Mann im Schatten

Chile Viele nennen ihn den Oskar Schindler Lateinamerikas: Roberto Kozak, ein vergessener Held des 20. Jahrhunderts

Am Silvestertag 1986, kurz vor zehn Uhr morgens, betrat eine Gruppe bewaffneter Männer das Büro einer kleinen Hilfsorganisation für die Umsiedlung von Migranten in Santiago de Chile. Sie fingen sofort an, die Menschen zusammenzutreiben. „Sie trieben uns in den Konferenzraum und zwangen uns, uns mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen. Sie schnitten Computerkabel ab und fesselten uns an den Handgelenken“, erinnert sich Eliana Infante, eine der Mitarbeiterinnen. „Nachdem sie uns gefesselt hatten, fragten sie uns: ,Wer ist der kommunistische Hurensohn Roberto Kozak?’” Daraufhin erhob sich ein großer, auffallend gutaussehender und tadellos gekleideter Mann vom Boden und sagte seelenruhig: „Das bin ich.“ Kozak wurde mit vorgehaltenem Maschinengewehr von den Männern abgeführt. Er musste sich in einem Nachbarzimmer auf einen Tisch legen und wurde dann von den Paramilitärs befragt.

Die Bewaffneten gehörten einer rechten Todesschwadron an, die Chiles Diktator General Augusto Pinochet treu ergeben war. Kozak leitete in Santiago die Außenstelle des in Genf ansässigen Intergovernmental Committee for European Migration (ICEM). Die Männer suchten nach Waffen und Geld, die sie in Kozaks Büro vermuteten, und nach Beweisen, dass Kozak ein paar Monate zuvor am Versuch eines Attentats auf Pinochet beteiligt gewesen war. Fünf Leibwächter des Diktators waren dabei ums Leben gekommen.

In den Tagen unmittelbar nach dem Attentat hatte Pinochets Sicherheitsdienst mehrere bekannte linke Aktivisten entführt und ihnen die Kehle durchgeschnitten. Als die Paramilitärs das ICEM-Büro stürmten, fürchteten Eliana Infante und die anderen Mitarbeiter, dass sie auch Kozak ermorden und danach das Büro in Brand stecken würden – ohne sie vorher von ihren Fesseln zu befreien.

In dem Verhör beharrte Kozak darauf, dass das Büro in Santiago sich ausschließlich um Flüchtlinge kümmere, es gebe weder Waffen noch größere Summen an Bargeld in den Räumen. Nach einer Stunde ließen Pinochets Schergen von ihm ab. Kozak rannte sofort in den Konferenzraum, um seine Mitarbeiter zu befreien. „Er war ganz grünlich im Gesicht, etwas zwischen Weiß, Gelb und Grün“, erinnert sich Infante. „Aber ansonsten merkte man ihm nichts an. Er stieg ganz ruhig die Treppe hinunter, ging in sein Büro und informierte das Hauptquartier in Genf über die Durchsuchung. Dann machte er sich wieder an die Arbeit.“

Die Geschichte von Roberto Kozak ist eine der großen unerzählten Geschichten des 20. Jahrhunderts. Diplomatenkollegen, die alle Details dessen kennen, was er während der Pinochet-Ära getan hat, nennen ihn den „Schindler Lateinamerikas“. Wie der deutsche Geschäftsmann Oskar Schindler, der im Zweiten Weltkrieg in Polen 1.200 Juden half, nutzte auch Kozak mutig seine Position und seine Kontakte, um Menschenleben zu retten. Er hätte auch einfach den Kopf einziehen können, als Tausende von der brutalen chilenischen Militär- und Geheimpolizei gefangen genommen, gefoltert und ermordet wurden. Aber Kozak entschied sich zu helfen. In den Jahren nach dem Putsch Pinochetes gegen die Volksfront-Regierung von Salvador Allende halfen Kozak und Diplomaten anderer Länder schätzungsweise 25.000 – 35.000 chilenischen politischen Gefangenen, aus den Kerkern des Regimes freizukommen, und brachten sie im Ausland in Sicherheit.

