Nummer 10 oder 11 geht

Abschied Nach 20 Jahren als Herausgeber verlässt Alan Rusbridger den Guardian. Dieser Text ist sein Abschiedsgruß an die Leser
Nummer 10 oder 11 geht
Fing 1979 beim Guardian an: Alan Rusbridger
Bild: Leon Neal/AFP/Getty Images

Wenn Sie den Guardian vom 29. Mai 2015 in der Druckversion lesen – was Sie natürlich nicht tun –, halten Sie die letzte Ausgabe mit mir als Herausgeber in den Händen. In zwanzig Jahren haben wir fast 7.500 Zeitungen „zu Bett gebracht“, wie heute so gut niemand mehr sagt. Und nun hat, an irgendeinem Punkt im rund um die Uhr rotierenden digitalen Nachrichtenkreislauf, meine Nachfolgerin Katharine Viner das Steuer übernommen.

Seit 1821 hatte der Guardian nur zehn Herausgeber gehabt – oder elf, wenn wir den 18-jährigen Russel Scott Taylor mitzählen, der in den 1840er-Jahren einmal für kurze Zeit aushalf. Der Größte von ihnen, C. P. Scott, hielt sich 57 Jahre auf dem heißen Stuhl. Sein Sohn und Nachfolger Ted kam nach nur drei Jahren im Job bei einem Segelunfall ums Leben. Zwanzig Jahre sind also mehr oder weniger Durchschnitt.

Als ich 1979 beim Guardian anfing, kam er mir wie ein Familienbetrieb vor, und das ist er in gewisser Hinsicht immer noch. Ich begann am selben Julimontag wie Nick Davies, der dann einer der besten Reporter seiner Generation wurde. Seine Spezialität war die investigative Recherche, meine eher die beschreibende Reportage, die Kolumne und das Feature. Von Anfang an war der Guardian wie ein warmes Bad für mich: ein Schutzraum für freies Denken und Schreiben.

Und ich war ein sehr überzeugter Schreiber. Ich hatte nicht vor, irgendwelche Herausgeberverantwortung zu übernehmen, geschweige denn für die ganze Zeitung. Aber Ende 1988 brauchte der Guardian dringend ein Wochenendmagazin, als Antwort auf die ziemlich großartige samstägliche Hochglanzbeilage des Independet. Und der damalige Guardian-Herausgeber Peter Preston bat ausgerechnet mich, das zu übernehmen.

Damit lockte er mich auf einen neuen journalistischen Pfad, der mich 1992 zur Gründung der Beilage G2 und am 13. Januar 1995 auf den Posten des Herausgebers führte. Ich kannte die Geschichte des Guardian gut genug, um fürs erste völlig eingeschüchtert zu sein. Bitte, bitte, mach dass ich die Vase nicht fallen lasse …

Doch natürlich ist der Guardian sehr viel größer als irgendein Chefredakteur oder Herausgeber. Kurz nachdem ich den Job angetreten hatte, lud mich ein Kollege von der Konkurrenz zum Mittagessen ein und war so freundlich mir zu erklären: „Wenn ich mal einen Tag nicht da bin, stehen sechs stellvertretende Chefredakteure bereit, mit ihrer ganz eigenen Vorstellung davon, wie die Zeitung aussehen soll. Und wenn du mal einen Tag nicht da bist, wird bei euch auch das Haus den Guardian machen.“

Er hatte Recht. Die Mischung aus kultureller Osmose, einem speziellen Eigentumsmodell und einer besonders wachsamen Leserschaft bringt eine sehr ausgeprägte gemeinsame Idee davon hervor, was der Guardian ist – auch wenn es darum geht, diese Idee für jede Generation neu zu interpretieren, „im gleichen Geist wie bisher“.

