Müllkippen-Mittelschicht

Chile Die „Chicago Boys“ dachten einst, sie hätten ein Wirtschaftswunder geschaffen. Die Realität sieht ganz anders aus
Müllkippen-Mittelschicht
Santiago de Chile im November: Tausende protestieren, wie hier am Plaza Italia

Foto: Imago Images/Aton Chile

Wir glaubten, die Ungleichheit würde schließlich verschwinden“, sagt Rolf Lüders, während er sich an die Zeit als Wirtschaftsmanager in Chile erinnert. Der mittlerweile 85-Jährige zählte einst zur Gruppe der „Chicago Boys“, die heute für eine extreme Ungleichheit und damit die Massenproteste verantwortlich gemacht wird. Ich bin nach Santiago gereist, um dem nachzugehen, immerhin wurde Chiles Volkswirtschaft einmal als Vorzeigemodell dargestellt, dem andere Ökonomien folgen sollten.

Bei den „Chicago Boys“ handelte es sich um chilenische Austauschstudenten, die in den USA Wirtschaftswissenschaften studierten, um – nach Hause zurückgekehrt – ihre Altersgenossen ein für alle Mal von sozialistisch inspirierten Ideen abzubringen. Ihr Einfluss sollte bald größer sein, als sich das irgendjemand vorstellen konnte. Nachdem sich Augusto Pinochet 1973 an die Macht geputscht hatte, beförderte er diese Spezies von Ökonomen schnell auf Ministerposten. Ein von den „Boys“ herausgebrachtes Buch voller marktorientierter Maßnahmen mit dem Titel El Ladrillo (Der Ziegelstein) galt als Blaupause dafür, wie Chiles Wirtschaft geführt werden sollte. El Ladrillo erklärte den öffentlichen Sektor zum größten Problem – also wurde der geschleift. Zwischen 1973 und 1980 sank die Zahl staatlich kontrollierter Unternehmen von 300 auf 24, während die Budgets für Infrastruktur, Wohnungsbau, Bildung und Soziales zusammengestrichen wurden. Die ersten Ergebnisse fielen katastrophal aus, denn Chiles frisch liberalisierter Finanzsektor wurde 1982 durch einen Crash gelähmt, doch waren zwischen 1985 und 1997 Wachstumsraten um die sieben Prozent zu verbuchen. Die Investitions- und Exportraten wurden zu den besten in ganz Südamerika. Milton Friedman, der Lüders und Kollegen unterrichtet hatte, nannte es das „Wunder von Chile“.

Ein Bad für zehn Familien

Zugleich nahm die Ungleichheit stark zu, aber zwei Säulen des Plans der Ökonomen machten dies in ihren Augen zu einem zweitrangigen Problem. Die erste Säule bildete der Glaube, dass Armut durch Wachstum ausgerottet werden könne. Die zweite bestand in den Bildungsreformen. Im Buch El Ladrillo heißt es in einem Kapitel über Chancengleichheit: Privatisierung schaffe mehr Universitäten, dazu werde ein neues Stipendiensystem Kindern aus ärmeren Familien helfen, einen Abschluss zu bekommen. Auf dem Papier schien der Plan – armutsdämpfende Bildung und ein bildungspolitisches Sicherheitsnetz – kohärent, doch die Berichte derer, die im heutigen Santiago über die Runden kommen müssen, zeigen seine Leerstellen auf.

„Wir erhalten keine Hilfe“, sagt Melissa Niera und zeigt mir das selbst gebaute Lager im Süden der Hauptstadt, das sie und ihr Mann Emmanuel ihr Zuhause nennen. „Wir gelten als Mittelschicht, nicht als arm.“ Menschen wie sie haben Jobs als Gärtner, Lehrer, Pflegehelfer oder Verkäufer in Handyläden, aber ihr Einkommen liegt gerade so über Armutsniveau. Melissa Nieras provisorische Unterkunft auf einer einstigen Müllkippe ist aus dünnen Spanplatten gezimmert, ihr Badezimmer, das sich ein Dutzend Familien teilt, besteht aus vier Wellblechplatten und hat kein Dach. Alle in diesem Quartier leben von der Hand in den Mund und kaufen ihre Lebensmittel für 20 Prozent des Einkommens mit informellen Krediten in kleinen lokalen Geschäften. Sie erleben, dass Santiagos Pharmazie-Ketten keinen Grund sehen, in ihrem Bezirk tätig zu werden. Man müsse daher staatliche „Volksapotheken“ einrichten, sagt mir der kommunistische Lokalpolitiker Daniel Jadue.

Weit davon entfernt, die Ungleichheit auszurotten, hat ein pervertierter Bildungsmarkt sie vielmehr zementiert. In den 1970ern gab es in Chile acht Universitäten, alle staatlich finanziert. Heute sind es über 150, von denen zwei Drittel gewinnorientiert und Privatfirmen sind. Die Regierung gibt gerade einmal 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Hochschulbildung aus, so wenig wie kein anderes OECD-Land. In Santiago findet sich an jeder Ecke eine Universität: oft in Nebenstraßen oder zwischen zwei Showrooms für Autos.

Angeblich drückt Wettbewerb die Preise und erhöht die Qualität. In Chile ist es genau umgekehrt. Ein Studium kostet im Durchschnitt 41 Prozent des Durchschnittseinkommens, und die 50-prozentige Abbrecherquote ist weltweiter Spitzenwert. Melissa und Emmanuel bereuen beide, dass sie studiert haben, denn das habe ihre Jobaussichten nicht verbessert, ihnen lediglich lebenslänglich Schulden beschert.

Fährt man in Santiago ganz nach Süden, sinken die Bildungsabschlüsse und Einkommen weiter. Wie sehr schadet es dem Gefüge einer Stadt, wenn Orte durch Einkommensverhältnisse definiert werden? Die Plaza Italia beispielsweise, Schauplatz der jüngsten Unruhen, stellt eine Art Grenze dar, die Wohlhabende nie Richtung Süden überschreiten. Es gibt Parks für Reiche sowie Parks für die Armen und damit die Umwandlung von öffentlichem Raum in Zonen, deren Begehbarkeit vom Einkommen abhängt. Man trifft auf das Phänomen der ultimativen Privatisierung – die der sozialen Infrastruktur einer ganzen Metropole. Es ist die einzige, die von den „Chicago Boys“ nicht beabsichtigt war.

Richard Davies war Autor beim Economist und schreibt inzwischen für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 25.11.2019
Geschrieben von

Richard Davies | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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