„Skandalös optimistisch“

Bolsonaro Der legendäre Liedermacher Caetano Veloso sorgt sich um Brasilien, findet Schwarzseherei aber zu bequem

Ein halbes Jahrhundert ist es her, seit die Schergen der brasilianischen Diktatur an die Haustür der Musiklegende Caetano Veloso klopften und verkündeten: „Packen Sie besser Ihre Zahnbürste ein.“ Sechs Monate Haft später wurde er ins europäische Exil gezwungen und verbrachte die nächsten zweieinhalb Jahre in den Londoner Stadtteilen Chelsea, West Kensington und Golders Green, wo er sein bis heute am stärksten gefeiertes AlbumTransain der Sakristei einer Kirche probte.

„Davor war ich nur einmal in London gewesen, und es hatte mir nicht gefallen. Es war mir zu distanziert, so fremd“, erinnerte sich Veloso während eines der seltenen Interviews, die er gibt. „Die ganze Situation war sehr deprimierend.“

Fünfzig Jahre später ist der 77-Jährige, der als einer der einflussreichsten Sänger und Komponisten des Landes gilt, erneut verstört durch den politischen Wind der Intoleranz, der durch sein Heimatland weht – auch wenn er dieses Mal die Turbulenzen aus seinem Haus mit Meeresblick in Rio de Janeiro beobachtet. „Es ist einfach Wahnsinn“, kommentiert der Musiker die Forderung der rechtsextremen „Fanatiker“ nach einer Rückkehr der Militärherrschaft mit Jair Bolsonaro an der Spitze.

Exil wegen Fake News

Velosos erzwungenes Exil in Großbritannien nahm 1968 seinen Anfang, als er im Alter von 26 auf dem Weg zum Musikstar war. Der unmittelbare Auslöser war überraschend aktuell: Fake News. Nach einem Auftritt mit der Psychedelic-Rock-Band Os Mutantes in Rio de Janeiro bezichtigte ein rechter Radiomoderator Veloso und seinen Musikerkollegen Gilberto Gil fälschlich, die brasilianische Flagge entweiht und die Nationalhymne beleidigt zu haben, zu einer Zeit, die als repressivste Phase der Diktatur galt. Kurz darauf wurden beide verhaftet, es folgte ein Arbeitseinsatz beim Fallschirmjägerregiment in Rio de Janeiro (West), wo Brasiliens zukünftiger Präsident Bolsonaro nur wenige Jahre später in der Armee dienen sollte. Vier Monate später wurden die beiden Musiker gezwungen, in ein Flugzeug zu steigen, nach London. „Es war fast wie eine Reise zu einem anderen Planeten, einem anderen Stamm, einer anderen Kultur und Art zu leben.“ Etwas gemildert wurde seine Melancholie im Exil durch die Chance, im Chalk Farm Roundhouse einen „dionysischen“ Mick Jagger über die Bühne stolzieren und John Lennon, Led Zeppelin und Herbie Hancock aus nächster Nähe zu sehen.

Trotz aller Unterschiede weise Brasiliens aktuelle politische Gesamtlage beunruhigende Parallelen zur Zeit von Velosos Exilerfahrung auf. Damals vereinnahmten Brasiliens Militärherrscher die Landesfarben Grün und Gelb als ihr patriotisches Symbol, genau wie es heute die Bolsonarista-Hardliner tun – zur Verzweiflung progressiver Brasilianer*innen.

Zur Feier der Fußball-WM 1970 schmückten Veloso und Gil ihr Backstein-Townhouse in Chelsea mit brasilianischen Flaggen. Nicht selten reagierten Freunde, die zu Besuch kamen, konsterniert, „weil es so aussah, als würden wir die Diktatur unterstützen“. „Ich sagte dann immer: ‚Nein, die Diktatur ist nicht Brasilien!‘ Aber natürlich wussten wir, die Diktatur war das, was Brasilien zu diesem Zeitpunkt war (...). Man kann auch nicht sagen: ,Bolsonaro ist nicht Brasilien‘ “, fügt er hinzu. „Er ist so wie viele Brasilianer, die ich kenne. Er ähnelt dem durchschnittlichen Brasilianer sogar sehr. Tatsächlich schaffen er und seine Kumpane es gerade dadurch, an der Macht zu bleiben, dass sie die Identifikation mit den ‚normalen‘ Brasilianern betonen.“

Laut Umfragen hat Bolsonaro trotz seiner katastrophalen Corona-Politik weiter die Unterstützung von rund 30 Prozent der Bürger*innen. „Es wirkt wie eine Farce. Aber die europäischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert, in Italien und Deutschland, lehren, dass viele Dinge, die wie eine Farce wirken – und tatsächlich eine sind –, echte tragische Konsequenzen haben können, die lange Zeit andauern und viele Menschen betreffen“, erklärt der Künstler, der eine Reihe von Initiativen unterstützt hat, um Bolsonaros Angriffe auf Bildung, Kultur und Umwelt anzuprangern. Wie andere Rechtspopulisten in anderen Ländern verspreche Bolsonaro „verdächtig einfache Lösungen für komplexe Probleme“. Doch seit seiner Machtübernahme im Januar 2019 habe der Nationalist keinerlei Lösungen gebracht.

Unterdessen haben fast 90.000 Brasilianer*innen ihr Leben durch die Corona-Pandemie verloren, mit der Bolsonaro nach Ansicht von Kritikern katastrophal falsch umgegangen ist, unterstützt von einem Übergangs-Gesundheitsminister, der Armeegeneral im aktiven Dienst ist. „Die Pandemie ist bestialisch – und der Präsident bleibt bei seiner Haltung, obwohl er sich selbst angesteckt hat. Er reagierte nicht einmal wie der britische Premierminister Boris Johnson, der die Richtung änderte, nachdem er sich infiziert hatte.“ Veloso selbst hat seit Ausbruch der Pandemie das Haus erst einmal verlassen – als sein Enkelsohn geboren wurde. Ja, er habe Angst, krank zu werden oder an Covid-19 zu sterben. Daher hat er sich mit seiner Frau und seinem Sohn zu Hause zurückgezogen – zusammen mit Büchern des italienischen Philosophen Domenico Losurdo sowie Filmklassikern von Glauber Rocha, Hitchcock und Antonioni.

„Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Ich will nicht verpassen, wie diese Sache ausgeht.“ Wenn es um Brasiliens Zukunft geht, könne Pessimismus aber auch eine bequeme Angelegenheit sein. Er selbst bleibe „skandalös optimistisch“, vielleicht sei „eine Heimsuchung wie Bolsonaro“ der Preis, den Brasilien zahlen müsse, um sein enormes Potenzial zu entfalten. Und während die junge Demokratie des Landes die größte Prüfung seit ihrer Wiedereinführung vor 35 Jahren durchmacht, hängt Veloso Kindheitserinnerungen von einem „süßen Brasilien“ in Santo Amaro nach, der kulturträchtigen Stadt im Nordosten. „Wenn ich einen Ausländer vor mir hätte, würde ich sagen: „Brasilien ist hier, genau hier“, erklärte der Komponist lächelnd. Und „als einer der Leute, die in diesem Land populäre Musik machen, kann ich Ihnen versichern: „Es gibt uns hier noch; es gibt Brasilien noch.“

Caio Barretto Briso arbeitet als Journalist in seiner Heimat Brasilien, Tom Phillips ist Lateinamerika-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 01.09.2020
Geschrieben von

Caio Barretto Briso, Tom Phillips | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12792
The Guardian

Ausgabe 48/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3