Sauerei mit Öl

Deepwater Horizon Es tut weh, aber man kommt darüber hinweg: Das ­Desaster im Golf von Mexiko zeigt, welchen Umgang ­mit der Umwelt die multinationalen Unternehmen gewohnt sind

Die Ölindustrie hält den Atem an. Die BP-Aktien befinden sich seit der Katastrophe im Golf von Mexiko im Sinkflug. Barack Obama, die Amerikaner und die weltweite Umweltschutz-Community sind außer sich. Jetzt soll das Unternehmen die Bohrrechte in der Arktis und anderen ökologisch sensiblen Gebieten verlieren. Das Golf-Desaster dürfte BP ein paar Millionen Dollar kosten – aber was soll’s?

Wenn die Jahreseinnahmen mehrere Milliarden betragen, bedeuten die Ausgaben für Ölbarrieren, Millionen Liter Dispersionsmittel und 100.000 Gerichtsverfahren kaum mehr als einige Monate Produktionsausfall. Es tut weh, aber man kommt darüber hinweg – so wie über Brent Spar und Ken Saro-Wiwa. Nervosität kommt jetzt trotzdem auf, weil Deepwater Horizon ein Schlaglicht auf die schiere Inkompetenz einer Industrie geworfen hat, die gerade in den USA gewohnt ist zu sagen, wo’s langgeht.

Das Problem der Ölindustrie ist dabei nicht das austretende Öl als solches, sondern die Tatsache, dass das Unglück so nahe an der US-amerikanischen Küste geschah. Es gelangen jährlich Millionen Barrel Öl ins Meer oder ins Grundwasser, ohne dass dem viel Beachtung geschenkt würde. In einem Entwicklungsland wäre es BP wohl gelungen, jede Art von Öffentlichkeit zu vermeiden und sich um die Säuberung zu drücken. Die Sache hätte ein paar Millionen gekostet, wäre vielleicht vor Gericht gekommen, aber ohne weitergehende Konsequenzen geblieben, weil die Multis Richter, Gemeindeverwalter und Minister kaufen und sich Umweltschützer und Bevölkerung dagegen nicht wehren können.

2.000 Unfälle im Niger-Delta

Was die Branche mehr als alles andere fürchtet, ist, für den Schaden verantwortlich gemacht zu werden, den sie durch ausgelaufenes Öl in Wäldern, Bächen, Seen und Wüsten weltweit verursacht. Allein im Niger-Delta gibt es mehr als 2.000 Unfallstellen, die nie gereinigt wurden. Weite Gebiete im kolumbianischen, ecuadorianischen und peruanischen Amazonas sind durch Öl oder toxische Stoffe verseucht worden. Auch in Venezuela, Angola, Tschad, Gabun, Äquatorialguinea, Uganda und dem Sudan wurden Flüsse und Quellen stark verschmutzt. Gegen Occidential, BP, Chevron, Shell und die meisten anderen Ölgesellschaften stehen noch hunderte von Verfahren aus. Ecuador allein hat Texaco auf 30 Milliarden Dollar verklagt.

Der einzige Grund, warum Öl heute zwischen 70 und 100 Dollar und nicht 200 Dollar pro Barrel kostet, ist, dass die Industrie es geschafft hat, die wahren Kosten für die Förderung auf andere abzuwälzen. Wenn man der Industrie die Milliarden Dollar an jährlichen Subventionen und Steuererleichterungen streichen und dieses Geld für den Schutz der Umwelt in den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen würde, wenn die Entwicklungsländer den gleichen Druck auf die Branche ausübten wie Obama und die amerikanischen Senatoren dies jetzt tun, wenn man die Ölmultis zwänge, all die unzähligen, von ihnen verursachten Schäden wirklich zu beheben – der Preis für Rohöl würde so rapide in die Höhe gehen, dass die Umstellung auf saubere Energien zum Kinderspiel geriete und das meiste Öl künftig dort bliebe, wo es am besten aufgehoben ist: Tief, sehr tief unter der Erde.

John Vidal ist leitender Redakteur für Umweltthemen des Guardian und Autor mehrerer Bücher und Buchbeiträge

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15:05 01.06.2010
Geschrieben von

John Vidal | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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