„Mein eigener Schmerz“

Interview Attica Locke wuchs im tiefsten Texas auf, ihr Roman „Heaven, My Home“ ist wie ein Blues-Song

Am Caddo Lake verschwindet ein Kind, ein Aframerikaner soll den Neunjährigen ermordet haben. Der schwarze Texas Ranger Darren Mathews, bereits bekannt aus dem Vorgängerband Bluebird, Bluebird, soll ihn finden. Der Junge stammt aus einer Familie von „White Supremacy“-Anhängern. „Müssen schwarze Menschen immer diejenigen sein, die vergeben? Müssen Schwarze menschliche Größe zeigen?“, fragte sich die Schriftstellerin in ihrem Südstaaten-Krimi Heaven, My Home.

der Freitag: Frau Locke, was hat Sie dazu inspiriert, über einen Texas Ranger zu schreiben?

Attica Locke: Durch meine Arbeit als Drehbuchschreiberin fürs Fernsehen weiß ich, wie viel Spaß es machen kann, längere Zeit mit einem bestimmten Charakter zu verbringen. Dann kam mir die Idee, einen Texas Ranger zu nehmen. Ich mag Underdogs und Außenseiter. Ich fand eine Möglichkeit, wie er beides sein konnte, und das ist der grundlegende Widerspruch: Darren ist ein autoritärer Charakter, aber gleichzeitig geht das für ihn nicht ohne innere Konflikte ab. Mein Roman Bluebird, Bluebird endet mit einem Cliffhanger, es war klar, dass ich irgendwann zu der Geschichte zurückkehren musste, um sie zu beenden.

Der Roman erzählt von den Ängsten der Menschen in der Zeit vor US-Präsident Donald Trumps Amtseinführung ...

Im Rückblick würde ich sagen, es handelt sich um eine Trump-Ära-Reihe. Dabei entstand Bluebird, Bluebird bereits vor Trumps Wahl zum Präsidenten. Schon während seines Wahlkampfs war Gedankengut, das von der Überlegenheit von Weißen ausgeht, präsent, aber ich glaubte nicht daran, dass er je gewählt werden würde. Ich beschloss, Heaven, My Home genau in die Zeit vor dem Amtsantritt zu legen, weil so viele Menschen in diesem Zeitfenster zwischen Wahl und Amtseinführung sehr verunsichert waren. Der neue Roman hat mehr mit mir selbst zu tun als sein Vorgänger. Er spiegelt meine Auseinandersetzung mit dem Konzept von Vergebung. Das hatte mit einem Vorfall an der Schule meiner Tochter zu tun: Ein weißes Kind bezeichnete ein schwarzes Kind mit dem N-Wort. Ich war schockiert und voller Wut. Meine Tochter war jedoch bereit, dem Kind zu vergeben. Sie ist zwölf. Aber ich blickte die Mutter des schwarzen Kindes an und musste weinen. Und als ich den Jungen sah, der dieses Wort gesagt hatte, wurde mir innerlich schlecht. Der Charakter des vermissten Jungen Levi entstand daraus. Ich wollte herausfinden, warum ich einem Kind nicht vergeben konnte. Der Ausgangspunkt war mein eigener Schmerz.

Und hat sich beim Schreiben des Romans Ihre Einstellung zur Vergebung verändert?

Nein. Ich stehe immer noch vor der Entscheidung und weiß nicht, in welche Richtung es geht. Müssen schwarze Menschen immer diejenigen sein, die vergeben? Müssen wir ewig die sein, die mehr menschliche Größe zeigen, oder hat Vergebung ihre Grenzen?

Zur Person

Foto: Amy Sussman/Getty Images/AFI

Attica Locke, 1974 geboren in Houston, Texas, lebt heute mit Mann und Tochter in Los Angeles. Ihr Thriller Bluebird, Bluebird wurde vielfach prämiert, Heaven My Home ist ihr fünfter Roman (übersetzt von Susanna Mende, Polar Verlag 2020, 322 S., 22 €)

In „Heaven, My Home“ loten Sie auf bewegende Weise das Thema Heimat aus ...

