Der Stein

Salzburg II In Bregenz interessiert zu allererst, ob ein Bond-Darsteller bei der Tosca-Premiere auftauchen wird. In Salzburg interessiert vor allem, in welchem ...

In Bregenz interessiert zu allererst, ob ein Bond-Darsteller bei der Tosca-Premiere auftauchen wird. In Salzburg interessiert vor allem, in welchem Restaurant die Festspielpräsidentin, ein Star und ein Industrieller mit einem Glas Champagner anstoßen. Bei der Attersee Klassik in der Pfarrkirche Seewalchen interessiert ausschließlich Martin Stadtfelds atemberaubende Interpretation des Wohltemperierten Klaviers. Es ist alles eine Frage der Prioritäten.

Wenn die Stärke des Applauses der Maßstab für die Qualität einer Darbietung ist, dann gehört die Lesung von Dimitré Dinev zu den besten Veranstaltungen der Salzburger Festspiele. Seine Erzählung Der Regen über eine überwindbare Feindschaft in einem bulgarischen Dorf steht in einer osteuropäischen Tradition, die durch Namen wie Radickov, Iskander und Hrabal markiert ist. Die Begeisterung freilich teilte er sich mit dem Balkanjazz, der seinen Text unterbrach und der so, auf einem Schleichweg, in die Festspiele eindrang. Der Erfolg sollte zu überlegen geben, ob eine Öffnung zum Jazz Salzburg nicht ebenso gut täte, wie sie Donaueschingen bekam.

"Einige Tote sind toter als andere", heißt es in Das Hirschhaus - Gegenwart der Needcompany, mit dem die Trilogie Sad Face/Happy Face abgeschlossen wird. Die Toten spielen mit. Bei der Needcompany wie bei Marius von Mayenburg. Doch ihnen liegen zwei entgegengesetzte Konzeptionen von Theater zugrunde. Die Needcompany ist eine jener Freien Gruppen, die, unbelastet von den Erfordernissen des Stadttheaters, ein antiillusionistisches Ensemblespiel anbietet, in dem sich die visuellen Arrangements gegenüber dem Narrativ verselbständigen.

Demgegenüber wirkt das neue Stück Mayenburgs, mit dem das Young Directors Project eröffnet wurde, konventionell. Der Stein handelt von der Familie Heising, die zwei Mal dasselbe Haus in Dresden für sich beansprucht - 1935 von der jüdischen Familie Schwarzmann, 1993 von Stefanie, die mit ihrer Familie hier eingezogen ist, als die Heisings 1953 in den Westen flüchteten.

Wolfgang Heising, der Mann Withas, der Vater Heidruns und der Großvater Hannahs, hat sich 1945 erschossen. Aus dem Parteimitglied wird in der Familienlegende ein Held gemacht, der einer jüdischen Familie die Flucht ins Ausland finanziert habe und dafür mit einem Stein beworfen worden sei. Der Stein wird wie eine Reliquie aufbewahrt. Heisings angeblicher Widerstand gegen die Nazis dient der Tochter noch dazu, das arisierte und verlassene Haus ihrer Kindheit nach dem Zusammenbruch der DDR zurückzufordern. Die Frauen haben sich, jede auf ihre Art, in der Lebenslüge eingerichtet. Die Vergangenheit wurde, buchstäblich, im Garten des Dresdner Hauses vergraben. Dass Hannah die angeblich in New York lebende, tatsächlich aber vom Großvater denunzierte und im KZ ermordete Frau Schwarzmann besuchen möchte, dass also noch die dritte Generation, die sich in sentimentalen Wiedergutmachungsfantasien gegenüber den Juden ergeht, von deren Beseitigung profitiert, in deren arisiertem Haus wohnt - wer hätte diese Wahrheit auf dem Theater bisher so deutlich ausgesprochen? Gerne erführe man von jenen, die im Stein nur Klischees entdecken, die Titel der Stücke, die von der Kontinuität der Profiteure aus der Vernichtung der Juden sowie aus dem Zusammenbruch der DDR sprechen.

Der Regisseur Ingo Berk vertraut auf die Dialoge. Pausen erzeugen eine beklemmende Atmosphäre. Das Schweigen ist hier mehr als nur ein dramaturgisches Verfahren. Es ist das eigentliche Thema des Stücks: verweigerte Erinnerung, die erst stattfände, wenn sie ausgesprochen würde. Der Rahmen, in dem Der Stein mit der Berliner Schaubühne koproduziert wurde, trägt das Motto: "60 Jahre Deutschland - Annäherung an eine unbehagliche Identität".

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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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