„Solche Leute gibt es hier nicht“

Homophobie In Tschetschenien werden Schwule inhaftiert und gefoltert. Zwei Betroffene erzählen
„Solche Leute gibt es hier nicht“
Nach Moskau ist dieser homosexuelle Mann aus Tschetschenien geflohen
Foto: Naira Davlashyan/AFP

Mindestens einmal am Tag steckten Adams Entführer Metallklammern an seine Finger und Zehen. Einer der Männer drehte dann am Griff eines Apparats, mit dem die Klammern über Drähte verbunden waren. Elektroschocks durchzuckten Adams Körper. Wenn er es schaffte, nicht aufzuschreien, wurde er zusätzlich mit Holzstöcken oder Metallstangen geschlagen.

Während die Männer ihn folterten, beleidigten sie ihn und forderten ihn auf, ihnen die Namen anderer schwuler Männer in Tschetschenien zu nennen. „Manchmal versuchten sie, Informationen aus mir herauszuholen, manchmal machten sie sich nur über mich lustig“, erzählt Adam. Das Reden darüber fällt ihm nicht leicht, knapp ein Monat ist seit der Folter vergangen.

Adams Angaben und die Aussagen eines weiteren homosexuellen Manns aus Tschetschenien, mit dem der Guardian gesprochen hat, stützen die Berichte über eine brutale schwulenfeindliche Kampagne in der russischen Republik. Über hundert, möglicherweise mehrere hundert Männer sind davon betroffen. Und es soll bereits Tote gegeben haben.

Hilfe im Notfall-Zentrum

Adam wurde mit über einem Dutzend weiterer homosexueller Männer in einem nichtoffiziellen Gefängnis festgehalten, wo alle täglich gefoltert wurden. In anderen Städten der Republik soll es zu ähnlichen „Säuberungsaktionen“ durch staatliche Sicherheitskräfte gekommen sein.

Der Menschenrechtsaktivist Igor Kochetkow aus Sankt Petersburg hat mitgeholfen, ein Notfall-Kontakt-Zentrum aufzubauen, an das Homosexuelle in Tschetschenien sich wenden können. Er sagt, Dutzende hätten sich gemeldet. Viele verstecken sich sowohl vor ihren Familien als auch vor der Polizei. „Wir sprechen von der massenhaften Verfolgung Homosexueller, Hunderte wurden von den Behörden entführt“, sagt Kochetkow. „So etwas hat es bislang weder in Russland noch sonst irgendwo auf der Welt gegeben. Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Nach zwei brutalen Kriegen Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre wurde Tschetschenien unter dem von Moskau unterstützten Statthalter Ramsan Kadyrow wiederaufgebaut. Kadyrow schwört Wladimir Putin die Treue, im Gegenzug sieht der Kreml bei Menschenrechtsverletzungen weg. Kritiker werfen Kadyrow seit langem vor, seine berüchtigten Bataillone operierten außerhalb des Gesetzes.

Reporterinnen der russischen Zeitung Nowaja Gaseta, die zuerst über die Folter an Homosexuellen berichtet haben, geben an, sie hätten Beweise dafür, dass mindestens drei schwule Männer seit Anfang Februar getötet wurden. Sie vermuten aber, dass es noch mehr sein könnten. Die tschetschenische Gesellschaft ist extrem homophob. Daher gibt es Befürchtungen, dass einige Homosexuelle von ihren eigenen Familien ermordet wurden, nachdem sie von den Behörden geoutet wurden. Die NGO Reporter ohne Grenzen berichtet, dass auch die zwei Reporterinnen der Nowaja Gaseta nun massiv bedroht werden.

„Ich weiß nicht, was mit den anderen passiert ist. Es ist zu gefährlich, jemanden zu kontaktieren, weil bei allen die Telefone überwacht werden“, sagt Adam. Wegen der Gefahr wurden die Namen in diesem Artikel geändert und Einzelheiten, die auf die konkrete Identität der Gesprächspartner hindeuten, gestrichen. Beide Männer, mit denen der Guardian gesprochen hat, befinden sich nun außerhalb Tschetscheniens, baten aber darum, ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort nicht preiszugeben.

Für Adam begann alles mit dem Anruf eines schwulen Freundes. „Er rief mich an und schlug mir mit einer sehr ruhigen Stimme vor, uns zu treffen. Da ich ihn schon lang kenne, schöpfte ich keinen Verdacht.“ Als er aber an dem vereinbarten Ort eintraf, wurde ihm schnell klar, dass man ihm eine Falle gestellt hatte. Er wurde von sechs Leuten erwartet, ein Teil von ihnen uniformiert. Sie schrien ihn an, sie wüssten, dass er schwul sei. Zunächst versuchte Adam es zu leugnen, aber als klar wurde, dass die Männer Nachrichten gelesen hatten, die er an andere Schwule geschickt hatte, gab er seine Homosexualität zu. Die Männer brachten ihn in eine Haftanstalt. Er wurde eingesperrt und musste auf dem Boden schlafen. „Sie weckten uns um fünf Uhr morgens und ließen uns erst um ein Uhr nachts schlafen. Immer wieder andere Leute kamen herein, um uns zu schlagen. Manchmal brachten sie andere Gefangene mit, denen sie befahlen, uns zu schlagen.“

Strenge Familien

Gefangene, die an verschiedenen Orten festgehalten worden waren, haben ähnliche Geschichten von Schlägen und Elektroschocks erzählt. Die Kidnapper nahmen ihnen die Mobiltelefone ab, scrollten durch die Kontakte und wollten wissen, wer von den dort aufgeführten Männern schwul sei. „Sie sagten, wir seien Tiere, keine Menschen, und dass wir hier sterben würden“, erzählt Adam. Nach mehr als zehn Tagen wurden einige entlassen und an ihre Familien übergeben. „Sie sagten: ‚Euer Sohn ist eine Schwuchtel. Macht mit ihm, was ihr tun müsst.‘“ Adam leugnete seiner Familie gegenüber seine sexuelle Orientierung, aber sein Vater weigerte sich, mit ihm zu sprechen und drohte ihm Gewalt an. Kurz darauf sammelte Adam ein paar Habseligkeiten zusammen und ging von zu Hause weg, ohne jemandem etwas zu sagen.

