Männlichkeit in der Krise

Debatte 2014 ist in Großbritannien das "Jahr des Mannes". Ist die Gesellschaft wirklich durch zu viel Weiblichkeit bedroht? Oder gibt es andere Gründe für die beschriebene Krise?
Ally Fogg | Ausgabe 02/2014 195
Männlichkeit in der Krise

Illustration: Otto

Eigentlich dachte ich, mein Bedarf an fieberhaft-übertriebenen Einlassungen zum Stand der modernen Männlichkeit sei gedeckt. Doch darauf nimmt jemand wie Camille Paglia natürlich keine Rücksicht. Die eigensinnige Feministin dachte in einem Interview mit dem Wall Street Journal laut über die Folgen der Verweiblichung der Gesellschaft und der Entwertung traditioneller männlicher Werte nach und erklärte, wir würden „Zeuge, wie eine Gesellschaft Selbstmord begeht“.

Paglia steht mit ihren Kassandra-Rufen nicht allein da. Hanna Rosin und Christina Hoff-Sommers haben über Das Ende der Männer und den Krieg gegen Jungs geschrieben. Und die Labour-Politikerin Diane Abbott warnte kürzlich vor einer „Krise der Männlichkeit“. Die jungen Männer bei ihr in London-Hackney würden durch Hardcore-Pornos sowie eine „Viagra- und Jack-Daniels-Kultur“ verdorben. In Deutschland sorgten sich in der Zeit zwei Redakteurinnen auf drei Seiten, dass die Männer in einer feminisierteren Welt unter die Räder geraten.

Von Nordamerika über Europa bis nach Ozeanien wird die Männlichkeit pathologisiert, untersucht und betrauert. Die Ironie dabei ist, dass diese Debatte großteils von Frauen geführt wird. Die meisten Männer kennen instinktiv den Grund dafür. Es ist noch immer die erste Regel des Fight Club. Was Männer umtreibt und ängstigt, wird für gewöhnlich in fiktionaler Form wie in der US-Serie Breaking Bad verhandelt oder zum Schutz durch Ironie und Humor gefiltert. Als Social-Media-Nutzer vor Kurzem unter dem Hashtag #Meninist-Twitter feministische Forderungen auf Männer übertrugen und parodierten, kamen hinter der Fassade aus Humor und Sexismus aber auch sehr reale Ängste zum Vorschein.

Vorschlaghämmer der gegenderten Gesellschaft

Die Vorschlaghämmer einer gegenderten Gesellschaft treffen jeden – und werden auch von jedem geschwungen. Frauen, insbesondere Feministinnen, haben über Jahrzehnte hinweg ein Vokabular entwickelt, um ihre geschlechtsspezifischen Benachteiligungen zu diskutieren. Und sie haben sich – das ist entscheidend – den Raum geschaffen, in dem diese Diskussionen geführt werden können. Wir Männer hingegen nuscheln allzu oft etwas in unser Bier hinein und wechseln dann schnell das Thema. Einer der Gründe, warum Männer viel häufiger einen gefährlichen Umgang mit Alkohol und Drogen pflegen und in psychischen Krisen häufiger in der Gefängniszelle landen als in der Sprechstunde eines Arztes. Es könnte auch ein Grund dafür sein, dass Männer ein größeres Suizid-Risiko haben.

Um selbstzerstörerische männliche Verhaltensweisen umzukehren, erklärte die gemeinnützige Campaign Against Living Miserably 2014 zum „Jahr des Mannes“ in Großbritannien. Sie will mit Diskussionsveranstaltungen die öffentliche Meinung und die Politik bezüglich speziell Männer betreffender Gender-Themen verändern.

Das führt uns zu der zentralen Frage, ob das Diskutieren von Männlichkeit tatsächlich etwas an den Verhaltensweisen von Männern ändert – und an den Erwartungen, die die Gesellschaft an sie stellt. Meine These: Die mutmaßliche Krise der Männlichkeit ist zu großen Teilen eine ökonomische, eine Krise von Lohnarbeit, Bildungs- und Sozialpolitik, medizinischer Versorgung und sozialer Absicherung. Diese Probleme können mit Gesprächskreisen allein nicht gelöst werden. Wenn man sie benennt, verändert man aber vielleicht das Verhalten von Männern. Und wenn dies das Ende der uns bekannten Zivilisation bedeutet, könnte es sein, dass sich die schlicht überlebt hat.

Ally Fogg schreibt für das Meinungsressort des Guardian.

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 14.01.2014
Geschrieben von

Ally Fogg | The Guardian

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