Schluss mit Bla Bla

Kopenhagen Es war die größte Klimademo aller Zeiten an einem Ort: Am Samstagabend zogen an die 100.000 Demonstranten von der Kopenhagener Innenstadt zum Bella Center

Klimaprotest ist bunt und laut: In Tierkostümen, mit Rettungsringen, Fackeln oder Kerzen zogen Demonstranten der Kopenhagener Großdemo am Samstagnachmittag am Kopenhagener Schlossplatz los - Richtung Bella Center, wo die 192 Staaten verhandeln. Während einige Demonstranten sich neben zahlreichen Musikwagen warm tanzten, forderten andere in Sprechchören mehr Klimagerechtigkeit. Wieder andere trommelten wütend für sofortiges Handeln oder verteilten Kerzen und Flugblätter.

Unter dem Motto "Genug über das Klima geredet - jetzt müssen Taten folgen" – oder wie es auf Plakaten kurz heißt: "Bla Bla Bla – Act now" - fordern die Demonstranten ein ehrgeiziges Abkommen, in dem sich vor allem die Industrieländer zu verbindlichen und ambitionierten Zielen verpflichten sollen.

Während die Stimmung trotz Kälte und massiver Polizeipräsenz anfangs sehr gut war, wurden zahlreiche Demonstranten von der Polizei eingekesselt und 700 von ihnen festgenommen. Angeblich weil Randalierer sich unter den Demozug gemischt und Knaller gezündet haben sollen. Es wurde zu Solidarisierungsaktionen aufgerufen.

Beim Klima geht es um alles

Die meisten Klima-Protestler liefen bis zur Abschlusskundgebung am Bella Center weiter, wo die Redner ein von den Delegierten der UN-Verhandlungen ein schnelles und entschlossenes Handeln gegen die Erderwärmung einforderten. Ein angeleuchtetes Windrad im Dunkeln weist den Demonstranten den Weg zum Bella Center. Plötzlich riecht es nach Rauch. Doch es sind keine brennenden Barrikaden, sondern Greenpeace entfacht Feier-Stimmung: Fackeln und eine Samba-Gruppe sorgen dafür, dass den Klimaschützern so kurz vor Ende nicht kalt wird.

"Wir sind hier, weil wir die Entscheidungsträger erinnern wollen: Wir haben nur eine Welt!", ruft die ehemalige Staatspräsidentin Irlands und heutige Ehrenpräsidentin der Entwicklungsorganisation Oxfam, Mary Robinson in die Menge. In den nächsten Tagen werde die Zukunft der Erde "wesentlich entschieden". Doch es gehe auch um das Jetzt: 300.000 Menschen seien bereits im vergangenen Jahr an den Folgen des Klimawandels gestorben.

Tom Goldtooth vom "Indigenous Environmental Network" erklärte, dass besonders die indigene Bevölkerung von der Erderwärmung besonders betroffen ist: "Wir wissen, was es bedeutet, wenn es nicht mehr genug Wasser gibt. Trotzdem verhandeln in Kopenhagen nur die Vertreter der Regierungen - es wird Zeit, dass wir die Verhandlungen übernehmen!" Die Protestler übergaben zudem der UN-Konferenzpräsidentin Connie Hedegaard ihre Forderungen auf 18 großen Segeln.

Klimaprotestler: Schuld ist das System

Mitdemonstriert haben dieses Mal nicht nur die klassischen Ökos, sondern auch viele Linke. Dabei war auch ein kommunistischen Block, in dem viele rote Fahnen zu sehen und antikapitalistische Schlachtrufe zu hören waren. Doch auch ohne einen kommunistischen Hintergrund glauben viele Protestler, dass die UN-Verhandlungen die Welt nicht vor einer Klimaveränderung retten werden. "Ich glaube nicht, dass die in einer Woche noch irgendwas hinbekommen", meint ein Aktivist, der sich einen Rettungring um den Hals gehangen und ein Schild "Act now" unter den Arm geklemmt hat.

Von den Klimaverhandlungen wird generell nicht viel gehalten. "Überleben ist nicht verhandelbar" ist auf einem riesigen Stofflaken geschrieben. Und aus dem Lautsprecher werden die Verhandler im Bella Center scharf angegriffen: "Sie sind verantwortlich für die Zerstörung des Planeten!" Viele machen vor allem die kapitalistische Wirtschaftsweise, den Wachstumszwang sowie die ressourcenverschwendende Lebensweise für das Klimadesaster verantwortlich. So hängt an einem Musikawagen das Transparent "fck, fck, fck the system" – eine Anspielung auf die Kampagne tck tck tck, die darauf aufmerksam macht, dass dem Klimaschutz die Zeit davon läuft.

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Ihre Freitag-Redaktion

11:35 13.12.2009
Geschrieben von

Felix Werdermann und Susanne Götze | The Guardian

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