Mit Geduld und Whiskey

Mehr als zehn Jahre vor der Razzia in seinem Büro hatte Kozak sich in die inneren Kreise des Pinochet-Regimes vorgearbeitet und versucht, sich mit Militärs, Politikern, Funktionären und Geheimdienstleuten gut zu stellen. Mit einer Kombination aus diplomatischem Charme, Geduld und kistenweise importiertem Whiskey verhandelte er über die Freilassung linker Gefangener, während er gleichzeitig in ein und demselben Haus, in dem die Partys stattfanden, Verfolgte versteckte. Kozak verhandelte oft über eine ganze Gruppe, manchmal Hunderte von Gefangenen auf einmal, manchmal waren es aber auch nur einer oder zwei.

Als er im September 2015 starb, wusste die Welt so gut wie nichts über das außerordentliche Vermächtnis dieses Mannes. Außer ein paar Artikeln in der Lokalpresse und einem Ehrenpreis, den ihm die chilenische Regierung 1992 nach dem Ende der Diktatur verliehen hatte, gab es keine breitere Anerkennung. Kozak war bescheiden und erzählte selbst seinen Kindern erst gegen Ende seines Lebens von seinen Taten. Sein Sohn Nikolai, der heute 24 ist, wusste nur wenig über die Arbeit seines Vaters, bis 2010 in Santiago das Menschenrechtsmuseum „Museo de la Memoria“ eröffnet wurde.

Junta-Chef Augusto Pinochet
Foto: Marco Ugarte/AFP/Getty Images

Während der Zeremonie auf einem Platz, der mit einer großen Menschenmenge gefüllt war, bemerkte Nikolai, wie sein Vater voll freudiger Überraschung jemanden auf der anderen Seite des Platzes ins Auge gefasst hatte. Der Mann erwiderte seinen Blick. Die beiden bahnten sich einen Weg durch die Menge, fielen sich schließlich schweigend in die Arme und begannen zu weinen. Nikolai hatte seinen Vater noch niemals zuvor so emotional gesehen. Noch überraschender war allerdings, was der Mann, der sich als Patricio Bustos vorstellte, später zu ihm sagte: „Dein Vater hat mir das Leben gerettet.“ Es war ein Wendepunkt. „Da wurde mir klar, dass mein Vater nicht der Mann war, für den ich ihn gehalten hatte“, erinnert sich Nikolai.

Roberto Kozak wurde am 14. Mai 1942 in einem Dorf im Nordosten Argentiniens geboren. Sein Vater war in den 1890ern aus der Ukraine eingewandert; seine Mutter, die ebenfalls ukrainische Wurzeln hatte, stammte aus Buenos Aires. Als eins von zwölf Kindern war Kozak noch klein, als die Familie in eine arme Arbeitergegend am Rande der Hauptstadt zog. Da sein Vater nur Gelegenheitsjobs finden konnte, war das Geld immer knapp.

Mit neun Jahren begann er, nach der Schule in einem Buchladen zu arbeiten. Der Besitzer sollte einen prägenden Einfluss auf ihn haben. Er erlaubte dem jungen Roberto, sich die Bücher anzusehen, wenn gerade keine Kunden da waren. Der Junge wurde schon bald ein eifriger Leser, interessierte sich für Maschinenbau, aber auch für internationale Politik. Ganz besonders liebte er einen Atlas voller Kuriositäten über weit entfernte Orte. Als er mit der Schule fertig war, schrieb er sich schließlich an der Universität von Buenos Aires für Bauingenieurwesen ein und arbeitete nach seinem Abschluss in verschiedenen technischen Berufen.

Mit 21 Jahren heiratete er Elsa Beatriz, die Tochter polnischer Einwanderer. Ende der 1960er Jahre kam ihr gemeinsamer Sohn Sergio zur Welt. Als der zwei Jahre alt war, trennten sie sich, blieben aber in Kontakt. (Seine zweite Frau lernte Kozak 1976 in einem Seminar in Buenos Aires kennen. Zusammen hatten sie einen Sohn, Nikolai, und eine Tochter, Nathalie, die heute 21 ist.) Ungefähr zu der Zeit, als seine erste Ehe zerbrach, schlug Kozak einen anderen beruflichen Karriereweg ein. Er suchte nach einer Gelegenheit, um die Welt zu sehen.

Von Diplomaten ausgebildet

Als er eines Tages im Jahr 1968 in einer Zeitung die Ausschreibung für eine Stelle im argentinischen Büro der Nichtregierungsorganisation ICEM sah, bewarb er sich. Das ICEM war 1951 gegründet worden, um Menschen zu helfen, die im Zweiten Weltkrieg vertrieben worden waren. Als Kozak dort anfing, war der Geltungsbereich noch begrenzt. Heute aber verfügt die inzwischen in „International Organization for Migration“ umbenannte Einrichtung über 165 Mitgliedsstaaten und operiert unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen.