Meine erste Ausgabe erschien 1995 mit der Schlagzeile „EU will Grenzen dichter machen“. Manches ändert sich eben nicht …

In den ersten gut 170 Jahren Guardian-Geschichte hatte es natürlich gewaltige Herausforderungen und Umwälzungen gegeben, darunter die folgenschwere Entscheidung von 1964, die Redaktion von Manchester nach London zu verlegen. Doch im Wesentlichen war das Zeitungsmachen, als ich den Job von Peter Preston übernahm, noch dasselbe wie 1821, als – übrigens in Reaktion auf das Peterloo-Massaker von 1819, bei dem Armee- und Polizeieinheiten eine Protestkundgebung in Manchester blutig niederschlugen – der Guardian gegründet wurde. Wir erzählten Geschichten in gedruckten Wörtern, seit einiger Zeit auch in Bildern, aber stets schwarzweiß, was vor zwanzig Jahren noch als "angemessen" für ein Nachrichtenmedium galt. Der Tagesrhythmus ordnete sich dem Hauptredaktionsschluss gegen 21:30 Uhr unter. Wir wussten, was Papier, Tinte, Druck und Vertrieb kosteten, und wir konnten an den Anzeigenpreisen drehen, auch am Kaufpreis der Zeitung selbst. Der weitaus überwiegende Teil unserer Leserschaft saß in Großbritannien, und wenn sie Kontakt aufnehmen wollten, taten sie es per Telefon oder Post. Es war eine Welt, in der alles vertraut war.

Zwanzig Jahre später schwimmen wir in ganz unbekannten Gewässern. Zwar erzählen wir immer noch Geschichten in Text und Bild, doch die Worte können ebenso die Gestalt von Liveblogs annehmen wie von Artikeln, und die Bilder können auch bewegte Bilder sein. Wir arbeiten mit Audiodateien, interaktiven Anwendungen, Datenbanken und Grafiken. Wir verbreiten unseren Journalismus über diverse Kanäle, Systeme und Geräte, wir binden Debatten in Echtzeit ein. Es gibt uns auf der iWatch, wir sind mit Facebook im Bett, aber nach wie vor auch noch im Kiosk an der Ecke erhältlich.

Zwei Drittel unserer Leserschaft haben wir nun außerhalb Großbritanniens. Und wir publizieren ohne Pause. So gut wie alle unsere Leserinnen und Leser können ihrerseits Texte veröffentlichen und jederzeit miteinander und mit in uns Kontakt treten. Sie leisten Beiträge zum Guardian, die noch vor 15 Jahren undenkbar waren.

Zudem stellen wir ja nach wie vor eine Zeitung her. Oder, besser gesagt, zwei. Der Observer, noch 30 Jahre älter als der Guardian, erfreut sich unter seinem Herausgeber John Mulholland bester Gesundheit.

Das Wirtschaftsmodell für das, was wir nun machen, steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Vor zwanzig Jahren fragte niemand einen Zeitungsherausgeber nach seinem Geschäftsmodell, heute ist es immer eins der ersten Gesprächsthemen. Und selbstverständlich ist der Guardian – wenn auch finanziell weit besser abgesichert als in vielen Phasen seiner Vergangenheit – ebenso wie die Konkurrenz darauf angewiesen, eine nachhaltige Grundlage für sein Tun zu finden.

Einige Verlage haben sich dafür entschieden, ihre digitalen Inhalte einzumauern und für den Zugang Geld zu verlangen. Die beiden Gegenpole sind hier der Guardian auf der einen und die Londoner Times auf der anderen Seite. Letztere beziffert ihr Online-Publikum derzeit auf 281.000 Leserinnen und Leser. Im April 2015 wurde der Guardian täglich auf 7 Millionen einzelnen Browsern gelesen.

Unterm Strich verlieren (oder investieren) beide Zeitungen dabei zurzeit etwa dieselbe Menge Geld. Erst in zehn oder zwanzig Jahren wird sich zeigen, wer die Zukunft besser eingeschätzt hat. Doch der Guardian – noch immer die achtgrößte Printzeitung in Großbritannien – wetteifert nun mit der New York Times um den Titel der weltgrößten seriösen englischsprachigen Zeitung im Internet.

So viel zu den Zahlen. Als ich in den letzten Wochen meine zwanzig Guardian-Jahrgänge durchging, versuchte ich sie in verschiedene Phasen einzuteilen. Die erste Phase waren die Jahre der Verleumdungsklagen, als der Guardian unablässig vor irgendwelchen Gerichten stand. Kaum hatte ich die Herausgeberschaft übernommen, setzte sich eine ganze Prozession von Parlamentariern, Ministern, Lobbyisten, Sektenführern, Kurpfuschern, Konzernen, Polizisten, Bankiers und reichen Playboys in Marsch, um uns vor den Kadi zu zerren.

Heutzutage hat der Hang zu solchen Klagen zum Glück stark nachgelassen. Damals waren es oft monumentale, kostspielige und sehr zeitaufwändige Schlachten. Wenn man sie gewann – was wir meistens taten – konnten sie auch Spaß machen. Vor allem aber waren sie aufreibend und nervenzehrend. Der Niedergang der Londoner Verleumdungsindustrie tut mir kein bisschen leid, und ich hoffe, dass wir, zusammen mit anderen Zeitungen und Organisationen im Dienst der Meinungsfreiheit, unseren Anteil daran gehabt haben. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle all meinen juristisch versierten Freunden aus jenen Jahren. Teuer wart ihr. Aber auch gut.

Es folgten die ersten Internetjahre. Unter der Leitung von Ian Katz entwickelten wir eine Website, die nicht den Fehler machte, bloß online die Druckausgabe zu reproduzieren. Ian und sein Team erkannten früh, dass das neue Medium in vieler Hinsicht ganz anders funktionierte, und sie schufen einen digitalen Guardian Unlimited, der diesen neuen Spielregeln folgte.

Ein Intermezzo bildete der Streit ums Druckformat – in Reaktion auf die kühne Entscheidung von Times und Independet, vom klassischen Broadsheet aufs boulevardeske Tabloid umzustellen. Der Independent verkündete sogar, er sei fortan kein „newspaper“ mehr, sondern ein „viewspaper“, also nicht mehr Nachrichten-, sondern Meinungsmedium. Doch in der Aufregung über die Formatfrage ging diese erstaunliche Erklärung fast unter.

Aus verschiedenen Gründen, unter anderem wegen der Menge an rubrizierter Werbung, die wir damals noch im Blatt hatten, kam Tabloid für uns nicht infrage. Da wir aber eh neue Druckpressen brauchten und deren Preis für jede Größe gleich war, wählten wir das sogenannte Berliner Format, das zwischen Broadsheet und Tabloid liegt.

Für das neue Erscheinungsbild der Zeitung waren der Gestalter Mark Porter und mein Stellvertreter Paul Johnson verantwortlich, sowie beim Observer dessen damaliger Herausgeber Roger Alton, und sie legten ein ebenso schönes wie flexibles Design vor. Als wir die neuen Man-Roland-Druckpressen in Betrieb nahmen, dachten wir trotzdem, es wären die letzten Pressen, die der Guardian je gekauft hätte. In der Rückschau erscheint mir der Wechsel im Druckformat nun weit weniger schicksalhaft.

Die nächste Phase war das soziale Internet oder Web 2.0, wie es anfangs genannt wurde. Emily Bell, damals nicht nur unsere Online-Chefin, sondern auch unsere Redaktionshellseherin, erkannte sogleich, dass dieser Wandel ebenso wichtig war wie das Netz selbst. Wir stehen an einem Scheideweg, warnte sie uns: Entweder wir schotten uns ab gegen die gesellschaftliche, ökonomische, kulturelle und verlegerische Revolution, oder wir schließen uns ihr rückhaltlos an. Offen oder geschlossen? Wir entschieden uns für offen.

