Sagt er zu ihr

Liedtexte In ihrem ambivalenten Liebesroman "Treffen sich zwei" will Iris Hanika Kitsch vermeiden

Hoppla, da fehlt doch was. "Treffen sich zwei" - so fangen unzählige Witze an, aber mit diesen drei Worten kann es doch nicht sein Bewenden haben? "Treffen sich zwei": wenn der Satz nicht weitergeführt wird, erhält er plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Nicht, was der eine zum anderen sagt, erregt jetzt unser Interesse, keine Pointe wird erwartet und kein Witz, unsere Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr genau darauf: dass es zwei sind und dass sie sich treffen. Das aber ist die Essenz einer Liebesgeschichte, ihre kürzeste Zusammenfassung. Ein Buchtitel macht neugierig, lädt zum Lesen ein (oder auch nicht). Treffen sich zwei: Wie geht es weiter? Wenn es denn kein Witz sein soll.

Es geht weiter, wie eine Liebesgeschichte weitergeht. Aber Iris Hanika misstraut der Alltagssprache. Ihr Roman klingt irritierend fremdartig. Er vermeidet das Nächstliegende und hebt jede Formulierung ins Bewusstsein. Ein Drüberweglesen ist hier nicht gestattet. Man kann diesen Stil artifiziell nennen, ornamental, preziös, auch überkandidelt. Wen nur der Fortgang der Handlung interessiert, der sei auf den Titel verwiesen: Treffen sich zwei. Damit hätte es sich dann. Der Rest ist Sprachkunst. Die Story ist lediglich Anlass.

Es ist eine Liebe auf den ersten Blick. Und weil das nicht reicht, auch nicht für Sprachkunst, versorgt uns die Autorin mit Abschweifungen, die ihre Bildung verraten und wie Erzählungen oder auch Essays innerhalb der Erzählung wirken. Auch im Kleinen liebt sie die Montage. Liedtexte werden zwischengeschaltet, auch Floskeln, auf den ersten fünfzig Seiten in englischer Sprache, weil die, solange man sich nicht besser kennt, offenbar mittlerweile ein Monopol besitzt, wenn es um Phrasen geht. Viel später gibt es noch eine längere englische Passage, eine Instruktion für ein Quickies, die ja schon vom Namen her als englische (oder amerikanische?) Erfindung daherkommen. Der Einbau solcher Versatzstücke ist nicht neu. Das gehört zum Repertoire der Moderne. Aber es ist funktional eingesetzt. Treffen sich zwei: da gibt es zwei Perspektiven. Die Erzählerin nimmt beide auf, nützt die Montagetechnik zur Artikulation individueller Assoziationen und stellt sich doch immer wieder über ihre Figuren. Die Übergänge sind unscharf.

Zwischendurch, insbesondere in den Dialogen, wird Iris Hanika ganz konventionell. Bei der direkten Rede erlaubt sie sich keine Deformation. Da erliegt sie dem Dogma des Realismus. Irgendwie sollen wir ihr die Liebe doch glauben, sie psychologisch glaubhaft finden. Weil aber jede glückliche Liebe in der Literatur, jedenfalls in der modernen, dem Verdacht des Kitsches ausgesetzt ist, darf es auch hier nicht harmonisch weitergehen. Eine Liebe auf der ersten Blick, die sich auch auf den zweiten Blick bewährt - das wäre zuviel des Guten. Denkste. Nach der Trennung, nachdem beide, Senta und Thomas, "komplett zerschlagen" aus dem kurzen Schlaf erwacht sind, versuchen sie es noch einmal. "Sie lehnte sich an ihn, der sie fest umfing" - mit Zeilenbruch vor dem Relativsatz. Ein Signal, dass der Leser diesem Kitschangebot nicht trauen soll?

Die aufregendsten Partien des Romans findet man dort, wo die Story angehalten wird und die Autorin sich jede Freiheit nimmt, zum Beispiel im Kapitel "Vom Heulen". Da gibt es unter anderem einen parodistischen "Anstich in Jelinekscher Manier", ein paar Zeilen "poetischer Prosa", zwei einschlägige "Erfahrungsberichte", Verweise auf die Bibel, auf Ovid, auf Eichendorff und auf Rainald Goetz - ein Kabinettstück, das den Roman als Ganzes ein wenig in den Schatten stellt.

Iris Hanika Treffen sich zwei. Roman. Droschl, Graz - Wien 2008, 240 S., 19 EUR

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Geschrieben von

Thomas Rothschild

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