Onanie mit Obama

Serie In „Fleabag“ dient Sex nicht nur der körperlichen Befriedigung. Autorin und Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge sieht darin auch ein Machtinstrument

Immer korrekt, süß und nett zu sein, ist ein echter Albtraum. Es macht einen fertig. Uns Frauen wird von klein auf vermittelt, wie wir ein gutes Mädchen – besser noch: ein gutes, hübsches Mädchen – sind. Gleichzeitig bekommen wir gesagt, dass brave Mädchen die Welt nicht verändern und keine Furore machen. Also denkt man sich, was zur Hölle? Soll ich also eine höfliche Revolutionärin werden? „Vollkommen unmöglich“, sagt Phoebe Waller-Bridge.

Sie hat Furore gemacht und die Welt mit zwei Serienfiguren verändert, die weder süß noch korrekt sind. Anfang vergangenen Jahres war sie noch eine nahezu unbekannte Schauspielerin, die in Londoner Theatern auftrat. Dann wurde in Großbritannien Crashing ausgestrahlt, ihre Serie über eine Gruppe von Mittzwanzigern, die als Securitykräfte in einem leerstehenden Londoner Krankenhaus anheuern und dort in häuslichem und amourösem Chaos zusammenleben. Waller-Bridge spielte die impulsive, sexuell sprunghafte Lulu, die selbst an den Maßstäben dieser anarchischen kleinen Millenials-Gemeinde gemessen ein verheerendes Temperament hat.

Es folgte die Serie Fleabag, in der sie die namensgebende Antiheldin spielt, die irrlichternde, promiskuitive Inhaberin eines Cafés, der absolut nichts heilig ist. Fleabag terrorisiert ihre verklemmte Mittelschichtsfamilie und wird von ihrem Freund dabei erwischt, wie sie zu einer Rede von Barack Obama masturbiert. Sie lässt keine Gelgenheit aus, um Witze zu reißen, die alles andere als PC sind. Seit Ricky Gervais die Serie The Office erfand, hatte kein Newcomer mehr die Regeln der Fernsehkomödie über Nacht neu geschrieben.

Waller-Bridge ist das neue Postergirl der Lobbygruppe Equal Representation for Actresses, die für mehr Präsenz von Frauen im Fernsehen, im Theater und in Kinofilmen kämpft. Wie ihre US-amerikanische Kollegin Lena Dunham gilt die 32-Jährige als wortstarke Feministin. War ihr schon immer klar, dass sie Talent besitzt? „Ich hatte früh das Gefühl, etwas gefunden zu haben, das ich kann – das war eine echte Erleichterung.“ Mit acht wusste sie, dass sie schauspielen möchte, sie spielte die Hauptrolle in jeder Theateraufführung ihrer katholischen Privatschule in London. Mit 17 errang sie einen Platz an der Royal Academy of Dramatic Art, der wichtigsten britischen Schauspielschule. „Und dort erkannte ich, dass ich eigentlich nicht schauspielen kann. Es war furchtbar. Mein Selbstbewusstsein verpuffte. Ich war so jung und wollte unbedingt positiv auffallen. Aber man kann keine gute Schauspielerin sein, wenn man gefallen will, denn es geht dabei vor allem darum, Menschen zu überraschen. Aber auf der Schauspielschule hatte ich das Gefühl, es ginge ihnen nur darum, dass ich etwas hinbekomme. Was nicht deren Fehler ist. Ich war nur zu versessen darauf, alles richtig zu machen.“ Als sie ihren Abschluss machte, dachte sie, es sei geschafft: „Ich dachte: Ja, ich bin bereit!“ Es folgten zwei Jahre ohne Arbeit.

Desillusioniert und wütend

Als sie ihre spätere Kollegin Vicky Jones kennenlernte, war Phoebe Waller-Bridge pleite, desillusioniert und wütend. Da ihnen keiner einen Job gab, gründeten sie ihre eigene Theatergruppe mit dem Namen DryWrite, und brachten zwei Jahre lang Kurzgeschichten von unbekannten Schriftstellern auf die Bühne. Als ein Autor kurzfristig ausfiel, überredete Jones sie, ein zehnminütiges Stück zu schreiben. Daraus wurden sechs, die das Soho-Theater in London ins Programm aufnahm. Prompt gab ihr eine Fernsehproduktionsfirma einen Vertrag für eine Pilotfolge, aus der dann die Serie Crashing hervorging.

Das Skript von Fleabag dümpelte derweil ungelesen auf dem Tisch eines Mitarbeiters von Channel 4 herum, so dass sie es schließlich beim Edinburgh Fringe Festival als Ein-Frau-Show performte. Die Obama-Masturbations-Szene („Ich fasse nicht, dass niemand vor mir darauf kam“, sagt Waller-Bridge und grinst. „Das kann doch jede nachvollziehen.“) führte schließlich dazu, dass Fleabag für einen TV-Piloten gekauft wurde, und plötzlich lag auch Crashing bei Channel 4 oben auf dem Stapel. „Irgendwie hörte es dann nicht mehr auf. Auf Crashing folgte Fleabag und Fleabag wurde der totale Wahnsinn.“

Verliebte sich das Publikum in die Serie, weil es geschockt werden will – oder weil es sich in vielem wiedererkannte? Was glaubt sie? „Ich frage manchmal Leute, was die Serie mit ihnen macht. ‚Ich bin Fleabag‘, höre ich dann oft. Viele sagen: ‚Das ist mein Vater‘, oder ‚das ist meine Stiefmutter‘ oder ‚das ist meine Schwester‘. Was viele kennen, ist das Gefühl, eine Beziehung herstellen zu wollen und daran zu scheitern. Mich hat das immer gepackt: Anderen Menschen dabei zuzusehen, wie sie es versuchen und scheitern.”

