Strafe

Feindbilder Da standen sie, einer neben dem anderen. Ihre Hinterköpfe spiegelten sich im Glas des Schrankes. Vier Gesichter mit Hinterköpfen. Im Schrank stapelte ...

Da standen sie, einer neben dem anderen. Ihre Hinterköpfe spiegelten sich im Glas des Schrankes. Vier Gesichter mit Hinterköpfen. Im Schrank stapelte sich säuberlich sortiert Spielzeug. "Hau richtig zu!" sagte Frau Haberbeck und maß mich von oben bis unten. Es war klar, dass sie jeden Schlag prüfen würde.
Wir hatten eingeräumt, Holzklötzchen in Baukästen, zwei Kästen, acht Kinder, es hatte Streit gegeben, der sozialistische Wettbewerb war daneben gegangen. Keiner der Kästen konnte voll werden, es war zu wenig da zum füllen. So hatten die anderen bei uns geklaut, der vollere Kasten bedeutete weniger scharfe Blicke. Von draußen klopfte Regen an die Fenster.
Die Vier standen und warteten. Vier unsichere Gesichter, ich sollte in jedes von ihnen hineinschlagen. Frau Haberbeck wartete. Hinter mir standen die Beklauten. Ich hatte noch nie geschlagen, so schon gar nicht. Die da standen, hielten mir ihre Gesichter hin. Und ihre Hinterköpfe spiegelten sich im Schrankglas. Sie mussten unweigerlich dagegen stoßen, wenn ich zuschlug. Frau Haberbeck schnaufte, der erste der Vier grinste. Frau Haberbeck scharrte mit dem Stuhl, auf dem sie saß. Es war ein großer Stuhl. Wie soll man in solche Gesichter schlagen? Ohne Wut. Es war ungerecht, ich wusste es genau. Frau Haberbeck stand auf. Der erste der Vier grinste breiter. Ich sah, wie er ansetzte, etwas zu sagen und gab dem Gesicht eine Ohrfeige. Es starrte mich verblüfft mit offenem Mund an. Frau Haberbeck sagte: "Stärker!" Sie sagte nicht "noch mal". Ich ging zum nächsten. Dem standen schon Tränen in den Augen. Ich schämte mich meiner zitternden Hände. Frau Haberbeck hatte auch nicht gesagt, dass ich die Faust nehmen soll. Ich schlug in das Tränengesicht und dachte dabei an das Glas hinter den Köpfen. Der Junge heulte los. Frau Haberbeck sagte: "Stärker!" Es klang schon gereizt. Ich schämte mich, dass mir der Schweiß auf der Stirn stand. Ich war ein versponnener Junge, der zeichnete und stundenlang aus dem Fenster schaute. Das nächste Gesicht rührte sich nicht, das letzte Gesicht heulte wie das zweite. Dann war es vorbei. Der Regen klopfte gleichmäßig gegen die Fenster. Im Raum war es still. Frau Haberbeck schaute unzufrieden. Vielleicht hatte sie Siegesgeschrei erwartet.
Als ich abgeholt wurde, war die Mutter wie immer gehetzt. Ich sagte nichts. Sie hätte mir nicht geglaubt. Fünfjährigen Fensterguckern glaubt man nicht viel, in ihnen steckt ein zu großes Durcheinander, manchmal. Da kommen sie mit den Worten nicht zurecht.

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