Sie träumen ihren eigenen Tod

Südsudan Wenn du kein Gewehr trägst, bist du nichts: Nirgendwo sonst in Afrika gibt es so viele Kindersoldaten

David Zelu blickt auf, lächelt und streckt seine Arme in den Himmel, wo die Sonne gerade durch die Wolkendecke bricht. Der Regen, der bis eben noch auf das Dach der kleinen Hütte gehämmert hat, die David mit vier anderen Teenagern teilt, ist vorbeigezogen. Draußen springen jetzt kleine, dünne Kinder durch die Pfützen.

David ist 15 Jahre alt und einer von sieben Leibwächtern des Offiziers einer Rebellenmiliz im Osten des Südsudan. Ein sogenannter Kindersoldat wie Tausende in diesem Land und Zehntausende in ganz Afrika. „Es ist hart, im Krieg zu sein, das stimmt. Und es ist traurig, seine Freunde zu verlieren. Aber was kann man machen? Wenn du kein Gewehr trägst, bist du nichts“, erklärt er sich.

Kinder, die Waffen tragen, gibt es außer im Südsudan in der Zentralafrikanischen Republik, in Nigeria, in der Demokratischen Republik Kongo und in Somalia, wo sie bevorzugt von den islamistischen Al-Shabaab-Milizen rekrutiert werden. Zudem existiert die Lord’s Resistance Army (LRA), die einst bei ihren Feldzügen quer durch Uganda Zehntausende von Kindern gezwungen hat, entweder zu kämpfen oder niedere Hilfsdienste zu leisten. Auch wenn die LRA mittlerweile nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, haben ihre Einheiten weiterhin Hunderte von Minderjährigen in ihren Reihen. Doch was ist das schon, verglichen mit den Verhältnissen im Südsudan?

Viele gehen freiwillig

Der erst 2011 ausgerufene Staat, der unter Hunger, ethnischem Hass und übermäßiger Korruption leidet, verfügt heute – gemessen an der Gesamtbevölkerung – über die meisten Kindersoldaten in Afrika, möglicherweise sogar weltweit. Nach UN-Angaben wurden im Südsudan in den letzten vier Jahren mehr als 18.000 Kinder rekrutiert, von denen die meisten auch in Gefechte zogen. Sie wurden von Milizionären geworben oder entführt, einer Gehirnwäsche unterzogen und brutalisiert. Das Muster liefern die Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone während der 1990er Jahre.

Dies berührt auch das Schicksal von Dominic Ongwen, der schon als Minderjähriger in Uganda für die LRA kämpfte und als Erwachsener Verbrechen beging, die bis zur Anklage vor dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag führten.

Doch treten nicht wenige Kinder freiwillig in bewaffnete Verbände ein. „Einer der größten Mythen über Kindersoldaten besteht darin, sie seien Opfer von Zwang und Willkür“, sagt José Luis Hernández von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, derzeit Kinderschutzbeauftragter im Südsudan. Der heute 17-jährige James wurde Soldat, als er noch zur Schule ging, trat in die Cobra Faction ein, eine Miliz im Osten des Südsudan, einer Region, in der Regierungstruppen massiv gegen Gemeinden vorgingen, die mehr Autonomie und einen größeren Anteil an den Öleinnahmen verlangt hatten. „Den Unterricht empfand ich als Qual, doch dann wurden die Schulen geschlossen, und es passierten schlimme Dinge, also entschloss ich mich zu kämpfen“, erzählt James.

