Papa braucht Mama

Selbstporträt Andrew Hankinson hat studiert und eine eigene Familie mit drei Kindern gegründet. Heute ist er 36 – und noch immer auf das Geld seiner Mutter angewiesen. Kein Einzelfall

Sieben Jahre ist es her, da schrieb ich für den Guardian ein Feature über die Ungerechtigkeit zwischen den Generationen – über unerschwinglichen Wohnraum, teure Bildung, miese Jobs und das Menetekel der Altersarmut, das jungen Leuten wie mir konstant im Nacken sitzt. Meine Thesen und Behauptungen wurden unter anderem im irischen Parlament zitiert und von verschiedenen Schriftsteller-Kollegen aufgegriffen, der Text bescherte mir Einladungen zu Radio- und TV-Sendungen, wo ich über das Thema diskutieren sollte. Nun, da die Wirtschaft sich allerorten zu erholen scheint, wurde ich gebeten, ein Update zu schreiben: Wie sieht es für die jüngere Generation heute, im Jahr 2017, aus?

Blicken wir aber erst noch einmal zurück in das Jahr 2010: Etwa acht Monate nachdem ich besagten Text geschrieben hatte, setzte ich alles auf eine Karte. Meine schwangere Frau und ich zogen von London zurück in den Nordosten des Landes, in die Nähe unserer Familien. Meine Frau hatte dort einen Job in Aussicht, ich begann, ein Buch zu schreiben. Dort oben, in Newcastle, konnten wir uns immerhin eine Wohnung leisten, die für Menschen ebenso bewohnbar war wie für Mäuse und Pilze.

Meine Frau brachte unser Kind zur Welt. Sie hätte gern ein bescheidenes Haus für unsere kleine Familie gekauft. Aber daran war mit unseren Einkommen nicht zu denken. Als Freiberufler fand ich an drei Tagen die Woche Zeit, zu arbeiten, den Rest widmete ich der Kinderbetreuung, die meine Frau und ich uns teilten. So kam ich auf ein Jahreseinkommen von sage und schreibe rund 6.000 Pfund Sterling, was etwas über 7.000 Euro entspricht. Immerhin schrieb ich an einem Buch, das einmal etwas mehr einbringen sollte. Aber das überzeugte die Bank nicht. „Sehr geehrter Kredit-Mensch, bitte leihen Sie mir Geld, ich bin schon bei Kapitel 6.“

Meiner Mutter war klar, dass wir zu kämpfen hatten. Sie bot mir immer wieder Geld an, aber ich lehnte jedes Mal ab, denn ich wollte nicht einer von denen sein. Eines Tages ging ich mit meinem Sohn in die öffentliche Bibliothek, um ihm etwas über freche Enten vorzulesen, als mein Telefon klingelte. Schon wieder war es meine Mutter: „Andrew, ich kann dir 500 Pfund geben“, sagte sie. Erst lehnte ich erneut ab. Aber dann wiederholte sie ihr Angebot – und das war es dann: Ich wollte „Ja, okay“ sagen, aber ich konnte nicht, weil ich in Tränen ausbrach. Mitten in der Bibliothek. Wie ein Bekloppter. Mein Sohn sah mich verwundert an. Ich hatte zuvor schon mal geweint, weil ich kein Geld hatte. Aber dieses Mal weinte ich nicht aus Verzweiflung oder Stress, sondern weil meine Panik sich auf einen Schlag in Dankbarkeit und Erleichterung verwandelt hatte: Meine Mutter liebte mich und würde sich um mich kümmern. Ich war 32 Jahre alt.

Meine Mutter hatte mir in der Vergangenheit bereits genug Geld angeboten, um die Anzahlung für ein kleines Haus leisten zu können. Ich hatte immer abgelehnt. Aber nachdem ich nun einmal „Ja“ gesagt hatte, fiel es mir nicht mehr schwer. Ich dachte an Bekannte mit wohlhabenderen Eltern, denen bei der Anzahlung ebenfalls geholfen worden war. Es schien normal. Also fragte ich meine Mutter, ob das Angebot noch immer stand. Sie gab uns umgerechnet 14.000 Euro, plus weitere 2.300, um die Schulden meiner überzogenen Kreditkarte abzubezahlen. Meine Frau und ich konnten die Bank schließlich doch noch überreden, und so kauften wir uns für rund 175.000 Euro ein Haus in einem kleinbürgerlichen Vorort von Newcastle.

Kurz nach dem Einzug brachte meine Frau unser zweites Kind zur Welt, und ich bekam einen Job bei einem Magazin, arbeitete dort vier Tage die Woche, mit einem freien Tag für die Kinderbetreuung. Es war ein richtiger Job, bezahlte Arbeit. Allerdings verdiente ich damit im Jahr nur 20.000 Pfund, nicht einmal 25.000 Euro. Je öfter ich über meine Zukunft nachdachte, desto klarer wurde mir, dass mehr Geld in ihr vorkommen sollte. Musste! Ein befreundeter Universitätsdozent riet mir zum Aufsatteln – zu einem Lehramtsstudium, Lehrkräfte werden schließlich immer gebraucht. Ich befolgte seinen Rat und schrieb mich für ein Master-Studium ein.

