Narzisstische Kränkung

Debatte Beim Kampf gegen die sogenannte „Cancel Culture“ geht es in Wahrheit um den Verlust der Deutungshoheit alter Eliten im Zeitalter von Social Media
Narzisstische Kränkung
In den USA wurde die Panik vor politischer Korrektheit durch Frauen und People of Colour ausgelöst, die antisexistische und antirassistische Vorstellungen von Gleichheit propagiere

Foto: Daniel Leal-Olivas/AFP/Getty Images

Wann immer ich mit Menschen spreche, die sich plötzlich Sorgen um die sogenannte „Cancel Culture“ oder „Online Mobs“ machen, lautet mein erster Gedanke stets: „Wo warst Du in den letzten zehn Jahren?“ Ich bin nun lange genug im Internet unterwegs und dort wie viele andere lange genug kritisiert und beschimpft worden, um zu wissen, dass es sich bei dem, was einige als neues Muster virtueller Zensur von puritanischen Moralaposteln interpretieren, weitgehend um eine Internet-Geschichte handelt, bei der Ideologie oder Identität keine Rolle spielen.

Wenn Kritiker*innen der „Cancel Culture“ sich Sorgen machen, weil Meinungsäußerungen, Posts oder sonstige Texte permanent von einer immer größeren Anzahl von Hater*innen bombadiert werden, sind sie damit leider reichlich spät dran. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass es jemals eine Zeit gegeben hat, in der ich etwas geschrieben oder gepostet habe, ohne mir die Frage zu stellen, auf wie viele Arten es falsch ausgelegt werden könnte und ob ich in der Lage wäre, mein Geschriebens zu verteidigen. Mittlerweile handelt es sich nicht einmal mehr um einen bewussten Denkprozess, sondern passiert quasi instinktiv.

Hat mich das als Autorin vorsichtiger gemacht? Mit Sicherheit. Hat es dazu geführt, dass ich weniger Risiken eingehe? Möglicherweise. Handelt es sich dabei aber um das Indiz für ein neues Zeitalter einer purtianisch-moralistischen Säuberungskultur? Nicht wirklich.

Diejenigen, die darauf warten, einen zu beschimpfen, in böswilliger Absicht private Informationen über einen ins Netz zu stellen und dafür zu sorgen, dass man seinen Job verliert, haben neben dem Bedürfnis, jemanden fertigzumachen, meistens wenig gemeinsam. Es handelt sich um einen Impuls, der alle möglichen Idiot*innen zusammenbringt. Die ganze Menschheit ist vertreten.

Soziale Medien machen marginalisierte Stimmen hörbar

Doch neben diesen Idiot*innen gibt es auch diejenigen, die bis vor kurzem gar keine Möglichkeit hatten, sich an den Debatten über ihr eigenes Schicksal zu beteiligen, und die noch immer nicht über die Plattformen oder Zugänge verfügen, um solche Debatten zu prägen. Es ist ganz natürlich, dass sie sich im Internet zusammenfinden, um hier gemeinsam aktiv zu werden.

Deshalb könnte ich, so unangenehm die Welt des Internets für mich persönlich auch werden mag, nie die Bedeutung der Sozialen Medien verurteilen oder leugnen. Sie stellen nach wie vor so ziemlich die einzige Möglichkeit dar, dass bestimmte marginalisierte Stimmen gehört werden, und den einzigen Weg, Zeitungen wie die New York Times wissen zu lassen, dass deren Kommentare hetzerisch sind und zu Gewalt anstacheln können.

Die Sozialen Medien sind noch immer das Hauptinstrument, um redaktionelle Entscheidungen im Zusammenhang mit der Veröffentlichung von Texten mutmaßlicher Sexualstraftäter infrage zu stellen. Und häufig stellen sie auch dasjenige Mittel dar, mit dem rassistische Vorfälle und Polizeigewalt gegenüber Minderheiten bekannt gemacht werden können und so erst Verbreitung finden. Man kann sie sich als inoffiziellen Ombudsmann von Gruppen vorstellen, die in Redaktionsräumen, Vorstandsetagen und politischen Büros nicht oder nur in geringem Maße vertreten sind.

Manchmal lassen diese Gruppen sich nicht leicht von dem generellen Getöse anarchischer Zensur unterscheiden – es ist aber bestenfalls naiv und schlimmstenfalls unaufrichtig, wenn behauptet wird, sie seien der Motor hinter einem neuen Zeitalter der Intoleranz. Über derartige Veränderungen herrscht schon so lange Aufregung, wie die etablierten Konventionen durch neue Gruppen infrage gestellt werden.

