Ingolfs Bierchen

Abend, dunkel schon, der Herbst grüßt den Sommer zuende, wir treten ein. Es ist eine Kneipe, in der ein Fernseher über den Gläserreihen des Tresens ...

Abend, dunkel schon, der Herbst grüßt den Sommer zuende, wir treten ein. Es ist eine Kneipe, in der ein Fernseher über den Gläserreihen des Tresens hängt und Serienbilder spuckt, auf die Männer mit Gläsern vor der Nase schweigend starren. Schaukelstuhl und Hauslatschen fehlen, denke ich. Und die Alte in der Küche. Wir setzen uns, der Kellner tritt an den Tisch, hagerer Fünfziger, ein Bier, noch ein Bier, noch eins, er nickt, alles in Ordnung, dann richtet er den Blick auf mich und ich sage: "Erstmal nichts". Seine Augenbrauen fahren ein Stück tiefer, er mustert mich, kein Bierbauch, Jesuslatschen, Zopf, setzt an zu sprechen, mein Nachbar bestellt sich auch ein Bier, etwas schnell, etwas laut vielleicht, der Mann dreht ab.

Dann werden Fotos über den Tisch gereicht, der Kellner bringt das Bier dazwischen, seine Augen mustern mich, ich sage nichts, er geht. Ein paar Minuten später ist er wieder da, ich starre auf die Fotos, irgendeine Fete, der Kellner starrt auch, ich ignoriere ihn, er dreht ab. Dann ist er wieder am Tisch. Ich überlege, ob ein oder zwei Minuten vergangen sind, es wird spannend. Die Fotos nehmen kein Ende, irgendwelche weiß geblitzten Schemen in der Nacht, da stellt er sich neben mich. Jetzt, denke ich. Er öffnet den Mund. Ob ich nicht etwas bestellen will. Oder einer der anderen am Tisch für mich. Seine Stimme klingt etwas hoch, fast lustig. Ich antworte: "Komme gerade vom Kaffee, bin satt. Muss ich jetzt gehen?" - "Ja", versetzt er. "Es ist Zeit." Ich stehe auf, verabschiede mich, die anderen gucken betreten, gehe am Fernseher vorbei, vor dem die Männer an ihren Bieren sitzen und immer noch schweigen, und denke, dass es fast poetisch klang: Es ist Zeit. Wer zehn Minuten lang nichts bestellt wird von Ingolf hinausgeworfen. Herr, es ist Zeit - ich bin nicht mal wütend, steige ins Auto und fahre heim.


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