Soziale Arbeit - Das lahmen in der Pandemie

Teil des Problems? Die Soziale Arbeit muss endlich aufbegehren. In Sachen Coronapandemie und sozialökologischer Kollaps sieht sie mächtig alt aus. Wo bleibt der Widerstand? Wo der Aufstand?
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Naturschutz ist Gesundheitsschutz – Coronapandemie, sozialökologischer Kollaps und Widerstand

Die “Sozialen Arbeiten” stehen vor essentiellen Problemstellungen: Der sozialökologische Kollaps droht. Die Coronapandemie ist ein erster bitterer Geschmack auf kommende Problembegegnungen. Längst überfällig sind da Neuorientierungen um ethische Selbstverständnisse und Gesundheitsschutz, mittendrin die Notwendigkeit von Widerstandsformen.

[Dieser Essay ist mehr als unvollständig]

Vielschichtige Problemlagen benötigen divers-pluralistische Perspektiven

Die Diversifizierung der Sozialen Arbeit ist eine intrinsische Entwicklung, die sich mehr oder weniger blühend, durch Referenzen und Reaktionen auf eine immer komplexer werdende Gesellschaft, entfaltet. Im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung bzw. Veränderungen haben sich die Zuständigkeiten, Perspektiven und Adressat*innen-Definierungen immer weiter ausgeprägt und differenziert. Neue Berufs- und Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit haben sich herausgebildet und Verständnisse davon, wie Soziale Arbeit funktioniert, erweitert und Praktiken voneinander gelöst.

Um dieser fortlaufend unabgeschlossenen Entwicklung Sichtbarkeit zu geben, wird für diesen Beitrag der Versuch unternommen, die Pluralität der Disziplin aktiv in die Diskussion einzubringen. Im Folgenden werde ich die „Soziale Arbeit“ pluralisieren und von den „Sozialen Arbeiten“ sprechen. So möchte ich einladen – da es doch zu kurzgefasst ist, eine so pluralistische Disziplin schon in ihrer bloßen Benennung einzugrenzen und so die zahlreichen Ausrichtungen bzw. Tätigkeitsfelder in den Hintergrund zu drängen oder gar unsichtbar zu machen – den Blick auf die zahlreichen Ausprägungen sozialarbeiterischen Handelns zu werfen. Nicht zuletzt da es sich um stets unabgeschlossene Prozesse der Erschließung in qualitativer als auch quantitativer Ausprägung handelt, kann ein semantischer Türöffner als durchaus hilfreich erscheinen.

Die „Sozialen Arbeiten“ müssen auf die Herausforderungen, ausgelöst durch die Verbreitung der Coronapandemie, mit vielschichtigen Lösungen reagieren. Es braucht heterogene Antworten auf heterogene Realitäten mit heterogenen Problembegegnungen und dafür sind heterogene Perspektiven von grundlegender Bedeutung.

Die Interdependenz der Problembegegnungen

Die aktuelle Pandemie ist durchaus als ein Symptom der Klima- und ökologischen Katastrophe, als eine Folge des menschlichen Umgangs mit Natur und Tieren, zu bezeichnen.[1] Durch die menschengemachte[2] Erderhitzung und die direkte Naturzerstörung, kommt es zu global relevanten Erscheinungen wie Gletscherschwund, Rückgang des polaren Meereises, Tauen des Permafrosts sowie der Eisschilde in Grönland und der Antarktis, Anstieg des Meeresspiegels, Veränderung der Meeresströmungen, zu Wetterextremen und zur Ausbreitung von Krankheitserregern.[3]

Dies macht deutlich; die nachweislichen Auswirkungen menschlichen Handelns auf lokale und globale Ökosysteme bringen weitreichende und verheerenden Folgen für den Menschen mit sich. Die Lebensgrundlagen mittlerweile aller Gesellschaften auf der Erde sind bedroht. Trinkwasser- und Ernährungssicherheit sind längst nicht mehr “nur” Problembegegnungen die in Ländern des globalen Südens vorkommen.[4] Die signifikanten Anstiege von u.a. Extremwetterereignissen (Dürren, Stürme, Überschwemmungen u.a.), Hochwasser, Hitzewellen, Dürren und eben Epidemien sowie Pandemien werden zur bedeutendsten Inkonstante für die menschlichen Zivilisationen.

Schon seit den 1970er Jahren – angefangen mit dem Club of Rome[5] – warnen Wissenschaftler*innen öffentlichkeitswirksam vor den Folgen der zunehmenden Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre und der kapitalistischen Extraktion an der Natur. Die Ausbreitung von Seuchen, Viren und Bakterien haben in den Studien, Berichten und Warnungen schon immer einen präsenten Platz innegehabt.

Der besorgte Blick in die Zukunft ist in diesem Kontext ein mittlerweile intrinsischer Affekt. Als besonders Gefährdet gelten dabei die jungen und die zukünftigen Generationen. Nicht nur die Gesundheit, auch die Rechte aller Kinder und Jugendlichen sind bedroht.

“Gesundheit und Zukunft jedes Kindes und Jugendlichen weltweit [sind] unmittelbar durch Umweltzerstörung, Klimawandel und ausbeuterische, an Kinder gerichtete Vermarktungspraktiken für stark verarbeitete Lebensmittel, zuckerhaltige Getränke, Alkohol und Tabakprodukte bedroht wird.”[6]

Neben der massiven kommerziellen Vermarktung schädlicher Produkte sowie den zunehmenden sozioökonomischen Benachteiligungen, zählen zu den drängendsten Bedrohungen der jungen Generationen, die rasant fortschreitende Klimakatastrophe und ihre Folgen.