Ein frühes Experiment war die Sektion Comment Is Free, ins Leben gerufen von Georgina Henry im Jahr 2006. Es handelte sich um eine beispiellose Erweiterung und Diversifizierung der Guardian-Meinungsrubrik. Denn seither können nicht mehr nur die „above the line writers“, also die Redaktion und die von ihr beauftragten Autoren, in unserer Zeitung diskutieren und streiten – sondern Sie alle, wenn Ihnen danach ist.

Dafür mussten wir ein paar neue Regeln aufstellen. So entstand ein der zuvor ungekannte Typus des journalistischen Kommentar-Moderatoren, um die Meinungsflut handhabbar zu machen. Und so erschlossen wir uns eine neue Dimension der Ausdrucksfreiheit, die manchmal unbequem ist, zumeist aber bereichernd und faszinierend. Die jüngste Überarbeitung unseres Webauftritts, angeleitet von unserem Chef für digitale Strategien, Wolfgang Blau, führt diesen Ansatz noch weiter.

Und schließlich gab es die großen Geschichten: über Schmiergeldskandale, korrupte Politiker, steuerflüchtige Großkonzerne, Ölpest-Fälle, sittenwidrige Überwachung, tödliche Polizeieinsätze, Folter und illegale Auslieferungen, weibliche Genitalverstümmelung, Drogen, die Lebensmittel- und die Pharmaindustrie und vieles mehr.

Wikileaks, 2010, fühlte sich nach einer gigantischen Story an und war es auch: die größte Enthüllung von diplomatischen Depeschen und Geheimdienstdokumenten, die die Welt je gesehen hatte. Doch es folgte der Telefon-Hacking-Skandal um das Medienimperium von Rupert Murdoch. Mit einer außerordentlich hartnäckigen, sieben Jahre langen Recherche konnte Nick Davies die Straftaten, Vertuschungs- und Täuschungsmanöver des mächtigsten Nachrichtenkonzerns der Welt nach und nach ans Licht bringen. Davies’ Berichte verhinderten, dass ein so riesiges wie rücksichtsloses Medienmonopol sich in der Größe noch verdoppelt hätte – mit unabsehbaren Folgen für Machtgefüge, Demokratie, Regulierung und sogar Polizeiarbeit. Alles, was die Murdochs – Sohn, Vater und Teilhaber – zu ihrer Verteidigung vorbringen konnten, war, dass sie die Kontrolle über den Konzern verloren hatten. Jede andere Antwort hätte für ihr Imperium unweigerlich die Apokalypse bedeutet.

Ich glaube, als Konsequenz aus dem Skandal hat sich die britische Neigung, Journalismus als mitunter völlig achtlose Hetzjagd zu betreiben, ein bisschen zügeln lassen. Wobei ich weiß, dass nicht alle meine Herausgeberkollegen diese Einschätzung teilen bzw. begrüßen.

Und dann kam Edward Snowden mit seinen frappierenden Einblicken in die globale Überwachungsindustrie, die seit dem 11. September aufgebaut worden war. Ohne jegliche Zustimmung oder auch nur Information der Betroffenen wurden von zig Millionen Menschen in aller Welt Daten abgegriffen, gespeichert und analysiert.

Und rund um den Globus vertieften sich nun Richter, Parlamentarier, Anwälte, Präsidenten, Gesetzgeber, Internet-Unternehmer und Akademiker in die Guardian-Berichterstattung, die unsere US-Chefredakteurin Janine Gibson mit sicherer Hand koordinierte. Erst jetzt im Mai wurde die telefonische Schleppnetzfahndung in den USA, die seit Oktober 2001 Tag für Tag heimlich die Privatsphäre von Millionen Amerikanern verletzte, eingestellt. Zuvor hatte sich der Kongress mit überwältigender Mehrheit gegen diese Praxis ausgesprochen, und ein US-Berufungsgericht hatte die von Snowden enthüllte großflächige Sammlung von Telefon-Metadaten für gesetzwidrig befunden.

Unser Lohn war der Pulitzer-Preis für Dienst an der Öffentlichkeit. Snowden aber, der um dieser Enthüllungen willen ein für die meisten von uns kaum vorstellbares persönliches Opfer gebracht hat, muss auf offizielle Anerkennung dafür immer noch warten – von einem Freispruch ganz zu schweigen.