Der Brexit als Kampfansage

Mittlerweile war mein Buch erschienen. Es verkaufte sich ganz gut. Den Redakteuren einiger Magazine gefiel es und sie fragten mich, ob ich für sie schreiben wolle. Aber ich musste alle jene Anfragen ablehnen – ich hatte ja einen festen Job bei einem anderen Blatt, ich durfte und konnte nicht. Außerdem studierte ich zusätzlich noch, das war Mehrbelastung genug. Nachdem ich meinen Master gemacht hatte, hängte ich den schlecht bezahlten Job an den Nagel und konzentrierte mich erst einmal wieder aufs Bücherschreiben.

Es ist nicht leicht, wie man das bei einem Schriftsteller auch nicht anders erwarten würde. Aber immerhin: Seither musste ich mir nichts mehr von meiner Mutter leihen. Das heißt: Eigentlich musste ich nicht mehr. Bis letzte Woche, wo ich sie doch noch einmal um umgerechnet 2.500 Euro bitten musste, wegen der Steuern, die ich als Freiberufler abzuführen hatte. Mittlerweile hat meine Frau noch ein Kind bekommen. Das muss man sich mal vorstellen: noch mehr Kindergeld! Ja, genau: Zu der Sorte gehören wir. Wir verließen das kleine Haus und zogen um, in ein größeres in einer weniger schicken Gegend. Insgesamt ist das alles großartig, ganz großartig. Außer dass ich selbst nichts getan habe, um irgendetwas davon zu verdienen. Ich hatte einfach nur die richtige Mutter.

„Mit dem Brexit haben die Alten den Jungen den Krieg erklärt, und die Jungen sollten reagieren, indem sie ihnen den Mittelfinger zeigen“, hat der Ökonom Danny Blanchflower vor einigen Monaten gesagt. Jetzt rief ich ihn an, denn er ist einer von denjenigen, mit denen ich schon 2010 gesprochen hatte. Damals prophezeite er eine „verlorene Generation“, nicht nur für Großbritannien. Eine große Gruppe junger Erwachsener, deren Leben von Arbeitslosigkeit oder von lächerlich geringen Einkommen geprägt sei. Bevor wir uns nun wieder trafen, las ich Statistiken. Diese sagen, dass das Jammertal durchschritten sei, jedenfalls in England: Die Jugendarbeitslosigkeit liegt jetzt bei zwölf Prozent, so niedrig wie seit 2004 nicht mehr. Unterdessen nahm die Zahl der Selbstständigen stark zu. Und: Die Leute gehen wieder einkaufen!

Juhu – möchte man da fast rufen. Nur leider haben viele, die in den schönen Shopping-Passagen arbeiten, keine richtigen Verträge. Und viele besonders gut ausgebildete junge Leute haben ihre Arbeitslosigkeit gegen einen miesen Job in der Gig-Economy eingetauscht, als billige Dienstleister für die Online-Branche. Michael Sanders, Mitglied des Finanzausschusses, sprach Anfang des Jahres von einer massiven Ausbreitung „irregulärer Beschäftigungsverhältnisse“. Wörtlich sagte er: „Manche bevorzugen flexible Arbeitsstrukturen oder versuchen, mit einer Selbstständigkeit beruflich Fuß zu fassen oder noch einmal einen Neuanfang zu machen.“ Es sei aber zu bedenken, „dass diese weniger sicheren Arbeitsformen im Durchschnitt auch schlechter bezahlt sind“.

Tatsächlich arbeitet etwa die Hälfte aller britischen Hochschulabsolventen in Jobs, für die sie überqualifiziert sind. Ohnehin stagnieren die Reallöhne. Millionen junger Leute versuchen, den Berg der Austerität zu erklimmen – nur um irgendwann zu merken, dass es sich gar nicht um einen Berg handelt, sondern um eine dieser Tretmühlen, die in Fitness-Studios stehen und aus denen sie niemals wieder herauskommen werden. Man arbeitet, man zahlt Steuern, leistet seinen Beitrag zur Gesellschaft. Das Problem besteht nur darin, dass man in diesen neuen Jobs nicht genug verdient, um damit das Leben eines souveränen Erwachsenen zu führen. Sie bieten keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten oder Sicherheiten.

Als ich 2010 über die Generationen-Ungerechtigkeit schrieb, interviewte ich auch den Journalisten Martin Bright, der die Creative Society gegründet hat, eine Organisation, die jungen Leuten helfen will, Arbeit in der Kreativwirtschaft zu finden. Damals klang er recht optimistisch. Nun, sieben Jahre später, sagt er: „Mittlerweile lautet die politische Botschaft, das Problem mit der Arbeitslosigkeit sei beseitigt. Deshalb ist es heute sogar noch schwerer, arbeitslos zu sein.“ Während die allgemeinen Wirtschaftsdaten sich erholten, haben sich die Bedingungen für Arbeitslose verschärft. „Heute geht man im Grunde zum Arbeitsamt, um sanktioniert zu werden. Dieser ganze Prozess ist so unangenehm, dass man alles andere lieber täte.“ Und er fährt fort: „Äußerst beunruhigend ist das Ausmaß an psychischen Erkrankungen, das wir beobachten.“ Aha. Hunderttausende empfindlicher Sensibelchen sind da herangewachsen! Deprimiert von ihren miesen Jobs, dem Mangel an Gestaltungsmöglichkeiten und trüben Zukunftsaussichten. Was für eine verschrobene Generation! Nicht wahr?