Nach zwei Jahren in Argentinien begann sich Kozak 1970 auf eine internationale Rolle innerhalb des ICEM vorzubereiten. Er verbrachte sechs Monate in der Bundesrepublik Deutschland, wurde dort zum Diplomaten ausgebildet und ging dann für zwei weitere Jahre nach London, um Englisch zu lernen. Anschließend arbeitete er zwei Jahre lang im Genfer Büro des ICEM und betreute dort Migrationsprogramme für Lateinamerika, bevor er einem Transfer nach Chile zustimmte.

Nach seiner Ankunft im Mai 1972 wurde ihm schnell klar, dass ein Putsch gegen die Regierung von Salvador Allende bevorstand. Es kam zu Nahrungsmittelknappheit, Streiks, und die Anzeichen, dass es in der Armee brodelte, verdichteten sich. Kozaks diplomatische Kontakte bestätigten ihm die weitverbreitete Annahme, dass die CIA daran arbeitete, die Regierung zu destabilisieren. Der Putsch begann am 11. September 1973, morgens um sieben Uhr. Bis zum Nachmittag war der Präsidentenpalast gestürmt, Allende hatte sich in seinem Amtssitz das Leben genommen und Pinochets Militärjunta sich selbst zur neuen Führung erklärt.

Für viele Chilenen kam der Putsch nicht unerwartet, doch die Brutalität, mit der das Militär gegen Allende und seine Anhänger vorging, war für viele ein Schock. Pinochet und sein innerer Zirkel sahen den Sturz Allendes und seiner Volksfront-Regierung nicht nur als Mittel, um die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu sichern und für Stabilität zu sorgen, sondern um das auszumerzen, was für sie ein Krebsgeschwür im Herzen der Gesellschaft darstellte: den Marxismus.

Soldaten während des Putsches
Foto: Keystone/Getty Images

Umgehend begannen Armee und Geheimpolizei damit, Höfe, Privatwohnungen und sogar das nationale Fußballstadion als Internierungslager zu requirieren. Sie verhafteten Kommunisten, Sozialisten, Studenten, Journalisten, Priester und Musiker. Jegliche Verbindung zur chilenischen Linken oder der Verdacht einer Beteiligung an organisiertem Widerstand reichte als Grund für eine Inhaftierung. Todesschwadronen, die aus schwerbewaffneten Kampftruppen bestanden, zogen durch den Norden Chiles, durchkämmten Dörfer und Städte und hinterließen eine Spur des Todes. Zwischen 1973 und 1978 wurden an die 70.000 Menschen inhaftiert, schätzungsweise 30.000 von ihnen gefoltert und ungefähr 3.500 getötet.

Von den ersten Tagen des Putsches an war Kozak entschlossen, etwas für diejenigen zu tun, die in die Fänge des Pinochet-Regimes geraten waren. Seine bisherige Arbeit war recht profan gewesen. Er erstellte Migrationsprogramme für Leute, die nach Südamerika auswandern wollten, und organisierte den Transport für Neuankömmlinge. „Er musste etwas unternehmen und konnte nicht einfach nur zuschauen. Er war der Ansicht, Organisationen wie das ICEM sollten den Menschen Schutz bieten“, erzählt seine Witwe Silvia. Das bedeutete, sich aktiv für die Opfer von Pinochets brutaler Konterrevolution einzusetzen. Das ICEM war damals eine sehr risikoscheue Organisation, die keine der Regierungen ihrer Mitgliedsländer verärgern wollte. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Leitung in Genf sich nicht voll darüber im Klaren war, was Kozak tat.

Einer von Kozaks ersten Schritten bestand darin, enge Arbeitsbeziehungen zu Diplomaten befreundeter Botschaften herzustellen. „Roberto hat eine große Aufgabe übernommen, doch er hat das nicht alleine getan“, betont Silvia. „Er war Teil eines Netzwerkes und hätte es egozentrisch gefunden, die Verantwortung für sich in Anspruch zu nehmen. Er wusste, dass das, was er tat, wichtig war. Aber er drängte sich nie in den Mittelpunkt. Er legte großen Wert auf Teamwork.“

Einer der mutigsten Diplomaten, die unmittelbar nach dem Putsch mit Kozak zusammenarbeiteten, war der inzwischen verstorbene schwedische Botschafter Harald Edelstam. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er Juden geholfen, aus Norwegen nach Schweden zu fliehen. Nun, in Chile, arbeitete er daran, Menschen vor dem Regime Pinochets zu retten.

