Normale Gewalt

Italien In Rom hausen Migranten oft in verfallenden Gebäuden ohne Heizung, Wasser oder Strom. Vertrieben werden sie selbst von dort noch
Mattha Busby, Carlotta Dotto | Ausgabe 14/2018
Normale Gewalt
„Wir wollen keine Gebäude besetzen und illegal leben, aber es ist eben immer noch besser, als auf der Straße zu hausen.“

Foto: Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images

Handys liegen herum, Schränke stehen offen, herausgezogene Schubladen hängen herab, Papiere und Zeitungen liegen im Raum verstreut. An den Wänden hängen Fotografien von Hochzeiten und Kindern, alles in Eile zurückgelassen, als die Polizei das Gebäude stürmte. Vor sieben Monaten wurde das ehemalige Bürogebäude an der Piazza Indipendenza im Zentrum Roms geräumt. Dies zwang etwa 800 eritreische und äthiopische Flüchtlinge, die dort vier Jahre lang gelebt hatten, alles stehen und liegen zu lassen, was sie im Moment der Razzia nicht mitnehmen konnten. „Es wurde uns gesagt, wir sollten ihnen vertrauen und in Bussen mit ihnen kommen, sie hätten eine Lösung für uns“, erzählt Bereket Arefe*, der aus Eritrea geflüchtet ist und schon seit 2005 in Italien lebt. „Doch als wir auf der Polizeistation eintrafen, bekamen wir zu hören: ‚Das Gebäude ist geräumt, unsere Arbeit ist getan.‘ Ich fragte, wohin wir denn nun gehen sollten, und man antwortete mir: ‚Geht auf die Straße oder bucht euch ein Zimmer in einem Hotel.‘ Es gab keinen Plan B für uns.“

Das geräumte Haus war eines von ungefähr hundert verfallenden, leerstehenden Gebäuden in Rom, die derzeit von Migranten bewohnt werden und oft ohne Heizung, Wasser oder Strom auskommen müssen. Etwas mehr als 180.000 Asylbewerber, was als offizielle Kapazitätsgrenze gilt, leben in Rom oder dessen Umgebung. Viele sind in Notunterkünften untergebracht, mindestens 10.000 Menschen leben einem Bericht von Médecins Sans Frontières (MSF) zufolge unter unmenschlichen Bedingungen, nicht wenige auf der Straße.

Ist das Asylverfahren abgeschlossen, sammeln sich Migranten nicht selten in informellen Siedlungen, in ehemaligen Fabriken, schon lange geräumten Bürogebäuden oder auf verlassenen Parkplätzen. Werden diese Refugien von der Polizei geschleift, suchen sich die Menschen andere und achten darauf, noch besser als zuvor vor Blicken, Nachforschungen und Anfeindungen geschützt zu sein. Seit vergangenem Sommer haben die Behörden Roms zu drei großen Räumungsaktionen ausgeholt. Ein Faible von Bürgermeisterin Virginia Raggi von der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S), die sich auch gern als „Partei der Ordnung“ darstellt und ein hartes Vorgehen gegen Migranten befürwortet. Raggi verlangt, „auf die starke Präsenz von Migranten“ in Rom und „einen kontinuierlichen Zuzug ausländischer Staatsangehöriger mit einem Moratorium für Neuankömmlinge“ zu reagieren. „Wir können uns diesen Zustrom nicht mehr leisten“, insistiert die Bürgermeisterin und wiederholt die migrantenfeindliche Rhetorik des bisherigen Innenministers Marco Minniti. Da lag es auf der Hand, dass es irgendwann auch zur Räumung des Gebäudes in der Via Curtatone kommen musste.

Überfüllte Toiletten

„Die Polizei kam morgens um halb sechs, während alle noch schliefen und völlig unvorbereitet waren“, erzählt ein ehemaliger Bewohner, der Äthiopier Eferm Ali. Das Haus sei gestürmt worden, als befinde man sich auf der Jagd nach Verbrechern. Die Polizisten hätten die Türen eingetreten, Fenster und Toiletten zerschlagen. Alles sei zerstört worden. Da sie keinen anderen Ort hatten, an den sie gehen konnten, schliefen die meisten in der Nacht darauf auf dem Platz vor dem vormals bewohnten Gebäude. Das ging fünf Tage gut, dann kam die Polizei erneut, um die auf der Piazza Gestrandeten mit Wasserwerfern und Schlagstöcken zu zerstreuen. Bald tauchten Amateuraufnahmen dieser Treibjagd auf und zeigten, wie eine Frau von einem Polizisten im Nacken festgehalten, eine andere geschlagen wurde. „Was mit uns geschah, war ausgesprochen brutal. Ich konnte nicht glauben, dass so etwas in Europa passiert“, erinnert sich Eferm Ali. „Es war einfach unmenschlich.“