An die Seite von prognostischen Szenarien für die Zukunft, reihen sich Ereignisse aus der Gegenwart, es wird mehr und mehr klar: Die Folgen der menschengemachten Klimaerhitzung und direkten Naturzerstörung sind zu komplexen Problemkonglomeraten der Gegenwart geworden. Das Leben älterer, erkrankter und junger Menschen wird bereits jetzt durch die Zunahme von Pollenallergien, Luftverschmutzung und Hitzewellen gefährdet.

„Unter einem „Business as usual“ Szenario werden bis zum Ende des Jahrhunderts verglichen mit dem Zeitraum 1971-2000 jährlich fünf zusätzliche Hitzewellen zwischen Mai und September in Norddeutschland und bis zu 30 zusätzliche Hitzewellen in Süddeutschland vorhergesagt.“[7]

Neben diesen bereits großflächig vorhandenen und weiterwachsenden Gesundheitsgefährdungen und Todesursachen, können sich laute Expert*innen auch bald die Folgen von Trinkwasser- und Nahrungsmittelknappheiten hinzureihen. Die Ernteerträge werden zunehmend unberechenbarer und das Schmieden von Plänen für Wasserstrategien[8] sind mittlerweile gewöhnliche Notwendigkeiten in Deutschland.

Was bereits in vollem Gange ist und die Lebensgrundlagen und -bedingungen der Menschen in Deutschland maßgeblich verändern wird, ist das sogenannte zweite Waldsterben. Der Bund deutscher Forstleute hat im Sommer 2019 den Klimanotstand für die Waldgebiete in Deutschland ausgerufen.[9] Die schwere der Schädigung sind katastrophal und längst sind auch robuste Laubbäume vom Massensterben betroffen.

Die Coronapandemie als ausgemachte Krise für die Weltgesellschaft und somit auch für die in Deutschland lebenden Menschen ist eine von zahlreichen real gewordenen Bedrohungen. Bedrohungen die neuartig sind, die zunehmen und die sich in ihrer Krisenhaftigkeit gegenseitig verstärken können und werden, mit erheblichen Folgen für die menschliche Gesundheit.

“Klimawandelprognosen sagen inakzeptabel hohe und potenziell katastrophale Risiken für die menschliche Gesundheit voraus, so zum Beispiel solche in Verbindung mit Extremwetterereignissen, steigenden Temperaturen und der Ausbreitung von Infektionskrankheiten.”[10]

Die Ausbreitung der Coronapandemie ist also per se kein überraschendes Ereignis. Überraschend ist es zu begreifen, dass diese Warnungen bis heute schlicht nicht ernst genommen wurden. Wissenschaftler*innen warnten und warnen immer wieder vor den Gefahren durch Krankheiten bspw. übertragen von Insekten (Mücken und Zecken).[11] Borreliose und Malaria sind in Europa auf dem Vormarsch und werden mehr und mehr zum Alltag gehören.[12] Auch vor Coronaviren wird seit mindestens einer Dekade eindringlich gewarnt.[13]

Im Falle des SARS-Cov2-Virus handelt es sich um eine sogenannte Zoonose, deren Eigenschaft es ist, zwischen Tieren und Menschen überspringen zu können. Die Wahrscheinlichkeit ist dort signifikant höher wo Menschen und Tiere über länger Zeiträume in engen Kontakt miteinander geraten. Das können insbesondere Wildtiermärkte oder urbane Räume sein, die zu Zufluchtsorten von Wildtierpopulationen geworden sind, da diese zuvor ihren Lebensraum bspw. durch die menschliche Naturzerstörung verloren haben. Darüber hinaus wird die Verbreitung von Krankheitserregern durch die schwindende Biodiversität erheblich gefördert, da Erreger sich so mehrheitlich unter Individuen derselben Art verbreiten können. Insbesondere spielt Massentierhaltung dabei eine entscheidende Rolle.[14] Für Erreger sind diese unethischen und unhygienischen Bedingungen günstige Verbreitungsräume, sie können dort schneller mutieren und zwischen Tieren und Menschen überspringen.

Gesunde und widerstandsfähige Individuen sind weniger betroffen, als Individuen mit einem angreifbaren Immunsystem bzw. Vorerkrankungen oder ökonomischer und sozialer Benachteiligung. Es ist eine Voraussetzung für zeitgemäße „Soziale Arbeiten“ zu verstehen, dass die Interdependenz, von Erscheinungen wie der Coronapandemie und weiteren Folgen der Erderhitzung und Naturzerstörung, für die Adressat*innen enorme gesundheitliche Gefahren mit sich bringen. Beginnend mit der Gefahr der Ansteckung und den Bedingungen der Bewältigung, können zahlreiche weitere Folgen und Auswirkungen Teile einer Kausalkette von Problembegegnungen sein. Auch die Reaktionen auf die Pandemie, wie etwa die Lockdowns und deren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen bringen zahlreiche Problembegegnungen mit sich. Steigende Kosten für Miete und Lebensunterhalt, weniger Lohn bis hin zu Arbeitsplatzverlust, Engpässe in Versorgungsstrukturen, Verlust des Obdachs, Verlust von sozialen Beziehungen oder sozialer Ausschluss, können schwerwiegende Auswirkungen auf Individuen und Kollektive haben und langfristige Folgen nach sich ziehen.

Die Pandemie bringt also zwei Problemkonglomerate mit sich: Zum einen die Gefahren für die Gesundheit, zum anderen, die Gefahren durch die Folgen und für notwendig erachteten Reaktionen zur Eindämmung dieser. Neben den signifikanten Steigerungen gesundheitlicher Gefährdungen lässt sich ebenso konstatieren, dass die Coronapandemie aufzeigt wie gefährlich die Auswirkungen der menschengemachten Klimaerhitzung und Naturzerstörung sein können. Wissenschaftlichen Studien ist zu entnehmen, dass die Weltgemeinschaft erst am Beginn großer Veränderungen steht. Mit einem Blick in die Zukunft, und dem Falle einer weitestgehend erfolglosen oder ausbleibenden Bewältigungsstrategien im Umgang mit der klimatisch-ökologische Katastrophe, kann die Coronapandemie als eine der Vorboten eines globalen sozialökologischen Kollapses konstituiert werden.