Der Guardian hat in jüngster Zeit weitere Erfolge zu verzeichnen: Sei es der von Katharine Viner verantwortete brillante Start unserer Australien-Ausgabe; sei es Rob Evans’ langer, beharrlicher Kampf um die Veröffentlichung von Prinz Charles’ Politikerbriefen; sei es unsere neue Kampagne für eine ernsthafte und hilfreiche Auseinandersetzung mit den Folgen des Klimawandels; sei es Maggie O’Kanes kraftvoller Feldzug gegen weibliche Genitalverstümmelung – und vieles mehr.

Als ich diese letzten zwanzig Jahre durchging, habe ich mich natürlich auch gefragt, was der Guardian eigentlich ist – und was es bedeutet, sein Herausgeber zu sein.

Als John Scott, ein Sohn des großen C. P., beschloss, den Manchester Guardian in einen Trust zu überführen, holte er sich dafür Rat bei Gavin Simonds, der später unter Churchill Justizminister wurde. Simonds sagte ihm: „Mir scheint, Sie haben da etwas vor, das dem englischen Rechtssystem sehr fremd ist. Sie wollen ein Eigentumsrecht abgeben.“

Genau dies hatte Scott im Sinn. Sir William Haley, der spätere Times-Herausgeber, kommentierte: „Er hätte ein reicher Mann sein können, aber entschied sich für ein spartanisches Leben. Und seinen Entschluss, auf jede Beteiligung an Profiten des Guardian zu verzichten, verkündete er so nüchtern wie die Lösung einer Matheaufgabe. Die meisten Menschen, die so ein großes Opfer bringen, würden dafür zumindest Bewunderung einfordern.“

Die Entscheidung der Familie Scott, alle finanziellen Interessen an der Zeitung aufzugeben, dürfte zu den historischen Großtaten in Sachen gesellschaftlich ausgerichteter Philanthropie zählen. Auf diese Weise schufen sie eine Eigentümerstruktur, die nur zwei Zwecken dient: die Zukunft des Guardian zu sichern und in jeder Lage, um jeden Preis und gegen alle Widrigkeiten die Unabhängigkeit der Zeitung zu wahren.

Natürlich bleibt die Zukunftssicherung eine ständige Aufgabe, aber Rücklagen in Höhe von rund einer Milliarde Pfund sind dafür zumindest eine starke Basis. Hier spielt die Guardian Media Group, als kommerzieller Teil des Projekts, eine entscheidende Rolle.

Die Unabhängigkeit, die uns der Trust verschafft, zeigt sich auf etliche Arten. Vor den britischen Wahlen im Mai saßen an einem Mittag 200 von uns zusammen und diskutierten, ob wir eine Empfehlung aussprechen sollten, und wenn ja, für welche Partei. Niemand stand über uns und gab, ob explizit oder implizit, eine Richtung vor. Die Entscheidung lag allein bei uns.

Derselbe Geist weht bei uns jeden Morgen in der Redaktionskonferenz. Allen Mitarbeitern steht es frei, dabei zu sein – zuzuhören, mitzureden, anzufechten oder sich zu begeistern. Der Geist wehte auch, als sich im Verleumdungsprozess, den der Tory-Politiker Jonathan Aiken gegen uns angestrengt hatte, unsere Mitstreiter von Granada TV zur Aufgabe gezwungen sahen – während uns der Scott Trust sagte, wir sollten weiterkämpfen. Er wehte, als uns der Staat und diverse Politiker bedrängten, die Snowden-Enthüllungen zu stoppen. Der Trust bliebt unbeirrt: Kommt nicht in Frage.

