Uber alles

Teilen Wie die Sharing Economy vom Tech-Kapitalismus verschluckt wurde
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„Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch gründlich Staub saugen.“ (M. Luther, Internet)

Fotos: IStock (3), Getty Images (2)

Von allen Ideologien, die das Silicon Valley bisher hervorgebracht hat, dürfte der Tech-Populismus – das In-die-Welt-Setzen leerer Versprechungen auf der Grundlage von bahnbrechenden digitalen Umwälzungen – wohl die sonderbarste sein: die Verheißung einer Welt unmittelbarer und müheloser Selbstermächtigung, immerhin mehrdeutig genug, um große Internetkonzerne, Start-ups, Fans von Kryptowährungen und sogar politische Parteien hinter sich zu scharen.

Der Ursprung dieses Tech-Populismus ist ziemlich nebulös, aber wir wissen, wann er die Massen erreicht hat: Es war an jenem Tag im Jahr 2006, als das Time Magazine „You“ zur Person des Jahres kürte: also all jene Millionen von ganz gewöhnlichen Menschen, die hinter dem nutzergenerierten „Web 2.0“ der 2000er Jahre standen. Obwohl es in Wirklichkeit zahlenmäßig nur relativ wenige gab, die tatsächlich an Webseiten wie Wikipedia oder Flickr mitarbeiteten, funktionierte der Hype um sie als Ablenkung von der wachsenden Übermacht der großen Internetkonzerne und aufkommenden Fragen nach der Dauerhaftigkeit der digitalen Utopie. Nur ein paar Jahre später war von letzterer nichts mehr übrig: Das Internet war nunmehr zentralisiert und dominiert von einer Handvoll von Plattformen, nur noch ein Schatten seines früheren exzentrischen Selbst.

Heute ist aus dem allmächtigen, schöpferischen Nutzer von 2006 ein zombiesker Content-Junkie geworden, schwerstabhängig vom Scrollen und Liken und für immer gefangen in den unsichtbaren Käfigen der Datenhändler. Der Mythos des Nutzers-als-Künstler ist tot. Doch der Geist des Tech-Populismus lebt in zwei ebenso mächtigen Mythen weiter: dem des Nutzers-als-Unternehmer und jenem des Nutzers-als-Konsument. Diese beiden Mythen sind voller Verheißungen – verstärkte Dezentralisierung, größere Effizienz –, die die tatsächliche Entwicklung der digitalen Wirtschaft – verstärkte Zentralisierung, zunehmende Ineffizienz und Kontrolle – verschleiern.

Als der Fahrdienst Uber, die Ferienwohnungsvermittlung Airbnb und ähnliche Plattformen noch neu und klein waren, konnte man glauben, dass sie eine globale informelle Ökonomie des Teilens hervorbringen würden: Zur Hölle mit Taxis und Hotels, es lebe die Zeit der Hobby-Chauffeure, Leihfahrräder und Couch-Surfer! Es war eine reizvolle Vision, anknüpfend an eine Tradition der Gegenkultur und Rebellion gegen Autorität, Hierarchie und Expertentum. Der es allerdings an einem fehlte: an der Unterstützung durch politische Parteien oder soziale Bewegungen. Letztere hätten – sobald sie an die Regierung gekommen wären – die lokalen Tauschplattformen mit öffentlicher Finanzierung ausstatten können, um sie vor den brutalen Gesetzen des Wettbewerbs ebenso wie vor finanzstarken kommerziellen Mitbewerbern zu schützen.

Einem ganz ähnlich gelagerten politischen Projekt des vergangenen Jahrhundert verdanken wir immerhin den Sozialstaat. Anstatt Bildung oder Gesundheitsversorgung privaten Anbietern zu überlassen, wurden diese Bereiche bewusst dem Markt entzogen. Der Sozialstaat, der so entstand, führte zwar zu manch bürokratischem Auswuchs, aber im Großen und Ganzen stellte er angesichts der politischen und technologischen Beschränkungen der Zeit einen vernünftigen Kompromiss dar. Natürlich können wir uns heute vorstellen, wie wir die Versorgung mit derartigen Dienstleistungen noch horizontaler ausgestalten könnten, und mit mehr Respekt vor der Subsidiarität, demokratischen Entscheidungsfindungen und individuellen Eigenheiten. Das Gleiche gilt für die Wirtschaft als Ganzes.

Digitaler Sozialstaat war nicht

Digitale Plattformen, als Vermittlungsinstanzen zwischen Bürgern auf der einen und Unternehmen und Institutionen auf der anderen Seite, sollten für eine derartige Transformation von großer Bedeutung sein. Trotzdem ist kein vergleichbares politisches Projekt entstanden, das darauf abgezielt hätte, den neuen demokratisierten Zustand vor der Kommerzialisierung zu bewahren. Dies führte dazu, dass die löblichen Ziele von Selbstermächtigung und Förderung von lokalen und horizontalen Strukturen dadurch erreicht werden sollten, dass man sich an einen mächtigen, aber trügerischen Verbündeten heranschmiss und den Puls der digitalen Plattformen mit dem des internationalen Kapitals synchronisierte.