Individuen in den Mittelpunkt – Kollektive stärken – Neoliberalismus entlarven

„Soziale Arbeiten“ die, zu Lasten der Realität um gesellschaftliche Verhältnisse, ihren Fokus mehrheitlich auf betriebswirtschaftliche Prinzipien legen, machen sich an den gesellschaftlichen und politischen Missständen mindestens mitverantwortlich. Dabei ist sekundär ob sich Fakultäten, Einrichtungen, Sozialarbeitende – als individuelle Akteur*innen – oder Theoretiker*innen der neoliberalen Agenda aus Überzeugung anschließen oder sich ihr schlichtweg ergeben.

Die soziale Ungleichheit in Deutschland befand sich, bereits vor der Coronapandemie und ihren Folgen, auf einem historischen Höchststand. Der jährliche Verteilungsbericht des WSI[15] aus dem Jahre 2019 skizziert eindringlich, dass eine wachstumsbasierte Wirtschaft noch lange keine Garantin für soziale Gleichheit ist, eher garantiert sie das Anwachsen von Ungleichheit.[16]

Als eine der potentiell wirksamsten Stimmen bzw. Sichtbarkeit-Gebenden, die vulnerablen und erschöpften Individuen, Kollektiven und Gruppen zur Seite stehen, tragen die „Sozialen Arbeiten“ weitreichende Verantwortungen. Wer sich für das Lehren, das Ausübung dieser Disziplinen oder das Anbieten von Angeboten für Adressat*innen Entscheidet, nimmt diese Verantwortung, das Mandat, bedingungslos an und hat folglich auch die Pflicht zählbares zu extrahieren. Zählbares für die Auftraggebenden, für die Adressat*innen und für das professionelle Selbstverständnis selbst. Das Mindeste für alle drei. Das Maximale für die Adressat*innen.

Wer zu dem Ergebnis kommt, die „Sozialen Arbeiten“ ständen vorrangig im Dienst des Staates bzw. der Auftraggebenden, ignoriert die Rolle des Sozialstaates, blendet die Gesellschaft als Souverän aus und verschleiert die Anliegen des Grundgesetzes und der Menschenrechtscharta. Vor allem aber verkennt dies die fatale Realität eines neoliberalen Systems, dessen intrinsisches Streben es ist, zu nehmen, zu verwerten und Menschen sowie Natur zur Erschöpfung oder gar bis hin zum völligen Erliegen zu bringen.

Die Arbeit mit Adressat*innen in einem System, das darauf konzipiert ist lebens- und entfaltungsfeindliche Maßstäbe am Menschen anzusetzen, das nur funktioniert, wenn es die Effizienz am Individuum steigert oder es aussortiert – sollte der Kriterienkatalog nicht erfüllt sein – muss eine Arbeit sein, die in erster Linie dem Schutz, der Selbstverwirklichung, der Befreiung, der Befähigung sich selbst zu befreien und des Widerstandes des Individuums zuträgt.

Das Wohl, das gelingende Leben, der Individuen, Kollektive und Gruppen steht im Mittelpunkt der „Sozialen Arbeiten“ in einer begonnenen Epoche, die von Risiko, Zuspitzung und kollektiver Ungewissheit definiert ist.

Die Reduzierung auf das Funktionieren für einen Mehrwert, das Leben für die wirtschaftliche und die individuelle Akkumulation sowie das Verhaften in einer Spirale des Fortkommens und „Weiterentwickelns“, sind konstitutiv für eine Gesellschaft deren Komplexität an Risiken und Problemstellungen stetig wächst.

Darauf braucht es Antworten. Antworten die auf das gesunde Fortleben der Individuen und Kollektive im System und in der Gemeinschaft abzielen. So geht es um eine Verwirklichung der im Menschen angelegten Möglichkeit, das eigene Leben zu leben. Da wo es (gerade) nicht möglich ist, setzten Prozesse des möglich Machen's oder des für mögliche Ergänzungen Sorgens ein.

Das, durch die Neoliberalisierung der nahezu gesamten Lebenswelt, separierte Individuum muss im Fokus sozialarbeiterischen Handelns stehen. Die Individualisierung – die derweilen so fortgeschritten ist, dass sie längst durch lebens- und gesellschaftsfeindliche Strukturen identifizierbar ist – braucht Antworten und Ansätze die ebenso zentral auf der individuellen Ebene ansetzen. Ziele muss es sein, Individuen so zu Empowern, dass, neben der Selbstbefähigung, eine Stärkung der Kollektive und der Gesellschaft Ergebnis ist. So ist eine Stärkung der Einzelnen gerade unter diesen Umständen einmal mehr damit verbunden Kollektive zu befähigen, um so dem neoliberalen Paradigma zu begegnen: Mit Abkehr, Verweigerung, Selbstorganisation und Widerstand.

Ungleichheit und Krise – Betroffenheit und Bewältigung – Frauen*[17] und Stellenwert

Insbesondere lässt sich die Coronakrise auch als Krise der Frauen* verstehen, sowohl privat als auch beruflich, als Gefährdung und als Erwartung.[18][19] Die „Sozialen Arbeiten“ die noch immer mehrheitlich von Frauen* ausgeübt werden, sind mindestens dazu aufgefordert feministische Theorie mitzudenken. Maximal verstehen sie feministische Theorien jedoch als eine ihrer grundständigen Ausrichtung. Dabei geht es nicht nur um die Selbstbefähigung von Frauen* als ihre Adressat*innen. So ist es unumgänglich sich selbst als potentielle Betroffene und auch Adressat*innen zu verstehen und eine Disziplin zu Formen, die sich gegen patriarchale und sexistische strukturelle Zusammenhänge und deren unterdrückenden Mechanismen und Bedingtheiten, für wachstumsbasierte, ausbeuterische und zerstörende Wirtschaftsweisen aufstellt und organisiert. Frauen* sind es die, neben Kindern, Alten, Kranken und „Minderheiten“, als mehrheitlich Betroffene gelten.

