„Sie ist ein bisschen aggressiv“

Arbeitswelt Facebook-Chefin Sheryl Sandberg ärgert sich in Davos darüber, dass Frauen weniger gemocht werden, wenn sie Erfolg haben. Und übt heftige Kritik an Gender-Stereotypen
„Sie ist ein bisschen aggressiv“
Laut Sheryl Sandberg von Facebook wird noch immer erwartet, dass Frauen zuhause die meisten häuslichen Aufgaben erfüllen

Foto: Stephen Lam/ AFP/ Getty Images

Die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos scharf Gender-Stereotypen kritisiert, die Frauen in der Arbeitswelt behindern.

Im März wird sie ein Buch mit dem Titel „Sich am Arbeitsplatz auf Frauen stützen“ veröffentlichen und brachte das Beispiel von T-Shirts, die in den USA verkauft werden: Während auf dem Jungs-T-Shirt die Worte „Smart wie Papa“ prangen, schmückt die Mädchenvariante: „Hübsch wie Mama“.

„Ich würde liebend gern sagen, das war 1951, aber es war letztes Jahr“, sagte sie. „Wenn eine Frau erfolgreicher wird, mag man sie weniger. Wenn ein Mann erfolgreicher wird, mag man ihn mehr. Und das beginnt mit diesen T-Shirts.“

Sandberg kritisierte Manager, die unbewusst Stereotypen wiederspiegelten, wenn sie die Leistung einer Frau so beurteilen: „Sie macht sehr gute Arbeit, aber ihre Kollegen mögen sie nicht besonders.“ oder: „Sie ist ein bisschen aggressiv.“„Sie sagen das und verstehen nicht, dass das die Strafe ist, die Frauen wegen der bestehenden Gender-Stereotypen auf sich nehmen müssen“, führte die Facebook-Chefin weiter aus.

Die Geschäftsführerin beklagte weiterhin, es werde noch immer davon ausgegangen, dass Frauen den Hauptteil der häuslichen Pflichten übernehmen, selbst wenn beide Partner arbeiten. „Frauen haben in den meisten Industrieländern auf der ganzen Welt immer noch zwei Jobs, Männer haben einen.“ Sie fügte hinzu: „Von dem Tag an dem sie die Schule verlassen, erhalten Frauen andere Botschaften, etwa wie ‚Willst du nicht irgendwann Kinder haben?’

Sandberg sprach auf einer Panel-Sitzung in Davos, bei der fünf von sechs Vortragenden weiblich waren – während die Gender-Balance bei vielen der Veranstaltungen in Davos andersherum ausfiel. Nur 17 Prozent der Delegierten des einflussreichen Treffens sind Frauen. Um diese Zahl zu erhöhen, bestehen die Organisatoren derzeit darauf, dass unter den fünf Delegierten, die teilnehmende Strategische Partner (Top-100-Unternehmen) mitbringen dürfen, eine Frau sein muss. Viele bevorzugen es allerdings, mit nur vier Delegierten vertreten zu sein, anstatt eine weibliche Führungskraft dabei zu haben.

Ellbogen benutzen

Die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde zeigte sich überzeugt, es habe sie zu einer besseren Chefin gemacht, dass sie sich gegen Vorurteile durchsetzen musste. „Ich bin mit zwei Brüdern aufgewachsen. Ich bin in einer Männerwelt groß geworden und man musste seine Ellbogen benutzen, um sich den Weg hinein zu bahnen.“

Sie höre nicht nur besser zu: „Ich achte mehr auf diejenigen, die hinten im Raum in der Dunkelheit sitzen und nicht sprechen wollen, aber viel beizutragen haben.“ Aus ihrer Sicht sind Frauen die besseren Team-Player: „Das liegt an unserer Geschichte; an unserem Erbe und allem, gegen das wir uns behaupten mussten.“

Die Kommissarin für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft der Europäischen Kommission Viviane Reding hatte zuvor Zahlen präsentiert, die zeigten, dass Europas Vorstandsetagen mehr ins Gleichgewicht kommen. Im vergangenen Oktober lag der Frauenanteil in Unternehmensvorständen bei 15,8 Prozent. Im Vorjahr waren 13,7 Prozent.

Laut Reding wurden die Unternehmen durch die Ankündigung einer Gesetzgebung zur Verbesserung der Situation durch die europäische Kommission zu mehr Flexibilität gezwungen. „Seit dem Moment, als ich drohte, dass ich eine gesetzliche Regelung anstrebe, wenn es keinen echten Fortschritt gäbe, kam es zu echten Fortschritten“, erzählte Reding. „Manchmal braucht es einen kleinen Anschubser.“ Von weiterer entscheidender Bedeutung seien gute Kinderbetreuungsangebote: „Dieses Thema betrifft Männer wie Frauen.“

Reding erinnerte das Weltwirtschaftsforum zudem daran, dass es Genderfragen nicht immer hohe Priorität eingeräumt habe. „Das ist das erste Jahr, in dem das Thema auf einer Plenarsitzung präsentiert wurde“, konstatierte sie. „Das ist auch ein Durchbruch für Davos.“

Die Kommissarin strebt immer noch ein Gesetz an, das Unternehmen zwingen würde, für Vorstandsposten Frauen vor Männern mit der gleichen Qualifikation den Vorrang zu geben. „Es geht nicht um eine rigide Quote. Niemand würde den Job bekommen, weil er eine Frau ist, aber auch niemand würde den Job verweigert bekommen, weil er eine Frau ist.“

Übersetzung der gekürzten Fassung: Carola Torti

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15:54 28.01.2013
Geschrieben von

Heather Stewart, Graeme Wearden | The Guardian

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The Guardian

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