Prinzessin Pinke

Angola Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Präsidententochter Isabel dos Santos, die ein Milliarden-Dollar-Imperium besitzt

Vor der Terrasse des Miami Beach Club liegen Strand und Atlantik. Wellen umspülen die Küstenlinie der Ilha de Luanda. An einem Wochenende wie diesem ist die Bar gefüllt mit wohlsituierten Gästen, die aus Luanda, der nur wenige Kilometer entfernten Kapitale Angolas, kommen und kurz vorbeischauen. Der Club erstrahlt seit 20 Jahren am Firmament der hiesigen Partyszene. In dieser Zeit ging ein verheerender Bürgerkrieg zu Ende, und ein Ölboom, der Milliarden einbrachte, endete mit einem Bankrott. José Eduardo dos Santos, der am längsten regierende Präsident Afrikas, musste daraufhin sein Amt niederlegen. Unter ihm war eine Elite begüterter Angolaner zu großem Reichtum gelangt – allen voran die eigene Tochter, Isabel dos Santos, die Forbes zufolge über ein Vermögen von 2,2 Milliarden Dollar verfügen soll.

Die Strandbar war einst ihr erster Ausflug in die angolanische Geschäftswelt und wies sie sogleich als versierte Investorin aus. Mit Mitte 20 – sie war nach einem Studium in London gerade nach Angola zurückgekehrt – kaufte sich dos Santos in das seinerzeit schwer heruntergekommene Lokal ein. Das Geld erwies sich als klug angelegt. Die Ilha ist heute einer der teuersten Standorte an der Küste Westafrikas zwischen Kapstadt und Lagos. Wer schon lange nicht mehr auf dem Anwesen gesehen wurde, ist dos Santos, mutmaßlich die reichste Frau Afrikas.

Dass sie ein unermessliches Vermögen erwerben konnte, halten ihre angolanischen Kritiker für einen Skandal wie ein eklatantes Beispiel schamloser Korruption, wie sie für viele Staaten im Süden des Kontinents typisch ist. Die heute 46-Jährige beharrt darauf, dass es sich bei ihrem Besitz um das Ergebnis extrem harter Arbeit und eines ausgeprägten Sinns für Geschäfte handelt. Ihre Anhänger halten ihre Erfolgsgeschichte für inspirierend, ganz besonders für afrikanische Frauen.

Goldader Mobilfunk

Wie dos Santos so viel Geld verdienen konnte, ist mittlerweile Gegenstand juristischer Untersuchungen. Die angolanische Staatsanwaltschaft hat im September ein Ermittlungsverfahren gegen sie eingeleitet und inzwischen Anklage erhoben, die besonders ihrem Geschäftsgebaren als Managerin im staatlichen Ölunternehmen Sonangol gilt. Anfang Januar ließen die Ermittler bereits die Konten von dos Santos und ihrem Ehemann Sindika Dokolo einfrieren. Begründung: Ihre Geschäfte mit in öffentlichem Besitz befindlichen Öl- und Diamanten-Unternehmen hätten dem Staat einen Schaden von einer Milliarde Dollar zugefügt. In einer Reihe von Interviews, die so getimt waren, dass sie der Anklageerhebung zuvorkamen, weist das Paar jegliches Fehlverhalten wie die Korruptionsvorwürfe energisch zurück.

Isabel dos Santos wurde 1973 im aserbaidschanischen Baku geboren, wo sich ihre Eltern kennengelernt hatten. Der Vater war zu jener Zeit Kader des marxistischen Movimento Popular de Libertação de Angola (Volksbewegung für die Befreiung Angolas/MPLA) und studierte in der UdSSR Ingenieurwissenschaften, ein Fach, das auch Isabel dos Santos’ Mutter belegt hatte, die als MPLA-Schatzmeisterin reüssierte. Gut ein Jahre später brach das portugiesische Kolonialsystem zusammen. 1979 übernahm José Eduardo dos Santos nach dem Tod des MPLA-Gründers Agostinho Neto die Führung der noch jungen unabhängigen Nation – die Familie zog in den Präsidentenpalast.

