Schwips ohne Reue

Alcarelle Seit den 1980ern forscht David Nutt an einem synthetischen und gesunden Alkohol-Ersatz
Schwips ohne Reue

Illustration: Christian Bobsien

David Nutts Arbeitszimmer in der Hammersmith-Klinik wirkt heimelig – ganz anders als das glänzend weiße Labor, das ihm als Direktor des Instituts für Neuropsychopharmakologie am Imperial College London untersteht: Mehrere Auszeichnungen in Hirn-Form stehen herum, ein anatomisches Modell des Eingriffs, mit dem er Entzündungen im Gehirn von Alzheimer- und Parkinson-Patienten nachwies, ein Poster des Films LSD. Flesh of Devil von 1967, außerdem zwei aus Holz geschnitzte Pilze (der Psychiater und Pharmakologe war am Imperial auch mal Mitglied der Forschungsgruppe Psychedelika).

Nur auf das „Teufelszeug Alkohol“ weist nichts hin – und auf Nutts ehrgeizigen Plan, einen gesunden synthetischen Ersatz dafür namens Alcarelle unters Volk zu bringen. Nutt arbeitet schon lange an der Entwicklung eines „Alcosynth“, der die entspannenden und die Geselligkeit fördernden Eigenschaften von Alkohol bietet – aber ohne Kater, Gesundheitsrisiko und die Gefahr eines Vollrauschs.

Im November 2018 haben Nutt und sein Geschäftspartner David Orren damit begonnen, 20 Millionen Pfund Startkapital zu sammeln, um Alcarelle auf den Markt zu bringen. „Die Industrie weiß, dass Alkohol eine giftige Substanz ist“, sagt Nutt. „Würde er heute entdeckt, wäre er als Lebensmittel verboten. Nach deren Standards läge die als sicher einzustufende Obergrenze für Alkoholkonsum bei einem Glas Wein im Jahr.“

Als Psychiater, sagt Nutt, habe er einen Großteil seines Berufslebens damit verbracht, Menschen mit Alkoholproblemen zu behandeln. Vor rund zehn Jahren wurde Nutt als Drogenberater der Regierung entlassen, weil er die moralischen Standards, nach denen wir Drogen- und Alkoholmissbrauch bewerten, als verzerrt in Frage gestellt hatte (Schlagzeilen machte seine Aussage, Reiten sei gefährlicher, als Ecstasy zu nehmen). Kurze Zeit später präsentierte er in der Fachzeitschrift The Lancet Zahlen, denen zufolge Alkohol schädlicher für die Gesellschaft ist als Heroin oder Crack.

Dabei will Nutt kein Alkoholverbot. Er trinke selbst einen „sehr kleinen“ Single-Malt-Whisky, bevor er abends ins Bett gehe, erzählt er, außerdem betreibe er mit seiner Tochter eine Weinbar im Londoner Westen. „Ich bin nicht gegen Alkohol. Aber es wäre schön, eine Alternative zu haben.“

GABA GABA hey!

Der lange Weg hin zu Alcarelle begann 1983, als Nutt als PhD-Student ein Gegenmittel zu Alkohol entdeckte: ein Medikament, das Betrunkenheit entgegenwirkt. „Ich untersuchte die Auswirkungen von Alkohol auf das GABA-System“, erklärt er. Einfach formuliert, ist die erste Wirkung von Alkohol auf das Gehirn die Stimulierung von GABA-Rezeptoren. Diese beruhigen dann das Gehirn, indem sie weniger Neuronen abfeuern. Nutts Studie erbrachte den ersten Beweis dafür. Er gab alkoholisierten Ratten ein Mittel, das die GABA-Rezeptoren blockiert, woraufhin die Ratten wieder nüchtern wurden.

Das Gegenmittel war zu gefährlich, um medizinisch genutzt zu werden. Versehentlich nüchtern genommen, kann es Krämpfe verursachen, ähnlich wie heftiger Alkoholentzug. Zudem drängte sich die Frage auf: „Was bringt es, zu verhindern, dass jemand betrunken ist, wenn der Alkohol trotzdem seine Leber und sein Gehirn zerstört?“ Entscheidend war die neue Erkenntnis, dass die Stimulierung der GABA-Rezeptoren der Schlüssel zum beschwipsten Glück sein kann – wenn sie sich auf unschädliche Weise erreichen lässt.

Inzwischen weiß Nutt, dass es in verschiedenen Gehirnregionen 15 Subtypen von GABA-Rezeptoren gibt: „Alkohol ist promiskuitiv, er verbindet sich mit allen.“ Ohne Geschäftsgeheimnisse zu verraten, behauptet er zu wissen, welche Rezeptoren stimuliert werden können, um den Schwips ohne Nebenwirkungen herbeizuführen. „Wir wissen, wo im Gehirn Alkohol seine ‚positive‘ Wirkung hat und wo ‚negative‘ und welche Rezeptoren das vermitteln – GABA, Glutamat und andere, wie Serotonin und Dopamin. Die Wirkung von Alkohol ist kompliziert, aber es ist möglich, gezielt die Teile des Gehirns zu beeinflussen, bei denen man das möchte.“ Auch lasse sich eine maximale Wirkung einbauen. Wissenschaftlich ist das längst anerkannt; viele Medikamente arbeiten mit ähnlichen Begrenzern, etwa Vareniclin zur Raucherentwöhnung.