Ein erschöpfendes vierfaltige Dilemma zeigt sich bei der qualitativen und quantitativen Steigerung von Problemlagen.

Angefangen bei Symptomen auftretend in der Alltagswelt, wie häusliche Gewalt gegenüber Frauen*, als Folge ökonomischer und individueller Krisen in Familien, ausgelöst durch die Folgen bzw. Symptome der sozialökologischen Katastrophe bzw. deren Symptome und Auswirkungen (bspw. die Coronapandemie). Weiter sind es besonders Frauen* die in Krisenzeiten die Gesellschaft in ihrer Funktionalität erhalten. Überstunden und Extraschichten treffen auf geschlossene Schulen und Kindergärten, sowie pflegebedürftige Angehörige. Der Grad der Zuständigkeiten und deren quantitativen sowie qualitativen Administration und Bewältigung fällt einmal mehr mehrheitlich in die „Zuständigkeit“ von Frauen*.[20]

Drittens haben es Frauen* mit einer doppelten Gefahrenlage, in Alltag und Beruf, zu tun, da die Folgen der Coronapandemie auf sie als Individuum treffen. Sie müssen also in beiden zentralen Lebensbereichen den Gefahren der Pandemie begegnen, allem voran der Gefahr einer Ansteckung.

Auch liegen die Entlohnungen von Frauen*, für gleiche Arbeit, noch immer deutlich unter denen von Männern.[21] So kommen zusätzlich noch ökonomische Unsicherheit, bei Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust hinzu.

Dies zeigt, Frauen* befinden sich einmal mehr multidimensionalen Problembegegnungen gegenübergestellt, die letztlich ein Ergebnis noch immer existenter diskriminierender und sexistischer Ungleichheits-Politik sind. Frauen* sind also nicht nur für die Systemerhaltung besonders gefragt bzw. gefordert, gleichzeitig sind sie durch die Zustände auch besonders gefährdet.

Die Erschöpfungspotentiale und Krisenhaftigkeiten nehmen so durch ein Konglomerat an Problembegegnung signifikant zu: Erhöhte Bedrohung durch soziale Verwerfungen; erhöhte Ansteckungsgefahr an Alltag und Beruf; ein Ansteigen der Arbeitszeit in den Care-Berufen und der gleichzeitige Ausfall staatlicher Unterstützung bei der Kinder- und Pflegebetreuung; sowie die ökonomische Unterbewertung erzeugen eine gesellschaftliche Lebenswelt die mindestens frauenfeindlich ist, maximal jedoch ein Armutszeugnis für eine freiheitlich demokratische Gesellschaft.

Dabei ist es relevant zu begreifen, dass es noch immer Frauen* sind die bedeutend mehr häusliche Care-Arbeit leisten und einen Anteil von 70-80% in Pflege-, Erziehungs-, Gesundheits-, sozialen aber bspw. auch Verkaufsberufen ausmachen. Als eine definitorische Gruppe die in der Gesellschaft eine sehr große Mehrheit ausmacht, muss sie sich noch immer fragen – muss sich die Gesellschaft noch immer fragen – wo die Praxis und folglich die Debatte um die Grundsätze von Gleichheit und Gerechtigkeit verortet ist. „Die Krise legt[...]die herrschenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern unter das Vergrößerungsglas.“[22]

Die “Sozialen Arbeiten” als „Frauenprofessionen“ sind also wiederholt auch selbst Betroffene in ihrer Funktion als Krisenmanagerin. Die Naturzerstörung – als Folge einer, auf endlosem Wachstum und Profit aufgebauten, patriarchalen, rassistischen und sexistischen Wirtschaftsweise – stellt also eine Bedrohung für die aktuellen und potentiellen Adressat*innen der „Sozialen Arbeiten“ und die Sozialarbeiterinnen* selbst dar. Erschöpfungs- und Krankheitszustände werden zusätzlich befeuert und der Krise der potentiellen Adressat*innen in naher und ferner Zukunft weitet sich bedenklich aus.

Menschenrechtsprofession: Verantwortung eingestehen und aus der Geschichte lernen

„Verantwortung übernehmen“ ist dann als solches zu bezeichnen, wenn sich die demokratisch und mandatorisch legitimierte Pflicht in der Ausfüllung befindet. Das verbale Bekenntnis reicht bei weitem nicht aus und wird leicht zum Erfüllungsgehilfen eines lebensfeindlichen Systems. Das Übernehmen von Verantwortung kann gelingen, wenn sich die „Sozialen Arbeiten“ einer moralisch-ethischen Haltung, die Individuum und Kollektiv in den Mittelpunkt stellt, verschreiben. So darf es nie „nur“ um das Reparieren, Helfen, Unterstützen, Empowern und schon gar nicht um das wieder Funktionieren gehen. Der öffentliche Raum muss „Soziale Arbeiten“ als widerständig und konsequent politisch wahrnehmen: Als Verbündete des Widerstandes und als Widerstand selbst, der sich gegen lebensfeindliche Strukturen und Entscheidungen stellt.

Das, aus menschenrechtlicher Perspektive, mindestens abstruse neoliberale Paradigma, ist in vielen Bereichen auch eine Idee der „Sozialen Arbeiten“ geworden. Angefangen bei ganzen Bachelorstudiengängen, deren Inhalte ein Konglomerat an politischer Ideenlosigkeit stellt und so erschreckend mangelhafte Professionalisierungsbedingungen schafft. Ohne tiefgehende Politisierungsangebote bzw. ohne realpolitische Auseinandersetzungen im Studium, wird es schwer emanzipatorische Praxen hervorzubringen. Praxen die nach Lösungen suchen und jene finden, die zur Bewältigung der Problembegegnungen in einem wachstumsbasierten und ausbeuterischen (Wirtschafts-)System - dessen Konstitution nach bisherigem Stand einen sozialökologischen Kollaps mindestens herausfordert, maximal längst bedingt - nötig sind.

