Warum ich bis auf Weiteres keine Steuern zahlen werde

Steuerstreik Der britische Sänger Billy Bragg will so lange in den Steuerstreik treten, wie von seinem Geld Banker-Boni bezahlt werden – dagegen könnte der Schatzkanzler Veto einlegen

Wie konnte es dazu kommen? Gestern schimpfte mich während eines Live-Interviews im Radio eine Frau, die als Headhunterin nach Talenten für die Börse fahndet, einen Anarchisten. Warum? Hatte ich vorgeschlagen, das Machtmonopol des Staates zu brechen? Hatte ich zum Sturz des kapitalistischen Systems aufgerufen? Was genau hatte ich getan, das sie zu der Annahme veranlasste, ich wollte die Grundfesten der Gesellschaft einreißen?

Ich hatte ihr gesagt, ich würde so lange meine Steuer zurückhalten, bis der Schatzkanzler etwas unternehme, um die Bonuszahlungen an die Investmentbanker bei der Royal Bank of Scotland zu beschränken. „Wo kämen wir hin, wenn das jeder machen würde?“, schrie sie. „Das wäre ja die reinste Anarchie!“

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass viele meinem Beispiel folgen werden, schließlich wird den meisten Menschen die Steuer via PAYE direkt vom Lohn abgezogen. Einige von uns haben aber vor kurzem einen Brief vom Finanzministerium erhalten, in dem wir daran erinnert wurden, dass wir bis zum Ende des Monats unsere Steuerschuld zu begleichen haben. Am Tag, bevor diese Zahlungserinnerung mich erreichte, hatte ich im Fernsehen gesehen, wie Stephen Hester, der geschäftsführende Direktor der RBS, einem Sonderausschuss des britischen Unterhauses grinsend erklärte, er werde seinen Leuten im kommenden Monat Boni in Höhe von schätzungsweise 1,5 Milliarden Pfund Sterling auszahlen und dann für eine ganze Weile in den Urlaub verschwinden, um sich dem zu erwartenden Groll der Bevölkerung zu entziehen.

"Sollen sie doch Kuchen essen"

Was kümmert ihn, dass die RBS im vergangenen Jahr die größten Verluste in der Geschichte der britischen Finanzgeschichte eingefahren hat – die Steuerzahler haben ihm die Kassen wieder aufgefüllt und nun ist es an ihm, sich die Taschen vollzustopfen. Als ich Hesters „Sollen- sie-doch-Kuchen-essen“-Rede im Fernsehen sah, war ich empört und fühlte mich gleichzeitig ohnmächtig. Empört, weil wir die ganze vorangegangene Woche von Regierung und Opposition auf empfindliche Kürzungen im öffentlichen Dienst eingeschworen worden waren und ohnmächtig, weil mir klar war, dass keine Partei ernsthaft etwas gegen die exzessive Bonus-Kultur unternehmen will.

Über Google fand ich heraus, dass der Schatzkanzler aufgrund des Kredits, den die Regierung der Bank zur Verfügung gestellt hat, die Bonus-Zahlungen der Bank durch ein Veto verhindern könnte. Der Kredit machte alle Briten zu Shareholdern der RBS. Von Rechts wegen ist es folglich an uns, von diesem Veto Gebrauch zu machen. Also schrieb ich Alistair Darling, dass ich meine Steuern nicht bis zum 31. Januar zahlen werde, wenn er keinen Einspruch erhebt und die Bonus-Zahlungen beschränkt.

Was wäre, wenn das alle täten? Eine gewisse Anarchie wäre die Folge – ja, vielleicht. Aber wenn wir schon im Was-wäre-wenn-Modus sprechen: Was wäre, wenn wir in einer Gesellschaft lebten, in der nicht Banker, sondern Lehrer, Krankenschwestern und Soldaten mit finanziellen Belohungen überschüttet würden? Was wäre, wenn wir ein Finanzsystem hätten, das Fairness belohnt statt Gier? Das ist Ihnen zu utopisch? Nun, wie ist es damit: Was wäre, wenn wir eine politische Partei hätten, die in der Lage wäre, die anstehenden Wahlen zu gewinnen?

Wer seine Unterstützung für Billy Braggs Steuerstreik zum Ausdruck bringen will, kann dies tun, indem er seiner Facebook-Gruppe beitritt: NoBonus4RBS

16:00 19.01.2010
Geschrieben von

Billy Bragg | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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