Niemand weiß Genaues

Preise zuhauf In Peking soll angeblich mit einem Konfuzius-Preis auf den Friedensnobelpreis für den Dissidenten Liu Xiaobo reagiert werden, doch richtig eingeweiht scheint niemand

Einen Tag vor der Nobelpreis-Zeremonie in Oslo soll in Peking der Konfuzius-Friedenspreis verliehen werden, offenbar eine Reaktion auf die Auszeichnung des inhaftierten Dissidenten Liu Xiaobo durch das Nobelpreiskomitee. Die Organisatoren argumentieren, das über eine Milliarde Menschen zählende China sollte „in Sachen Weltfrieden mehr Gehör erhalten als das kleine Norwegen, dessen Komitee „parteiisch und irregeleitet sein könnte“.

Peking hat die Osloer Entscheidung zugunsten des 54 Jahre alten Kritikers und Schriftstellers Liu von Anfang an als Verletzung seiner Souveränität und Beispiel für ideologische Kriegführung des Westens angegriffen. Liu sitzt eine elfjährige Haftstrafe wegen Anstiftung zur Subversion ab. Er hat die Charta 08 mit verfasst, die unverhohlen demokratische Reformen fordert. Außer China werden 18 weitere Länder nicht an der Zeremonie teilnehmen, nachdem Diplomaten in Oslo damit gedroht wurde, ein Erscheinen werde Konsequenzen haben.

"Alle rufen uns an"

Der Konfuzius-Friedenspreis, benannt nach dem einflussreichsten chinesischen Philosophen (551 bis 479 v.u.Z.), wurde ins Leben gerufen, um „die Friedensansichten des chinesischen Volkes zu interpretieren“, erklärt das Preiskomitee. Die chinesische Regierung muss die Verleihung des Preises freilich erst noch bekannt geben. Ohnehin ist nicht klar, wie viel Unterstützung dieses Projekt von offizieller Seite genießt. Als Einlader firmiert eine Abteilung des Kulturministeriums, doch äußerte sich ein Mitarbeiter dieses Hauses gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters wie folgt: „Alle rufen uns an und fragen danach ... wir wissen nichts davon“.

Tan Changliu, Sprecher der Initiatoren, bestätigt den Eindruck, dass der Preis noch recht unbekannt sei, fügt aber hinzu: „Er muss schrittweise wachsen. Wir hoffen, dass der Auszeichnung bald eine internationale Bedeutung zuerkannt wird.“ Liu Zhiqin, ein Geschäftsmann, der als erster den Vorschlag zu einem eigenen Preis gemacht haben soll, begründet dies damit, dass die norwegischen Juroren einen „Kriminellen unterstützt und 1,3 Milliarden „Dissidenten“ geschaffen“ hätten, „die mit dem Nobelpreiskomitee unzufrieden“ seien. China sollte den Westen seiner Meinung nach lehren, „Völker mit anderen nationalen Werten und Lebensstilen freundlich zu behandeln“.

Reiche Auswahl

Das Komitee des Konfuzius-Preises erklärte, es habe Lien Chan, den früheren Vizepräsidenten Taiwans, der innerhalb der Nationalistischen Partei dort immer noch eine einflussreiche Figur ist, als ersten Gewinner ausgewählt. Lien habe „eine Brücke des Friedens zwischen dem Festland und Taiwan gebaut“. Eine Mitarbeiterin in Liens Büro in Taipei sagt auf Anfrage, sie könne die Entscheidung nicht kommentieren, denn sie wisse nichts davon. Nominiert waren dem Vernehmen nach auch Bill Gates, Nelson Mandela, Ex-Präsident Jimmy Carter, der Palästinenser Mahmud Abbas und der Panchem Lama. Letzterer, zweithöchster Mönch im tibetischen Buddhismus, ist eine äußerst kontroverse Figur, da der vom Dalai Lama als Reinkarnation des Panchen Lama identifizierte sechsjährige Junge von den chinesischen Behörden nicht anerkannt wurde und seitdem verschwunden ist. Peking erklärte, eine Findungskommission habe einen anderen Jungen auserwählt, der nun der Panchem Lama sei.

Der Konfuzius-Preis soll mit 100.000 Yuan (11.000 Euro) dotiert sein, während der Träger des Friedensnobelpreises mit zehn Millionen Kronen (ungefähr 1, 25 Millionen Euro) rechnen kann. „Die Idee des Konfuzius-Friedenspreises kann man nur absurd nennen“, sagte der chinesische Menschenrechtsanwalt Teng Biao. „Natürlich gibt es Aspekte chinesischer Tradition, die respektiert und bewahrt werden sollten. Einige konfuzianische Ideen sind ebenfalls wertvoll – alles in allem ist das aber der falsche Weg. Frieden bemisst sich nicht nach der Bevölkerung oder der Fläche eines Landes. Zu sagen, Norwegen sei ein kleines Land und habe deshalb nicht viel mitzureden, wenn es um Frieden oder Menschenrechte geht, ist einfach lächerlich ... Norwegen ist eines der freizügigsten und demokratischsten Länder weltweit.“ Der in Oxford lehrende Chinese Steve Tsang sagte: „Es ist zu offensichtlich, dass die Sache überstürzt wurde, um der Verleihung an Liu Xiaobo etwas entgegenzusetzen.“

Übersetzung: Holger Hutt

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:30 09.12.2010
Geschrieben von

Tania Branigan | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12164
The Guardian

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community