Karen Liebreich
Ausgabe 2417 | 05.07.2017 | 06:00 1

Wer von nichts wusste

Geschichte Eine britische Historikerin befragte schon in den 1990er Jahren deutsche Filmemacher nach der Kollaboration in der NS-Zeit. Auch Kristina Söderbaum

Wer von nichts wusste

In Veit Harlans (li.) Propagandafilm spielte Kristina Söderbaum (re.) die Arierin

Fotos: SZ-Photo, dpa

Anfang der 1990er interviewte ich viele Deutsche, die unter den Nazis Berühmtheit in der Filmindustrie erlangt hatten. Ich sprach mit Schauspielerinnen, Regisseuren, Kritikern und Politikern, mit dem Kameramann Leni Riefenstahls, dem Komponisten von Lili Marleen und der Frau, die man die Marilyn Monroe der Nazis nennen könnte: Kristina Söderbaum.

Wir interviewten Söderbaum in Horw in der Nähe von Luzern. Sie war der Star vieler Filme gewesen, bei denen meistens ihr Mann Veit Harlan Regie geführt hatte. Dazu zählten etwa der berüchtigte Jud Süß oder das lächerliche Epos Kolberg über die napoleonische Belagerung der preußischen Stadt. Das Interview fand im Haus von Edie Bechter statt, Söderbaums „Beschützer“. Bechter führte vorbereitende Diskussionen mit mir. Er gab vor, traurig über die Behandlung der Juden zu sein und sagte mir, er wolle eine Stiftung einrichten, um verarmten Juden in Israel Geld zukommen zu lassen. Ob ich ihm dabei helfen würde? Natürlich. Würde ich als eine Art Treuhänderin agieren? Natürlich. Nachdem ich ihm diese Zusagen gemacht hatte, ermöglichte er das Interview. Vermutlich dachte er, ich würde es Söderbaum nun leichter machen.

„Natürlich hätte Kristina sich erhängt, wenn sie gewusst hätte, für welche Probleme Jud Süß sorgen würde.“ Bechter war erst ihr größter Fan gewesen, dann ihr bester Freund und stand nun in einer seltsamen Beziehung zu ihr. Er trug den Ehering ihres Mannes und sein Haus war voll mit Erinnerungsstücken und Fotos von ihr. Auch Harlans Totenmaske befand sich in seinem Besitz. Als das Interview vorbei war, verschwand Bechter, und ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Man könnte Söderbaum als den Archetyp eines feministischen Albtraums beschreiben. Eine attraktive Frau, eine überzeugende Schauspielerin, die sich ihrem energischen Gatten unterordnete. Sie habe in einem „goldenen Käfig“ gelebt, erzählte sie mir, und sei „überall mit der Limousine“ hingefahren. Ich sah aber keine Anzeichen dafür, dass sie besonders neugierig auf das Leben jenseits der Gitterstäbe gewesen wäre. In ihrer Autobiografie zeigt sie sich überrascht über die Feindseligkeit, die Harlan nach dem Krieg entgegengebracht wurde und darüber, dass ihre Kinder als Nazis verspottet wurden, als sie in Schweden zur Schule gingen.

Goebbels’ Triumph

Goebbels habe enormen Einfluss gehabt, erzählte sie. Er habe in jeden Bereich des Films eingreifen können. Auch wenn ein anderer Regisseur, mit dem ich sprach, dies bestritt, erzählte Söderbaum, Harlan habe sich gesträubt, Jud Süß zu drehen. „Glatt rasiert und gekleidet wie ein Ehrenmann“, erklärte eine Broschüre, „erreicht Jud Süß Oppenheimer, dass er zum Finanzminister ernannt wird … und vergewaltigt die schöne Dorothea Sturm … Jude, Hände weg von deutschen Frauen!“

Es war naheliegend, Söderbaum als Dorothea zu besetzen. „Sie wollten mich, dieses blonde, nicht besonders intelligente, arische Mädchen“, sagte sie selbst. Ihres Images zumindest war sie sich bewusst – eine Art infantiles, substanzloses und schönes Mädchen, das entweder der Willkür eines Vergewaltigers ausgeliefert war oder der Hand eines starken Mannes bedurfte. Jud Süß sei überhaupt kein antisemitischer Film gewesen, behauptete sie: Im Gegenteil habe jeder mit der Titelfigur mitgefühlt. Wenn dem so wäre, würde es die Frage aufwerfen, warum SS-Führer Heinrich Himmler angeordnet hat, den Film allen SS-Einheiten und KZ-Wächtern zu zeigen, um sie in die richtige geistige Verfassung für ihre Arbeit zu bringen.

