Schlachtfeld Feuilleton

Frankreich Der Pariser Medienintellektuelle Bernard-Henri Lévy hat Präsident Sarkozy im Krieg gegen Libyen die Hand geführt, zwischenzeitlich macht sich Gegenwind bemerkbar

Während die libysche Armee vor den NATO-Luftangriffen in Deckung geht, tobt in Paris am linken Ufer der Seine ein weiterer Krieg. Einige der Intellektuellen, die Nicolas Sarkozy zum Intervenieren gedrängt hatten, springen einander nun an die Gurgel und hinterfragen den Einfluss der Philosophen auf die Außenpolitik. Der berühmte Bernard-Henri Lévy, der bei Sarkozys Entscheidung, die Rebellenbewegung anzuerkennen und in Libyen einzugreifen, eine maßgeblich Rolle gespielt hat, wird von einem anderen einflussreichen Intellektuellen, dem Autor und Filmemacher Claude Lanzmann, angegriffen.

Kleiner Bastard

Im April hatte der ehemalige Partner Simone de Beauvoirs Lévys Petition für den Ausfallschritt nach Libyen noch unterschrieben. Die Unterstützung der Pariser Intelligenzia half Lévy, Druck auf Sarkozy auszuüben. Nachdem der dandyhafte, als BHL bekannte Philosoph, wie stets in ein weißes, bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Hemd gekleidet, nach Libyen gereist war, hatte er Sarkozy aufgefordert, etwas zu unternehmen, und im Élysée-Palast ein Treffen mit Vertretern der libyschen Opposition geleitet.
Wenngleich ein Regierungsberater BHL als „anmaßenden kleinen Bastard“ abtut, hat er einen beispiellosen Einfluss auf den Präsidenten. Bald galt er als Sarkozys „Kriegschef“ und „zweiter Außenminister“ und inspirierte die Prresse zu Schlagzeilen wie „Plato 1, Nato 0“. Für die französischen Intellektuellen war dies etwas ganz Neues: Einst mögen Denker wie Jean-Paul Sartre zwar die öffentliche Meinung geprägt haben, doch blieb es ihnen verwehrt, direkt auf die französische Politik einzuwirken.

Jetzt aber zeigt die Front von Lévys Sympathisanten erste Risse. In der Vorwoche entzog Lanzmann seine Unterstützung, kritisierte das militärische Eingreifen und warnte vor „einem Krieg ohne Namen und mit unsicherem Ausgang“. In einem Kommentar auf der ersten Seite schrieb Le Monde, beim Intellektuellen-Streit handele es sich um eine Kontroverse, wie sie für Paris typisch sei, jedoch sei damit auch echtes Unbehagen über den Libyen-Krieg zum Ausdruck gebracht. Nach dem Patt am Boden und der Uneinigkeit der Koalitionäre drohe schließlich das Scheitern der Operation, so das Blatt. Mit diversen Artikeln, in denen er über seine jüngste Libyen-Reise berichtet, reagierte Lévy auf Lanzmanns „verrückte“ Kehrtwende. Er selbst unterstütze weiterhin die Aufständischen und sei überzeugt, dass Gaddafi das Land verlassen müsse, so dass das libysche Volk allein über sein Schicksal entscheiden könne.

Pro und contra

Lanzmann legte nach und erklärte gegenüber dem Magazin, er habe BHLs Petition voreilig unterschrieben, als es wie eine Art „Ultimatum“ in seinem Mail-Eingang aufgepoppt sei. Die Realität der Intervention habe ihn erschüttert, und es störe ihn nicht, jetzt Verräter genannt zu werden. Auch andere Pariser Denker haben Position bezogen. Der pazifistische Philosoph Michel Onfray warf BHL persönlichen „Opportunismus“ vor und verglich ihn mit Philosophen wie Sartre oder André Malraux. Auch sie seien besser dabei gewesen, an ihrem eigenen Mythos zu stricken, als Weltgeschichte zu schreiben. Der Schriftsteller Renaud Camus dagegen verteidigte BHL. Er stehe in der „besten Tradition französischer Intellektueller“. Der Philosoph Pascal Bruckner nannte es „zutiefst respektabel“, dass Lévy zu seinen Überzeugungen stehe.

Als Nicolas Sarkozy mit der Libyen-Offensive begann, hatte er den Beistand weiter Teile der französischen Politik, inklusive der Sozialisten und der für gewöhnlich pazifistischen Grünen. Kritik kam allein vom Front National. Die Intervention wird von einer Mehrheit der französischen Öffentlichkeit unterstützt. An den niedrigen Umfragewerten des Präsidenten hat dies freilich noch nichts geändert.

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Übersetzung: Zilla Hofman / Holger Hutt
Geschrieben von

Angelique Chrisafis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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