Status quo oder Status quo ante

Kommentar Israel und Palästina

In einer öffentlichen Debatte kommentierte gerade Henryk M. Broder die Forderung der Palästinenser nach Rückkehr aller Flüchtlinge in ihre Heimat mit den Worten, sie wollten den "status quo ante", und der sei nun einmal nicht möglich. Warum aber sollte der status quo ante weniger möglich sein als der im Grunde unmögliche status quo Israels? So argumentiert die Macht (und jemand, der sich gern mit der Macht identifiziert). Sie bestimmt, was möglich sei und was nicht. Der Staat Israel verdankt seine Gründung den mörderischen Verbrechen von Deutschen und Österreichern. Die Briten und die UN haben den überlebenden Juden Land zur Verfügung gestellt, dass ihnen nicht gehörte. Sie waren großzügig auf Kosten der Palästinenser. Die bezahlten den Preis anstelle der Deutschen und Österreicher. Die einzig logische Konsequenz aus dem Massenmord an den Juden wäre ein Judenstaat, sagen wir, in Bayern oder im Salzkammergut gewesen. Warum aber sollten die Palästinenser auf ihre Heimat verzichten? Und warum sollte grundsätzlich ein arabisch-jüdisches Palästina mit einer jüdischen Minderheit weniger denkbar sein als ein jüdisch-arabisches Israel mit einer palästinensischen Minderheit? Israels Juden können nach all den Jahren der Demütigung, die sie den Palästinensern zugefügt haben, nach dem ungleichen Kampf einer hochgerüsteten Militärmaschine gegen Steinewerfer und einzelne Terroristen nur auf ein südafrikanisches Wunder hoffen, sollten sich die Machtverhältnisse umkehren.

Mir ist schon klar - was ich hier skizziere, hat zur Zeit wenig mit der politischen Wirklichkeit zu tun. Aber man muss es mit allen Konsequenzen zu Ende denken, will man begreifen, warum die Palästinenser die ihnen angebotenen - nein, diktierten Möglichkeiten nicht akzeptieren können. Jede pragmatische Lösung wird den Wunsch der Palästinenser nach einem Staat auf angestammtem Boden mit der gleichen Ernsthaftigkeit berücksichtigen müssen wie das Recht der Juden auf Sicherheit innerhalb eines eigenen Staates. Deshalb kann es kein Denkmodell geben, dass a priori als "nicht möglich" gilt.

Die Amerikaner konnten bislang auf Kosten der Palästinenser gegenüber Israel großzügig sein. Doch der 11. September hat nicht nur ihnen, sondern auch Israel auf schreckliche Weise klar gemacht, dass diese Macht begrenzt ist. Damit steht die bisherige US-Nahostpolitik auf dem Spiel, und es könnte manches möglich sein, was Broder für unmöglich hält. Nicht etwa, weil die maßgebliche Power Elite auf einmal ihr Herz für die Palästinenser entdecken wird. Humanität war in der amerikanischen Politik nie mehr als eine Phrase, eine Verschleierungsideologie, vergleichbar dem Marxismus für die Sowjetunion. Aber die USA haben auch nie gezögert, ihre Bündnispartner zu wechseln, wenn es ihren Interessen diente. Damit sollte man rechnen, wenn darüber spekuliert wird, was in Zukunft möglich sein wird und was nicht.

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