Mord auf Malta

Porträt Daphne Caruana Galizia kämpfte als Journalistin gegen Steuerkriminalität und Korruption. Jetzt ist sie tot
Mord auf Malta
Sie recherchierte über Banken, die Geldwäsche ermöglichen, und die Mafia. Ihre Texte fanden oft mehr Leser als alle Zeitungen Maltas

Foto. Darrin Zammit Lupi/Reuters

Die Journalistin, die die Panama-Papers-Untersuchungen über Korruption in Malta geleitet hat, ist tot. Daphne Caruana Galizia wurde am Montagnachmittag in der Nähe ihrer Wohnung mit einer Autobombe ermordet. Sie starb im Alter von 53 Jahren, als ein Sprengsatz ihren Peugeot 108 in mehrere Teile zerfetzte und die Trümmer in ein Feld schleuderte. Bis zu Redaktionsschluss hatte sich niemand zu dem Anschlag bekannt.

Die Online-Artikel der Journalistin und Bloggerin hatten oft mehr Leser gefunden als alle Zeitungen des Landes zusammen. Dem Establishment wie den Unterweltgestalten, die im kleinsten EU-Mitgliedsstaat herrschen, war Caruana Galizias Arbeit ein Dorn im Auge. Ihre jüngsten Enthüllungen betrafen Maltas Premierminister Joseph Muscat, dessen sozialdemokratische Partei das Land nach langen Jahren in der Opposition seit 2013 regiert, und zwei von dessen engsten Beratern. Sie brachten Offshore-Unternehmen im Umfeld der drei Männer mit dem Verkauf maltesischer Ausweispapiere und Zahlungen der Regierung an Aserbaidschan in Verbindung.

Muscat erklärte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz: „Jeder weiß, dass Frau Caruana Galizia mich scharf kritisiert hat, sowohl politisch als auch persönlich. Aber dieser barbarische Akt ist von niemandem in irgendeiner Weise zu rechtfertigen.“ Im Parlament erklärte Muscat später, Beamte der US-Bundespolizei FBI seien auf dem Weg nach Malta, um die Untersuchungen zu unterstützen. Adrian Delia, der Vorsitzende der Nationalist Party, über den Caruana Galizia ebenfalls kritisch berichtet hatte, behauptete, die Tat stehe in Zusammenhang mit ihrer Arbeit: „Was heute geschah, ist kein gewöhnlicher, sondern ein politischer Mord. Es ist die Folge des völligen Zusammenbruchs der Rechtsstaatlichkeit, der sich über die vergangenen vier Jahre hingezogen hat.“

Maltesischen Medien zufolge hatte Caruana Galizia, die ihren Mann und drei Söhne hinterlässt, vor zwei Wochen Anzeige wegen gegen sie gerichteter Morddrohungen erstattet. Die Journalistin veröffentlichte den letzten Beitrag auf daphnecaruanagalizia.com am Montag um 14:35 Uhr und schrieb: „Wo man jetzt auch hinsieht: überall Gauner. Die Lage ist aussichtslos.“ Kurz nach 15 Uhr wurde die Explosion der Polizei gemeldet.

Caruana Galizia, die nach eigener Aussage keiner politischen Partei angehörte, befasste sich mit einer ganzen Reihe von Themen: von Banken, die Geldwäsche ermöglichen, bis hin zu Verbindungen zwischen Maltas Onlinespiele-Industrie und der Mafia. In den vergangenen zwei Jahre konzentrierte sie sich auf Enthüllungen aus den Panama Papers – 11,5 Millionen Dokumente aus der Datenbank der Offshore-Firma Mossack Fonseca, deren Auswertung das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) koordinierte. Ihr Sohn Matthew Caruana Galizia, Journalist und Programmierer, arbeitet für das ICIJ. Er hatte die Detonation von der Wohnung aus gehört und war zu deren Schauplatz gerannt. „Ich versuchte die Türe zu öffnen, die Hupe ging unentwegt“, schrieb er auf Facebook. Zwei mit einem Feuerlöscher herbeigeeilte Polizisten hätten ihm dann gesagt, es täte ihnen leid, aber jede Hilfe käme zu spät. „Ich sah um mich, überall waren die Teile des Körpers meiner Mutter, und ich sah ein: Sie hatten Recht.“ Matthew Caruana Galizia erklärte: „Meine Mutter wurde ermordet, weil sie zwischen dem Rechtsstaat und denen stand, die ihm zu schaden versuchten.“ Er nannte Malta einen „Mafia-Staat“, in dem in die Luft gejagt werde, wer von seinen Rechten Gebrauch mache.

Die Familie der Ermordeten beantragte, die zufällig diensthabende und deshalb mit der Leitung der Ermittlungen betraute Richterin, Scerri Herrera, auszutauschen. Denn auch Herrera war in Artikeln Caruana Galizias kritisiert worden. Sie gab die Leitung der Ermittlungen am Dienstag ab. In den vergangenen Jahren hat es in Malta mehrere Anschläge mit Autobomben gegeben. Obwohl die Täter nie gefasst wurden, vermutet die Polizei Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden hinter den Anschlägen. Bei keinem ging sie bislang von einem politischen Motiv aus.

Enthüllungen Daphne Caruana Galizias hatten zu Beginn des Jahres, als Malta die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, für Unruhe in Brüssel gesorgt. Europaparlamentarier forderten Premier Muscats Ablösung, als sich ein Skandal um dessen Frau, eine Briefkastenfirma in Panama und angebliche Zahlungen der Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten ausweitete. Muscat rief schließlich vorgezogene Neuwahlen aus und gewann diese im Juni deutlich. Eigene Fehler hat er stets bestritten und versprach zurückzutreten, sollte nur ein Beweis dafür auftauchen, dass seine Familie über geheime Offshore-Konten verfüge, um auf ihnen Provisionen zu verstecken, wie Caruana Galizia behauptet hatte.

Der in Sachen Panama-Papers-Aufklärung stark engagierte Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold sagte: „Es ist noch zu früh, um die Ursache für die Explosion zu kennen, aber wir erwarten eine umfassende Untersuchung.“ Gewalt gegen Journalisten könne in der EU „unter keinen Umständen toleriert werden“. Lückenlose Aufklärung forderte auch der gerade vom EU-Parlament in den Bundestag wechselnde Linken-Steuerpolitiker Fabio De Masi. Er forderte die Bundesregierung auf, „endlich ihre Blockade gegen harte Gesetze zur Bekämpfung der Geldwäsche-Mafia und von Steuertricks“ aufzugeben. „Dies sind wir Daphne Caruana Galizia schuldig.“

Juliette Garside ist Finanz-Korrespondentin des Guardian und wurde für ihre Recherchen zu den Panama Papers und den Swiss Leaks ausgezeichnet. Sie recherchierte über Banken, die Geldwäsche ermöglichen, und die Mafia. Ihre Texte fanden oft mehr Leser als alle Zeitungen Maltas. Zuletzt schrieb Caruana Galizia: „Die Lage ist aussichtslos“

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 19.10.2017
Geschrieben von

Juliette Garside | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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