„Meine Freunde nennen mich Negrodamus“

Porträt Spike Lee zeigt in seinen Filmen seit 30 Jahren, was Sache ist. Nun hat er die Geschichte eines schwarzen Polizisten verfilmt, der 1978 den Ku-Klux-Klan unterwanderte

Seit Spike Lee Filme dreht, muss er sich anhören, er sei auf das Thema Rassismus fixiert. Dass die Geschichte Amerikas im Kontext seiner von Gewalt geprägten Vergangenheit erzählt werden muss, wollte lange Zeit nicht jeder hören. In Kritiken und Porträts über Lee fiel in den vergangenen 30 Jahren immer wieder ein Wort: Provokateur. Lee sagt, damit könne er leben. Was ihn ärgere, sei das Etikett „streitlustiger Regisseur“. Als wollte er nur schocken. Dabei habe er in seinen über 40 Filmen – She’s Gotta Have It, Do The Right Thing, Malcolm X ... und, und, und – einfach erzählt, was Sache ist.

Viele seiner Filme haben ihren Ursprung im Viertel Fort Greene in Brooklyn, wo er einige Sandsteinhäuser zu einem dreistöckigen Studio ausgebaut hat. Nur ein paar Häuserblocks entfernt ist er aufgewachsen, sein Vater Bill, ein inzwischen 90-jähriger Jazz-Musiker, lebt bis heute dort. Das Büro ist so etwas wie ein Museum der Obsessionen des Regisseurs – die Wände bedecken Gemälde, Zeichnungen und Drucke, die den Baseballspielers Jackie Robinson zeigen, Muhammad Ali, Malcolm X, Michael Jordan und Michael Jackson, daneben hängen Plakate seiner eigenen Filme. Man kann sich vorstellen, wie er diese Referenzpunkte umkreist und dem nachspürt, was sich verändert hat und was nicht.

Lees jüngster Film, BlacKkKlansman, der beim Filmfestival in Cannes mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde, basiert auf der wahren Geschichte von Ron Stallworth, dem ersten schwarzen Kriminalbeamten in Colorado Springs, der 1978 undercover innerhalb des Ku-Klux-Klan ermittelte. Schon der Beginn der Geschichte ist bizarr: Stallworth entdeckte in den Kleinanzeigen der Lokalzeitung ein Rekrutierungsgesuch des KKK und rief an. Er verstellte seine Stimme, so dass sie etwas höher klang, und erzählte, wie sehr es ihn empöre, dass seine Schwester mit einem Schwarzen zusammen sei. Er wurde sofort eingeladen. Stallworth arbeitete dann mit einem weißen jüdischen Polizisten im Doppel – Stallworth am Telefon, sein Partner in Kapuze und Robe –, gemeinsam infiltrierten sie die Gruppe. Eine Reihe von unwahrscheinlichen Wendungen führte dazu, dass Stallworth als Ortsgruppenleiter vorgeschlagen wurde und sogar der Telefon-Vertraute von David Duke wurde, dem „Grand Wizard“ des Klans.

Der Zufall will es, dass Spike Lee zur gleichen Zeit, als Ron Stallworth den Klan infiltrierte, seine eigene antifaschistische Aktion durchführte. Im Sommer 1980, in seinen ersten Wochen an der NYU Graduate Film School, wurde Lees Klasse David Wark Griffiths Epos Die Geburt einer Nation von 1915 gezeigt. Der seinerzeit immens erfolgreiche Film über den Aufstieg des weißen Nationalismus gehört zu den Rekrutierungswerkzeugen des Klans. Diese Sozialgeschichte wurde in Lees Kurs jedoch ausgespart, die Studierenden sollten den Film daraufhin untersuchen, welche technischen Innovationen Griffith zum „Paten des amerikanischen Kinos“ machten. „Das hat mich gestört“, sagt Lee.

Seine Antwort war sein erster Studentenfilm The Answer, in dem ein junger schwarzer Regisseur von einem Hollywood-Studio angestellt wird, um ein Remake von Die Geburt einer Nation aus seiner eigenen Perspektive zu drehen. Das Studio stellt sich quer und der junge Regisseur zieht sich aus dem Film zurück. Unterdessen ist er aber selbst zur Zielscheibe des Klans geworden. In der letzten Szene wird auf dem Rasen vor seinem Fenster ein Kreuz verbrannt und er stürzt mit einem Messer in der Hand hinaus, um die Klansmänner zu stellen. Als The Answer den Dozenten vorgeführt wurde, zeigten einige sich von dem „aggressiven“ Ton des Films schockiert. Zwei empfahlen – ohne Erfolg –, Lee für die letzten zwei Jahre des Doktorandenprogramms nicht wieder einzuladen.

