Ruhe vor dem Sturm

Klimagipfel In Kopenhagen trifft sich auch die weltweite Klimabewegung. Für kommenden Samstag ist eine Großdemo angemeldet. Noch sind die Proteste eher verschlafen

Fast einen Kilometer lang waren am Montag vor dem offiziellen Klimagipfel die Warteschlangen am Einlass - der Alternativgipfel dagegen ist offen für jedermann. "Wir machen einen Gipfel für alle Menschen und über die wirklichen Probleme", erklärt Nnimmo Bassey, Umweltschützer von Friends of the Earth aus Nigeria auf der Eröffnungszeremonie am Montagabend.

Doch die Protestszene kommt nur langsam in die Spur. Einzelne kleinere Aktionen vor dem Eingang des Bella Centers gab es am Montag: Der deutsche BUND stellte eine Meerjungfrau aus Eis auf, die langsam vor sich hinschmolz. So genannte „Klimaschuldagenten“ mit dunklen Sonnenbrillen und coolen rot-schwarzen Anzügen fordern in Sprechchören, die Industriestaaten müssten viel mehr Geld an die armen Länder zahlen zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels. Mit einem aufblasbaren Plastik-Känguru sitzt die junge Australierin Mithra Cox vor dem Kongresszentrum und kritisiert laut rufend das offizielle Gipfelangebot ihrer Regierung: "Komm schon Australien! Fünf Prozent Emissionsminderung, das ist ein Witz!" Nein, sie sei für keine Organisation hier – sondern im Urlaub.

Auftritt Naomi Klein

Davon abgesehen herrscht bei den Protestierern an den ersten beiden Tagen noch die sprichwörtliche Ruhe vor dem angekündigten Gipfelsturm. Zur Eröffnung am Montagabend macht der Gegengipfel „Klimaforum09“ noch einen verschlafenen Eindruck. Mit gut 400 Leuten ist der große Saal des alternativen Kongresszentrums "DGI Byte" neben dem Kopenhagener Hauptbahnhof nicht übermäßig voll. Eine Band mit etwas fahrigem Free Jazz spielt zu Beginn – bis die heiß erwartete kanadische Autorin Naomi Klein ("No Logo", "The Shock Doctrine") zu Wort kommt, erinnert die Veranstaltung eher an ein spirituelles Event.

Die Ikone der globalisierungskritischen Bewegung, macht gleich von vornherein klar: Sie habe nicht viel Ahnung vom Klima, aber was sie interessiere sei die Klimagerechtigkeit. Sie kritisiert den Kapitalismus, der den Klimawandel verursacht habe – und es sei doch absurd, so Klein, die Krise mit denselben Mitteln aufhalten zu wollen. Das richtet sich vor allem gegen den weltweiten Handel mit Emissionsrechten, der als Teil des Kyoto-Protokolls gestartet wurde und in den nächsten Jahren weltweit ausgedehnt werden soll. Viele Umweltschützer kritisieren, dieses Handelssystem nütze vor allem den Großkonzernen und Banken – und die Industrieländer kämen dadurch in die Versuchung, den Umbau zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft noch länger aufzuschieben. Der Kapitalismus sei in der Krise und deshalb seien auch die vermeintlichen Lösungen des "Bella Centers" - dabei weist die Professorin in die imaginäre Richtung des offiziellen UN-Gipfeltreffens – in Frage zu stellen. Die versammelten Aktivisten pfeifen und trampeln – nun scheint doch etwas Kampfesgeist aufzukommen.

Das Programm des Alternativgipfels

Das brauchen sie auch bei dem ambitionierten Programm, was sich die Bewegung in den nächsten zwei Wochen vorgenommen hat. Der Alternativgipfel ist vollgestopft mit Sitzungen und Seminaren - vom gemeinsamen Meditieren am Morgen über Workshops zum Aufbau von freien Radios bis zu Debatten über den politischen Weg Boliviens ist für jeden etwas dabei. Jeden Abend gibt es Filme, Theaterstücke, Konzerte. Für kommenden Sonnabend werden aus ganz Europa Zehntausende Demonstranten in der dänischen Hauptstadt erwartet. Und irgendwann bis zum Ende des offiziellen Gipfel am 18. Dezember, so ist in Kopenhagen zu hören, werde man auch mal den offiziellen Gipfel im Bella Center stürmen und "die Türen der Klimaelite aufstoßen".

Die Politik etwa von US-Präsident Obama sei bloß "Hoffnungsmarketing", sagt Naomi Klein verächtlich. "Im Bella Center findet eine Konferenz statt, die die Welt retten soll - und schon von vornherein zum Scheitern verurteilt wurde." Was auf den Tischen der Delegierten liege, sei nicht einmal annähernd ausreichend, um den Klimawandel aufzuhalten. Doch das sehen viele Teilnehmer des offiziellen Gipfels genauso. Auch im Bella Center fordern etliche der Beobachter und Delegierten, dass sich die Regierungsdelegationen noch ein ganzes Stück bewegen müssen.

Susanne Götze und Lars Dittmer sind Korrespondenten von www.wir-klimaretter.de

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Susanne Götze/Lars Dittmer | The Guardian

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