Mondfrau

Ansichten Der Mond steht hinter einer Federwolke. Es hat geregnet. Die Straße ist feucht, von den Bäumen fallen mit jedem Windstoß Tropfen; leiser Windstoß, ...

Der Mond steht hinter einer Federwolke. Es hat geregnet. Die Straße ist feucht, von den Bäumen fallen mit jedem Windstoß Tropfen; leiser Windstoß, leise Tropfen, leises Tropfen überhaupt. Die vergangenen Tage, fast Wochen, sind leise getropft, Sonnenaufgang und dazwischen nichts. Außer Sommer. Der hat sich mit Gewalt herangeschlichen und ist nun da. Immerhin warm, auch mit Mond, auch nach dem Regen mit Blitzen und Grollen hinterm Horizont, und dann ganz nah, über der Stadt, über den Kneipen mit ihren Gästen, den verlorenen. In wessen Kopf soll das hinein? In keinen, also. Also lass sie sitzen und trinken wie die Stadt getrunken hat. Obwohl niemand darauf wartete.

Die Straßen sind feucht, und neben dem Bordstein stehen Pfützen für Kinder und Autos. Dieser Sommer ist spät, hatte zu lange auf sich warten lassen für Pläne. Und nun spannt er Wattewolkenhimmel, und in allen Ohren rauscht das Meer. Wenigstens weißen Sand unter die Füße und hartes, kaltgrünes Gras zwischen die Zehen. Und in die Augen Blau, Meerblau und Himmelsblau. Der Regen wusch die Luft, und die Stadt riecht nicht so nach sich selbst. Sie riecht grün, für ein paar Nachtstunden. Grün und Blau sind Farben, die gut zusammenpassen, wie das Weiß von Möwen und das Schwarz von Raben. Ohne Licht sieht man nichts von beiden.

Hell war es geworden in den vergangenen Tropftagen. Manchmal klingt die Luft wie eine Gitarre, wenn der Stadt die Luft ausgeht. Alles steht ganz still, als müsste es sich vergewissern, dass es noch vorhanden ist. Als könnte etwas zusammenklappen. Wenn zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nichts ist, was sich in die Zeit hakt, einen Schauer über die Haut jagt, ein Blick vielleicht, beim Vorübergehen auf dem Gehweg, dem Steig für Bürger, oder ein Satz, oder ein Kind in einer Pfütze, bleibt nur die Kneipe mit ihren vagen Hoffnungen. Oder eine Straße. Eine große, breite, lange, auf der die Autos in die Ferne fahren. Eine ohne Ende mit Mond darüber. An Autos, die in die Ferne fahren, hängt ein anderer Geruch. Sie lassen die Stadt wie eine Haut hinter sich, obwohl sie noch gar nicht aus ihr heraus sind. Man sieht es an den Augen der Fahrer.

Nur für kurze Zeit!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden