Sie starb zuletzt

Porträt Marielle Franco (1979 – 2018) war die Hoffnung vieler Armer in Brasilien. Vor einer Woche wurde sie erschossen
Sie starb zuletzt
Ihre Ermordung hat Aufmerksamkeit auf ein Dekret des Präsidenten gelenkt – er will dem Militär Macht über die Favelas geben

Foto: Rodrigo Chadì/Fotoarena/Imago

Am Morgen nach dem Tag, als Zehntausende auf Brasiliens Straßen ihren Ärger über die Ermordung der schwarzen, lesbischen Stadträtin Marielle Franco ausgedrückt hatten, war alles wie immer in der Favela Maré, wo Franco aufgewachsen ist. Hinter einer Polizeistation patrouillierten die Mitglieder einer Drogen-Gang.

Maré liegt hinter einer hohen undurchsichtigen Plastik-Abtrennung entlang der röhrenden Autobahn, die den nahen internationalen Flughafen mit Rio de Janeiros Zentrum verbindet. Die Behörden nennen es eine „Lärmschutzwand“. Die Bewohner der Favela dagegen spotten, dass die Wand dazu da sei, ihre heruntergekommene, aber lebendige Gemeinschaft vor den Augen der Touristen zu verstecken.

Abschottung ist symptomatisch dafür, wie die brasilianischen Behörden die Favelas sehen, in denen fast ein Viertel von Rios Bevölkerung lebt: als Orte, die versteckt werden müssen, die den Gangs überlassen werden, abgesehen von gelegentlichen Einsätzen der Polizei in gepanzerten Fahrzeugen, der es egal ist, wer im Kreuzfeuer getötet wird. „Es ist ein Feudalsystem. Der Staat hat hier nicht das Kommando“, sagt der Vorsitzende der lokalen Non-Profit-Organisation Maré Networks, Alberto Aleixo. Nur ein paar Meter von der Polizeibaracke entfernt fährt auf einem Motorrad ein Mann mit einer Baseballkappe und einem Maschinengewehr über der Schulter vorbei – ein Fußsoldat der Gang „Rotes Kommando“, die den Drogenmarkt in einer Gasse in der Nähe des Favela-Eingangs kontrolliert. „Diese Kerle haben hier das Sagen“, erklärt Aleixo.

Marielle Franco wurde am Mittwochabend vor einer Woche im Alter von 38 Jahren durch einen gezielten Anschlag getötet, der die Handschrift professioneller Killer trug.

Alexeio kannte sie seit Jahren; seit sie sich gemeinsam dagegen eingesetzt hatten, dass Rios Polizei 2006 Panzerfahrzeuge einführte. „Sie hatte immer eine Meinung und den Wunsch, eine Lösung zu finden“, erzählt er. Franco setzte sich für Frauenrechte, alleinerziehende Mütter wie sie selbst, Homosexuelle und Favela-Einwohner ein. Sie prangerte die Folgen der Gewalt auf die Gemeinschaft an, die Gewalt in den Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Drogenbanden und Milizen, zu deren Mitgliedern auch aktive und ehemalige Polizisten gehören. Im Bundesstaat Rio wurden allein im Januar 154 Menschen, die „sich gegen Polizeieinsätze stellten“, getötet. Viele halten Francos Einsatz gegen die Gewalt für den Grund, warum sie und ihr Fahrer Anderson Gomes von Kugeln durchlöchert wurden.

„Sie wusste, was sie für uns tat“, sagt Sonia Viera, eine 64-jährige Rentnerin aus Maré, die Franco gewählt hat. „Wann immer jemand auftaucht, der das wagt, wird er aus dem Weg geräumt.“ Für die PSOL, die Partei Sozialismus und Freiheit, hatte Franco einen Sitz im Stadtparlament gewonnen – 2016, in dem Jahr, als Michel Temer Dilma Rousseff als Präsidentin absetzen ließ, um als ihr Nachfolger seine Sparpolitik zu Lasten der Armen zu starten.

„Marielle stand für Erneuerung“, sagt Francos einstiger Lehrer in Maré, Ernani da Conceicao. Sein Unterricht half ihr, ein Stipendium für Rios renommierte Päpstliche Katholische Universität zu erhalten, zu einer Zeit, als die Befreiungstheologie in Lateinamerika sichere und neutrale Orte für Debatten bot. Als Teenager engagierte sich Franco in der Kirche, arbeitete freiwillig in einer Krabbelstube mit. Militanter wurden ihre Ansichten, nachdem jemand aus ihrem Freundeskreis zwischen Polizei- und Banden-Reihen von einer verirrten Kugel getötet worden war.

Sie schrieb sich für einen Universitätsvorbereitungskurs am Maré Zentrum für Studien und solidarischem Handeln CEASM ein. Mit 19 wurde sie schwanger, bekam eine Tochter. Sie erhielt ein Stipendium für ein Studium der Sozialwissenschaften und später für einen Master in öffentlicher Verwaltung. Lourenco da Silva, der gemeinsam am CEASM mit ihr studierte, erinnert sich daran, wie sie ihren politischen Aktivismus, ihr Studium und die alleinige Betreuung eines kleinen Kindes unter einen Hut bringen musste. „Aber wenn man ihr Arbeit gab, sagte sie nicht nein.“ Er arbeitet für das Maré Museum, das die Geschichte der Favela dokumentiert. Ziel des Projekts war, junge Leute in Maré zu formieren und zu politisieren, um eine Generation von Favela-Intellektuellen zu schaffen. „Marielle war das beste Beispiel dafür“, sagt Antonio Carlos Vieira vom CEASM.

Der PSOL-Abgeordnete in Rios Parlament, Marcelo Freixo, für den sie arbeitete, war einer derer, die Francos Sarg am vergangenen Donnerstagabend mit geröteten Augen an tausenden weinenden Trauernden zu einer Zeremonie in Rios Rathaus trugen. Seit ihrem Tod dominiert Marielle Franco die brasilianischen Medien so stark wie zu Lebzeiten nie.

Ihre Ermordung hat die Aufmerksamkeit auf eine von Präsident Temer per Dekret angeordnete Maßnahme gelenkt, zur stärkeren Verbrechensbekämpfung das Militär nach Rio zu holen und ihm Staatspolizei und Gefängnisse unterzuordnen. Franco hatte das scharf kritisiert und war Mitglied einer Kommission zur Überwachung dieses Vorgehens.

Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert ungenannte Polizei- und staatsanwaltliche Quellen, denen zufolge Francos Ermordung mit ihrer politischen Arbeit oder ihrer Kritik an Übergriffen der Polizei zu tun habe. Brasilianischen Medien zufolge gehörten die Kugeln, die sie töteten, zu einer Charge, die 2006 an die Bundespolizei in Brasilia verkauft worden war. Laut Temers Sicherheitsminister wurden sie aus einem Postamt gestohlen.

Dom Phillips berichtet unter anderem für den Guardian aus Brasilien

Übersetzung: Carola Torti

06:00 23.03.2018
Geschrieben von

Dom Phillips | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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