„Soziale Arbeiten“ die sich als Menschenrechtsprofession verstehen, können „sich auf eine den lokalen, nationalen Gesetzen und Verfassungen gegenüber übergeordnete Wertebenen als Beurteilungsmaßstab beziehen“[23]. Die „Sozialen Arbeiten“ sind nicht verpflichtet „ungerechte Gesetze gedanken- und damit kritiklos zu befolgen“.[24]

„Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung durch die Gesetzgebung und nach Maßgabe von Gesetz und Recht durch die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung.“

Mit der Einführung des Artikel 20a des Grundgesetzes (GG) am 27. Oktober 1994, hat die Bundesregierung Umweltschutz als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen und nicht nur den zukünftigen Generationen ein verfassungsrechtliches „Versprechen“ gegeben. Da seit dem Erlass dieses Gesetzes die Treibhausgasemissionen weiterhin enorme Mengen aufweisen und die Naturzerstörung weiter vorangetrieben wird, lässt sich 26 Jahre später konstatieren: Die Bundesregierung hat heutigen und zukünftigen Generationen gegenüber bereits gegen das Grundgesetz verstoßen. Sie Gefährdet aktiv die Gesundheit der Menschen und löst eine Kausalkette von Grundrechts- und Menschenrechtsverletzungen aus.

So ist bspw. auch das Recht auf Gesundheit in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) festgeschrieben.

„Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen[…].“

Die Gesundheit der Adressat*innen ist ein grundlegendes Anliegen der „Sozialen Arbeiten“. So ist ein gesundes Dasein bzw. die Gefährdung dessen allumfassend konstitutiv für die Zusammenarbeit der Adressat*innen und Sozialarbeiter*innen.

Den Blick auf das grundlegende Moment des GG und der AEMR - die Unantastbarkeit der Würde aller Menschen - gerichtet, lässt sich klarstellen, dass es sich in diesen beiden und zahlreichen weiteren grund- oder menschenrechtlichen Anliegen um Verletzungen und Missachtungen von Recht und Gesetz durch die Bundesregierung handelt. „Soziale Arbeiten“ müssen diesen Entwicklungen und Rechtsbrüchen entgegenstehen, dagegen anarbeiten und Widerstand leisten, was in der Infragestellung der Herrschafts- und Machtverhältnisse ihren Anfang nimmt. Der Blick in die Geschichte der „Sozialen Arbeiten“ ist dabei eine Warnung. Die einstige Kollaboration mit dem Nationalsozialismus zeigt, wie fatal es sein kann unhinterfragt Unterwürfigkeit zu beweisen.

Lobbykratie vs. anerkannte und renommierte Wissenschaftliche Prognosen

Die Wahrscheinlichkeiten für einen sozialökologische Kollaps steigen seit Jahren rasant an. Noch immer steigen die Treibhausgasemissionen und die Zerstörung der Natur, von ganzen Ökosystemen, weltweit. Die IPCC[25]-Berichte aus den Jahren 2018[26] und 2019[27][28], sowie der neueste Bericht[29] des IPBS[30] aus dem Jahr 2019 zeichnen besorgniserregende Szenarien. Die Folgen der menschlichen Einwirkung bringen das Erdsystem in, für den Menschen, bedrohliche Ungleichgewichte.

Bis dato ist das Pariser Klimaabkommen[31] lediglich eine Reproduktion dessen, was sich als realpolitischer Fatalismus längst etabliert hat: Gespräche führen, Abkommen beschließen, den Schein bewahren, „business as usual“ weiter betreiben. Verantwortlich dafür: Der Glaube, die Ideologie, des endlosen Wachstums und der fortwährenden Akkumulation von Geld, Besitz und Macht.

Im realpolitischen Prozess bedeutet dies, dass Konzerne und Lobbyverbände (häufig getarnt als Anwaltskanzleien) darauf aus sind, ihre Lobbyist*innen möglichst nah an die Sphären politischer Aushandlungs- und Entscheidungsprozesse zu platzieren. Ein Vorhaben das in der Bundesrepublik recht gut funktioniert und weiter zunimmt.[32]

Von den einstigen Vorhallen sind Aushandlungsprozesse längst hinter verschlossene Türen verlagert wurden.[33] Die Folge: Nicht nur die Zivilgesellschaft bleibt außen vor. Auch weite Teile des Parlaments stehen nicht selten Prozessen gegenüber, auf die sie kaum noch Einfluss nehmen können, sofern sie nicht Beteiligte an diesen undurchsichtigen und demokratiefeindlichen Prozessen sind.

Konzerne, ihre Lobbys und ihre Geschäftspraktiken sind zu einer „fünften Gewalt“[34] herangewachsen, die eine ausgemachte Bedrohung für das Fortbestehen intakter Lebensräume und des deutschen demokratischen Systems darstellen. Mächtige PR-Maschinerien untergraben politische Unabhängigkeiten und Integrität.[35]

Profit und Akkumulationen gefährden gesellschaftliche Stabilität und Entfaltung. Der (fossile) Profitlobbyismus bekommt dabei Unterstützung von der Klimaskepsis-Lobby bzw. ist beides eng miteinander verbandelt und einander ergänzend.[36]

Globale Ökosysteme stehen vor dem Kollaps – bspw. der Amazonas Regenwald[37]. Dies hat weltweit gravierenden Einfluss auf die Wetter- und Klimabedingungen und die Biodiversität. Für Regionen in Deutschland bedeutet dies zukünftige und bereits gegenwärtig vor allem die Zunahmen von Trinkwasserknappheiten, Hitzewellen, Ernteausfälle, Hochwasser und Überschwemmungen, Extremwetter und – wie die Ausbreitung der Coronapandemie zeigt – die Gefährdung von Gesundheit und Leben durch Krankheitserreger.