Bis 1943 hatten an die 20 Millionen Menschen in ganz Europa Jud Süß gesehen. Als ich Söderbaum fragte, warum sie bei der Sache mitgemacht habe, antwortete sie, sie habe keine Wahl gehabt. Nach der Vergewaltigungsszene gefragt, sagte sie: „Wenn man es sich heute ansieht, hat man einen anderen Eindruck. Heute wissen wir so viel mehr über den Krieg ... Dann erscheint es auf einmal viel schlimmer und man sagt sich: ,Um Himmels Willen, dabei habe ich mitgeholfen!‘ Als man dabei mitspielte – oder selbst wenn man dazu gezwungen wurde, mitzuspielen –, dachten wir nicht so. Wir wussten nicht, wofür es verwendet werden würde.“

Söderbaum klagte später darüber, dass sie immer „verzagte Frauen, die ausnahmslos im Wasser oder im Sumpf enden“ habe spielen müssen, statt der Star einer heiteren Komödie sein zu dürfen. In Die goldene Stadt schien es zunächst ein gutes Ende mit ihr zu nehmen. Erzählt wird die Geschichte von Anna, einem Mädchen vom Lande, das in die Stadt ausbricht, sich mit den falschen Leuten einlässt, schließlich aber mit dem Land, ihrer Familie und ihrem Liebhaber wiedervereint wird.

Goebbels jedoch war nicht zufrieden. Der Triumph des Bluts und Bodens musste total sein. Also änderte er ohne das Wissen Söderbaums die Schlussszenen. Er entschied, dass Anna Selbstmord begehen müsse. So wurde eine Attrappe in einen Sumpf geschmissen und Söderbaum einmal mehr zur „Reichswasserleiche“, während Goebbels notierte, wie sehr ihn die „Erotik des Todes“ berührt habe.

Söderbaum bezeichnete Jud Süß und Kolberg als „Männerfilme“. Moderne Filmhistoriker stimmen dieser Einschätzung zu. Kolberg, schrieb einer, sei „ein Film von Männern, für Männer und über den Krieg und die Doktrinen des Krieges. Frauen haben darin keine Bedeutung.“ Söderbaum bevorzugte romantischere Kost. Ihre liebste Szene stammte aus dem Film Opfergang. Dieser Film war es auch, in dem sie in Unterwäsche auf einem sattellosen Pferd über einen Strand galoppierte und ungezügelte Sexualität ausstrahlend ihren Liebhaber seinen ehelichen Pflichten entlockte – wenngleich nur vorübergehend.

Info

Bearbeiteter Auszug aus Liebreichs bislang nur auf Englisch erschienenem Buch The Black Page: Interviews With Nazi Film-Makers

Übersetzung: Holger Hutt/Zilla Hofman

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 24/17.

Kommentare (1)

Lethe 11.07.2017 | 10:08

So ganz richtig verstehe ich nicht die Motivation derartiger Interviews. Hoffen die Interviewer auf Schuldeingeständnisse, oder gar Zusammenbrüche vor laufendem Mikrofon? Hoffen die Interviewten auf Vermittlung und Anerkennung ihrer Perspektive? Beides wäre völlig unrealistische Erwartung.

Speziell hinsichtlich Rolle, Schuld und Unschuld der Kristina Söderbaum gibt Thomas Harlans Buch Veit (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2013) deutlich mehr Hinweise als dieses Interview, auch wenn sie dort nur am Rande Thema ist.