Nachdem ihre Eltern sich scheiden ließen und das Land von einem Bürgerkrieg erfasst worden war, ging Isabel mit ihrer Mutter nach London, um dort die Mädchenschule St Paul’s zu besuchen und mit dem Abitur in Mathematik wie Physik abzuschließen. Es folgte ein Bachelor in Elektroingenieurwesen am King’s College, wo sie – wie sie später oft erzählte – hart arbeitend wenig Zeit zum Feiern hatte. Nach ihrem Abschluss war sie zwei Jahre bei den Wirtschaftsprüfern Coopers & Lybrand angestellt, heute bekannt unter dem Label PwC.

Als es kurz den Anschein hatte, als sei der Bürgerkrieg vorbei, kehrt dos Santos nach Angola zurück, gründete eine Transportfirma und beschäftigte sich wegen der Kommunikation zwischen ihren Fahrzeugen mit Mobilfunktechnik, die damals noch in den Kinderschuhen steckt. Wie sich zeigen sollte, hatte sie eine Goldgrube entdeckt. Sie weist es als Unterstellung zurück, als Tochter des Präsidenten sei es für sie leicht gewesen, mit einem Konsortium Ende der 1990er Jahre die öffentliche Ausschreibung für eine Mobilfunklizenz zu gewinnen – heute ist ihr Unternehmen Unitel größter Mobilfunkanbieter des Landes.

Der Mann sammelt Autos

Seither ist das geschäftliche Netzwerk der Unternehmerin expandiert. Es ließ sich ein fantastisches Vermögen anhäufen, dadurch begünstigt, dass Isabel dos Santos Teile der angolanischen Zement-, Diamanten- und Bankenwirtschaft, dazu Supermärkte, eine Satelliten-TV-Kette und eine Brauerei erwerben konnte. Wer sie jetzt verfolge, so dos Santos, der veranstalte eine politisch motivierte Hexenjagd. Weder der Korruption noch der Vetternwirtschaft habe sie sich schuldig gemacht. Der Economist erfährt von ihr in einem jüngst erschienenen Interview, sie habe Unitel im Büro über einem Laden gegründet, in dem sie Marktfrauen Telefone verkauft habe. Der Erfolg ihrer Supermärkte basiere darauf, dass diese seit jeher über „die beste Fischabteilung des Landes“ verfügten. „Die Presse nennt mich Prinzessin. Ich kenne nicht viele Prinzessinnen, die aus dem Bett steigen und Supermärkte aufbauen“, sagt sie der Financial Times.

Dos Santos’ Eintritt in die kleine und geheimnisvolle Businesselite Angolas kam in einer Zeit zustande, in der das Land kurz vor einem gewaltigen Boom stand. Steigende Ölpreise und Fördermengen ließen die Einnahmen von drei Milliarden Dollar 2002 auf 70 Milliarden im Jahr 2008 wachsen, wovon gewöhnliche Angolaner nichts hatten. Zugleich profitierten einheimische Unternehmer von hohen Krediten aus China und von anderen Gönnern. Manches floss in die Infrastruktur, dennoch liegen Teile des Schienennetzes seit Jahrzehnten brach, ganz zu schweigen von der unzureichenden Stromversorgung. Gibt es Dürre- und Hitzeperioden, beschert das Millionen von Angolanern unzumutbare Lebensbedingungen. Selbst in Luanda trifft Millionen Menschen der sanitäre Notstand, sie haben keine angemessene Wohnung und leiden unter Mangelernährung. Die Weltbank schätzt, dass zwei Drittel der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar pro Tag überleben. Dos Santos’ Ehemann, Kunstmäzen Sindika Dokolo, sammelt derweil Sportwagen und steuert auf Instagram-Bildern eine Superjacht, die er dem Londoner Bauunternehmer Christian Candy abgekauft hat.