Wie oben bereits diskutiert, sind exponentielle Steigerungen von Problemlagen und Problembegegnungen zu erwarten. Sowohl in ihrer Quantität als auch Qualität, in ihre Häufung und in ihrer Neuartigkeit.

Wollen die „Sozialen Arbeiten“ nicht nur reaktiv und konzeptuell auf klima- und ökologiebedingte Problemlagen reagieren, müssen sie zukunftsfähige und in die Zukunft schauende Konzepte und Methoden entwickeln. So ist es von primärer Bedeutung, die Entstehung von Problemlagen vorzubeugen und deren exponentiellen Steigerungen wirksame Ansätze und Praxen entgegensetzen.

Die Coronapandemie liefert eines sehr deutlich; bevorstehende Veränderungen müssen spätestens jetzt prognostiziert und skizziert werden um tragfähige und rechtzeitige und Antworten auf eintretenden Problembegegnungen zu konzipieren.

Grundlegend dafür ist die Etablierung einer klima- und umweltwissenschaftlichen Perspektive in den „Sozialen Arbeiten“, die angemessene Konzepte und Strukturen entwickelt.

Vereinsamung und wachsender Ungleichheit entgegentreten – Aus Fehlern lernen

Nur eine gestärkte Gemeinschaft, deren Konstitutionen durch staatliche Angebote und Unterstützung, sowie die kollektive Eigenermächtigung und zunehmende Verselbstständigung stattfinden, ist den Bedingungen heute, und umso mehr den potentiellen in der Zukunft liegenden, gewachsen.

Die heutige Gesellschaft ist besonders durch die Individualisierung kennzeichnet. Aus der 68er Idee von Freiheit und Selbstermächtigung, sind Vorteilsstreben, zwischenmenschliche Kalkulation und individuelle Akkumulation, sprich neoliberaler Individualismus geworden.

Der Neoliberalismus hat die einstigen Vorstellungen von Freiheit und Selbstermächtigung aufgesogen und zu Marketingobjekten gemacht. Effiziensgetrimmte Individuen entfernen sich mehr und mehr von den Kollektiven und ihrer Gegenüber. Während diese Entwicklung lange Zeit als gesellschaftliche Fortschritte und individuelle Entwicklungen propagiert, verstanden und gelebt wurden, wird mehr und mehr deutlich, dass die Schädigung für Individuen, Kollektive und die Gesellschaft enorm sind und weiter zunehmen.

Von der Individualisierung der Zuständigkeit bis hin zur (Nicht-)Bewältigung von Problembegegnungen – die Menschen sind mehr und mehr auf sich alleine gestellt und institutionelle Abhilfe findet meist nur im Zuge von Pathologisierung, mit dem Ziel der Funktionswiederherstellung für die kapitalistische Akkumulation, statt.

Um ein widerstandsfähiges Gemeinwohl zu gewährleisten, braucht es Individuen denen Kollektivbereitschaft neu ermöglicht wird. Dafür müssen sich die Verhältnisse ändern. Für die „Sozialen Arbeiten“ bedeutet dies sich als herrschafts- und wachstumskritisch, anti-neoliberal und anti-patriarchal, also als der Widerstand gegen ein toxisches System zu verstehen, den ihre Adressat*innen nicht (alleine) leisten können.

Mit dem Aufkommen der Coronapandemie kam es in vielen Bereichen zu einer Einigelung, einem Brachliegen „Sozialer Arbeiten“. Zentren und Anlaufstellen wurden geschlossen, Angebote und Unterstützungen blieben aus. So mag dies vielleicht auf Anordnung der Administrationen geschehen sein, ist es zugleich ein Armutszeugnis für die Disziplin, keine strukturierten und vorbereiteten Ansätze parat zu haben.

Diese Versäumnisse sind ein Bruch am Ethos der „Sozialen Arbeiten“, in Krisenzeiten für das Individuum, für die Kollektive und Gemeinschaft verfügbar zu sein. Eben genau dann, wenn sie eindringlich gebraucht werden.

Zahlreiche Lebenssituationen von Adressat*innen sind als dauerhaft Krisenhaft zu bezeichnen. Durch die Coronapandemie kommen neue Krisen hinzu bzw. werden vorhandene verstärkt und Problembegegnungen können mit exponentiellem Charakter zunehmen.

Die Entwicklung dahin, dass sich die Sozialarbeitenden im Zuge des Lockdowns zurückzogen und ziehen, muss skandalisiert werden und bedarf einer unbedingten Aufarbeitung. Ohne dabei jedoch nach Schuldigen zu suchen, muss der Fokus, erstens, auf verantwortliche Strukturen gelegt und anschließend adäquate Lösungsansätze erarbeitet werden. Sollte dies bedeuten, dass sich die „Sozialen Arbeiten“ gegen bestehende Verordnungen organisieren müssen, dann ist dies das mindeste was zu tun ist. Zweitens ist zu Fragen was das Ausbleiben sozialarbeiterischer Leistungen für Auswirkungen und Folgen, sowohl für Adressat*innen als auch die „Sozialen Arbeiten“, hat. Sich von Seiten der Administration auf ersatzweise Nachbarschaftshilfe sowie die freiwillige und unbezahlte Arbeit der Sozialarbeitenden auf ihre eigenen Initiative hin, zu verlassen oder schlichtweg die Folgen in Kauf zu nehmen und die Adressat*innen alleine zulassen, ist ebenso fatal wie anti-sozialstaatlich.

