Politur-Politiker

Porträt Cyril Ramaphosa muss als designierter Präsident Südafrikas dem ANC wieder moralische Integrität verschaffen
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Cyril Ramaphosa könnte die Rückkehr zu rassistisch aufgeladener Rhetorik verhindern

Foto: Deon Raath/Gallo Images/Getty Images

Undenkbar, dass sich der Afrikanische Nationalkongress (ANC) noch länger auf seine außergewöhnliche Geschichte und das Vermächtnis der historischen Führer beruft, die einst das Apartheid-System zu Fall brachten. Der Partei fliegen Sympathien und Stimmen nicht mehr zu wie in der Zeit Nelson Mandelas. Sie wird zusehends unpopulärer, weil einfach zu oft bewiesen wurde, wie inkompetent, selbstgefällig und korrupt ihre Spitzenpolitiker sein können. Allen voran der derzeitige Präsident Jacob Zuma.

Umso mehr markiert es einen Wendepunkt, dass der ANC-Kongress im Dezember Cyril Ramaphosa zum neuen Vorsitzenden und designierten Präsidenten Südafrikas bestimmte. Die Delegierten haben damit sich, ihrem Land und der Welt einen Gefallen getan. Mit dem 65-jährigen Unternehmer und Anwalt eröffnet sich die Chance, jene moralische Autorität zurückzugewinnen, die der Regenbogennation einst zufiel, aber durch die verheerende Praxis der Gegenwart abhandenkam. Ramaphosa könnte ein Versinken des Landes im Morast der Korruption und die Rückkehr zu rassistisch geladener Rhetorik aufhalten, mehr nicht. Vorerst zumindest. Würde statt seiner Nkosazana Dlamini-Zuma, die Ex-Frau Jacob Zumas, heute den ANC führen (sie hatte sich auf dem ANC-Treffen emphatisch beworben), wäre der Absturz Südafrikas in die Untiefen einer Erbkleptokratie besiegelt. Dlamini-Zuma hätte mutmaßlich alles getan, um ihren früheren Mann vor jeder Sühne für Korruption in 783 Fällen zu schützen.

Ramaphosa hingegen könnte helfen, den Optimismus wiederherzustellen, der Südafrika vor knapp einem Vierteljahrhundert beseelte, als es vom Joch der Apartheid befreit wurde. Als junger Rechtsanwalt war er an der Seite Mandelas, als der nach 27 Jahren Haft am 11. Februar 1990 aus dem Victor-Verster-Gefängnis freikam. Später wurde Ramaphosa oft als Nachfolger gehandelt, unterlag dann aber Thabo Mbeki, der 1999 die Präsidentschaft übernahm.

Ramaphosa ging daraufhin in die Wirtschaft, wurde als früherer Gewerkschafter zu einem der reichsten Männer des Landes und steht für die akzeptable Seite des südafrikanischen Kapitalismus. Er verkörpert zugleich die breite Kluft zwischen einer kleinen neuen schwarzen Elite und dem Heer der Armen. Südafrika zählt zu den Ländern der südlichen Hemisphäre, deren soziales Gefälle krasser kaum sein könnte. Nicht allein ein Erbe der Vergangenheit, denn seit dem Ende einer institutionalisierten Segregation im Jahr 1994 ist die Ungleichheit weiter gewachsen. Die ethnische Zugehörigkeit entscheidet über Einkommen, Bildung, Job und Wohlstand. Die reichsten zehn Prozent der Südafrikaner – hauptsächlich, aber nicht nur Weiße – verdienen mehr als 60 Prozent des nationalen Einkommens und verfügen über mit Europäern vergleichbare Vermögen. Neun Zehntel der Bevölkerung, fast alle schwarz, gehören zu den Ärmsten eines Kontinents.

Ramaphosa kennt die Wirtschaft aus erster Hand und weiß, dass die Handelsliberalisierung in den 1990er Jahren die Reichsten noch reicher werden ließ, während die Verletzlichsten in den Townships auf der Strecke blieben. Aufgrund seiner Expertise als Manager, der sowohl die Gewerkschaft der Minenarbeiter als auch Bergbau-Unternehmen geführt hat, dürfte Ramaphosa bewusst sein, dass der Boom auf dem Weltrohstoffmarkt zwischen 2000 und 2010 keine neuen Arbeitsplätze brachte. Die Erwerbslosenquote Südafrikas verharrt seither bei 25 Prozent, wobei von den Jungen zwischen 15 und 24 sogar jeder Zweite keine Arbeit hat. Was soll unter diesen Umständen von sozialer Harmonie in einer Nation übrig bleiben, die eine der höchsten Mordraten weltweit aufweist? Wenig überraschend setzt Ramaphosa auf ein Programm, in dem es heißt, die größte Volkswirtschaft Afrikas müsse jedem Erwerbsarbeit anbieten, der bereit sei, sich zu bilden und „in Sozialpartnerschaften zu integrieren“. Nur so könne die Regenbogennation wieder dem gerecht werden, was sie vor fast 25 Jahren in der Stunde ihrer Geburt sein wollte: ein Hort der Wohlfahrt und Gerechtigkeit für jeden, unabhängig von seiner Hautfarbe.

Ramaphosa muss als Frontmann des ANC auch deshalb überzeugen, weil die oppositionelle Demokratische Allianz (DA) weiter auf dem Vormarsch ist und mittlerweile die drei wichtigsten Städte des Landes regiert. Sie attackiert den ANC von rechts wie die lautstarken Economic Freedom Fighters von weit links. Diese Fronten des Widerstandes können den Nationalkongress Präsidentschaft und Regierung kosten, wenn nicht 2019, dann beim nächsten Votum, falls die Vetternwirtschaft der kleinen regionalen Parteifürsten nicht gebannt wird. Die dazu gebotene Katharsis freilich ist nicht in Sicht.

Es rächt sich, dass der ANC jahrzehntelang eine Befreiungsbewegung war und sich zur politischen Partei wandelte, ohne eine kohärente ideologische Roadmap für das Regieren zu besitzen. Das macht sich bemerkbar, seit Mandela die politische Bühne verlassen hat. Mit Cyril Ramaphosa wird es kaum möglich sein, dieses Defizit – genau genommen ein Desaster – zu beheben. Er ist weder Philosoph noch geistiger Mentor, doch kann er nach dem zuletzt erbitterten Kampf um die Führung den ANC innerlich so weit befrieden, dass die Partei bei der 2019 anstehenden Wahl besser besteht, als sich das bisher abzeichnet. Ramaphosas Ziel muss es sein, die wohl unvermeidlichen Stimmenverluste gering zu halten und in keine Koalition mit der Demokratischen Allianz gezwungen zu werden.

Jason Burke ist langjähriger Afrika-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 13.01.2018
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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