Zweck vor Profit

Jubiläum The Guardian, die britische Partnerzeitung des „Freitag“, feiert 200. Geburtstag – und hat noch viel vor

Am langlebigsten sind die Unternehmen mit den größten Profiten, richtig? Nein, falsch. Ein Beispiel ist der Guardian, der gerade seinen 200. Geburtstag gefeiert hat. Er ist, um ehrlich zu sein, kein wirkliches Unternehmen. Aber sein Überleben seit zweihundert Jahren, im Wesentlichen im Besitz der gleichen Familie, sagt uns viel darüber, wo die Prioritäten einer Nachrichtenorganisation liegen sollten.

Der Manchester Guardian (das „Manchester“ wurde 1959 weggelassen) wurde am 5. Mai 1821 ins Leben gerufen, dem Tag, an dem Napoleon starb. Die Zeiten waren von einer chaotischen Informationslage geprägt. Die meisten Zeitungen waren wenig mehr als Propagandablätter. Nach dem sogenannten Peterloo-Massaker im August 1829 – als das britische Militär in der Nähe von Manchester brutal gegen Demonstranten vorging, die politische Reformen forderten – schien es daher wichtig, eine akkurate Version der Ereignisse an die Öffentlichkeit zu bringen, bevor die Regierung Lügen verbreitete.

Per Übernacht-Kutsche schickte der Manchesteraner Geschäftsmann John Edward Taylor einen Bericht über den Vorfall nach London, der in der Times erschien. Das Zeitalter der unabhängigen Berichterstattung – dem Akt verlässlicher Bezeugung von Ereignissen – hatte begonnen.

Mit der finanziellen Unterstützung eines Dutzends lokaler Geschäftsleute beschloss Taylor, eine Zeitung zu gründen. Der Deal war: Sollte er Profit machen, erhielten sie ihr Geld zurück, wenn nicht, würden sie ihre Investition als philanthropische Tat abschreiben.

Der Guardian wurde also zu einem Zweck gegründet – und nicht, um Profit zu machen. Und so ist es geblieben. In den 200 Jahren, die seither vergangen sind, ist niemand durch die Zeitung reich geworden. 1936 gab die durch Heirat mit den Taylors Eigentümerin gewordene Scott-Familie die Zeitung aus der Hand, obwohl sie Multi-Millionär hätte werden können. Stattdessen gründete sie einen Trust, also eine Art Treuhandstiftung, um die finanzielle und redaktionelle Unabhängigkeit des Blattes auf Dauer zu sichern. Der Guardian dagegen verstand sich von Anfang an eher als öffentliche Dienstleistung. Natürlich musste die Zeitung ihre Rechnungen bezahlen – und entwickelte auf lange Sicht Unternehmensstrukturen, die den Cashflow schufen, um sich in mageren Jahren über Wasser zu erhalten. Aber was zählte, war der Zweck.

Ohne Eigentümer und Aktionäre fühlt sich Journalismus für die Macher:innen anders an. Man muss nicht zu jemandem aufschauen, der vielleicht andere politische Ziele und Geschäftsinteressen verfolgt. Für einen Chefredakteur kann eine Stiftung als Eigentümer auch wertvollen Schutz bedeuten. Auf dem Höhepunkt der Snowden-Enthüllungen über die Massenüberwachung 2013 versuchten einige britische Parlamentarier, den Vorstand des Guardian und die Stiftung davon zu überzeugen, mich von der Veröffentlichung weiterer Geschichten abzuhalten. Beide konnten wahrheitsgemäß sagen, dass das außerhalb ihrer Macht steht.

Schon immer war der Guardian ein Außenseiter: Standort Manchester, während der Rest der großen Blätter in London saß. Später dann Sitz in der Farringdon Road (und in jüngerer Zeit in Kings Cross im Norden Londons), nicht in der Fleet Street, wo die anderen Journalisten sich zum Trinken und zum Schwätzchen in den Pubs trafen. Links, während die meisten nationalen Zeitungen eher konservativ waren.

Und der Guardian investierte zu einer Zeit in den investigativen Journalismus, als viele andere Zeitungen entschieden, das sei zu teuer, unsicher und nicht lohnend. Neben Enthüllungen über Skandale der britischen Politik hat der Guardian auch international eine wichtige Rolle gespielt: Wir taten uns mit anderen Zeitungen zusammen, um weltweit zwei große Datensammlungen mit Wikileaks-Material zu veröffentlichen. Und dann kamen natürlich die Snowden-Enthüllungen.

Diese Art von Journalismus ist nervenaufreibend und kostet viel Stress und Geld. Die Stiftung hat eine Milliarde britische Pfund beiseite gelegt, um die Zeitung durch schwierige Zeiten zu bringen. Derzeit leisten mehr als eine Million Leser einen finanziellen Beitrag, und unser Journalismus erreicht jährlich weltweit mehr als eine Milliarde Menschen.

200 Jahre nachdem die Gruppe von Philanthropen in Manchester ihr Geld aufs Spiel setzte, sind wir zurück in einem Zeitalter des Informationschaos. In Umfragen sagen zwei Drittel der Menschen, dass sie nicht unterscheiden können, welche Quellen vertrauenswürdig sind und welche nicht. Vier Jahre lang tat der Mann im Weißen Haus sein Möglichstes, um Wahrheit als Lügen zu bezeichnen und Lügen als Wahrheit.

Daher brauchen wir mehr denn je verlässliche unabhängige Zeugen, die grundlegende Wahrheiten aussprechen können – und denen man glaubt. Leider schmilzt in diesem Moment der Krise die traditionelle ökonomische Grundlage des Journalismus dahin. Wenn das Ziel eines Verlegers Reichtum war, ist Enttäuschung programmiert. War es politischer Einfluss, verliert er Vertrauen.

Doch wenn guter Journalismus notwendig ist, dann muss er überleben, egal ob der Markt ihn trägt. Das bringt uns zurück zur Vorstellung von Journalismus als öffentlicher Dienstleistung. Zweck vor Profit. Reich macht das vielleicht nicht, aber es kann ein langes und erfülltes Leben bringen.

Alan Rusbridger war zwischen 1995 und 2015 Chefredakteur und Herausgeber des The Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 14.05.2021
Geschrieben von

Alan Rusbridger | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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