Was leicht ersichtlich ist und einer sozialarbeiterischen Logik unterliegt, ist die Notwendigkeit von Maßnahme während solch einer Pandemie oder anderen krisenhaften und katastrophalen Ereignissen, die sich mitunter als Folge, als Symptom, der klimatisch-ökologischen Katastrophe herausstellen und erste Indikatoren für den drohenden sozialökologischen Kollaps sind.

Die „Sozialen Arbeiten“ müssen sich in eben solch kritischen und gesundheitsgefährdenden Situationen Gehör verschaffen, auch wenn dies bedeutet sich mindestens über Schließungen hinwegzusetzen und maximal Widerstand zu kreieren, um die nötigen Veränderungen voranzutreiben. Beziehen die “Sozialen Arbeiten” klimawissenschaftliche Prognosen in ihre Arbeit mit ein, wird schnell klar, dass das Maximale ein Minimalvohaben ist.

Die Wahrscheinlichkeit des sozialökologischen Kollapses verstehen - Widerstand kreieren

Der Neoliberalismus ist endgültig gescheitert. Dies ist keine Erkenntnis die erst die Coronapandemie mit sich brachte. Eher wirkt die Pandemie wie ein Brennglas, in dem die Krise die Schieflagen sichtbarer sowie spürbarer gemacht und so die Sensibilität für das Taumeln des Sozialstaates, das Klaffen der Ungleichheitsschere und die sich immer weiter zuspitzende Gefährdung von immer größer anwachsenden Anteilen der Gesellschaft, sichtbar gemacht hat.

Das bloße Mitschwimmen mit den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen muss ein Ende haben und die angestrebte Emanzipation der Adressat*innen, auch zum eigenen Maßstab aller „Sozialen Arbeiten“ werden.

Die Abkehr vom neoliberalen Paradigma und die notwendige Rückkehr zur fokussierten Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse ist dafür grundlegend, was letztlich nicht weniger bedeutet, als sich gegen toxische Herrschaftsverhältnisse und Gesellschaftsstrukturen zu positionieren. Hierin liegt ein Grundverständnis sozialen Arbeitens und Denkens.

Dadurch rückt der zentrale Aspekt der Veränderungsmöglichkeiten in den Fokus: Soziale Arbeiten” werden nur dann ihrer Existenz gerecht, wenn sie möglichst losgelöst von neoliberalen Anforderungen sind und sich selbst als Antagonist*innen und folglich als Sprachrohr ihrer Adressat*innen und für sich selbst verstehen. Die Lobby der “Sozialen Arbeiten” und ihrer Adressat*innen hat keine Schlagkraft, dass muss sich ändern.

Der drohende sozialökologische Kollaps stellt die “Sozialen Arbeiten” vor neue klimatisch-ökologisch-ethische Fragen: Von der Prävention über die gerechte Verteilung der Folgen, bis hin zu Bewältigungsmöglichkeiten bzw. wirksamen Unterstützungs-, Kompensations- und Aufarbeitungsmaßnahmen. Es darf keine Antwort einer systemrelevanten Disziplin sein, die Adressat*innen in Krisenzeiten allein zu lassen. Die “Sozialen Arbeiten” benötigen Krisenpläne, die zukunftsgewandt sind und in den besten Fällen präventiv wirken. Präventionsmaßnahmen die sich primär, sekundär und tertiär auf die kommenden Veränderungen vorbereiten.

Eine Regierung, eine neoliberale Administration, die entgegen wissenschaftlicher Prognosen und deren integralen Warnungen agiert, kann nicht als Maßstab für eine Disziplin, für eine Profession, gelten, deren Selbstverständnis sich aus einer menschenrechtlichen Perspektive und der daraus folgenden ethisch-moralischen Parteilichkeit speist.

Zivilcourage als Handlungsmaxime zu verstehen, ist eine sozialarbeiterische Selbstverständlichkeit und gibt Diskursen und Auseinandersetzungen mit der Administration die nötige Grundlage.[38] Doch werden die Problembegegnungen, im Zuge des drohenden sozialökologischen Kollapses, in ihren Ausmaßen neuartig und schwerwiegender sein und jede Gesellschaft auf der Erde vor nie dagewesene Krisen und Katastrophen stellen.

Um der Lethargie und den Untaten von Regierenden und Konzernen und weiteren dadurch verursachten Schädigungen, Verletzungen sowie der Potentialitäten der Adressat*innen entschieden und pflichtgemäß entgegenzutreten, braucht es mehr als ein couragiertes Widersprechen.

Die Weltgemeinschaft steuert weiter in den Abgrund. Das Erreichen des Pariser Klimaabkommens ist in weiter Ferne. Doch selbst angenommen das von 190 Staaten ratifizierte Abkommen zur globalen Reduktion der Treibhausgase, würde von allen Staaten erreicht werden, ist es laut klimawissenschaftlichen Prognosen, sehr wahrscheinlich, dass sich die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts trotzdem um bis zu 3°C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter erhitzt.[39] Die Auswirkungen wären für zahlreiche Zivilisationen erheblich. Politische Feilscherei in einem weltumspannenden kapitalistischen Wirtschaftssystem ist offensichtlich weit von klimawissenschaftlichen Faktenwahrheiten entfernt.

Doch damit nicht getan. Die ökologische Katastrophe wird im Klimadiskurs zu oft erstickt. Angenommen die massenhafte Emission von Treibhausgasen kann gestoppt werden, dann sind immer noch keine Antworten auf zahlreiche ökologische Problemstellungen gefunden. Das Auslaugen der Böden und das Schwinden der Tierischen Biomasse sind die gravierendsten Bedrohungen für den Erhalt wichtiger Lebensgrundlagen für den Menschen und fügen sich, mit der Klimaerhitzung, zu einer dreidimensionalen Bedrohung zusammen, die eng miteinander verzahnt sind.