Zusammen mit zwei anderen Jungen – Baba (10) und dessen Bruder Simon (12) – verließ er eines Nachts heimlich ihr Zuhause in Pibor, einer ärmlichen Stadt in der Provinz Jonglei. Geführt von einem Verwandten, der mit der Cobra Faction sympathisierte, fand James zur Miliz, die sich im Buschland versteckte. „Ich freute mich, als sie mir ein Gewehr gaben. Ich fühlte mich sicher und dachte, nun könne ich mich verteidigen.“ Schon bald fanden sich die Jungen an der Front wieder und mussten mit der Erschütterung klarkommen, wie sie auf erste Kriegserfahrungen folgt. „Nach einem Gefecht habe ich von meinem eigenen Tod geträumt und einen engen Freund sterben sehen. Das alles hinterließ ein furchtbares Gefühl“, erinnert sich James. Die Gefechte zwischen der Miliz und Regierungssoldaten verliefen chaotisch, es gibt Nahkämpfe im Unterholz und schwere Verluste. Die ehemaligen Kindersoldaten beschreiben „Berge von Leichen“, die aus feindlichen Soldaten und Kameraden bestanden hätten. James: „Unser Offizier fiel, und weil mein Freund sein Leibwächter war, rannte er los, um ihn zu rächen, und wurde ebenfalls erschossen. Mir fuhr ein Geschoss durch den Fuß.“ Es gab nur eine rudimentäre Hilfe für Verwundete, so dass James’ Fuß mit Blättern und schmutzigen Lappen verbunden wurde. Junge Soldaten starben, die von jemandem mit medizinischen Kenntnissen und einem sauberen Verband hätten gerettet werden können.

Deserteure werden erschossen

Baba, heute 15 Jahre, beschreibt, wie Regierungstruppen angriffen. „Sie kamen auf Trucks, sprangen herunter und schossen sofort ihre Magazine leer. Überall sackten Leute zusammen. Dann zogen sich die feindlichen Soldaten zwar wieder zurück, doch am nächsten Morgen wurde das Lager der Cobra Faction mit Artilleriegranaten beschossen. Es gab nur noch Lärm und Flammen. Überall versuchten die Leute zu fliehen, auch ich und mein Bruder, aber er stand nicht mehr auf, als ich nach ihm rief. Wir bedeckten ihn schnell mit Blättern und ließen ihn zurück. Ich denke jeden Tag an das Gesicht meines toten Bruders.“

Auch wenn die Jungen der Miliz freiwillig beitraten, so war es ihnen unmöglich, sie aus freien Stücken wieder zu verlassen. „Sie sagten uns, wenn wir versuchten, ohne Erlaubnis abzuhauen, würden sie uns finden und töten“, erzählt der heute 15-jährige George, der 18 Monate bei der Cobra Faction verbrachte. „Wenn wir nicht gehorchten, wurden wir – selbst wenn es sich nur um Kleinigkeiten handelte wie Wasser holen – geschlagen oder mussten stundenlang in der Sonne stehen. Wir wussten daher, was passieren würde, sollten wir uns absetzen.“ Andere Jungen erinnern sich daran, dass „Deserteure“ erschossen wurden.

„Selbst wenn ich den Mut aufgebracht hätte, wäre es mir nicht möglich gewesen zu entkommen. Wie hätte ich wissen sollen, wohin?“, fragt James. „Wie sollte ich im Busch überleben? Ich konnte keinen Kontakt zu meiner Familie aufnehmen, wer hätte mir also helfen sollen? Also habe ich mir Fluchtgedanken aus dem Kopf geschlagen. Und über alles sonst kaum mehr nachgedacht.“ James war drei Jahre bei der Miliz.

Zwischen 2015 und 2017 gelang es UNICEF, die Freigabe von etwa 1.900 Kindersoldaten im Südsudan auszuhandeln. Daraus wurde eine der größten Demobilisierungen seit 2013. James, Baba und Hunderte anderer verließen den Busch, gaben ihre Waffen ab und kehrten zu ihren Familien zurück. Für die 35-jährige Anna Koren, eine Bäuerin aus Pibor, grenzte es an ein Wunder, dass ihre Söhne nach vier Jahren bei den Rebellen wieder nach Hause kamen. „Niemand hatte mich benachrichtigt. Wir haben nur gebetet, weil wir wussten, dass Gott der Einzige sein würde, der sie zurückbringt.“ Inzwischen hat UNICEF ein Programm aufgelegt, das sowohl Beratung als auch Hilfe anbietet, wenn die Demobilisierten in Schulen zurückkehren wollen. Verarmten Familien kann auch materiell geholfen werden.