Das Konzept zu entwickeln, sei einfach gewesen, sagt Nutt, das richtige Molekül zu finden, schon schwieriger. „Aber die echte Herausforderung ist, es in ein Getränk zu bringen. Die Regulierungen für Lebensmittel sind eine größere Hürde als die Wissenschaft.“ Weil die Arzneimittelprüfung von Alcarelle noch aussteht, haben es bisher nur Nutt, Orren und Mitarbeiter des Labors probiert, gemischt mit Fruchtsaft, weil es keinen guten Eigengeschmack hat.

Nutt und sein Partner Orren haben einen Fünfjahresplan entwickelt. Vermutlich gilt Alcarelle als Nahrungsmittelzusatz oder Inhaltsstoff, daher werden eher Lebensmittel- als Arzneimittelbestimmungen relevant sein. Für eine Zulassung müssen sie ein Getränk inklusive eigener Flasche entwickeln, woran sie derzeit mit Lebensmittelingenieuren arbeiten. „Wir werden den Nachweis erbringen, dass es anders als Alkohol nicht toxisch ist“, erklärt Nutt. Wenn unsere Leber Alkohol abbaut, produziert sie den Krebserreger Acetaldehyd. Ständig zu viel zu trinken erhöht deshalb das Risiko für Mund-, Rachen- und Brustkrebs sowie für Schlaganfälle, Herzkrankheiten und Schädigungen der Leber, des Gehirns und des Nervensystems.

Letztlich ist ihr Ziel nicht, ein Getränke-Unternehmen aufzubauen, sondern die Getränke-Industrie mit einem Bestandteil zu beliefern, mit dem sie eigene Produkte herstellen kann. Unterdessen sieht die Alkoholbranche Alcarelle keineswegs als Feind. Laut Orren sind bereits wichtige Vertreter „als mögliche Investoren für eine Zusammenarbeit an uns herangetreten“.

Gerard Hastings vom Institute for Social Marketing an der Universität Stirling ist überzeugt, dass die Alkoholbranche sich Alcarelle ebenso bereitwillig zu eigen machen wird wie Coca-Cola den Null-Kalorien-Süßstoff Stevia. Aus dem gleichen Grund investiere die Tabakindustrie in elektronische Zigaretten und die Fleischindustrie in Laborfleisch: „Um die Lösung ebenso wie das Problem zu besitzen ... Wenn sie Produkte an gesundheitsbewusste Verbraucher und gleichzeitig Produkte für weniger Gesundheitsbewusste verkaufen können, dann werden sie das tun.“ Marketingtechnisch ist vor allem eine jüngere Zielgruppe interessant, die für den Rückgang des Alkoholkonsums verantwortlich ist, weil sie es „viel cooler finden , gesund zu sein. Aber es geht auch um die Kontrolle. Sie wollen nicht betrunken auf Instagram landen, wo es vielleicht ihre Vorgesetzten sehen.“

De Weiinn wah soohh legga :*)

Ein möglicher Haken könnte sein, dass Alcarelle nicht „natürlich“ ist. „Viele Verbraucher setzen ‚natürlich‘ mit ‚gesund‘ gleich“, sagt Jonny Forsyth vom Marktforscher Mintel. „Cannabis verkauft sich unter anderem so gut, weil es pflanzlich ist.“ Eine Lösung wäre, dem Getränk mit pflanzlichen Stoffen Geschmack zu geben, aber Nutt und Orren haben Größeres vor: „Wir arbeiten daran, herauszufinden, ob diese Moleküle irgendwo in der Natur vorkommen.“

Alcarelle soll gute Weine oder Nutts Whisky nicht ersetzen. „Aber wenn wir zugelassen und auf dem Markt sind, wird das die Kreativität befeuern“, ist Orren überzeugt. Der Star-Status mancher Barkeeper komme schließlich daher, „dass die Leute großes Interesse an neuen Geschmacksrichtungen haben“. Dabei ist ein Schwips vielleicht der größte Geschmacksverstärker. „Es besteht ein Zusammenhang zwischen Geschmacksempfinden, Geschmack, Geruch und der Wirkung“, führt Nutt aus. „Wer sagt: ‚Ich liebe einfach den Geschmack meines Château Latour Jahrgang 1984‘, dem antworte ich: ‚In Wahrheit würden Sie das nicht tun, wenn Sie nie davon betrunken geworden wären.‘“

Amy Fleming ist freie Autorin des Guardian

Übersetzung: Carola Torti
06:00 14.06.2019
Geschrieben von

Amy Fleming | The Guardian

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