Mittlerweile hat Silvio Berlusconi erklärt, seine Partei Forza Italia sei dafür, 600.000 der 630.000 in Italien lebenden Migranten abzuschieben, was den bekannten Fernsehmoderator Rula Jebreal zu der Aussage veranlasste, das Land werde zusehends in die Arme der Faschisten getrieben. In einem solchen politischen Klima würden Migranten kaum Möglichkeiten bleiben, um zu überleben. Wer in einem leerstehenden Gebäude Zuflucht suche, könne keine Aufenthaltserlaubnis beantragen, der untergrabe zugleich sein Bleiberecht und habe keinen Zugang zu sozialen Hilfsleistungen. Es sei ein fataler Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gäbe.

Das erfuhren auch die Bewohner des Lagers Baobab Experience, das 2015 von Aktivisten auf einem Parkplatz an der Bahnstation Tiburtina errichtet wurde, um Migranten eine temporäre Lösung zu bieten. Seither wurde dieses Camp mehrfach geräumt. „Selbst für diejenigen, die eine Aufenthaltserlaubnis erhalten haben, gibt es keine soziale Teilhabe. Sie stehen ohne Wohnung und Arbeit da“, erzählt Roberto Viviani, der das Lager an der Eisenbahnstrecke mitorganisiert hat. Viele der Betroffenen kämen aus Nordafrika und seien von vornherein keinem Aufnahmezentrum zugewiesen worden. Das bedeute, dass sie weder einen Sprachkurs noch rechtliche Hilfe erhielten. Unter den zur Obdachlosigkeit Verurteilten seien auch Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land einen Asylantrag gestellt hätten, aber wieder nach Italien abgeschoben wurden, was nach den Dublin-Regeln zulässig sei, denn hier hätten sie zuerst europäischen Boden betreten.

Ein anderer Fall. Mehr als tausende Menschen leben im Palazzo Selam, dem „Palast des Friedens“, einem ehemaligen Universitätsgebäude, das heute zum größten Flüchtlingsghetto in Europa wurde. In diesem weitläufigen Abstellraum für Menschen sind die Toiletten permanent überfüllt, und die Insassen leben von der Hand in den Mund, aber irgendwie funktioniert diese informelle Notunterkunft. Ebenfalls in Rom, in der Kirche Santi Apostoli, in der an die 50 Migranten Zuflucht gefunden haben, sitzt eine alleinstehende Mutter in einem Zwei-Mann-Zelt. Francesca Agostinho und ihr dreijähriger Sohn wurden im August aus einem Abrisshaus im Viertel Cinecitta vertrieben, in dem sie zusammen mit über 40 Familien untergekommen waren. „Dass uns die Behörden nicht unterstützen, hat etwas mit der öffentlichen Meinung zu tun“, glaubt sie. „Diese Leute helfen uns nicht, weil alles andere ihre Position schwächen würde. Für viele Italiener ist die Gewalt gegen uns normal. Für sie verdienen wir, was mit uns geschieht, denn wir sind keine menschlichen Wesen, wir sind Tiere, Dreck. Wir sind nur Schwarze.“ Und Yemane Senai, ein Eritreer, der auch schon in der Via Curtatone gelebt hat, fügt hinzu: „Wir wollen keine Gebäude besetzen und illegal leben, aber es ist eben immer noch besser, als auf der Straße zu hausen. Wir sind Flüchtlinge, und wir haben Rechte. Ich liebe Rom, aber Rom liebt uns nicht.“

„Anstelle langfristiger politischer Maßnahmen, mit denen auf elementare Bedürfnisse einer relativ überschaubaren Zahl von Menschen reagiert wird, die heute unter inhumanen Bedingungen existieren, erleben wir, dass Migranten und Geflüchtete fortwährend kriminalisiert werden“, sagt Tommaso Fabbri, der die Projekte von MSF in Italien koordiniert. „In Rom zwingt das viele Migranten, möglichst unsichtbar zu werden.“

Mattha Busby und Carlotta Dotto sind freie Autorinnen, die u.a. im Guardian schreiben

Übersetzung: Holger Hutt

* Einige Namen wurden geändert, um die Identität der Betroffenen zu schützen

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06:00 24.04.2018
Geschrieben von

Mattha Busby, Carlotta Dotto | The Guardian

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Ausgabe 41/2021

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