Roberto Kozak begleitet eine befreite Britin zum Flughafen
Foto: Museo de la Memoria y los Derechos Humanos

Einmal kam er Hunderten kubanischer Diplomaten und Anhängern Allendes zu Hilfe, die in der Botschaft Kubas in Santiago in der Falle saßen. Panzer beschossen das Gebäude, und Soldaten bereiteten sich auf die Erstürmung vor. Lediglich mit einer schwedischen Flagge in der Hand betrat Edelstam die Botschaft und half dabei, freies Geleit für die 147 Diplomaten auszuhandeln. Nachdem er seine Kollegen aus dem Gebäude eskortiert hatte, kehrte er zurück, um in der Botschaft zu übernachten und die dort zurückgebliebenen Chilenen zu beschützen. Das blieb nicht ohne FolgenNoch vor Ende des Jahres 1973 wurde Edelstam zur Persona non grata erklärt und aus Chile ausgewiesen.

Verzweifelte Suche

Kozak arbeitete auch mit anderen Diplomaten und Menschenrechtsorganisationen wie dem „Vicariate of Solidarity“ zusammen. Sie tauschten Listen von Gefangenen aus und wurden schnell zu Ansprechpartnern für Familien, die verzweifelt nach ihren Angehörigen suchten. Kozak besuchte Internierungslager, um einzelne Gefangene ausfindig zu machen. Bei ein paar wurde er eingelassen, doch bei denjenigen, in denen die brutalsten Verhöre und Folterungen stattfanden, verwehrte man ihm den Zutritt. Infante erzählt, Kozak habe sie dazu angehalten, sorgsam mit jeder einzelnen Akte umzugehen. „Das sind keine Akten, das sind Menschenleben, die es verdient haben, dass man sie mit Respekt behandelt“, ermahnte sie Kozak.

Emilio Barbarani, einer der italienischen Diplomaten, die sich zu dieser Zeit in Santiago befanden, arbeitete eng mit Kozak zusammen und kam ihm sehr nahe. Laut Barbarani, der heute 76 Jahre alt ist, bestand Kozaks wichtigste Rolle darin, sich mit führenden Figuren des Regimes anzufreunden und sie davon zu überzeugen, die Inhaftierten freizulassen. Kam es zu einer Freilassung, musste Kozak ein Land finden, das dem Verfolgten ein Visum ausstellte, und die Reise organisieren. Er holte die Leute direkt vor dem Internierungslager ab, damit sie nicht gleich wieder verhaftet wurden oder gar plötzlich „verschwanden“. Dann beherbergte Kozak sie in seinem Büro oder bei sich zu Hause, bis es ihm gelungen war, ihnen die Flucht aus Chile zu ermöglichen. Er brachte die Freigekommenen persönlich zum Flughafen, der von der chilenischen Geheimpolizei kontrolliert wurde, und begleitete sie, wann immer dies möglich war, bis zur Tür des Flugzeugs.

Da er sich voll im Klaren darüber war, dass seiner diplomatischen Immunität im Chile Pinochets enge Grenzen gesetzt waren, trat er öffentlich nie in Erscheinung und hoffte stattdessen darauf, dass die Deals mit der Junta, eingehalten werden würden. Während einige Vertreter des Regimes bereit waren, zu tolerieren, was Kozak tat, lehnten andere – wie etwa der Chef der Geheimpolizei, Manuel Contreras – seine Rettungsaktionen als Einmischung in die innerchilenischen Angelegenheiten entschieden ab.

Unter seinen Angestellten sowie unter Diplomatenkollegen war Kozak berühmt für seine Arbeitsmoral. Er begann frühmorgens – oft, nachdem er bereits am Flughafen gewesen war, um einen Gefangenen zu begleiten, oder er hatte ohnehin die ganze Nacht im Büro verbracht, um auf einen Freigekommenen aufzupassen – und arbeitete bis spät in die Nacht. Und dann waren da noch die Partys.