Ramsan Kadyrows Sprecher Alwi Karimow streitet die Berichte ab. Er spricht von „Lügen und Desinformation“ und beharrt darauf, in Tschetschenien gebe es überhaupt keine Homosexuellen. „Man kann nicht Leute einsperren und verfolgen, die in der Republik gar nicht existieren“, sagte er der Nachrichtenagentur Interfax. Und fügte hinzu: „Wenn es solche Leute in Tschetschenien gäbe, müssten die Strafverfolgungsbehörden sich überhaupt nicht um sie kümmern, denn ihre Verwandten würden sie an einen Ort schicken, von dem es keine Rückkehr gibt.“

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte, er habe keine Informationen über die Anschuldigungen, und riet denjenigen, die sich beschweren wollten, sich an die Behörden zu wenden: ein absurder Rat angesichts der Tatsache, dass die Behörden selbst an den Verbrechen beteiligt sind. In Tschetscheniens extrem traditioneller Gesellschaft, die auf strengen Codes von Familien- und Clan-Zugehörigkeit sowie dem islamischen Glauben beruht, gilt ein schwuler Verwandter als Schande für die gesamte Familie. Geschwister eines Homosexuellen haben Schwierigkeiten zu heiraten, denn die Familie gilt als beschmutzt.

Viele schwule Tschetschenen sind daher verheiratet und führen ein Doppelleben oder unterdrücken ihre Gefühle, um ihre Familien nicht ins Unglück zu stürzen. Die Männer, mit denen der Guardian gesprochen hat, erzählten, sie hätten noch nie auch nur mit einem einzigen Familienmitglied oder nicht-schwulen Freund über ihre Sexualität gesprochen. „Diese Menschen leben in einer völlig geschlossenen Gesellschaft und üben sich ihr ganzes Leben lang in absoluter Diskretion“, sagt der Aktivist Kochetkow. „Viele von ihnen sind körperlich nicht in der Lage, das Wort ,schwul‘ auszusprechen.“

Die tschetschenischen Behörden erpressen die kleine Gay-Community des Landes auch seit Jahren. Achmed, den der Guardian an einem anderen Ort traf als Adam, wusste schon immer, dass er schwul war. Er zwang sich aber bis vor ein paar Jahren, seine Gefühle zu vergraben. Seine erste Verabredung mit einem Mann endete in einem Desaster, denn der andere meldete ihn der Polizei. Es stellte sich heraus, dass Achmeds Date ebenfalls erwischt worden war und von der Polizei erpresst wurde, andere schwule Männer zu identifizieren, damit die Beamten seiner Familie nichts erzählten. Die Polizisten verlangten Geld von Achmed. Ansonsten drohten sie, kompromittierendes Material über ihn ins Internet zu stellen. Viele Männer wurden auf diese Weise über Jahre hinweg erpresst, aber mit den Ereignissen der vergangenen Monate hat die Verfolgung eine neue Stufe erreicht.

Achmed befand sich außerhalb Tschetscheniens, als er von seiner Familie angerufen wurde. Sie reichten das Telefon an einen Polizisten weiter. Der Mann sagte ihm, sie würden ein Familienmitglied festhalten, bis er zurückkehre. Dann übernahm ein anderer Verwandter den Hörer, überschüttete ihn mit Beleidigungen und forderte ihn auf, sofort zurückzukommen. „Ich hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass meine eigenen Verwandten mich umbringen wollten“, sagt Achmed. „Das war die Einladung zu meiner Exekution.“

Er versprach, er werde am nächsten Tag zurückkommen. Nachdem er überlegt hatte, welche Möglichkeiten ihm blieben, schaltete er sein Telefon aus und floh nach Moskau. Später gelang es ihm, ganz aus Russland zu fliehen. Jetzt beantragt er in einem europäischen Land Asyl. Damals dachte er noch, er sei ein Einzelfall und verfluchte sein Pech. Jetzt ist ihm aber klar, dass es sich um die erste Welle schwulenfeindlicher Aktionen handelte und er viel Glück hatte, dass er nicht zu Hause war.

Achmed erwartet nicht, jemals wieder nach Tschetschenien zurückzukehren. Und er hat seither nicht mehr mit seiner Familie gesprochen, da ihm ein Vertrauter erzählt hat, dass die Polizei die Telefone überwacht. „Stellen Sie sich vor, Sie wissen, dass Sie nicht nur Ihr Leben ruiniert haben, sondern auch das Ihrer gesamten Familie“, sagt Achmed. „Ich wollte meine Mutter immer nur glücklich und stolz machen. Ich war bereit zu heiraten. Ich hätte all diese Probleme mit ins Grab genommen.“

Menschenrechtsaktivisten versuchen nun, schwule Tschetschenen aus Russland herauszuholen, da sie glauben, dass diese nicht einmal in Moskau oder anderen russischen Städten vor der tschetschenischen Polizei oder ihren eigenen Verwandten sicher sind. Die Botschaften europäischer Länder gewähren aber nur Asyl, wenn jemand bereits im Land ist. Sie stellen keine Visa für diejenigen aus, die planen, bei ihrer Ankunft Asyl zu beantragen.

Shaun Walker ist Moskau-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 02.05.2017
Geschrieben von

Shaun Walker | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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