Ein riesiges Penthouse in Lissabon bietet Platz für sieben Autos. In London besitzt das Paar Häuser in ein und derselben Gated Community in Kensington, einschließlich eines großen Anwesens, das über die Genehmigung für einen gewaltigen Kellerausbau verfügt, nach dem sich wie bei einem Eisberg der größere Teil des Gebäudes unter der Wasser- bzw. Erdoberfläche befinden soll. Schließlich gibt es noch eine Luxuswohnung im Komplex Petite Afrique in Monte Carlo, die für 50 Millionen Euro über eine maltesische Holdinggesellschaft erworben wurde, dazu eine weitläufige Villa an der Algarve. Dokolos Sammlung afrikanischer Kunst, die sich im Besitz seiner Stiftung befindet, gilt als die größte der Welt. Darüber hinaus besitzt er Werke von Andy Warhol und Jean-Michel Basquiat. Als Sohn eines Bankmagnaten aus Kinshasa erwarb Dokolo seine ersten Werke bereits mit 15.

Viele sehen in seiner Frau eine kaltblütige Managerin. Ein Geschäftsmann aus Luanda nennt sie „skrupellos und intelligent“, sie mache wirtschaftliche Interessen auf zwei Kontinenten geltend. Andere verwenden sehr viel schärfere Adjektive und sprechen von hemmungsloser Expansion angesichts einer 800 Millionen Euro schweren Beteiligung am Öl- und Gaskonzern Galp, am Pay-TV- und Breitband-Konzern Nos oder durch Aktienkäufe an Banken in Angola und dem Staat Cap Verde vor der Westküste Afrikas.

2016 wurde dos Santos zur Vorstandsvorsitzenden des staatlichen Konzerns Sonangol ernannt, dem Herzstück der angolanischen Ölwirtschaft. Sie musste den Posten wieder räumen, als der MPLA-Politiker João Lourenço ihren Vater 2017 im Präsidentenamt ablöste und eine Antikorruptionskampagne startete. Als dann auch ihre angolanischen Konten eingefroren wurden, sprachen dos Santos’ Anwälte von „Treibjagd“.

Im Moment ist dos Santos nicht die Einzige in ihrer Familie, die unter Druck steht. Halbschwester Welwitschia dos Santos wurde im Vorjahr von ihrem Abgeordnetenmandat entbunden, nachdem sie in Großbritannien um Asyl gebeten hatte. Sie fühlte sich nach eigener Aussage vom angolanischen Geheimdienst drangsaliert. Halbbruder José Filomeno dos Santos ist ebenfalls wegen Korruption angeklagt. Ihr Vater, der ehemalige Präsident, ist schwer krank und lebt in Barcelona. „Wir haben es mit einem Staat zu tun, der Anklage erhebt, mit unterwürfigen und parteiischen Richtern und mit einer Frau, die zum Sündenbock auserkoren wurde, um ein Exempel zu statuieren – und das bin ich“, sagt Isabel dos Santos in London, wo sie angeblich ihren Hauptwohnsitz hat.

Berichten portugiesischer Medien zufolge könnte sich das ändern und der Umzug in eine Gated Community in Dubai bevorstehen. Wohin sie garantiert nicht will, das ist Angola. „Ich bin seit 2018 nicht mehr dort gewesen“, erklärte dos Santos jüngst einem Journalisten. „Angola ist ein zu unsicheres Land mit einer erschreckend hohen Kriminalität, vielen Überfällen und Morden. Kein sicherer Ort.“

Juliette Garside arbeitet als Investigativ-Journalistin für den Guardian

Jason Burke ist Guardian-Korrespondent in Johannesburg

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 04.02.2020
Geschrieben von

Juliette Garside, Jason Burke | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 31/2020

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