Ein Schlüssel zu Kozaks Erfolg bei seinen Bemühungen um die Freilassung von Gefangenen waren die spätnächtlichen Treffen in seinem eleganten Haus im Santiagoer Bezirk La Reina. Nacht für Nacht lud er führende Köpfe der Geheimpolizei, Armeegenerale und ausländische Diplomaten ein und versuchte, die Funktionäre bei Cocktails und Whiskey zur Unterzeichnung von immer neuen Entlassungsbefehlen zu bewegen. Außerdem nutzte er die Partys, um herauszufinden, wo einzelne Gefangene festgehalten wurden und welche Botschaften Visa ausstellten – eine Voraussetzung dafür, mit den Verhandlungen um eine Entlassung beginnen zu können.

Die Fahrer des ICEM kamen morgens oft mit tiefen Ringen um die Augen ins Büro, weil sie die ganze Nacht als Kellner auf einer von Kozaks Partys gearbeitet hatten. „Es gab eine Sperrstunde, die galt aber nicht für die Junta“, erinnert sich Eliana Infante an Kozaks Methoden. „Whiskey war von großer Bedeutung. Über jede Anordnung musste einzeln verhandelt werden.“

Ex-Präsidentin Michelle Bachelet bei einer Gedenkfeier für die Opfer der Diktatur
Fotos: Martin Bernetti/AFP/Getty Images

In all den Jahren der Diktatur, die bis 1990 andauerte, führte Kozak ein Doppelleben. „Während Roberto in seinem Haus eine Party für Vertreter der Armee gab, versteckten sich Flüchtige und politische Gefangene auf dem Dachboden“, erinnert sich Infante. „Er spielte permanent mit dem Feuer.“ Aber Kozak gelang es, seine Angst unter Kontrolle zu halten. „Als ich ihn Jahre später gefragt habe, welchen Beruf er gerne ausgeübt hätte, sagte er: Theaterschauspieler“, erzählt Eliana Infante.

Nach wenigen Jahren reichten Kozaks Kontakte in der Junta bis ganz nach oben. Ein freigegebenes Telegramm der US-Botschaft in Santiago vom April 1978 gibt über ein Treffen zwischen ihm und Pinochet persönlich Auskunft. „Kozak gab uns eine optimistische Einschätzung seines Treffens mit Präsident Pinochet und Justizministerin Madriagada vom 14. April“, heißt es in dem Dokument.

Berühmt-berüchtige Partys

Auf seinen berühmt-berüchtigten Partys schärfte Kozak seinen Gästen permanent ein, dass Chiles internationale Reputation durch die Menschenrechtsverletzungen schwer in Mitleidenschaft gezogen werde. Wenn sie etwas für das Ansehen ihres Landes tun wollten, müssten sie lediglich die Gefangenen freilassen. Gegenüber Pinochet argumentierte er in gleicher Weise. Wenn der Diktator bereit sei, Dutzende politischer Gefangener zu entlassen, werde er, Kozak, eine Erklärung veröffentlichen, in der er den Schritt als Verbesserung der Menschenrechtsbilanz des Landes lobe.

Trotz seiner äußerlichen Ruhe ließ Kozak seine Arbeit natürlich nicht kalt. Silvia zufolge machte ihm nicht nur das persönliche Risiko zu schaffen, sondern er litt auch unter den vielen Berichten über Folterungen, die er fast täglich zu hören bekam, und es quälte ihn, wenn seine Bemühungen erfolglos blieben. Besonders schmerzte es ihn, als er es nicht schaffte, den Mord an José Hernán Carrasco Vásquez und Humberto Juan Carlos Menanteau Aceituno zu verhindern, den Anführern des Movimiento de Izquierda Revolucionaria (MIR), einer linken Bewegung, die sich weitgehend aus Studenten und Gewerkschaftern zusammensetzte.

Die beiden wurden 1974 von der Geheimpolizei verhaftet. Kozak half im September 1975 dabei, ihre Freilassung zu verhandeln, doch seine Versuche, Visa für Frankreich zu erhalten, wurden wiederholt durch bürokratische Probleme verzögert. Im November wurden die beiden abermals von der Geheimpolizei verhaftet und verschleppt. Ein paar Wochen später erhielt Kozak die Nachricht, dass sie tot aufgefunden worden waren, ihre Körper gezeichnet von Spuren der Folter. Als er an diesem Tag die Post öffnete, war darunter ein Brief aus Frankreich mit der Bewilligung der Visa.

