Unmut und Armut

Südafrika Gewalt überrollt das Land, die Regierung ist überfordert. Anhänger des Ex-Präsidenten Jacob Zuma sind wütend
Unmut und Armut
Mutmaßliche Plünderer, die von der südafrikanischen Polizei aufgefasst wurden

Foto: Marco Longari/AFP

Plünderer schleppen aus dem Einkaufszentrum Ndofaya in Soweto, was sie tragen können: Fernsehgeräte, Mikrowellenherde, Kleidung, Bettwäsche, Sportausrüstung, Möbel. Einige fahren gleich mit Pick-ups vor, um für prompten Abtransport zu sorgen. Fernsehkanäle haben Hubschrauber gechartert, um die Szenen des Horrors in ihre Programme einzuspielen und zu zeigen, wie bei der Spedition des Diebstahls eins ins andere greift. Ihr Material erzählt davon, wie sich eine Feuerwalze durch Campsdrift Park frisst, ein Zentrum des Aufruhrs in Pietermaritzburg. Ebenfalls in den Blick gerät eine Shopping Mall bei Johannesburg, in der zehn Menschen starben, als ein Turm gestapelter Waren in einem Lagerhaus zusammenstürzte und unter sich begrub, wer nicht rechtzeitig entkam. Der Fall einer Mutter kommt zur Sprache, die ihren kleinen Sohn vom Dach eines brennenden Gebäudes auf eine Gruppe von Menschen fallen ließ, die erst das Kind, dann die Frau auffingen. Das Gebäude sei angeblich von Plünderern in Brand gesteckt worden, berichtet die BBC.

Die Eruption der Gewalt trifft gleichzeitig die ohnehin stockende Impfkampagne und verhindert den Zugang zu elementaren Gesundheitsdiensten. Tuberkulose- und HIV-Patienten könnten ihre Medikamente nicht mehr abholen, teilt das Gesundheitsministerium mit und verweist darauf, dass in den Unruhegebieten vergebene Corona-Impftermine verschoben würden, um die Sicherheit der Menschen zu schützen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die mehr als berechtigt erscheint, wenn sogar Kliniken geplündert werden, worunter die Sauerstoffversorgung von Covid-Patienten leidet. Wie kann es sein, dass lebensrettende Hilfe für die Opfer der sich austobenden dritten Pandemiewelle verhindert wird?

Brutaler Corona-Schub

In der Vorwoche hat ein bestürzt wirkender Präsident Cyril Ramaphosa an zwei Tagen in Folge bei Fernsehansprachen an die Bevölkerung appelliert, sie dürfe sich nicht dazu verführen lassen, wie ein Mob zu handeln, dem alles egal sei. Er müsse „schweren Herzens“ urteilen: Was derzeit passiere, sei „ohne Beispiel in den 27 Jahren seit dem Ende des Apartheid-Regimes“. Erst kurz zuvor hatte er – ebenfalls per Fernsehauftritt – eine Verlängerung von Anti-Corona-Maßnahmen angekündigt. Nur so könne man „dem brutalen dritten Schub von Infektionen entgegenwirken“.

Auch wenn es zutrifft, dass sich die Unruhen an der Inhaftierung von Ex-Präsident Jacob Zuma entzündet haben, der vor allem in seiner Heimatprovinz KwaZulu-Natal Sympathien genießt, reicht das nicht, um zu erklären, wie Gewalt zum reißenden Strom wird, der ein Land zu fluten droht. Südafrikas Oberster Gerichtshof hatte Zuma wegen Missachtung der Justizorgane zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem er sich während einer neunjährigen Amtszeit der Korruption und Verschwendung schuldig gemacht hatte. Seine Anhänger haben den Volkstribun mit dem deftigen Vokabular entweder bewundert oder toleriert. Sie halten den 79-jährigen, einstigen Anti-Apartheid-Kämpfer heute mehr denn je für das Opfer einer von seinen Gegnern inszenierten Hexenjagd.

Nun werden Tausende von Soldaten gebraucht, um einer kämpfenden, aber überforderten Polizei beizustehen. „Die aktuelle Situation ist an manchen Orten erschütternd, aber wir werden dafür sorgen, dass sie nicht weiter eskaliert. Wir sind zuversichtlich, dass unsere Strafverfolgungsbehörden schon bald die Täter ermitteln und zur Rechenschaft ziehen“, erklärt Polizeiminister Bheki Cele. Man würde versuchen, „aufrührerische Social-Media-Netzwerke zu überwachen“, so Cele, und sich bemühen, dass vorrangig die Maßnahmen gegen Covid-19 Bestand hätten. Zwangsläufig werden dem Minister und anderen kritische Fragen gestellt: Warum sind Polizei und Justiz den Protesten und der darauffolgenden Gewalt nicht zuvorgekommen? Was beschäftigt eigentlich die Inlandsgeheimdienste? Wie ist ein so gründlicher Kontrollverlust möglich?

Als Nelson Mandela am 10. Mai 1994 als Präsident Südafrikas vereidigt wurde, sagte er in seiner Inaugurationsrede: „Wir verpflichten uns, unser gesamtes Volk von den andauernden Fesseln der Armut, des Mangels, des Leidens zu befreien … Wir haben in dem Bemühen triumphiert, Hoffnung in die Herzen der Millionen unseres Volkes zu pflanzen.“ In den Jahrzehnten danach sind diese Hoffnungen enttäuscht worden. Sich wandelnde Einkommensverhältnisse haben nur einem überschaubaren Kreis aus der schwarzen Bevölkerung Reichtum und Einfluss beschert. Zugleich ist die Arbeitslosigkeit seit 2010 permanent gestiegen, sodass sie im I. Quartal 2021, natürlich auch Corona-bedingt, den Rekordwert von 32,6 Prozent erreicht hat. Hinter der Angabe verbergen sich 7,2 Millionen Menschen, die nicht wissen, wann es ihnen je wieder besser geht. Auch der vom ANC immer gern präsentierte soziale Wohnungsbau kommt nicht voran.

Jason Burke ist Südafrika-Korrespondent des Guardian

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06:00 26.07.2021
Geschrieben von

Jason Burke | The Guardian

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