Die Rolle des Inquisitors

Fast 40 Jahre später gibt Spike Lee mit BlacKkKlansman wieder eine Antwort auf die Realität hinter Die Geburt einer Nation. Dieses Mal ist sie bewusst an den Mann im Weißen Hauses adressiert, den Lee nur Agent Orange nennt. „Mein Co-Autor Kevin Willmott und ich hatten keine Geschichtsstunde im Sinn“, sagt Lee. „Wir wollten, dass die Zuschauer den Bezug zu der Welt herstellen, in der sie heute leben. Vielleicht geht ihnen durch diese Geschichte ein Licht auf. Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der Ron zu seinem Boss sagt, es sei vollkommen ausgeschlossen, dass die Amerikaner je einen wie David Duke zum Präsidenten wählen würden.“ Heute scheint ihm das nicht mehr so weit hergeholt wie 1978. „Dieser Typ im Weißen Haus hat dem Klan, den Alt-Right-Anhängern und den Neonazis grünes Licht gegeben. Sie müssen sich nicht mehr verstellen, sie zeigen sich offen.“

BlacKkKlansman endet, in einer für Spike Lee typischen Pointe, mit drastischen Nachrichtenaufnahmen des Unite-the-Right-Aufmarsches in Charlottesville vor einem Jahr, der mit dem Tod von Heather Heyer endete, die gegen den Fackelaufzug demonstriert hatte. Er verwendet auch das beschämende Statement des Präsidenten, „beide Seiten“ seien für die Gewalt verantwortlich, und Aufnahmen von David Duke, wie er Trumps Aufstieg befürwortet (wobei dieser andeutet, Trump habe einige Ideen – den Bau der Mauer, America First – aus seinen Manifesten geklaut).

In den USA kommt der Film bewusst am 10. August in die Kinos, unmittelbar vor dem Jahrestag des Aufmarschs in Charlottesville. Wieder gibt es Pläne für eine Unite-the-Right-Demo, dieses Mal vor dem Weißen Haus.

Weil Lee so eng mit Brooklyn als Filmemacher verbunden ist, vergisst man leicht, dass er im Süden geboren wurde, in Atlanta, Georgia. Die Familie seines Vaters stammt aus der Nähe von Selma. Der Terror der Sklaverei, der Lynchjustiz und der Jim-Crow-Gesetze lagen vor der Haustür.

Lee hat zwei Dokus über den Süden gemacht, beides Ausnahmefilme: Vier kleine Mädchen (1997), über den Bombenanschlag von 1963 auf eine Kirche in Birmingham, Alabama, und den Vierstünder When the Levees Broke (2006) über die Folgen von Hurricane Katrina in New Orleans.

In mancher Hinsicht wurde Lee in die Rolle des Inquisitors der weißen Macht hineingeboren. Sein Vater, wie auch sein Großvater vor ihm, besuchte das Morehouse College in Atlanta, eine renommierte afroamerikanische Kunsthochschule, und er war ein Zeitgenosse von Martin Luther King Jr. Spike studierte später mit dessen Sohn Martin Luther King III. am Morehouse. Der Kampf um die Bürgerrechte war ein ständiges Thema am Abendbrottisch. Seine Eltern hatten aber auch noch einen anderen, ebenso prägenden Einfluss auf ihn. Spikes Vater spielte in Greenwich Village Stand-up-Jazz, er war ein guter Session-Musiker und nahm mit Bob Dylan, Aretha Franklin und Duke Ellington auf. Seine Mutter, Jacquelyn, die starb, als Lee 20 war, war Gymnasiallehrerin für Kunst und afroamerikanische Literatur. Von ihr hat er die Liebe zum Kino. „Mein Vater mochte Filme nicht – es gab keine Filme über Schwarze und er wollte das Hollywood-Zeug nicht sehen“, sagt er. „Weil ich der älteste Sohn war, ging ich also mit meiner Mutter aus.“ Einer der ersten, in die sie ihn mitnahm, war der Musicalfilm Bye Bye Birdie (1963) über einen Popstar, der zum Militärdienst eingezogen wird. „Lustigerweise fiel mir erst später auf, dass die erste Szene meines Films Do The Right Thing, in der Rosie Perez zu Fight the Power von Public Enemy tanzt, von Bye Bye Birdie inspiriert war.“