Das berüchtigtste Internierungslager des Regimes war die Villa Grimaldi, ein entlegenes Gehöft in den Außenbezirken Santiagos, das nach dem Putsch von der Geheimpolizei – der Dirección de Inteligencia Nacional (DINA) – übernommen worden war. Die Villa Grimaldi war für gewöhnlich der erste Halt für die Verhafteten: ein Ort, an dem Menschen, die der Subversion bezichtigt wurden, ohne Verfahren festgehalten und nach den Namen ihrer Genossen ausgefragt wurden.

Die Villa Grimaldi wurde von Major Marcelo Moren Brito geleitet, einem früheren Militäroffizier, der nach dem Putsch in die Geheimpolizei eintrat und zu einem der erbarmungslosesten Vernehmer wurde. An die 4.500 Menschen wurden insgesamt in der Villa Grimaldi festgehalten, die meisten von ihnen wurden gefoltert. Mehr als 200 starben, entweder an den Folgen der Folter oder dem Mangel an medizinischer Hilfe. Andere verschwanden einfach.

Mit verbundenen Augen

Unter diesen Verhörten war auch die heutige Präsidentin Chiles, Michelle Bachelet. Ihr Vater war Brigadegeneral in der chilenischen Luftwaffe gewesen und hatte in der Regierung Allende gedient. Im März 1974 wurde er verhaftet und starb an einem Herzstillstand, wahrscheinlich nachdem er wiederholt gefoltert worden war. Monate nach seinem Tod, im Januar 1975, wurden Bachelet, die damals studierte, und ihre Mutter Ángela Jeria verhaftet. Man verband ihnen die Augen und brachte sie in die Villa Grimaldi.

Jeria, die heute 90 Jahre alt ist, wurde von Brito verhört. „Er packte mich an den Schultern und begann mich zu begrabschen. Mir waren die Hände gebunden, ich konnte mich nicht wehren, also sagte ich: ,Major, benehmen Sie sich‘ und das tat er dann auch.“ Für Jeria war am schlimmsten, dass sie nicht wusste, was mit ihrer Tochter geschehen war. Erst nach zehn Tagen ließ man sie kurz zusammen. „Mir waren die ganze Zeit die Augen verbunden, aber wir konnten gegenseitig unsere Gegenwart spüren.“

Gut für die Reputation?

Bachelet wurde ebenfalls verhört und vor ihrer Mutter wieder freigelassen. Als sie draußen war, kontaktierte sie Kozak und Freunde der Familie bei der Luftwaffe und bat sie, ihr zu helfen, ihre Mutter freizubekommen. Kozak ging zur australischen Botschaft, um dort um ein Visum für Bachelet und ihre Mutter zu bitten, und begleitete sie im Mai 1975 zum Flughafen, von wo aus sie ins Exil aufbrachen. Bis zum heutigen Tag, sagt Jeria, hätten sie und ihre Tochter nicht miteinander darüber gesprochen, was man ihnen in der Villa Grimaldi angetan hat.

Eines der Telegramme, die von der US-Botschaft in Santiago verschickt wurden, gibt Auskunft über das Ausmaß von Kozaks humanitärer Arbeit. In dem Schreiben vom 20. April 1975 heißt es, dass jeden Monat schätzungsweise 400 – 600 ehemalige Gefangene aus Chile herausgebracht würden und es wird auch aufgeführt, wohin die Menschen gebracht wurden. 1975 gehörten die Nachbarländern, Argentinien und Peru sowie Frankreich zu den Ländern, die die meisten Flüchtlinge aufnahmen: jeweils 104 politische Gefangene. Sie wurden nur von Großbritannien mit 429 übertroffen..

1979 verließ Kozak Chile und ging zurück nach Genf. US-Kabeln zufolge waren zu diesem Zeitpunkt nur noch 79 politische Gefangene weiter in Haft. Die Junta hatte sich bereiterklärt, die Freilassungen zu beschleunigen, wenn Kozak eine öffentliche Erklärung unterschrieb, wonach es quasi keine politischen Gefangenen mehr gebe. Kozak stimmte zu.

