Warum Indien weiter zu Russland hält

Ukraine-Krieg Die USA möchten, dass Indiens Premier Narendra Modi die Neutralität seines Landes gegenüber Moskau aufgibt. Aber das würde in Indien kaum Rückhalt finden
Die Formel „Inder und Russen sind Brüder“ geht auf Chruschtschow zurück: Modi verabschiedet Putin nach einem Staatsbesuch 2019
Die Formel „Inder und Russen sind Brüder“ geht auf Chruschtschow zurück: Modi verabschiedet Putin nach einem Staatsbesuch 2019

Foto: Mikhail Klimentyev/Imago Images

An den belebten Teeständen von Delhi ist Politik in Europa normalerweise kein Gesprächsthema. Dem entgegen stehen ständige Berichte über den Krieg in der Ukraine, steigende Benzinpreise und den Druck auf Premier Narendra Modi, er möge Russland anprangern. Der Ladenbesitzer Ram Agarwal wuchs in den späten 1950er Jahren auf, als sein Land und die Sowjetunion so enge Verbündete waren, dass Nikita Chruschtschow den Slogan „Hindi rusi bhai bhai“ (Inder und Russen sind Brüder) prägte. „Ich bin 74, und meine Generation ist mit ‚Hindi rusi bhai bhai‘ aufgewachsen. Wäre ich jetzt gegen Russland, wäre das so, als würde ich einen lieben alten Freund angreifen.“ Arvind Maurya, ein Elektriker, betont die Ausgewogenheit öffentlicher Reaktionen auf den Krieg. „Ich habe gehört, dass die Ukraine früher Teil Russlands war, aber anstatt das zu respektieren, zieht die NATO die Ukraine in ihren Orbit.“ Freilich sei die Bombardierung von Zivilisten nicht der Weg dafür, Differenzen zu lösen.

Abseits der Straße sind die Gefühle stärker. Inder von rechts und links nähern sich beim Blick auf den Krieg erkennbar an, erstere wegen ihrer Abneigung gegen westliche Kultur, die anderen wegen eines profunden Antiamerikanismus. Für beide Lager hat der Kampf um die Ukraine offenbart, was sie „die Heuchelei des Westens“ nennen. In einer Kolumne für mehrere Zeitungen stellt Abhijit Iyer-Mitra, Senior Fellow am Institute of Peace and Conflict Studies, die westlichen Irak-Sanktionen vor dem US-Einmarsch 2003, die „Hunderttausende Kinder getötet“ hätten, der Empörung über die Ukraine gegenüber. „Vergleichen Sie die Entrüstung über Bomben, die dort fallen und nicht mal einen Bruchteil der Todesfälle verursachen, die durch die US-Angriffe auf Serbien, Afghanistan, den Irak, Syrien und Libyen verursacht wurden.“

Man begegnet häufig der Auffassung, dass die Ukraine und die NATO Russland so lange provoziert hätten, bis man dort keine andere Wahl mehr gehabt habe, als einzumarschieren. Diese Ansicht wird in Fernsehtalks prominent vertreten, vorrangig von pensionierten Militärs. Der frühere Generalleutnant Vinod Bhatia meint, die NATO habe noch der sowjetischen Führung und später Präsident Wladimir Putin versprochen, sich nicht nach Osten auszudehnen. „Der Westen ist genauso verantwortlich wie Putin für diesen völlig vermeidbaren und unnötigen Krieg“, sagt Bhatia. Auch sei es höchst fragwürdig, wenn europäische Länder weiter russisches Erdgas kaufen, während sie erwarten, dass Indien Russland mit Sanktionen belegt. „Warum sollten wir für die Torheit der USA bezahlen, die Ukraine in Richtung NATO zu ziehen? Sanktionen schaden uns, und wir sollen sie unterstützen?“, fragt der frühere Außenminister Kanwal Sibal in der Times of India.

Angesichts der herrschenden Stimmung ist der Druck auf Premier Modi zu Hause gering. Auch wenn einige Leitartikel seine Position „tragisch“ und „unhaltbar“ nennen, Russland in der UNO nicht zu verurteilen und gleichzeitig zu versuchen, durch die Forderung nach einer Waffenruhe den Westen zufriedenzustellen. Ein Balanceakt, bei dem US-Präsident Joe Biden die Geduld verlieren könnte. Vor Tagen beschrieb er Modis Haltung als „heikel“. Doch das hinderte Außenminister Subrahmanyam Jaishankar nicht, Anfang April mit Amtskollege Sergei Lawrow in Delhi zu konferieren.

Indiens eigentlicher Gegner: China

Das Drängen, Indien müsse sich dem Westen anschließen und Russland verurteilen, kann verärgerte Reaktionen hervorrufen. Der Strategie-Analyst Brahma Chellaney fragt, warum Indien das tun sollte, wo sich doch niemand – schon gar nicht die USA – gegen die „chinesische Aggression“ an der indischen Grenze einsetzt, wo seit zwei Jahren ein Patt herrsche. „Zu einer Zeit, in der wir mit Chinas Zumutungen konfrontiert sind, was die Gefahr eines Krieges einschließt, macht Biden dazu nicht den Mund auf“, twittert Chellaney. „Aber Indiens Reaktion auf einen weit entfernten Krieg, den er selbst mit provoziert hat, nennt er ‚heikel‘.“

Äußerungen wie diese erklären, weshalb indische Kommentatoren davor zurückschrecken, Putin und Russland als das Böse schlechthin zu geißeln. Ganz abgesehen davon, dass solcherart Stigma bei der indischen Bevölkerung keinen Zuspruch fände, die in China die größere Gefahr sieht. Der Kolumnist Parsa Venkateshwar Rao zeigte sich konsterniert darüber, dass „die USA Putin zu einem Saddam Hussein machen und so keinen Raum für Verhandlungen lassen. Die US-Rhetorik ist extrem beunruhigend. Im Gegensatz zu Saddam Hussein, der keine Massenvernichtungswaffen besaß, hat Putin welche. Das ganze Gehabe grenzt an Hysterie.“

Der einflussreiche Kommentator Pratap Bhanu Mehta stimmt bis zu einem gewissen Punkt mit dieser Kritik überein, doch reicht es ihm nicht, westliche Doppelmoral anzuprangern. Das beantworte nicht die große Frage, welche Weltordnung man haben wolle. Im Indian Express schreibt er: „Die USA, die so scheinheilig sind, dass sie ihr Kapital außerhalb des Westens verlieren; Europa, das weiter mit gespaltener Zunge spricht; ein Russland, das es vorzieht, die Welt und seine Bürger leiden zu sehen; Indien und China, die westliche Heuchelei als Deckmantel für unverhohlenen Zynismus nutzen – das sind keine guten Vorzeichen für die Weltordnung.“

Amrit Dhillon ist eine indische Journalistin und schreibt unter anderem für den Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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