Viele der Jungen, die im Busch waren, hat das Kriegserlebnis unwiederbringlich verändert. Viele werden von Albträumen geplagt, Lehrer und Eltern berichten von Wut- und Gewaltausbrüchen. Einige von ihnen waren an Gräueltaten gegen Zivilisten beteiligt, sagt Lukas Mangole, der als Teamleiter bei der Grassroots Empowerment and Development Organisation (GREDO) arbeitet, einer NGO, die von der UNO unterstützt wird und Kindersoldaten betreut. „Sind sie in einen Hinterhalt geraten, werfen die Milizkommandeure der Bevölkerung umliegender Dörfer vor, sie verraten zu haben. Kindersoldaten werden dann ausgewählt, die Leute zu schlagen und zu foltern, während sie verhört werden. Raubzüge, um Nahrungsmittel zu besorgen, können ähnlich brutal sein“, sagt Mangole. Einige der jungen Soldaten hätten dabei auch selbst getötet, auch wenn im Chaos der Kämpfe niemand wissen konnte, wer einen tödlichen Schuss abgefeuert hat und wer nicht.

Noch ist das Reintegrationsprogramm für Kinder unterfinanziert und sein Vollzug gefährlich. In diesem Jahr sind bereits sieben Mitarbeiter bei Hinterhalten und Überfällen ums Leben gekommen.

Die Ex-Soldaten werden zwar als Tischler und Mechaniker ausgebildet, doch verhindert der Krieg, dass sie die Gewerke auch auszuüben können. Weiterführende Schule, um die Jungen aufzufangen, sind ausnahmslos wegen Lehrermangels geschlossen. Also warum nicht weiterkämpfen?

Die traditionelle „Kriegerkultur“ ist in vielen Gegenden tief verwurzelt, sodass es kaum alternative Rollenmodelle für junge Männer gibt. Mehrere ehemalige Kindersoldaten, die im Vorjahr befreit wurden, starben im Mai, als sie sich gegen den Viehraub durch einen anderen Stamm verteidigten. Dabei hatten sie geschworen, nie wieder ein Gewehr in die Hand zu nehmen. Auch David Zelu, der im Januar von einer Rebellengruppe förmlich entlassen wurde. Drei Monate später ist er wieder bei einer Miliz eingetreten und verbringt seine Tage nun mit anderen jungen Kämpfern auf einem aus provisorischen Hütten bestehenden Anwesen, wo sie trainieren und damit beschäftigt sind, Nahrungsmittel zu beschaffen. Ganz in der Nähe, versteht sich, denn der Regen hat die schlechten Straßen, die mit der 200 Meilen entfernten Hauptstadt Juba verbinden, aufgelöst. Ein Helikopter, der jeden zweiten Tag kommt, sorgt für die einzige Verbindung zur Außenwelt. „Als ich die Miliz verließ, hatte ich nichts – nichts zu essen, keine Arbeit, keine Schule, nichts ...“, sagt Rückkehrer David.

Rebellenkommandeure behaupten, sie würden gezwungen, Kinder zu rekrutieren. „In Ihrem Land Großbritannien haben die Kinder Schulen, ein Zuhause, etwas zu essen. Hier ist das nicht so. Deshalb greifen alle zu den Waffen, Junge und Alte, um für ein besseres Leben zu kämpfen“, meint Davids kommandierender Offizier.

Jason Burke und Phil Hatcher-Moore sind Afrika-Korrespondenten des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 26.09.2017
Geschrieben von

Jason Burke, Phil Hatcher-Moore | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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