Der Titel stammt aus einem Blues-Song. Musik mit schwarzen Wurzeln kann sehr häufig keinen bleibenden Ort für Heimat benennen, und ich glaube, das entspricht der Erfahrung der Afroamerikaner: Als sie ins Land kamen, ohne hier eine eigene Heimat zu besitzen, konnten sie irgendwohin geschickt werden. Diese Musik hat für mich immer einen Zweck erfüllt. Wenn ich im Leben damit kämpfen muss, dass mir Rassismus Schmerz bereitet, spiele ich Blues-Songs.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich lebe heute in Los Angeles, aber Texas bleibt für immer die Heimat, mit der ich mich mit Herz und Seele verbunden fühle. Es ist die Linse, durch die ich die Welt sehe. Damit meine ich nicht den derzeitigen Stand der Politik. Ich stamme aus einer ländlichen Familie, die in der Landwirtschaft gearbeitet hat. Wenn ich vor Problemen stehe, beziehe ich aus dieser Stärke Kraft: Dank meiner texanischen Erziehung, insbesondere dem Aufwachsen in einem landwirtschaftlichen Umfeld, habe ich eine sehr pragmatische Einstellung zum Leben. Texas ist sehr stark meine Heimat.

Ein großer Teil Ihrer Familie lebt in Städten entlang der Route 59, die den Norden und den Süden der USA verbindet. Inwiefern hat das Ihre Fantasie angeregt?

In meiner Kindheit sind wir immer die 59 hoch- und runtergefahren, um Verwandte zu besuchen. Ich hatte damals keinen iPod und kein iPad. Daher verbrachte ich viel Zeit damit, aus dem Fenster heraus Flüsschen, Nadelbäume und Leute zu beobachten, die von der Ladefläche ihrer Pick-up-Trucks frisches Obst und gekochte Erdnüsse verkauften. Das sind einige meiner ersten Kindheitserinnerungen. Daher stammt der Impuls, darüber zu schreiben.

Warum schreiben Sie Krimis?

An Krimis fasziniert mich, dass sie auf sehr instinktive Weise den Kern der menschlichen Natur treffen. Mich fasziniert die Frage, wie es kommt, dass Leute sich verhalten, wie sie sich verhalten.

Haben Sie schon als Kind viel gelesen?

Nein, nur sporadisch. Ich war keins dieser Kinder, die die ganze Zeit ein Buch mit sich herumtragen, so wie ich es heute mache, sogar im Lebensmittelladen. Geliebt habe ich Wer die Nachtigall stört von Harper Lee.

Welche Bücher liegen auf Ihrem Nachttisch?

Ich lese gerade Fleishman Is in Trouble von der US-amerikanischen Autorin Taffy Brodesser-Akner. Ich finde es richtig gut.

Welche zeitgenössischen Autoren und Autorinnen bewundern Sie?

Unheimlich viele. Megan Abbott, die Krimis und Kurzgeschichten schreibt, zum Beispiel. Oder die britische Autorin Kate Atkinson. Life After Life ist mein Lieblingsbuch von ihr. Außerdem: Laura Lippman, Jesmyn Ward und Tayari Jones.

Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden?

Geschrieben habe ich schon als Kind und als Teenager. Aber dann entdeckte ich meine Liebe zum Film und wollte lange Zeit Filmregisseurin werden. Ich zog nach L. A., aber der Traum zerplatzte. Eines Tages wurde mir klar, dass ich das nicht mehr machen wollte. Stattdessen schenkte ich mir selbst die Zeit dafür, ein Buch zu schreiben. Und so fand ich meine Stimme.

Welche Bücher haben Ihr Schreiben beeinflusst?

Beim Schreiben meines ersten Romans hat mir Jane Smileys 13 Ways of Looking at the Novel enorm geholfen. Das Buch ist gleichzeitig Erfahrungsbericht und Liebesbrief an den Roman. Es war sehr bereichernd, weil es aufzeigt, was möglich ist, und sehr viele Mythen rund ums Schreiben aufdeckt. Sinngemäß sagt Smiley an einer Stelle: „Beim ersten Entwurf kann man nur versagen, wenn man ihn nicht zu Ende bringt.“ Als neue Autorin profitierte ich sehr davon, so etwas zu lesen.

Metamorphosen

Die Serie, aus dem das hier gezeigte Bild stammt, entstand in einer „dunklen Phase“ des Lebens von Fotograf Yorgos Yatromanolakis. Er leistete seinen Pflichtdienst in der griechischen Armee und empfand diese Periode als Widerspruch zu seiner Persönlichkeit. Naturwanderungen halfen ihm, Frieden zu finden. Übergreifend in der Serie The Splitting of the Chrysalis and the Slow Unfolding of the Wings ist das Thema der Metamorphose, für Yatromanolakis ebenfalls ein sehr persönliches Thema. Zur Zeit der Griechenlandkrise im Jahr 2008 glaubte er an eine baldige Transformation der Gesellschaft. Der Titel der Reihe ist an den Lebenszyklus des Schmetterlings angelehnt, in dem das Insekt bekanntermaßen einen beeindruckenden Wandel durchlebt. https://www.yatrom.net/

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 25.05.2020
Geschrieben von

Anita Sethi | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 27/2020

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