Im Jahr 1980 war der Widerstand gegen Pinochet weitgehend niedergeschlagen. Die Morde des Sicherheitsdienstes waren gezielter geworden und hatten an Willkür verloren. Viele Exilanten kehrten zurück. Kozak kam im Jahr 1984 wieder nach Santiago und half nun Menschen, die auf dem Höhepunkt der Repression geflohen waren, bei der Rückkehr. Auch das war nicht immer einfach. Einige in der Junta glaubten, es sei gut für ihre Reputation, wenn Exilanten zurückkehrten. Andere fürchteten, die Geflüchteten könnten den bewaffneten Widerstand wieder anfachen. Als am 8. September 1986 Mitglieder einer marxistischen Guerilla Pinochets Autokolonne überfielen, um den Diktator zu ermorden, fühlten die Hardliner sich bestätigt.

Da es eine direkte Verbindung zwischen dem ICEM und einigen Personen gab, die beschuldigt wurden, an dem Anschlag auf Pinochet beteiligt gewesen zu sein, steckte Kozak plötzlich in großen Schwierigkeiten. „Die Organisatoren wurden von uns nach Chile gebracht“, sagt Infante. Diese ehemaligen Exilanten hatten im Rahmen eines speziellen Programms des ICEM eine Bäckerei eröffnet. „Da die Bäckerei mit unserem Geld finanziert worden war, kamen die Paramilitärs nach dem Anschlag direkt zu uns.“ Die Razzia machte Kozak noch lange schwer zu schaffen und habe ihn nachts bis in seine Träume verfolgt, erzählt Silvia.

1991, ein Jahr nach dem Ende des Regimes, verließ Kozak Chile abermals, um in Moskau ein Büro für seinen alten Arbeitgeber aufzubauen, der sich inzwischen „International Organization for Migration“ (IOM) nannte. 1994 kehrte er noch einmal als Stabschef des IOM nach Genf zurück, und zehn Jahre später ging er dann schließlich in Pension. Kozak ließ sich aber nicht in seiner Heimat Argentinien nieder, sondern in Chile – dem Land, das sein Leben bestimmt hatte und wo er sich am meisten zu Hause fühlte. 1992 verlieh Chile Kozak die höchste Ehre, den Orden Bernardo O’Higgins, benannt nach einem der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung. Viele seiner Kollegen und viele von denen, denen er geholfen hatte, fanden, er habe mehr verdient, und waren erfreut, als die Regierung ihm schließlich doch noch die chilenische Staatsbürgerschaft verlieh.

Die letzten zehn Jahre seines Lebens kämpfte Kozak gegen eine Krebserkrankung. Wie es seine Art war, hatte er nicht vielen davon erzählt. Aber als klar wurde, dass er bald sterben würde, flog er nach Buenos Aires, um sich einer besonderen Therapie zu unterziehen. Bei der Passkontrolle am Flughafen von Santiago stellte sich seine Frau Silvia wie immer in die Warteschlange für argentinische Staatsbürger. Da ihm erst vier Tage zuvor die chilenische Staatsangehörigkeit verliehen worden war, reihte sich Kozak in die Reihe der Wartenden am Schalter für Nicht-Argentinier ein. „Bist du verrückt geworden?“, fragte sie ihn und blickte auf die lange Schlange. Doch Kozak war so stolz auf seine neue chilenische Staatsbürgerschaft, dass er sogar die längere Wartezeit in Kauf nahm.

Chile hat sich nur zögerlich mit der Zeit der Pinochet-Diktatur auseinandergesetzt, bis heute. Immerhin: Ein paar Mitglieder des Regimes wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Der ehemalige Chef der Geheimpolizei, Manuel Contreras, wurde zu einer Haftstrafe von 529 Jahren verurteilt; Brito, der Folterer aus der Villa Grimaldi, erhielt 300 Jahre Haft. Seit 1990 hat es in Chile allerdings nur 188 erfolgreiche Anklageerhebungen gegeben. 1.300 Ermittlungsverfahren sind nach Angaben des Museo de la Memoria noch immer anhängig.

Das letzte Gespräch führten Kozak und Silvia im Taxi auf dem Weg in das Krebszentrum in Buenos Aires. Als sie im Radio eine Meldung über die Flüchtlingskrise im Mittelmeer hörten, sagte er zu ihr: „Wenn ich jung wäre, wäre ich dort.“ 15 Minuten später war er tot.

Ewen MacAskill ist politischer Korrespondent und war lange Büroleiter des Guardian in Washington. Jonathan Franklin ist Spezialist für Menschenrechte und Chile-Korrespondent

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 01.03.2017
Geschrieben von

Ewen MacAskill, Jonathan Franklin | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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