Bright sagt: „Um als menschliches Wesen zu überleben, braucht man ein Gefühl von Identität.“ Diese Identität bezog man früher aus seiner Rolle im Berufs- und Familienleben. „Aber heutzutage sind viele junge Erwachsene dazu verdammt, ewig darauf zu warten, etwas oder jemand zu sein.“ Mein Freund Tom ist so einer. 25 Jahre ist er jung, und völlig niedergeschlagen, weil er seit einer ganzen Weile schon einfach keinen Job findet, gar nichts. „Es ist leichter, diejenigen Freunde aufzuzählen, die keine Probleme mit Angstzuständen und Depressionen haben, als die anderen“, sagt Tom. Das erinnert mich an eine Phase vor gut zehn Jahren, in der auch ich keine Hoffnung hatte. Ich lag oft wach in meinem Bett und fantasierte davon, einfach in den Wald zu gehen und mich dort hinzulegen, bis alles aufhört.

Nachdem meine Mutter mir all das Geld gegeben hatte, fühlte ich mich ihr gegenüber schuldig. Jenes Schuldgefühl nimmt merklich ab, seit ich herausfand, dass sie Abertausende von Pfund gespart hat, einschließlich einer Abfindung, die sie bei ihrer Entlassung aus einem Normalarbeitsverhältnis bei einer Bank bekam. Nun arbeitet sie in Teilzeit beim Kaufhaus Marks & Spencer; außerdem erhält sie schon ihre staatliche Rente sowie Zahlungen aus einer privaten Altersversicherung. Als Seniorin bekommt sie zudem jährlich rund 230 Euro Zuschüsse für Heizöl und ein kostenloses Busticket – das sie nicht nutzt, da sie sich einen BMW leisten kann. Sie kann noch von all den alten sozialen Spielregeln profitieren, die für uns nicht mehr gelten.

Das monatliche Einkommen meiner 66-jährigen Mutter – noch mal: einer Rentnerin! – ist also deutlich höher als das ihres berufstätigen Sohnes von Mitte 30, Vater von drei Kindern. Sie muss auch kein Studiendarlehen zurückzahlen, denn Bildung und Ausbildung waren für ihre Generation noch kostenlos; ihr Haus ist schon seit Jahrzehnten abbezahlt, und zu ihrem Vergnügen bestellt sie kistenweise Wein in Onlineshops und meldet sich bei Facebook manchmal überraschend mit Grüßen von irgendeinem italienischen See.

Wer hat wen reingelegt?

Ganz ernsthaft frage ich: Sollten soziale Extras nicht auch denjenigen zugutekommen, die noch keine Ersparnisse anhäufen konnten und die gezwungen sind, in eine Arbeitswelt einzutreten, in der es immer weniger gut bezahlte Langzeitarbeitsplätze gibt? Auch wenn sie so gut ausgebildet sind, wenn sie an der Schule und den Unis so viel geleistet haben wie noch keine Generation vor ihnen? Hier wäre ein Anfang: Gebt Selbstständigen unter 35 Freikarten für den ÖPNV. Gewährt jedem von ihnen ein Startkapital von vielleicht 500 Euro, damit sie Werbung für das eigene Ich-Unternehmertum machen können: „Hallo, hier bin ich, ab jetzt kann man mich buchen!“ Wenn jemand eine Weiterbildung macht, um seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, lasst ihn diese als Geschäftsausgaben deklarieren. Reduziert die Sozialversicherungsbeiträge dieser Leute. Zahlt auch Selbstständigen das volle Elterngeld und reduziert den Anteil, den man von seinem Studienkredit zurückzahlen muss.

Ökonom Blanchflower geht sogar noch weiter: „Ich finde, die Jungen sollten fordern: ,Gebt jedem jungen Menschen, der sich ein Haus kaufen will, 100.000 Pfund und kürzt die Renten dafür um 50 Prozent.̒ Das klingt radikal, aber das solltet ihr Jungen machen. Sagt einfach: ,Ihr habt uns reingelegt, jetzt legen wir euch rein.‘“ Meiner Mutter gegenüber würde ich das nicht erwähnen. Ich glaube auch nicht, dass es funktionieren würde, Rentnern zu drohen. Es muss andersherum laufen: Wir Jüngeren sollten wählen, in Parteien eintreten, Abgeordnete werden. Wir sollten nach der Macht greifen, und zwar jetzt.

Andrew Hankinson hat diesen Text als Gastautor für den Guardian verfasst

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 17.05.2017
Geschrieben von

Andrew Hankinson | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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