Den Geist spürte ich, wann immer ich Rat bei den weisesten Eulen suchte, die ich kannte, den Trust-Vorsitzenden Hugo Young und Liz Forgan. Von ihm durchdrungen ist C. P. Scotts Essay zum 100. Jubiläum des Guardian 1921, in dem er über die Balance zwischen der materiellen und der moralischen Existenz einer Zeitung schrieb – zwischen Profit und Gestaltungsmacht. Für Scott stand nie infrage, welches von beiden höher stand.

Moral geht über Profit. Ich muss allerdings einräumen, dass mir selbst mit dieser Haltung heute nicht rundum wohl ist. Und so will ich zum Schluss ein Geständnis ablegen und mich zu einer durchaus nagenden Sorge, was diese Machtfrage angeht, bekennen.

Eine Herausgeberin oder ein Herausgeber kann in der Tat eine mächtige Figur sein. Herausgeber können Leute hochjubeln oder zerstören. Sie diktieren, wem eine Stimme verliehen wird und wer stumm bleibt. Sie können sich ein Opfer aussuchen, es bedrängen und verängstigen. Sie können einer Zeitung ihre Meinung aufzwingen und mittels der Zeitung dann einem ganzen Land.

Wie wir gesehen haben, können sie gesetzwidrig in die Privatsphäre von Menschen vordringen und darauf vertrauen, dass nicht einmal die Polizei sie daran hindern wird. Sie können unverhältnismäßigen Einfluss auf Debatten nehmen – und sei es nur, indem sie die Argumente der Gegenseite verschweigen. Eine Stimme kann eine ganze Zeitung beherrschen, von der Titelseite über die Berichte und Leitartikel bis hin zur Auswahl der Kommentatoren.

Noch immer beugen die Leute das Knie vor dieser Art von Macht, auch in einer Zeit, da es heißt, der Einfluss der Mainstreammedien schwinde. In bescheidenem Rahmen habe ich das selbst erlebt. Und in gewisser Weise bin ich froh darüber. Denn ich wünsche mir, dass die vierte Macht im Staat starke Bollwerke hat. In einer Welt der globalisierten, abstrakten, oft kaum noch fassbaren Macht ist eine hartnäckig-kritische Gegenmacht wichtiger denn je.

Doch ich wollte nie, dass der Guardian meine Stimme ist – abgesehen davon, dass meine Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion das auch gar nicht zugelassen hätten. Scott erkannte klar, dass eine Zeitung „den Verlockungen eines Monopols widerstehen muss. Die Stimme der Gegner hat dasselbe Recht darauf, gehört zu werden, wie die Stimme der Freunde.“

Ich weiß nicht, ob ich Scotts Ideal immer gerecht werden konnte, aber mir war es wichtig, dass wir im Guardian zum Beispiel einen Simon Jenkins hatten, einen Max Hastings oder einen Matthew d’Ancona – neben den Autorinnen und Autoren, die eher unsere liberale Hauptlinie vertraten.

Der Guardian ist stark genug gewesen, um in diesen letzten zwanzig Jahren allen Attacken gegen unseren Journalismus standzuhalten – und sie waren zahlreich. Ich habe immer gefunden, dass Journalismus nicht vollkommen sein kann und zwangsläufig dann und wann Fehler macht; und dass der Letzte, der über diese Fehler urteilen sollte, derjenige sei, der für sie verantwortlich ist.

Nie habe ich die entwaffnend offene Beschreibung des Produkts Zeitung vergessen, die David Broder von der Washington Post einmal vorgelegt hat: „Eine parteiische, unvollständige, unweigerlich mangelhafte Darstellung einiger der Dinge, von denen wir in den letzten 24 Stunden gehört haben – verzerrt, trotz all unserer Bemühungen, ganz grobe Einseitigkeiten zu vermeiden, eben durch den Prozess der Verdichtung, der es Ihnen ermöglicht, sie aus dem Briefkasten zu ziehen und in einer Stunde durchzulesen. Wollten wir unser Erzeugnis ganz korrekt benennen, so könnten wir immer hinzufügen: Es ist das Beste, was wir unter den gegebenen Umständen hinbekommen haben, und morgen melden wir uns wieder, mit einer korrigierten und aktualisierten Fassung.“

Aus diesem Grund kann seit 1997 jeder, der findet, im Guardian werde etwas falsch dargestellt, den Herausgeber umgehen und sich an unseren Readers’ Editor wenden, der direkt dem Scott Trust untersteht. Auf dessen Urteile kann ich keinen Einfluss nehmen, ebensowenig auf die wöchentliche Kolumne, in der er die Zeitung kritisiert und unsere Schwächen bloßstellt.