Das funktionierte ziemlich gut, zumindest am Anfang. Car-Sharing-, Bike-Sharing- und Flat-Sharing-Plattformen schossen dank milliardenschwerer Investitionen wie Pilze aus dem Boden. Ein Großteil des Geldes kam von Staatsfonds und Risikokapitalgebern. Wie nett von Saudi-Arabien, seine Petrodollars in die Finanzierung von Mitfahrportalen und Lieferdiensten zu stecken! Wer Dienstleitungen oder Waren auf digitalen Plattformen anbot, hatte ebenso Grund zu jubeln wie die, die diese Dienstleistungen oder Waren kauften oder liehen. Erstere erhielten die Möglichkeit, ihre brachliegenden Ressourcen zu Geld zu machen, von leer stehenden Wohnungen bis hin zu freier Zeit. Letztere kamen an verbilligte Fahrten, Mahlzeiten und Buchungen.

Doch das Märchen ist zu Ende. Das Jahr 2018 ist für die Sharing-Economy das, was 2006 für den nutzergenerierten Content war: Ab jetzt kann es nur noch bergab gehen. Die Plattformen werden nicht verschwinden, im Gegenteil. Aber ihre hochgesteckten Ziele werden Platz machen für den prosaischen und manchmal mit Gewalt durchzusetzenden Imperativ, der von dem eisernen Gesetz des Wettbewerbs ausgeht: Die Sache muss Profit abwerfen!

Uber mag einigen dabei helfen, über die Runden zu kommen, indem er oder sie hin und wieder eine Tour übernimmt. Der Zwang, Profit zu erwirtschaften, bedeutet jedoch, dass das Unternehmen keine Bedenken haben wird, seine Fahrer gegen selbstfahrende Fahrzeuge auszutauschen; eine Firma, die letztes Jahr 4,5 Milliarden Dollar Verlust gemacht hat, wäre dumm, es nicht zu tun. Airbnb mag sich als Verbündeter der Mittelschicht gegen wohl etablierte wirtschaftliche Interessen präsentieren. Doch Profitdruck zwingt das Unternehmen schon jetzt dazu, mit Unternehmen wie Brookfield Property Partners zusammenzuarbeiten, einer der weltgrößten Immobilienfirmen, um unter der Marke Airbnb hotelartige Unterkünfte zu bauen, oft, indem Wohnblöcke gekauft und umgewandelt werden.

Angesichts der Riesensummen, um die es geht, wird in dem derzeitigen Wettbewerb etwa der Fahrdienste am Ende mehr Marktkonzentration rauskommen, sodass jeweils ein oder zwei Plattformen eine Region kontrollieren. Ubers Kapitulation – in China, Indien und Russland sowie einem Großteil Südostasiens und Lateinamerikas – vor lokalen Akteuren, von denen viele ebenfalls mit Geld aus Saudi-Arabien unterstützt werden, legt dies nahe.

Solche Entwicklungen widersprechen der Rhetorik des Tech-Populismus. Sie erzeugen Müll wie die Berge von aussortierten Fahrrädern, die sich in Großstädten rund um den Globus auftürmen. Schon jetzt sehen wir, wie der Verkehr zunimmt und die Straßen verstopft – die Folge daraus, dass man dem globalen Kapital erlaubt hat, sich die Mitfahrdienste einzuverleiben, statt einen viel effizienteren öffentlichen Nahverkehr auf die Räder zu stellen. Die krass subventionierten Preise von Zustelldiensten wie Deliveroo oder Lieferando – die einstweilige Folge des intensiven Wettbewerbs – werden nicht von Dauer sein; starke Verluste werden von den wenigen Unternehmen, die am Ende übrig bleiben, wettgemacht werden müssen, wohl, indem sie die Preise dann erhöhen.

Die Ideologie des Tech-Populismus aber wird weiterleben und weiter vollmundige Versprechen über die Blockchain, künstliche Intelligenz oder die smarte City verbreiten. Viele dieser Versprechen werden verheißungsvoll klingen. Doch ohne eine robuste politische Agenda, die sich keinen Illusionen über die (Un-)Fähigkeit des globalen Kapitals hingibt, gesellschaftliche Emanzipation zu fördern, werden sie gegenteilige, dystopische Wirkungen entfalten. Wir können uns den Weg in eine demokratischere Gesellschaft nicht freikaufen – schon gar nicht mit Geld aus Saudi-Arabien.

Evgeny Morozow ist Publizist und hat unter anderem die Bücher Smarte neue Welt und To Save Everything, Click Here veröffentlicht

06:00 15.01.2019
Geschrieben von

Evgeny Morozov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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