Panik vor politischer Korrektheit

In den USA wurde die Panik vor politischer Korrektheit durch Frauen und People of Colour ausgelöst, die antisexistische und antirassistische Vorstellungen von Gleichheit propagieren. In gewisser Weise existiert die „Cancel Culture“ schon seit langem, doch jedes Mal, wenn die Mauern zwischen denjenigen, die den Diskurs bestimmen und denjenigen, die ihn lediglich passiv konsumieren, wieder ein Stück weiter eingerissen wird, macht sich Panik breit.

Und das ist gut so. Je weniger die Eliten abgekapselt sind, desto besser. Daher handelt es sich beim Großteil der liberalen Panik vor neuen, vermeintlich zersetztenden Phänomen wie dem Populismus oder der Politik des Postfaktischen um eine alte Panik vor dem Eindringen neuer Kräfte in die Domäne der alten Eliten. Egal, ob es sich um Breitbart News oder um virale Kampagnen in den Sozialen Medien handelt, diese neuen Kräfte sind lediglich die neueste Art und Weise, wie den traditionellen Akteur*innen politische Narrative abgetrotzt werden.

Es könnte ein von einer Reihe hochkarätiger Autor*innen und Akademiker*innen verfasster Brief im Harper’s Magazine sein, der die „Cancel Culture“ kritisiert (ohne sie direkt zu benennen), oder ähnlich gesinnte Autor*innen und Denker*innen, die auf neuen Plattformen Zuflucht suchen, um den „Feinden“ der freien Recherche zu entkommen. Was wir hier aber in Wirklichkeit sehen, ist eine Gruppe von etablierten Influencer*innen, die mit der Tatsache zu kämpfen haben, dass sie die Kontrolle darüber verlieren, wie ihre Arbeit rezipiert wird. Das Alte wird vom Neuen ständig bedroht.

Und das neueste Neue ist so breit, so vielseitig – und entwickelt sich so rasant –, dass es unmöglich ist, es unter einer ideologischen Kategorie zu fassen. Die Ausweitung und Digitalisierung des öffentlichen Raums hat in den vergangenen zehn Jahren die Grenzen zwischen öffentlich und privat verwischt – die zwischen persönlicher Verantwortung und der des eigenen Arbeitgebers ebenso wie die zwischen Politik und Wirtschaft. Nur ein Beispiel: Der Religionswissenschaftler und Dokumentarfilmer Reza Aslan hat vor kurzem erzählt, wie er von CNN fallengelassen wurde, nachdem er Donald Trump auf Twitter beschimpft hatte. Man habe ihn hinter vorgehaltener Hand wissen lassen, es gebe kommerzielle Gründe, die mit CNNs Zugang zum Weißen Haus und potenziellen Unternehmenszusammenschlüssen zu tun hätten, die gesetzlich abgesegnet werden müssten.

Die Selbstverliebtheit der intellektuellen Elite

Es liegt ein gewisser Narzissmus darin, aus all diesen verschiedenen Gefahren eine einzige Bedrohung der heiligen liberalen Hallen zusammen zu zimmern. Und wie engstirnig muss man sein, wenn man angesichts der dramatischen Eskalationen überall – von der Manipulation von Wahlen bis hin zur Industrialisierng der Social-Media-Propaganda autoritärer Regime – zu dem Schluss kommt, das Hauptproblem bestehe darin, dass die Meinungsfreiheit von einem Mob angegriffen wird, der einem ganz bestimmten politischen Lager entstammt. Eigentlich zeigt sich hier nur die Selbstverliebtheit bestimmter Teile der intellektuellen Elite.

Während eine Pandemie und eine weltweite Anti-Rassismus-Bewegung uns dazu zwingen, eingehend darüber nachzudenken, wie unsere Gesellschaften eine Ungleichheit perpetuieren, die das Leben derjenigen bedroht, die sich am kürzeren Ende des Rechtssystems befinden und die keinen oder nur unzureichenden Zugang zum Gesundheitssystem haben, zeigen uns unsere „Denker*innen“, dass das, was sie unter Krise verstehen, mit der Realität wenig gemein hat. Dieser Solipsismus über eine vermeintliche „Cancel Culture“ ist selbst ein Beleg dafür, dass es mehr Demokratisierung und weniger Ehrfurcht vor denjenigen braucht, die auf eine Welt im Wandel blicken und dabei nur die Veränderungen sehen, die sie selbst negativ betreffen.

Nesrine Malik ist Kolumnist der britischen Zeitung The Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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14:45 13.07.2020
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 31/2020

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