PEGIDA - Löschen durch Ignorieren

Das Nichts spiegeln PEGIDA ernst zu nehmen heißt, sie zu ignorieren.
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Löschen durch Ignorieren, so lautet ein alter verhaltenstherapeutischer Grundsatz, nach dem Verhaltensweisen von Individuen, die als extrem störend empfunden werden, nach und nach verschwinden können, wenn nicht auf sie reagiert wird. Jedes Verhalten im sozialen Kontext beinhaltet auch eine Mitteilung an Andere, ein Angebot oder eine Bitte zur Kommunikation. Wenn aber das soziale Umfeld diese Mitteilung „ins Leere“ laufen lässt, hat der Mitteilende drei Möglichkeiten:

  1. Er verzichtet ganz auf das konkrete Verhalten,

  2. Er wählt ein anderes Verhalten um das mitzuteilen, was er mitteilen will oder

  3. Er sucht sich ein anderes soziales Umfeld, das auf sein Verhalten reagiert

Die Teilnehmer an den PEGIDA (und deren Ableger) – Demonstrationen wollen offenkundig Politik und Gesellschaft etwas mitteilen. Der ausdrückliche Inhalt dieser Mitteilungen an die Allgemeinheit kann aber leicht mit Argumenten widerlegt werden, sofern er infolge der Widersprüchlichkeit vieler Erklärungen von Demonstrationsteilnehmern überhaupt ermittelt werden kann. Gegen die Islamisierung bei uns zu demonstrieren ist jedenfalls albern. Es bleibt das Gefühl, dass viele Demonstranten etwas anderes als das Vorgebliche zum Ausdruck bringen wollen, viele aber auch selbst gar nicht so genau wissen, für oder gegen was sie demonstrieren. Sicher spielt dabei auch das menschliche Grundbedürfnis nach Miteinander, verbunden mit dem rauschhaften Gefühl, sich gemeinsam für die gute Sache aufzulehnen, eine Rolle. Dieses Gefühl können die PEGIDA-Teilnehmer ohne jede Gefahr ausleben, sie stellen sich noch nicht einmal der Gefahr, argumentativ widerlegt zu werden. In der DDR gegen das Unrecht auf die Straße zu gehen, war mutig. Heute für PEGIDA auf die Straße zu gehen, ist peinlich. Wie sollte man also auf die Demonstranten reagieren? Sie ernst nehmen, wie vielfach gefordert wird? Das ja, es ist in einem Rechtsstaat mit dem grundgesetzlichen Schutz der Menschenwürde ohnehin selbstverständlich, dass jeder Mensch ernst genommen wird. Aber jemanden ernst zu nehmen heißt gerade nicht, seine Einstellungen, Meinungen und Handlungen kritiklos als (gleich-) berechtigt zu akzeptieren. Wir akzeptieren nicht die Einstellung desjenigen, der Banken überfällt um seine finanziellen Bedürfnisse zu befriedigen, wir akzeptieren nicht die Angst einer paranoiden Person, die sich fernab der Realität von allen verfolgt sieht, wir akzeptieren nicht die Aussage des Kleinkindes nicht müde zu sein obwohl ihm schon die Augen zufallen. In all diesen Fällen nehmen wir das Gegenüber gerade nur dann ernst, wenn wir auch bereit sind, es mit unserer Sicht der Realität zu konfrontieren. Ansonsten würden wir die Störung der Person ernst nehmen, nicht aber die Person selbst, der wir zutrauen, auch uns ernst zu nehmen. Gegen PEGIDA auf die Straße zu gehen, hat so gesehen zwar gewissen symbolischen Wert v.a. für Asylsuchende und das Ausland. Da PEGIDA aber eigentlich für nichts steht außer für einigen Unfug, gibt es eigentlich auch nichts, gegen das man auf die Straße gehen könnte. Dieses Nichts sollten wir den PEGIDA-Anhängern spiegeln. Je mehr Aufmerksamkeit man aber dieser Bewegung zukommen lässt, desto mehr wird sie sich in ihrem Nichts bestätigt fühlen, und desto mehr wird sie Teilnehmer anziehen, die schon immer mal ohne eigenen Nachteil für oder gegen etwas auf die Straße gehen wollten.

PEGIDA ernst nehmen? Ja, einfach ignorieren.

10:52 23.12.2014
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Geschrieben von

Thomas Galli

Kriminologe
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Thomas Galli

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