Diese, hier nur an der Oberfläche tangierte, Katastrophenvergegenwärtigung mündet letztlich in einer globalen und innergesellschaftlichen sozialen Frage. Ein sich erhitzendes Klima, Zusammenbrechende Ökosystem, die Ausrottung von Millionen von Arten und das Auslaugen der Böden konglomerieren zu einer essentialistischen Bedrohung wie sie das Menschengeschlecht zuvor wohl noch nicht erlebt hat. Auch Soziale Systeme des globalen Nordens werden darunter leiden, die Idee der Demokratie ist bereits jetzt essentiell bedroht - das zeigen die Entwicklungen hin zu autokratischen und diktatorischen Staatsapparaten in Ländern auf der ganzen Welt. System können schließlich zusammenbrechen und soziale Verwerflichkeiten ans Tageslicht befördern, deren Artikulation bereits schauriges Unbehagen produziert.

“Soziale Arbeiten” die sich als eine Menschenrechtsprofession verstehen wollen, erkennen diese und weitere sicher, wahrscheinlich und potentiell kommende Problembegegnungen und hinterfragen nicht mehr nur das verantwortliche Herrschaftssystem. Menschenrechts-versierte Professionelle partizipieren und produzieren politische Willensbildung in Form einer Protestkultur. So ist es Zeit auf die Straße zu gehen. Es ist Zeit vehement, organisiert und konsequent Protest auszuüben und die Systemfrage zu stellen.

Eine Systemwandel bzw. grundlegende systemische Veränderung - ob als Transformation, Reformation, Rebellion oder Revolution - muss zu einem grundständigen Anliegen sozialarbeiterischer Theorie und Praxis heranwachsen. Die Adressat*innen sind in großer Bedrängnis.

Für die Theorie bedeutet dies, die Hochschulpraxis tiefgehend zu reformieren, die Methoden und Theorien zu dekolonisieren, durch Klima- und ökologische Perspektiven der Gerechtigkeit zu erweitern und das konsequente Vorgehen gegen die multidimensionale Gefährdung für die individuelle, kollektive und gesellschaftliche Gesundheit sowie eine Praxis des Widerstandes, in Form von Zivilem Ungehorsam, zu kreieren. Letzterem ist es ein Anliegen zu stören, zu skandalisieren und Wehrhaftigkeit auf die Straße und in die gesellschaftspolitische Debatte zu bringen. Was auch in Frage kommen muss, und als Quintessenz zivilen Mutes gilt, ist der Bruch und die Verweigerung der Zusammenarbeit

Wie lange bleiben die “Sozialen Arbeiten” noch verhaftet im verbalisierten Scheinwiderstand?

“Wir reproduzieren dieses viehische System. Es herrscht durch und über uns. Mehr durch die einen und mehr über die anderen, aber doch auch wieder im Zusammenspiel beider.”[40]

Die Sozialarbeitenden walten nicht in den Schlachthöfen und mästen, spritzen und sortieren das “Vieh” aus. Sie sind jene die das Individuum beim Namen nennen, sich des Nachts Zugang verschaffen, die unterdrückten und geschundenen befreien, ihnen Unterschlupf gewähren, sie bei der Gesundung begleiten, sie aufbauen und befähigen, damit sie erhoben Hauptes gegen das “viehische System” aufbegehren und es zu Fall bringen können. Bis dahin natürlich Seite an Seite, bis die Adressat*innen befreit sind und die “Sozialen Arbeiten” nicht mehr gebraucht werden.

[1] Umweltbundesamt 2020a.

[2] Rahmstorf; Schellnhuber 7, 2018.

[3] Ebd. 53-72, 2018.

[4] Umweltbundesamt, 2020b.

[5] D. Meadows; D. H. Meadows; Mills; Zahn, 1972.

[6] WHO, 2020.

[7] The Lancet Countdown on Health and Climate Change: Policy Brief für Deutschland 1, 2019.

[8] BMU Pressemitteilung, 2020.

[9] BDF Pressemitteilung, 2020.

[10] The Lancet Countdown on Health and Climate Change: Policy Brief für Deutschland 1, 2020.

[11] Rahmstorf, Schellnhuber 76-77, 2010.

[12] Lancet Report, 2020

[13] Drosten, 2011.

[14] Centers for Disease Control and Prevention: Zoonotic Diseases, 2020.

[15] Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der Hans Böckler Stiftung.

[16] WSI Verteilungsbericht, 2019.

[17] Das Gendersternchen bezieht sich auf alle Personen, die sich unter der Bezeichnung "Frau" definieren, definiert werden und/oder sich sichtbar gemacht sehen.

[18] EOCD-Kurzstudie: Women at the core of the fight against COVID-19crisis, 2020.

[19] Liegl; Röseler, 2020.

[20] Deutscher Frauenrat 1-3, 2020a.

[21] Ebd. 2, 2020.

[22] Deutscher Frauenrat, 2020b.

[23] Staub-Bernasconi 241, 2020.

[24] Ebd.

[25] Intergovernmental Panel on Climate Change.

[26] IPCC 2018.

[27] IPCC 2019a.

[28] IPCC 2019b.

[29] IPBES 2019.

[30] Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services.

[31] Übereinkommen von Paris 2016.

[32] Götz; Joeres 143-194, 2020.

[33] Leif; Speth 15, 2006.

[34] Leif; Speth 10-37, 2006.

[35] Crouch Colin 10, 2004.

[36] Vgl. Rahmstorf; Schellnhuber 82-83, 2019. Vgl. Götze; Joeres 147-156, 2020.

[37] Lovejoy; Nobre 2019.

[38] Staub-Bernasconi 240, 2020.

[39] Emissions Gap Report 2020.

[40] Von Redecker 14-15, 2020.

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12:36 17.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Tino Pfaff

Sozialpolitischer Aktivist, Sozialarbeiter/-pädagoge, Student MA Gesellschaftstheorie
Tino Pfaff

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