Die Dame ohne Unterleib

Schwellenkunde Früher war es so: Was verborgen war, versprach ungeheuerliche Entdeckungen. Und heute? Thomas Rothschild über den verlorenen Sinn für das Geheimnis

Auf Volksfesten kann man es vielleicht noch vernehmen oder im Wiener Wurstelprater: "Kommen Sie näher! Treten Sie ein!" Man kennt die laut ausgerufene Einladung aus alten Filmen. Früher einmal gehörte sie zu jenen vertrauten Wendungen, die ein ganzes Universum herbeiholen, eine aufregende Welt verheißen.

"Kommen Sie näher! Treten Sie ein!" Das ist mit einer ganz konkreten Situation verbunden: mit dem Jahrmarkt, dem Lunapark, dem Rummel, mit einer Bude oder einem Zelt, vor dem, auf einem Podium, der Ausrufer steht und das Publikum herbeilockt. Das harrt davor, vorne die Mutigeren, hinten die Scheuen oder jene, denen das geforderte Eintrittsgeld fehlt und die doch mitbekommen wollen, was es da zu entdecken gibt. Denn drinnen, in der Bude, im Zelt, wartet ein Geheimnis, eine Dame ohne Unterleib oder ein Kalb mit zwei Köpfen oder auch ein Kraftlackel, der dicke Eisenketten sprengt. Drinnen ist das Andere, das Kuriose, das Noch-nie-Dagewesene.

"Kommen Sie näher!" Das ist schon die halbe Miete. Wer sich an den Ausrufer heranwagt, befindet sich vor der Pforte zum Wunder. "Treten Sie ein!" Wer dieser Einladung folgt, hat die Schwelle überschritten, die das Ungeheure vom Alltag trennt. Wie Tamino und sein feiger Begleiter Papageno Sarastros Isis-Tempel, so betreten die Tapferen einen geschlossenen Raum, der freilich weniger Weisheit als Sensation verspricht.

Heute kommt man nirgends näher, heute tritt man nirgends ein. Man ist immer schon drinnen. Es gibt kein Geheimnis mehr, dem man sich scheu nähern, in das man eindringen könnte. Man sitzt daheim, drinnen in der Wohnung, vor seinem Fernsehapparat, der ein Fenster nach draußen öffnet. Das Stichwort heißt: Öffentlichkeit. Wer möchte da nicht "Demokratie" mitdenken. Denn in der Tat: was drin, in den geschlossenen Räumen, verborgen war, blieb oft nur auserwählten Eliten vorbehalten. Bei Sarastro heißen sie "Eingeweihte", im wirklichen Leben waren es meist die Adeligen, die Reichen, die Machthaber. Nicht so in der Welt der doppelköpfigen Kälber und der feuerschluckenden Akrobaten.

"Kommen Sie näher! Treten Sie ein!" Das stammt aus einer plebejischen Welt, die alle Kinder, welcher Herkunft auch immer, bezaubert, ehe ihnen Standesdünkel und soziale Vorurteile eingeimpft werden.

"Kommen Sie näher! Treten Sie ein!" Ein Ruf aus der Vergangenheit. Ein Ruf aus der Kindheit. Was in sie scheint und worin doch niemand war, das hat uns Ernst Bloch verraten, da ist Heimat.

12:00 20.06.2009
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Ausgabe 13/2020

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