Schüsse zu hören … Die Leute haben eine ziemlich merkwürdige Vorstellung davon, wie ich aufgewachsen bin. Ich glaube, das liegt daran, dass ich aus L.A. komme und Künstlerin bin. Da denken alle automatisch, man komme (und an dieser Stelle spricht sie mit der affektierten Stimme eines Valley Girls und schnaubt) aus Beverly Hills oder so einen Scheiß. Von wegen! Während ich aufwuchs, hatte ich überhaupt kein Geld, ich war arm und hatte gerade einmal ein paar Schuhe und ein Shirt.“

DIY or die: So geht SoundCloud-Rap

Die „New York Times“ nannte im Jahr 2017 „SoundCloud-Rap“ die „lebendigste und revolutionärste“ Bewegung im Hip-Hop. Viele junge Künstler des Genres begannen mit dem Hochladen ihrer Tracks auf der namensgebenden Plattform. Sie eint nicht nur ein bestimmter Do-it-yourself-Ethos, sondern auch ein spezieller Sound: extreme Höhen, extreme Tiefen und hoffnungslose Übersteuerung. SoundCloud-Rap ist eigentlich „Trap“, ein neueres Hip-Hop-Subgenre. Aber der vermeintlich schlechte Selbst-gemacht-Sound der Samples verleiht den Songs ihre besondere Aura. Wäre es Gitarrenmusik, würde Sound-Cloud-Rap vermutlich Garage Rock heißen. SoundCloud-Rapper streben danach, ohne viel Equipment überall Musik produzieren zu können. Die Grundlagen zum Bauen eines Trap-Beats sind so schnell erlernt wie die ersten drei Akkorde auf einer E-Gitarre.

Viele junge Rapper wie Migos oder Lil Pump fingen an, ihre Musik zunächst auf SoundCloud zu verbreiten und wurden später ähnlich erfolgreich wie Billie Eilish. Im Streaming-Zeitalter sind Alben, womöglich noch mit Konzept, etwas für Megastars. Die Newcomer sind Sänger, Komponist, Instrumentalist, Produzent und, Social Media sei Dank, Vertrieb in einem. Verlage, Marketing oder Labels brauchen sie erst, wenn der Erfolg so groß wird, dass er allein kaum zu handhaben ist. Die Aufstiege aus der Cloud auf die Bühne verlaufen oft rasant und nicht immer überstehen die Künstler sie unbeschadet. Seit 2017 sind viele Rapper der SoundCloud-Generation jung verstorben. Billie Eilish versucht es trotzdem auf dem klassischen Weg: Ende März erschien ihre erste CD When We All Fall Asleep, Where Do We Go? (Interscope)

Sie bekam zu Hause Schulunterricht und wuchs in einem sehr offenen Umfeld auf. Ihre Eltern gaben jeder ihrer kreativen Launen nach: Reiten, Tanzen, Klavierunterricht. Eilish arbeitete auf der Ranch und erhielt im Gegenzug Reitstunden. Obwohl ihre Eltern als Teilzeit-Schauspieler nicht viel verdient hätten (ihre Mutter, Maggie Baird, arbeitet auch als Drehbuchautorin, Songschreiberin und Akrobatin), hätten sie das Geld, das ihnen zur Verfügung stand, immer für kreative Dinge ausgegeben. „Ich habe Leute gesehen, die völlig die Orientierung verloren haben, weil man ihnen ihr ganzes Leben lang immer gesagt hatte, was sie tun sollten. Ich musste von klein auf selbst herausfinden, was ich wollte, und musste nie tun, was andere von mir erwartet haben.“ Nachdem sie so viel von früher erzählt hat, seufzt sie. „Ich vermisse meine Kindheit.“