Die bevorzugte Methode ihrer Figur ist Sex, dabei ist das Ziel nicht so sehr körperliche Befriedigung, sondern vor allem Macht und Eskapismus: „Es geht um das Drama, um Bestätigung und das Gefühl, weggebeamt zu werden. Zwei Menschen fühlen sich selten durch Sex wirklich verbunden. Aber danach suchen wir die ganze Zeit.“

Fleabag findet es bei ihren wahllosen sexuellen Begegnungen nicht – und ebenso wenig tat Waller-Bridge das, als sie um die 20 war. „Dir wird erzählt, das sei jetzt deine Hochphase, so attraktiv wirst du nie wieder sein, also geh raus, mach was draus. Es gibt dieses kurze Zeitfenster, in dem jeder mit dir rummachen will. Aber auch hier ist die Botschaft unklar: Ich soll promiskuitiv sein, ich muss das meiste aus dieser langsam zerfallenden Hülle herausholen, die mir für so kurze Zeit gegeben ist – aber ich darf ja keine Schlampe sein. Als ich Fleabag schrieb, tat ich das aus dem Gefühl heraus, dass es Schlampen nicht gibt und dass ich diese Vorstellung ein für alle Mal ausradieren will.“

Mythos Schlampe

Einige Kritiker haben ihre Figur als unsympathisch beschrieben. „Ich liebe sie“, sagt Waller-Bridge schnell. Für ihre nächste Serie Killing Eve, die sie für einen US-amerikanischen Sender dreht, hat sie sich von Psychiatern beraten lassen, die mit kriminellen Psychopathen arbeiten. „Ich habe immer wieder gehört, dass sie sehr witzig sind, so dass man sie irgendwie lieben muss. Obwohl man weiß, dass sie furchtbare Verbrechen begangen haben, kommen Menschen mit vielem durch, wenn sie einen überraschen, zum Lachen bringen, entwaffnen können. Deshalb mag ich Komödien so sehr und deshalb glaube ich, dass sie ein ungeheuer einflussreiches Instrument sind.“

Hat sie nie Angst vor Missbilligung? „Wissen Sie was? Meine Familie stand immer hinter mir, ich glaube, das beeinflusst das gesamte Leben; es stählt einen, komplett.“ Waller-Bridge wuchs in einem grünen Vorort in West-London auf. Ihr Vater arbeitete als Banker, inzwischen ist er Fotograf. Ihre Mutter arbeitet im Eisenwarenhandel. „Mein Vater sagte immer: ,Nutze deine Stimme, nutze deine Stimme, nutze deine Stimme.‘ Er erklärte mir früh, was Feminismus ist. Und meine Mutter, sie ist für mich immer noch die größte Stütze. Sie lacht sich über jeden meiner Witze schlapp.“ Was ist mit der Anerkennung von Fremden? „Es wäre gelogen, wenn ich sagte, ich würde die nicht brauchen.“ Was ist mit Kritik? Sie zögert. „Als Crashing herauskam, haben einige Rezensenten die Serie vernichtet. Das tat verdammt weh. Ich schämte mich, dass ich mich so exponiert hatte, ich fühlte mich blamiert, als könnte ich eben nicht schreiben. Ich dachte: ,Fuck, wie konnte das passieren?‘“ Als die erste Folge von Fleabag ausgestrahlt wurde, fuhr sie mit ihrem Mann, dem Dokumentarfilmer Conor Woodman, in den Urlaub. Als sie zurückkam, hatte sich ihr Leben grundlegend verändert.

Inzwischen ist sie international bekannt. Sie steht für einen neuen Star-Wars-Film vor der Kamera, neben den Dreharbeiten zu Killing Eve arbeitet sie außerdem an einer Bühnenversion von Fleabag.

Die Zukunft von Frauen in der Branche sieht Waller-Bridge optimistisch. „Es gibt Anlass zur Hoffnung. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen wird nicht ewig bleiben. Es gibt eine neue Welle der Wut und der Mobilisierung, also wird sich hinter den Kulissen längst etwas ändern müssen.“ Sie hält inne, dann grinst sie: „Wäre es nicht aufregend, wenn alle Frauen in den Streik träten? Ein reiner Frauenstreik. Dann würde alles ziemlich schnell auseinanderfallen.“

Erfolg macht Menschen oft weniger glücklich, als sie es sich erhofft haben. Bei Phoebe Waller-Bridge scheint das nicht der Fall zu sein.

Info

Fleabag wird derzeit bei Amazon Prime ausgestrahlt

Decca Aitkenhead ist Reporterin des Guardian

Übersetzung: Christine Käppeler

06:00 13.08.2017
Geschrieben von

Decca Aitkenhead | The Guardian

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