Bei Zeitungen in den USA und anderswo ist eine solche Instanz gang und gäbe, in Großbritannien aber bisher nicht. Warum, liegt auf der Hand: Wenn du als Herausgeber gerne die herrliche Aussicht von der Tyrannenkanzel genießt, ergibt es ja gar keinen Sinn, einen unabhängigen Schiedsrichter einzusetzen.

In letzter Zeit habe ich noch mehr Macht abgegeben, indem ich die Verantwortung für die Meinungsseiten und die Leitartikel an eine eigenständige Redaktion übertrug. Zwar folgten wir dabei nicht ganz dem US-Modell, nach dem der Chefredakteur etwa der Washington Post oder der New York Times bei den Meinungsseiten überhaupt kein Mitspracherecht hat. Ich blieb Herausgeber des gesamten Guardian. Doch ich wollte die Bereiche Nachrichten und Kommentar klar trennen, und der Meinungsredaktion unter Leitung von Jonathan Freedland die nötige Freiheit und auch die Zeit geben, um selbständig zu denken. Berühmt ist C. P. Scotts Formulierung für diese Trennung in seinem Essay von 1921: „Die Meinung ist frei, aber die Fakten sind heilig.“ Wie immer hatte er Recht.

Nun trete ich also zum ersten Mal seit zwanzig Jahren aus dem Nachrichten-Hamsterrad hinaus. Der Guardian ist in guter Verfassung, seine Reichweite, sein Einfluss und seine finanzielle Grundlage sind größer als alles, was denkbar war, als John Scott sein großzügiges philanthropisches Opfer brachte.

Ich bin gesegnet mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen, die ich furchtbar vermissen werde und von denen ich hier nur sehr wenige genannt habe. Katherine Viner wird eine großartige elfte (oder eben zwölfte) Guardian-Herausgeberin sein. Und ich werde vom kommenden Jahr an zum einen Rektor der Lady Margaret Hall in Oxford sein – die ja, ebenso wie der Guardian, zu Reformzwecken gegründet wurde – und zum anderen eben der Medieninstitution vorstehen, die ich höher wertzuschätzen gelernt habe als jede andere: dem Scott Trust.

Bei den Kolleginnen und Kollegen werde ich mich persönlich verabschieden. Doch bitte, liebe Leserinnen und Leser, nehmen Sie diese Zeilen als meinen Abschied von Ihnen an, zusammen mit meiner größten Dankbarkeit für Ihre Unterstützung, Ihr Engagement, Ihre Rückmeldungen und Argumente über all die Jahre. Ich weiß, viele von Ihnen sind selbst „Mitglieder“ des Guardian geworden, seit wir die Zeitung für die unmittelbare Interaktion geöffnet haben.

Mir ist aufgefallen, dass sich einige unserer treuesten Leserinnen und Leser in der Rückschau an Herausgebernamen orientieren. „Ich begann bei Wadsworth“, sagen sie, oder „Ich fing unter Hetherington zu lesen an“. Aber letztlich laufen wir Herausgeber ja nur durch. Wir wissen alle: Sie, die Leserinnen und Leser, sind es, die wirklich die Fackel tragen.

Alan Rusbridger

Alan Charles Rusbridger ist ein britischer Journalist. Er war vom 13. Januar 1995 bis zum 29. Mai 2015 Chefredakteur und Herausgeber der britischen Tageszeitung The Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer
06:00 04.06.2015
Geschrieben von

Alan Rusbridger | The Guardian

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