Ihre Mutter und ihr Bruder – Finneas O’Connell, der in der Musical-Serie Glee auftrat und mit Eilish zusammen ihre Lieder schreibt – begleiten sie fast überallhin. Tatsache ist aber, dass sie dem Produkt „Billie Eilish“ mittlerweile kaum noch entkommen kann. Ein paar Tage vor unserem Treffen sah sie sich im Netz ein Video über „dunkelste Augenblicke“ an und entdeckte sich darin plötzlich selbst. Das löste in ihr dasselbe Gefühl von Verrat aus, das sie empfindet, wenn sie zufällig auf gemeine Memes trifft, während sie durch Seiten mit Spaßinhalten scrollt. Wenn aber jemand etwas Gemeines über sie poste, dann sei das lustig. Zumindest gebe es jemanden, der darüber lache, sagt Billie Eilish. „Das macht mir nichts, das berührt mich nicht“, behauptet sie. Sie ist mit der Cancel-Kultur aufgewachsen, in der Personen des öffentlichen Lebens ausgegrenzt werden, weil sie Fehler machen – von einem zweifelhaften alten Tweet bis hin zu ernsthafteren Fehltritten. Aber das macht sie nicht immun gegen den Gedanken, es könne ihr auch passieren: „Der Scheiß ist trotzdem beängstigend.“ Sie tut, als würde sie zittern, und macht ein gespenstisches „Oooh“-Geräusch und schaut mir dabei direkt in die Augen. „Ich habe so oft schlecht davon geträumt.“

Traum und Realität

In ihrem Debütalbum When We All Fall Asleep, Where Do We Go? geht es um luzide Träume, nächtliche Schrecken und Schlafstarre. Es ist ein Album über erste Male, von denen Billie Eilish in den letzten Jahren viele hatte: das erste Mal verliebt sein, das erste Mal miterleben, wie jemand, der einem nahesteht, stirbt. Das erste Mal (fügt sie mit einem weiteren Schnauben hinzu) berühmt sein. Sie sagt, es handle davon, dass Träume und Realität gleich schrecklich sein könnten und „von der gelegentlich angenehmen träumerischen Qualität, am Leben zu sein“. Sie spielt in Texten auf ihre persönliche Sicherheit an.

Sie sagt, sie könne sich deshalb nicht mehr einfach so mit Fans treffen. Auch wenn sie sich auf der Bühne grundsätzlich gut fühle, fühle sie sich doch nicht wirklich sicher. Vor den Auftritten gehe sie durch den Hintereingang. „Manchmal stehen draußen Leute, die nicht so toll sind: keine Fans, sondern Leute, die … nicht mein Bestes wollen.“

Später beim Konzert fühle sie sich angesichts der großen Zahl älterer Männer, die offensichtlich allein gekommen sind und unablässig Bilder von ihr machen, ebenfalls unwohl. Sie geht der Gefahr aus dem Weg, wo sie nur kann. Ein Song, Xanny, bezieht sich auf Xanax, eine Droge, die seit einiger Zeit von einer Generation junger enttäuschter SoundCloud-Rapper verherrlicht wird. „Ich habe nie Drogen genommen, war nie high, ich habe in meinem Leben nie etwas geraucht. Es ist mir scheißegal, das war es schon immer. Es interessiert mich einfach nicht. Ich hab anderen Scheiß, um den ich mich kümmern muss“, sagt Billie Eilish.

In einer Zeit, in der viele Jugendliche hemmungslos mit Beruhigungsmitteln experimentieren, hat sie für ihre Fans eine klare Botschaft. „Ich weiß, dass ihr Lust bekommt, es auch zu probieren, wenn Leute um euch herum diesen Scheiß nehmen, aber das müsst ihr nicht.“ Die Botschaft des Songs sei weniger: „Nehmt keine Drogen“, sondern eher: „Passt auf euch auf“ – eine Bitte, die aus ihrer Verlusterfahrung herrührt. „Ich will nicht, dass noch weitere Freunde von mir sterben.“

Hannah Ewens ist freie Autorin des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 11.04.2019
Geschrieben von

Hannah Ewens | The Guardian

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