Die Haltung, dass er die Geschichte des amerikanischen Kinos auf seine eigene Art und Weise umschreiben kann, zeichnet sich in Spike Lees Filmen von Anfang an ab. An sein Frühwerk hat er kürzlich wieder direkt angeknüpft, als er für Netflix ein Remake von She’s Gotta Have It (in Deutschland unter dem Titel Nola Darling erschienen) als Serie drehte. Nach der erfolgreichen ersten Staffel hat er gerade eine zweite abgedreht, die Darlings Liebesleben weiter verfolgt. Die 30 Jahre zwischen der Serie und dem Originalfilm dokumentieren nicht nur, was sich im Hinblick auf Sexualität und Rassismus geändert hat, sondern auch die rasante Gentrifizierung seiner Nachbarschaft in Brooklyn. Der Originalfilm war in gewisser Weise der künstlerische Ausdruck eines Kollektivs, einer Gruppe von Künstlern und Schauspielern, die hier Mitte der Achtziger lebten. Lee holt von der gekachelten Badezimmerwand im Studio ein Gruppenporträt und geht die Namen durch: „Chris Rock. Joseph Simmons von Run DMC. Bill Stephney von Public Enemy. Ein paar sind noch hier.“

Die Ironie, dass die Optik und der Erfolg seines Films Fort Greene für Bauträger attraktiv gemacht haben, entgeht Spike Lee, der ein scharfer Kritiker der Entwicklung ist, nicht. Wenn er heute von seinem Studio durch den Park zu seinem alten Haus geht, tummeln sich dort Kindermädchen mit teuren Buggys neben Finanzexperten und Anwälten, deren Freizeitgestaltung sich auf Joggen oder das Ausführen exotischer Hunde konzentriert. Die Sandsteinhäuser sind pseudo-historisch aufgehübscht und für viele Millionen Dollar verkauft worden. Lee selbst ist vor 20 Jahren mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern weggezogen, in ein 8.000 Quadratmeter großes Stadthaus an der Upper East Side in Manhattan, das früher dem Maler Jasper Johns und davor der Schauspielerin Gypsy Rose Lee gehörte.

Eine neue Zeitrechnung

Trotzdem kann er sich erinnern, wie es war, nichts zu haben. She’s Gotta Have It drehte er im Sommer 1985 in zwei Wochen für 175.000 Dollar, die er sich zusammengelieh. Der Film spielte sieben Millionen Dollar ein. Dass er berühmt werden würde, glaubte Lee schon als Kind. „Ich ging hier in der Nähe auf eine öffentliche Schule. Damals hatte ich mehrere Notizbücher, in denen ich nur meine Unterschrift übte. Ich war mir absolut sicher, dass mich eines Tages jemand um mein Autogramm bitten würde.“ Lee hat eine Professur an der NYU, aber die beste Lektion, die er anbieten kann, ist: weitermachen. Nach Malcolm X (1992) sackten die Besucherzahlen seiner Filme immer weiter ab, bis der Thriller Inside Man (2006) kam, der bis heute sein einziger Kassenschlager ist.

Am Ende seines zweiten Films, School Daze (1988), wendet der Protagonist sich mahnend ans Publikum: „Wake up!“ Seither kommen diese zwei Worte in fast allen Filmen von Spike Lee vor. In den USA ist „woke“ (dt. „aufgewacht sein“, „aufmerksam sein“) im Zuge von Black Lives Matter zu einem allgegenwärtigen politischen Begriff geworden. Genugtuung verschafft Lee diese Weitsicht nicht: „Ich wollte, es hätte stattdessen Fortschritte gegeben. „Wach auf“ war für mich wie ein Refrain. Und ich sage es noch immer.“

2008 erklärte Spike Lee gegenüber dem New Yorker, die damalige Nominierung von Barack Obama als Präsidentschaftskandidat sei ein so einschneidender Moment, dass eine neue Zeitrechnung anbreche: „BB, Before Barack, und AB, After Barack.“ Heute kann er darüber nur Lachen. „Da lag ich mal falsch! Wobei es in gewisser Weise schon stimmt. Die ganze Agenda von Agent Orange besteht ja darin, alles, was Obama gemacht hat, zu zerlegen.“ Optimismus ist seine Sache nicht: „Meine Freunde nennen mich Negrodamus. Ich denke, es wird übel kommen.“

Info

In Deutschland kommt BlacKkKlansman am 23. August in die Kinos. Eine Besprechung erscheint in der Freitag 34/2018

Tim Adams ist Redakteur des Guardian

Übersetzung: Christine Käppeler

06:00 22.08.2018
Geschrieben von

Tim Adams | The Guardian

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